Schlagwort: Österreich

  • Elf Jahre nach „Wir schaffen das“: Was Europa tatsächlich geschafft hat – und was noch nicht

    Die Flüchtlingsbewegungen nach Europa verlaufen seit 2000 nicht als ständig steigende Welle, sondern in starken Ausschlägen infolge von Kriegen und Krisen. Europa und Österreich haben seit 2015 viel geleistet, aber eine faire und verlässliche Ordnung noch nicht geschaffen. Eine faktenbasierte Bilanz zum Jahrestag von Angela Merkels berühmtem Satz – kritisch, aber nicht hoffnungslos.


    Belgische und ukrainische Kinder beim gemeinsamen Spielen in Brüssel. Integration zeigt sich nicht nur in Statistiken, sondern im gemeinsam gewordenen Alltag. Foto: Lukasz Kobus / European Union, 2022, P-056265/00-02.

    Am 31. August 2015 sagte Angela Merkel in ihrer Sommerpressekonferenz drei Worte, die zum politischen Symbol wurden: „Wir schaffen das.“

    Sie meinte damit nicht, dass Migration keine Schwierigkeiten verursache oder staatliche Kapazitäten unbegrenzt seien. Merkel beschrieb den Satz später als Ausdruck des Anpackens – gerichtet an Politik, Hilfsorganisationen, Wirtschaft, Ehrenamtliche und Gesellschaft. Schon damals verband sie ihn mit der Forderung nach einer fairen europäischen Verteilung.

    Elf Jahre später lässt sich die Frage nicht ehrlich mit einem triumphierenden Ja beantworten. Aber auch das pauschale Urteil „Wir haben es nicht geschafft“ hält einer Prüfung der Zahlen nicht stand.

    Zunächst müssen verschiedene Zahlen getrennt werden

    In der öffentlichen Debatte werden häufig vier unterschiedliche Größen vermischt:

    • Asylanträge sind Anträge auf internationalen Schutz. Nicht jeder Antrag führt zur Anerkennung. Umgekehrt steht auch nicht jeder Antrag für eine neu eingereiste Person.
    • Vorübergehender Schutz ist ein eigenes Verfahren, das vor allem für Vertriebene aus der Ukraine eingesetzt wird.
    • Irreguläre Grenzübertritte sind behördliche Feststellungen. Dieselbe Person kann dabei mehrfach registriert werden.
    • Migration insgesamt umfasst darüber hinaus Arbeitsmigration, Studium, Familiennachzug und Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union.

    Wer diese Zahlen zusammenzählt oder gegeneinander ausspielt, erzeugt leicht ein falsches Bild.

    26 Jahre Flucht nach Europa: keine gerade Linie

    Schon vor 2015 gab es größere Fluchtbewegungen nach Europa. Im Jahr 2000 wurden in der damaligen Europäischen Union mit 25 Mitgliedstaaten rund 403.000 Asylanträge gestellt, 2001 waren es rund 412.000. Viele Antragsteller kamen damals aus dem ehemaligen Jugoslawien, dem Irak und Afghanistan.

    Bis 2006 sank die Zahl in der EU auf unter 200.000.

    Diese ältere Statistik zählt alle Anträge und bezieht sich auf eine andere Zusammensetzung der Europäischen Union. Sie ist daher nicht unmittelbar mit der heutigen Statistik der Erstanträge vergleichbar. Sie zeigt aber: Flucht nach Europa begann nicht 2015.

    Ab 2011 ließen der Krieg in Syrien, die Instabilität im Irak und in Afghanistan sowie der Zusammenbruch staatlicher Ordnung in Libyen die Zahlen wieder steigen.

    Laut Eurostat wurden 2015 in der Europäischen Union rund 1,217 Millionen Erstanträge auf Asyl gestellt. 2016 waren es 1,167 Millionen.

    Danach ging die Zahl zunächst deutlich zurück. Nach dem pandemiebedingten Tief des Jahres 2020 kam es von 2021 bis 2023 zu einem neuerlichen starken Anstieg. Seit 2024 sinken die Zahlen wieder.

    Erstanträge auf Asyl in der Europäischen Union. Der Vergleichswert für Mai 2026 wird gesondert ausgewiesen und nicht als vollständiger Jahreswert dargestellt. Grafik: eigene Darstellung nach Eurostat.

