Autor: Harald R. Preyer

  • Enthauptung

    Die Bibel liest das Bild. Das Bild liest die Bibel. Und beide lesen unser Leben.


    13 als Jesus hörte, dass Johannes enthauptet worden war,
    zog er sich allein von dort mit dem Boot in eine einsame Gegend zurück.

    Mt 14, 13 -> 18. Sonntag A

    Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571–1610)
    Die Enthauptung Johannes des Täufers, 1608
    Öl auf Leinwand, 361 × 520 cm
    Oratorium der St. John’s Co-Cathedral, Valletta, Malta

    Bildbeschreibung

    Thomas Pöll, 1.8.2026

    Dieses Bild von Caravaggio ist im Original 5,20 mal 3,60 m groß und hängt allein an einer Wand einer Krypta (siehe genaue Beschreibung) in Valletta auf Malta. An der Wand gegenüber hängt der heilige Hieronymus, ebenfalls von Caravaggio gemalt, der die Vulgate, die erste einheitliche lateinische Bibelübersetzung aus dem Hebräischen bzw. Griechischen erarbeitet hat.

    Sonst nichts.

    Dazwischen stehen wir und beobachten eine Szene, wie sie erschreckender schwer sein kann. Der Scharfrichter (der so gar nicht uniformiert und „beamtet“ aussieht, vielleicht ist er einfach
    irgendein beauftragter Diener oder ähnliches) drückt den getöteten (eher in den Hals gestochenen
    als enthaupteten) Johannes zu Boden und wir wissen aus der Bibel (Hieronymus auf der anderen Seite!), dass die flache Schüssel (das „Tablett“) links noch eine große Rolle spielen wird. Denn auf ihr soll das Haupt des Täufers Salome, der Tochter von Herodes und Herodias, auf deren unbedacht zugestandenen Wunsch hin gebracht werden.

    Der Mann, der zusieht, ist wesentlich „besser“ angezogen, wirkt fast wie verirrt in dem Bild. Warum es zwei FRAUEN sind, die da noch zuschauen bzw. die Schüssel bereit halten? Auch das
    wirkt auf mich deplatziert, konstruiert.

    Impuls

    Das einzig wirklich Wahrscheinliche an der Szene sind die beiden Männer hinter Gittern, die von rechts zusehen. Aber es bleibt die Brutalität der Aktion und das Wissen, was passieren kann, wenn Durchlavieren zum untragbaren Widerspruch wird. Denn Herodes hatte den Täufer durchaus als Gesprächspartner geschätzt, der Herodias jedoch war er ein Dorn im Auge, weil er ihre Ehe mit Herodes anprangerte, schließlich war sie seine Schwägerin.
    Herodes kam mit seiner Taktik nicht durch, dass sich das alles schon irgendwie ausgeht.

    Man kann sich fragen:

    • Kenne ich solche Situationen?
    • Hätte ich an Herodes’ Stelle den Mumm aufgebracht, der ganzen unwürdigen Intrige ein Ende zu setzen und mir an die Brust zu klopfen und zu sagen: ich hab’s verbockt?
    • Hat es ihm später jemand gesagt (wie der Prophet Natan König David)?
    • Wie würde ich dann reagieren?

  • Schon vor der Tür

    Schon vor der Tür

    Brüder, haltet geduldig aus bis zur Ankunft des Herrn! Auch der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde, er wartet geduldig, bis im Herbst und im Frühjahr der Regen fällt. Ebenso geduldig sollt auch ihr sein. Macht euer Herz stark, denn die Ankunft des Herrn steht nahe bevor. Seht, der Richter steht schon vor der Tür.

    Jak 5, 7–8.9b

  • Hymnus

    Wo ein Mensch Vertrauen gibt,
    nicht nur an sich selber denkt,
    fällt ein Tropfen von dem Regen
    der aus Wüsten Gärten macht.

    Wo ein Mensch den andern sieht,
    nicht nur sich und seine Welt,
    fällt ein Tropfen von dem Regen,
    der aus Wüsten Gärten macht.

    Wo ein Mensch sich selbst verschenkt
    und den alten Weg verlässt,
    fällt ein Tropfen von dem Regen,
    der aus Wüsten Gärten macht.