    2025 wurden um rund 27 Prozent weniger Erstanträge registriert als 2024. Im Mai 2026 lag die Zahl nochmals 22 Prozent unter dem Vergleichsmonat des Vorjahres.

    Von einer seit Jahren ununterbrochen anschwellenden „Flüchtlingswelle“ kann daher nicht gesprochen werden. Ebenso voreilig wäre allerdings die Behauptung, das Problem löse sich von selbst. Kriege können Fluchtbewegungen und Antragszahlen innerhalb weniger Monate verändern.

    Die Ukraine ist ein eigener, besonders großer Fall

    Die Flucht aus der Ukraine erscheint in den üblichen Asylzahlen nur teilweise. Die Europäische Union aktivierte 2022 erstmals die Richtlinie über vorübergehenden Schutz. Dadurch mussten ukrainische Vertriebene nicht das normale Asylverfahren durchlaufen.

    Ende Juni 2026 lebten rund 4,41 Millionen Menschen aus der Ukraine unter vorübergehendem Schutz in der EU. Knapp 30 Prozent davon waren minderjährig. Der Schutz wurde bis März 2027 verlängert.

    Das ist eine beachtliche europäische Leistung: Millionen Menschen erhielten rasch ein Aufenthaltsrecht sowie Zugang zu Schule, Gesundheitsversorgung und Arbeitsmarkt.

    Die Reaktion zeigte, wie viel möglich ist, wenn politischer Wille, ein klares Rechtsinstrument und breite gesellschaftliche Zustimmung zusammenkommen. Sie machte allerdings auch sichtbar, dass Schutzsuchende aus unterschiedlichen Regionen politisch und gesellschaftlich nicht immer gleich wahrgenommen werden.

    Österreich: zwei große Spitzen und ein deutlicher Rückgang

    Auch die österreichischen Zahlen verlaufen nicht geradlinig.

    Im Jahr 2000 wurden 18.284 Asylanträge gestellt. 2002 waren es 39.354. Nach einem Rückgang auf 11.012 Anträge im Jahr 2010 folgten zwei besonders hohe Ausschläge: 88.340 Anträge im Jahr 2015 und 112.272 im Jahr 2022.

    Seitdem sind die Zahlen deutlich gesunken.

    Asylanträge in Österreich in ausgewählten Jahren. Der Wert für 2026 umfasst nur Jänner bis Juli und wird deshalb gesondert dargestellt. Grafik: eigene Darstellung nach Daten des Bundesministeriums für Inneres.

    Der österreichische Höchststand von 2022 lag sogar über jenem von 2015. Diese Zahl darf jedoch nicht mit dauerhaft in Österreich gebliebenen Menschen gleichgesetzt werden.

    Die Gesamtstatistik enthält auch Folgeanträge, in Österreich geborene Kinder von Asylwerbern und weitere Fälle, die nicht unmittelbar mit einer neuen Einreise verbunden sind. Menschen aus der Ukraine mit vorübergehendem Schutz sind darin überwiegend nicht enthalten.

    2025 entfielen von 16.668 Asylanträgen nur rund 6.900 auf neu eingereiste Menschen mit einem ersten Antrag. Von Jänner bis Juli 2026 waren es 2.260 von insgesamt 5.743 Anträgen.

    Die bloße Gesamtzahl beschreibt die aktuelle Zuwanderung daher nur unzureichend.

    Integration braucht Zeit – aber sie findet statt

    Bei der Arbeitsmarktintegration ukrainischer Vertriebener zeigt sich ein gemischtes Bild. 2024 lag ihre Beschäftigungsquote in Österreich bei rund 42,8 Prozent. Seit April 2023 besteht freier Zugang zum Arbeitsmarkt.

    Das ist noch keine abgeschlossene Integration. Die Zahl zeigt aber, dass ein wachsender Teil der Vertriebenen wirtschaftlich auf eigenen Beinen steht.

    Integration geschieht nicht allein durch politische Beschlüsse. Sie vollzieht sich in Kindergärten, Schulen, Betrieben, Vereinen, Nachbarschaften und Freundschaften. Sie ist mit Konflikten und Rückschlägen verbunden, besteht aber ebenso aus vielen unspektakulären Erfolgen, die in der öffentlichen Debatte kaum sichtbar werden.