    Text: Hans-Jürgen Netz 1974, Melodie: Winfried Heurich 1974, alle Rechte im tvd-Verlag, Düsseldorf, GL 839 (Anhang Limburg) · GL 1975 (Anhänge)

  • Ersetzt mich der Grilltimer?

    Ja, das stimmt schon: Frauchen kommt erst am Sonntag von ihren Eltern zurück. Aber warum sollten Harry und ich deshalb schlecht essen?

    Harry kann richtig gut kochen. Und ich kann ausgezeichnet riechen, wann etwas am Grill fertig ist. Essen können wir übrigens beide sehr gut.

    Gestern hat Harry etwas richtig Tolles gemacht. Er hat ein kleines Programm geschrieben – unseren ganz persönlichen Grill-Begleiter. Es zeigt eine große Uhr an. Immer dann, wenn Harry das Huhn wenden, die Pommes schütteln oder die Zwiebeln auflegen muss, höre ich einen ganz dezenten Ton. Auf Harrys Bildschirm erscheint gleichzeitig, was als Nächstes zu tun ist.

    Ich habe zwar noch nicht genau gesehen, wie unser neuer Grill-Begleiter aussieht. Aber ich kann Euch sagen, wie er klingt: angenehm ruhig. Und vor allem funktioniert er. Heute ist alles genau zur richtigen Zeit fertig geworden – das Huhn herrlich saftig, die Pommes wunderbar knusprig und die Zwiebeln einfach köstlich.

    Vielleicht schickt Euch Harry sein Programm ja auch einmal. Es ist ganz klein, läuft direkt im Internet und macht das Grillen irgendwie entspannter. Ich jedenfalls finde: Es ist fast so, als hätte jeder Grill seinen eigenen, ganz leisen Dirigenten.

  • Tränen gehören zur Liebe

    Tagesgebet am Dienstag, 28.7.2026

    Gütiger Gott, durch das Wirken deiner Gnade schenkst du uns schon auf Erden den Anfang des ewigen Lebens. Vollende, was du in uns begonnen hast, und führe uns hin zu jenem Licht, in dem du selber wohnst. Darum bitten wir durch Jesus Christus.


    Lesung aus dem Buch Jeremia
    (Jer 14,17b–22)

    Meine Augen fließen über von Tränen bei Nacht und bei Tag und finden keine Ruhe. Denn einen großen Zusammenbruch erlitt die Jungfrau, die Tochter, mein Volk, eine unheilbare Wunde.

    Gehe ich aufs Feld hinaus – siehe: vom Schwert Durchbohrte! Komme ich in die Stadt – siehe: vom Hunger Gequälte! Ja, auch Prophet und Priester ziehen in ein Land, das sie nicht kennen.

    Hast du denn Juda ganz verworfen, wurde dir Zion zum Abscheu? Warum hast du uns so geschlagen, dass es für uns keine Heilung mehr gibt? Wir hofften auf Heil, doch kommt nichts Gutes, auf die Zeit der Heilung, doch siehe: nur Schrecken!

    Wir erkennen, HERR, unser Unrecht, die Schuld unserer Väter: Ja, wir haben gegen dich gesündigt. Um deines Namens willen verschmäh nicht, verstoß nicht den Thron deiner Herrlichkeit! Gedenke! Brich nicht deinen Bund mit uns!

    Gibt es etwa Regenspender unter den Götzen der Völker? Oder ist es der Himmel, der von selbst regnen lässt? Bist nicht du es, HERR, unser Gott? Wir setzen unsere Hoffnung auf dich; denn du hast dies alles gemacht.


    Impuls

    Tränen gehören zur Liebe.

    Jeremia verschweigt den Schmerz nicht. Er spricht von Tränen, von einer Wunde, die unheilbar scheint, und von der Sehnsucht nach Heilung. Wer einen geliebten Menschen verloren hat, kennt solche Worte. Manchmal fühlt es sich an, als wäre das eigene Leben aus den Fugen geraten.

    Auffallend ist: Jeremia klagt Gott nicht an. Er spricht mit Gott. Er hält seine Fragen, seine Verzweiflung und seine Hoffnung zugleich in Gottes Hände. Das ist Glaube: nicht auf alle Fragen eine Antwort zu haben, sondern auch mit den offenen Fragen bei Gott bleiben zu können.

    Der Tod beendet ein gemeinsames Leben auf dieser Erde. Die Liebe aber endet nicht. Was wir miteinander geteilt haben, bleibt Teil unseres Lebens. Dankbarkeit kann neben der Trauer wachsen. Hoffnung darf neben den Tränen ihren Platz finden.

    Vielleicht ist heute kein Tag für große Entscheidungen. Vielleicht genügt es, den nächsten kleinen Schritt zu gehen. Einen Menschen anzurufen. Eine Kerze anzuzünden. Den Namen des Verstorbenen auszusprechen. Oder einfach still vor Gott zu sitzen.

    Gott erschrickt nicht über unsere Tränen. Er bleibt an unserer Seite – und führt uns Schritt für Schritt zurück ins Leben.

  • Alles gereicht zum Guten

    Transkript der Predigt von P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB in Stift Göttweig zum 17. Sonntag im Jahreskreis am 26.7.2026.

    Der Glaube ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Glauben.

    Der junge Königssohn Salomo soll nun selbst den Königsthron besteigen. Welche Ehre für den jungen Mann! Er aber bittet um Weisheit – nicht um Ruhm oder Reichtum. Salomo kennt seine Grenzen. Die Demütigen kennen ihre Grenzen.

    Wenn jetzt ein Demütiger auch noch an den grenzenlosen Gott glaubt, dann geht es ihm gut.

    Salomo bittet um Weisheit und sie wird ihm geschenkt. Und Salomo geht es gut, und zwar schon in diesem irdischen Lebensabschnitt. Nicht weil du brav gebetet hast, wirst du später einmal belohnt werden, sondern weil du demütig bist, geht es dir jetzt schon gut.

    Salomo hat wohl Schwierigkeiten gehabt in seiner Regierungstätigkeit, aber in seinem Herzen ging es ihm gut.

    Auch der Mann, der einen Schatz im Acker gefunden hat, ist demütig. Er ist das Bild eines Menschen, der zugibt, bisher trotz allem nicht wirklich glücklich gewesen zu sein, und der demütig für die echte Liebe – für diesen Schatz, den er gefunden hat – auf alles Bisherige zu verzichten. Dieser Mann kennt seine Grenzen. Die Demütigen kennen ihre Grenzen.

    Und wenn so ein Demütiger an den grenzenlosen Gott glaubt und ihm vertraut, dann geht es ihm gut. Der Mann verzichtet auf all das, was ihn angeblich glücklich gemacht hat, und traut sich zu lieben: sich selbst und die anderen zu lieben, weil er echte Liebe gefunden hat. Vielleicht ist er selbst der Acker, weil er echte Liebe in sich entdeckt hat, weil er Jesus entdeckt hat und seine Liebeskraft.

    Und diesem Mann – der ein Bild für jeden von uns ist, der Jesu Liebe entdeckt hat –, diesem Mann geht es gut. Nicht weil du auf alles verzichtet hast, wirst du später einmal belohnt werden, sondern weil du demütig zugibst, was dich wirklich glücklich macht und was nicht, geht es dir jetzt schon gut.

    Er wird wohl, wie jeder andere Mensch auch, weiterhin Schwierigkeiten haben in seinem Leben. Aber in seinem Herzen, wo er Lieben gelernt hat, geht es ihm gut oder immer besser.

    In diesem Bild geht es ihm schon jetzt gut, in diesem irdischen Lebensabschnitt. Genauso ist der Perlenhändler ein Bild für einen demütigen Menschen, der seine Grenzen kennt und sich dem grenzenlosen Gott anvertraut, sich deswegen ganz auf ihn verlässt und es ihm dann gut geht.

    Wir alle kennen unsere Grenzen. Auch wir sind durch diese Schriftstellen heute eingeladen worden, unsere Grenzen uns selbst einzugestehen. Paulus hat es uns geschrieben und hat es schon damals den Christen in Rom geschrieben, was denen passiert, die demütig ihre Grenzen wahrnehmen und den grenzenlosen Gott bitten, dass er ihnen genau dort aushelfe. Folgendes passiert ihnen, er schreibt: Sie wissen, dass Gott zu ihnen steht. Nicht sie werden es später einmal erfahren, vielleicht nach dem Tod, sondern Paulus schreibt: Wir wissen – also jetzt! Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht. Gereicht – also jetzt schon, schon in diesem irdischen Lebensabschnitt.

    Unser Glaube ist nämlich nicht dazu da, um uns aufs Jenseits zu vertrösten. Wir glauben nicht nur, dass Gott später einmal zu uns steht. Das auch, ja! Er wird auch später einmal zu uns stehen und uns beim Endgericht endgültig vom Bösen befreien – auch vom Bösen in uns –, wie der Fischer, der die guten Fische endgültig von den schlechten befreit. Aber wir glauben, dass Gott auch jetzt schon zu uns steht. Wir werden wohl, wie jeder andere Mensch auch, weiterhin Schwierigkeiten in unserem Leben haben, aber in unserem Herzen wissen wir, dass uns alles zum Guten gereicht, weil wir Gott lieben.

    Warum ich das so betone? Weil wir in einer Zeit leben, die weltweit Sorgen macht. Und weil an jedem Sonntag, so auch heute, diese Schriftstellen über Salomo und über die Schatzfinder weltweit heute in allen katholischen Messen verkündet werden.

    Mögen weltweit alle demütigen Gottesdienstbesucher getröstet nach Hause gehen. Getröstet von der Aussage, dass wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht.

    Amen.

  • Gebet zum Hl. Geist

    O Geist, vom Vater ausgesandt,
    o Kraft, vom Sohn verheißen:
    Ergieße dich in unser Herz
    und nimm es dir zu eigen.

    Wo du bist, flammt die Liebe auf,
    und Liebe will lobsingen.
    Die Liebe öffnet Herz und Hand,
    sie will sich ganz verschwenden.

    Lob sei dem Vater und dem Sohn,
    Lob sei dem Heil’gen Geiste,
    wie es von allem Anfang war,
    jetzt und für alle Zeiten.

    Nach: Nunc, Sancte, nobis, Spiritus; Ambrosius (?), † 397


    Wenn dieses Gebet eine Bitte ist, dann ist es die Bitte um Liebe.

    Nicht um Liebe als flüchtiges Gefühl. Nicht nur darum, geliebt zu werden. Es ist die Bitte, selbst liebesfähig zu werden: mit einem offenen Herzen, einer offenen Hand und der Bereitschaft, sich zu verschenken.

    Der Heilige Geist wird hier nicht erklärt. Man erkennt ihn an dem, was durch ihn geschieht: Wo er ist, wird das Herz weit. Wo er wirkt, beginnt der Mensch zu geben, ohne zuvor zu rechnen. Wo er Raum gewinnt, flammt die Liebe auf.

    Wir bitten Gott also nicht bloß darum, uns etwas zu schenken. Wir bitten ihn, in uns Wohnung zu nehmen – und uns dadurch zu verwandeln.

    Vielleicht ist das die kühnste Bitte, die ein Mensch aussprechen kann:

    Nimm mein Herz dir zu eigen.
    Lass deine Liebe darin leben.

    Deus caritas est.
    Gott ist Liebe.

  • Viel Show, wenig Heimspiel

    Was von dieser Fußball-Weltmeisterschaft über die Vereinigten Staaten bleibt

    Am Ende gewann Spanien.

    Im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft besiegte die spanische Mannschaft am Sonntag, dem 19. Juli 2026, Argentinien mit 1:0. Die Vereinigten Staaten, das größte und mächtigste der drei Gastgeberländer, waren zu diesem Zeitpunkt längst nur noch Zuschauer. Sie waren bereits im Achtelfinale mit 1:4 an Belgien gescheitert.

    Das ist sportlich kein Weltuntergang. Auch Gastgeber dürfen verlieren.

    Bemerkenswert war jedoch, was sich rund um dieses Finale abspielte. Erstmals in der Geschichte einer Fußball-Weltmeisterschaft wurde die Pause des Endspiels zur großen Showbühne. Madonna, Shakira, BTS, Justin Bieber, Burna Boy, Coldplay und die Muppets sollten aus fünfzehn Minuten Unterbrechung ein Spektakel nach amerikanischem Vorbild machen.

    Aus dem Weltmeisterschaftsfinale wurde für einen Augenblick ein Super Bowl.

    Die FIFA begründete die Show mit der Idee, Musik, Sport und weltweites gesellschaftliches Engagement miteinander zu verbinden. Geld sollte für Bildungsprojekte gesammelt werden. Das ist ein ehrenwertes Anliegen. Zugleich kritisierten viele Fußballfreunde die Verlängerung und Kommerzialisierung jener Pause, die bisher vor allem den Spielern zur Erholung gedient hatte. Selbst große britische Fernsehsender zeigten zunächst wenig Interesse an der Übertragung.

    Man kann diese Show mögen. Man kann sich von ihr gut unterhalten fühlen.

    Man darf aber auch fragen, wovon sie ablenkte.

    Denn hinter dem Glanz dieser Weltmeisterschaft stand ein Gastgeberland, dessen Selbstbild und Wirklichkeit immer weiter auseinanderdriften.

    Willkommen in Amerika?

    Eine Fußball-Weltmeisterschaft lebt davon, dass Menschen aus aller Welt willkommen sind. Doch gerade daran bestanden in den Monaten vor und während des Turniers Zweifel.

    Einreisebeschränkungen, verschärfte Abschiebepolitik und die Angst vor Kontrollen belasteten die Atmosphäre. Vertreter amerikanischer Gastgeberstädte mussten gleichzeitig Weltoffenheit versprechen und erklären, wie ausländische Besucher vor den Folgen einer zunehmend harten Migrationspolitik geschützt werden sollten. Menschenrechtsorganisationen und politische Beobachter warnten, dass nicht alle Fans ohne Sorge in das Land reisen könnten, das ihnen während der Weltmeisterschaft Gastfreundschaft versprach.

    Sogar das Finale begann verspätet. Aufwendige Zeremonien, zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen wegen der Anwesenheit Donald Trumps und technische Probleme beim Einlass führten zu langen Warteschlangen und Verzögerungen. Die große Inszenierung funktionierte besser auf den Bildschirmen als vor den Stadiontoren.

    Das ist vielleicht ein unbeabsichtigtes Bild für das heutige Amerika.

    Vorne stehen die Stars. Hinten warten die Menschen.

    Ein reiches Land mit armen Sicherheiten

    Die Vereinigten Staaten sind eine wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Weltmacht. Ihre Universitäten, ihre Unternehmen und ihre kreative Energie sind beeindruckend.

    Aber sie sind nicht die Insel der Seeligen, als die sie sich selbst gerne darstellen.

    Bei einer amtlichen Zählung im Jahr 2024 wurden in den USA an einem einzigen Stichtag mehr als 770.000 Menschen ohne gesicherten Wohnraum erfasst – so viele wie nie zuvor seit Beginn dieser Erhebungen.

    Nur 63 Prozent der Erwachsenen gaben 2025 an, eine unerwartete Ausgabe von 400 Dollar unmittelbar aus eigenen Mitteln oder mit einer im nächsten Monat vollständig beglichenen Kreditkarte bezahlen zu können. Mehr als ein Drittel könnte eine solche überschaubare Notlage also nicht ohne Weiteres auffangen.

    Fast zwei Millionen Menschen befinden sich in Gefängnissen, Haftanstalten und anderen Einrichtungen des amerikanischen Strafvollzugs. Rund 465.000 von ihnen werden vor einem Gerichtsverfahren festgehalten und gelten daher rechtlich weiterhin als unschuldig. Viele bleiben in Haft, weil sie eine verlangte Geldkaution nicht aufbringen können.

    Das Land, das die Freiheit wie kein anderes zu seinem Markenzeichen gemacht hat, sperrt einen bemerkenswert großen Teil seiner eigenen Bevölkerung ein.

    Das Land mit einigen der besten Krankenhäuser der Welt garantiert bis heute nicht allen Menschen einen selbstverständlichen Zugang zu medizinischer Versorgung.

    Das Land mit einigen der reichsten Menschen der Menschheitsgeschichte kennt Lehrer mit mehreren Arbeitsstellen, Veteranen ohne Wohnung und Familien, bei denen eine Erkrankung zur finanziellen Katastrophe werden kann.

    All das begann nicht mit Donald Trump.

    Aber unter Donald Trump hat sich die Bereitschaft verstärkt, diese Widersprüche nicht zu lösen, sondern mit neuen Konflikten zu überdecken.

    Immer ein neuer Schauplatz

    Trump versteht es, die Aufmerksamkeit zu lenken.

    Heute ist es Grönland. Morgen die NATO. Dann ein Verbündeter, ein politischer Gegner, eine Universität, ein Gericht, eine Zeitung, ein Einwanderer oder ein ausländischer Staatschef.

    Der Schauplatz wechselt, ehe das alte Problem gelöst ist.

    Darin liegt eine politische Methode: Wer täglich einen neuen Konflikt eröffnet, zwingt die Öffentlichkeit, täglich auf ein neues Thema zu reagieren. Die große Erregung ersetzt die nachhaltige Arbeit. Bewegung sieht dann aus wie Führung, Lautstärke wie Entschlossenheit und die rasche Abfolge von Krisen wie politische Tatkraft.

    Doch die grundlegenden Aufgaben bleiben liegen.

    Wie sollen Gesundheitsversorgung und Bildung finanziert werden?

    Wie kann Wohnen wieder leistbar werden?

    Wie lässt sich die politische Spaltung überwinden?

    Wie können Migration und Grenzschutz zugleich wirksam und menschenwürdig gestaltet werden?

    Wie können Kriege beendet werden, ohne ständig neue Drohungen, Fronten und Abhängigkeiten zu schaffen?

    Eine Regierung beweist ihre Stärke nicht dadurch, dass sie täglich ein neues Ziel ihrer Empörung findet. Sie beweist sie dadurch, dass sie schwierige Probleme geduldig löst.

    Genau daran fehlt es.

    Nicht nur im eigenen Land, sondern zunehmend auch in der Weltpolitik. Trump verspricht schnelle Lösungen, wo es nur mühsame Wege gibt. Er erklärt Konflikte für beendet, während sie weiterwirken. Er droht, fordert, beleidigt und verkündet. Aber zwischen Ankündigung und tragfähigem Frieden liegt ein weiter Weg.

    Die NATO war da

    Besonders befremdlich ist Trumps wiederholter Vorwurf, die NATO sei nicht für Amerika da gewesen.

    Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 geschah etwas, das es zuvor und seither kein zweites Mal gab: Die NATO rief den Bündnisfall nach Artikel 5 aus – zugunsten der Vereinigten Staaten.

    Europäische, kanadische und andere verbündete Soldaten gingen gemeinsam mit den Amerikanern nach Afghanistan. Menschen aus vielen Ländern kämpften, wurden verwundet und starben in einem Krieg, der als Reaktion auf einen Angriff gegen die USA begonnen hatte.

    Auch Australien war dabei, obwohl es der NATO gar nicht angehört.

    Man kann den Afghanistan-Einsatz heute kritisch beurteilen. Man muss sogar fragen, was nach zwanzig Jahren Krieg erreicht und was zerstört wurde.

    Aber man kann nicht ernsthaft behaupten, die Verbündeten seien nicht gekommen, als Amerika sie brauchte.

    Sie kamen.

    Die Pausenshow als Bild

    Vielleicht war die Pausenshow des Finales gar nicht dazu gedacht, über etwas hinwegzutäuschen.

    Vielleicht war sie einfach Unterhaltung.

    Und doch bleibt sie als Sinnbild dieser Weltmeisterschaft: Während auf dem Rasen das Wort „Love“ erschien, während Weltstars sangen und die Kameras über ein funkelndes Stadion glitten, lagen die Widersprüche des Gastgeberlandes nur wenige Kilometer entfernt.

    Obdachlosigkeit und Reichtum.

    Freiheitsrhetorik und Masseninhaftierung.

    Weltoffenheit und Einreiseangst.

    Bündnistreue und Verachtung der Verbündeten.

    Friedensversprechen und immer neue Drohkulissen.

    Große Show und ungelöste Wirklichkeit.

    Die Vereinigten Staaten bleiben ein faszinierendes Land. Sie haben Europa nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend unterstützt, Demokratie verteidigt, wissenschaftlichen Fortschritt ermöglicht und Millionen Menschen Hoffnung auf ein freieres Leben gegeben.

    Gerade deshalb darf man mehr von ihnen erwarten.

    Und gerade deshalb ist Kritik kein Antiamerikanismus.

    Freundschaft bedeutet nicht, zu allem zu schweigen. Freundschaft darf auch sagen: Seht zuerst in den eigenen Garten, bevor ihr anderen Ländern erklärt, wie schlecht sie geführt werden.

    Spanien wurde am Sonntag Fußball-Weltmeister.

    Amerika blieb die große Bühne.

    Doch die Welt hat an diesem Abend nicht nur auf die Bühne gesehen. Sie hat auch wahrgenommen, was hinter den Kulissen liegt.

  • Retten – nicht richten!

    Die Botschaft des Gleichnisses vom Unkraut unter dem Weizen ist keine Drohung, sondern eine Einladung zur Hoffnung. Gottes größte Macht zeigt sich in seiner Geduld.

    „Den Weizen in die Scheune, das Unkraut verbrennen, wenn es sich nicht auf dem Weg gewandelt hat…“ – ist mir als Metapher nach der Predigt von Militärerzdekan Dr. Harald Tripp im Wiener Stephansdom zum 16. Sonntag im Jahreskreis am 19. Juli 2026, Orgelmesse, 12:00 Uhr dazu eingefallen.

    Transkript, Zusammenfassung und Illustration mit KI durch Harald R. Preyer.

    Getreideernte nach dem Evangelium am See Genesaret zur Zeit Jesu. Während das Unkraut ins Feuer geworfen wird, bringen die Erntehelfer den Weizen in die Scheune .

    Manche Evangelien klingen auf den ersten Blick bedrohlich. So auch das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen. Jesus spricht vom Gericht, von Gut und Böse und vom Ende der Welt. Doch Militärerzdekan Dr. Harald Tripp zeigte in seiner Predigt im Wiener Stephansdom, dass die eigentliche Botschaft eine andere ist: Nicht das Gericht steht im Mittelpunkt, sondern die unerschöpfliche Geduld Gottes.

    Bereits die Lesung aus dem Buch der Weisheit beschreibt einen Gott, dessen Allmacht sich nicht in Strenge, sondern in Liebe zeigt. Gott wartet. Nicht weil ihm das Böse gleichgültig wäre, sondern weil er jeden Menschen liebt und ihm Zeit zur Umkehr schenkt. Seine Geduld ist Ausdruck seiner Barmherzigkeit.

    Besonders eindrucksvoll ist der Blick auf den griechischen Urtext des Evangeliums. Als die Knechte das Unkraut sofort ausreißen wollen, antwortet Jesus mit dem Wort „Afete“. Im griechischen Urtext steht das Wort ἄφετε, vom Verb ἀφίημι. Es bedeutet nicht nur „wachsen lassen“, sondern auch „loslassen“ und „vergeben“. Dasselbe Wort hören wir im Vaterunser: „Vergib uns unsere Schuld“ (Mt 6,12). Gott hält den Menschen also nicht an seiner Vergangenheit fest, sondern eröffnet ihm Zukunft.

    Das heißt jedoch nicht, dass Gott das Böse verharmlost. Das Unkraut bleibt Unkraut, und das Gericht gehört weiterhin zur Botschaft Jesu. Doch vor dem Gericht steht die Gnade. Gott arbeitet geduldig am Herzen des Menschen und gibt ihn niemals auf. Wie gute Eltern ihre Kinder trotz schwerer Fehler begleiten und ihnen eine neue Chance schenken, so begleitet auch Gott jeden von uns. Er nennt die Sünde beim Namen, aber niemals den Sünder verloren.

    Der Kirchenvater Johannes Chrysostomos formulierte dazu einen hoffnungsvollen Gedanken: „Viele von den Unkräutern werden vielleicht noch zu Weizen.“ Gott sieht Möglichkeiten, die unserem Blick verborgen bleiben. Deshalb steht das endgültige Urteil allein ihm zu.

    Schließlich erinnert der Apostel Paulus daran, dass wir auf diesem Weg nicht allein sind. Der Heilige Geist nimmt sich unserer Schwachheit an, stärkt uns und führt uns Schritt für Schritt zur Umkehr. Gottes Geduld ist kein passives Warten, sondern sein unermüdliches Wirken in unserem Leben.

    So endet das Evangelium nicht mit Angst, sondern mit Hoffnung. Jeder neue Tag ist ein Geschenk der Geduld Gottes – eine neue Gelegenheit, seiner Liebe zu vertrauen, umzukehren und selbst barmherziger mit anderen umzugehen. Denn Gottes größte Macht zeigt sich nicht im Richten, sondern im Retten.

  • Kalypso – Von Homer über Cousteau bis Nolan

    Eine Figur reist durch 2.800 Jahre Kulturgeschichte.

    Es gibt Gestalten der Weltliteratur, die ihre Zeit weit überdauern. Kalypso gehört dazu.

    Ihr Name leitet sich wahrscheinlich vom griechischen Verb kalýptein ab und bedeutet „die Verhüllende“ oder „die Verbergende“.

    Doch was sie verbirgt, verändert sich im Laufe der Jahrhunderte.

    Homer: Die Verhüllende

    In Homers Odyssee lebt Kalypso auf der einsamen Insel Ogygia. Sie rettet den schiffbrüchigen Odysseus, nimmt ihn auf und liebt ihn. Sie bietet ihm das an, wovon Menschen seit jeher träumen: ewige Jugend und Unsterblichkeit.

    Und doch lehnt Odysseus ab.

    Nicht weil Kalypso böse wäre. Homer zeichnet sie vielmehr als gastfreundliche und liebende Frau. Aber sie hält ihn von seiner eigentlichen Bestimmung fern. Während sie ihm Geborgenheit schenkt, wartet auf Ithaka seine Frau Penelope, sein Sohn Telemachos und sein Volk.

    Kalypso verbirgt den Helden vor seiner Berufung.

    Homer (8. Jahrhundert v. Chr.): Kalypso hält Odysseus sieben Jahre auf Ogygia fest. Ihr Name bedeutet wahrscheinlich „die Verhüllende“.


    Jacques Cousteau: Das Verborgene sichtbar machen

    Fast drei Jahrtausende später erhält eines der berühmtesten Forschungsschiffe der Welt denselben Namen: Calypso.

    Mit diesem Schiff erforschte Jacques-Yves Cousteau die Ozeane und eröffnete Millionen Menschen einen Blick in eine bis dahin weitgehend unbekannte Welt.

    Welch schöne Umkehrung!

    Während Kalypso bei Homer den Menschen von seiner Bestimmung fernhält, hilft Cousteaus Calypso, das Verborgene sichtbar zu machen. Der Name bleibt derselbe – seine Bedeutung wandelt sich.

    Jacques Cousteau (20. Jahrhundert): Mit der „Calypso“ wurde die verborgene Welt der Meere sichtbar.


    Christopher Nolan: Die verhüllte Identität

    In Christopher Nolans The Odyssey erhält Kalypso eine weitere Deutung.

    Sie hält Odysseus nicht nur räumlich fest. Sie scheint auch seine Erinnerung zu verhüllen. Zeitweise verliert er den Kontakt zu seiner Vergangenheit und zu sich selbst.

    Die eigentliche Heimkehr beginnt deshalb nicht erst mit der Rückkehr nach Ithaka.

    Sie beginnt mit der Erinnerung.

    Mit der Erkenntnis:

    „Ich weiß wieder, wer ich bin.“

    Damit wird Kalypso zu einer erstaunlich modernen Figur. Sie steht nicht nur für Verführung, sondern für all das, was den Menschen von seiner eigenen Identität entfernt.

    Christopher Nolan (2026): Kalypso (Charlize Theron) wird zur Symbolfigur für Erinnerung, Identität und die Gefahr, sich selbst zu verlieren.


    Drei Epochen – eine Frage

    Homer erzählt von der Sehnsucht nach der Heimat.

    Cousteau vom Mut, das Verborgene zu entdecken.

    Nolan von der Suche nach der eigenen Identität.

    Vielleicht erklärt gerade das die ungebrochene Faszination dieser Figur.

    Kalypso erinnert uns daran, dass nicht jede Insel ein Zuhause ist und nicht jede Geborgenheit Freiheit bedeutet.

    Manchmal besteht die größte Versuchung des Lebens darin, stehen zu bleiben.

    Und manchmal beginnt die eigentliche Heimkehr erst in dem Augenblick, in dem wir uns wieder daran erinnern, wer wir wirklich sind.