    Europa ist nicht das Zentrum der weltweiten Flucht

    Ende 2025 zählte das UN-Flüchtlingshochkommissariat weltweit rund 41,6 Millionen Flüchtlinge, etwa neun Millionen Asylsuchende mit noch offenem Verfahren und 68,7 Millionen innerhalb ihres eigenen Landes Vertriebene.

    Rund 65 Prozent der Flüchtlinge lebten in einem Nachbarland ihres Herkunftsstaates. 68 Prozent wurden von Ländern mit niedrigen oder mittleren Einkommen aufgenommen.

    Die Vorstellung, der größte Teil der weltweiten Fluchtbewegung richte sich nach Europa, ist damit falsch.

    Europa ist allerdings für bestimmte Herkunftsregionen und Fluchtrouten ein wichtiges Ziel. Innerhalb Europas sind die Belastungen zudem sehr ungleich verteilt – zwischen Staaten ebenso wie zwischen Großstädten, Gemeinden und einzelnen Schulen oder Wohngebieten.

    Was tatsächlich geschafft wurde

    Europa hat seit 2015 Millionen Menschen aufgenommen, versorgt und geschützt. Viele Kinder und Jugendliche wurden in Schulen aufgenommen. Erwachsene begannen Sprachkurse, Ausbildungen oder eine Beschäftigung. Familien fanden nach Flucht und Unsicherheit wieder einen Alltag.

    Auch die Schutzentscheidungen zeigen, dass es sich keineswegs nur um unbegründete Anträge handelt. 2025 gewährten die EU-Staaten rund 361.000 Asylsuchenden einen Schutzstatus. Etwa die Hälfte erhielt die Flüchtlingseigenschaft, andere subsidiären oder humanitären Schutz.

    Die schnelle Aufnahme ukrainischer Vertriebener bewies zudem, dass europäische Zusammenarbeit unter hohem Druck funktionieren kann.

    „Geschafft“ wurde also sehr viel – von Behörden, Gemeinden, Schulen, Hilfsorganisationen, Unternehmen, Freiwilligen und nicht zuletzt von den Geflüchteten selbst.

    Was nicht geschafft wurde

    Nicht gelungen ist bisher eine dauerhaft verlässliche und als fair empfundene europäische Ordnung.

    Asylverfahren dauern teilweise zu lange. Anerkannte Flüchtlinge warten auf Wohnungen, Sprachkurse oder die Anerkennung ihrer Ausbildung. Menschen ohne Bleiberecht bleiben mitunter jahrelang in einem rechtlichen und menschlichen Zwischenzustand.

    Gemeinden erhalten zusätzliche Aufgaben, ohne immer rechtzeitig über ausreichende Mittel für Schulen, Wohnraum und Betreuung zu verfügen.

    Auch die Verantwortung innerhalb Europas ist weiterhin ungleich verteilt. Staaten an den Außengrenzen, wichtige Zielländer und Transitländer verfolgen unterschiedliche Interessen. Das begünstigt nationale Alleingänge und eine Politik der wechselseitigen Schuldzuweisung.

    Der neue EU-Asyl- und Migrationspakt ist seit dem 12. Juni 2026 anwendbar. Er soll gemeinsame Registrierungen, schnellere Verfahren, klarere Zuständigkeiten und einen verbindlichen, aber flexibel ausgestalteten Solidaritätsmechanismus bringen.

    Ob das in der Praxis funktioniert und zugleich rechtsstaatlichen Schutz gewährleistet, kann nach wenigen Monaten noch nicht seriös beurteilt werden.

    Eine kritisch positive Prognose

    Für die kommenden Jahre spricht wenig für eine gleichmäßig wachsende Zahl von Asylanträgen. Wenn sich der gegenwärtige Trend fortsetzt, dürfte die Belastung zunächst unter dem Niveau von 2023 bleiben.

    Eine verlässliche Fortschreibung ist dennoch unmöglich.

    Der Krieg gegen die Ukraine, die Lage in Syrien und Afghanistan sowie die Konflikte im Sudan und im Sahel können jederzeit neue Fluchtbewegungen auslösen. Auch politische Instabilität, wirtschaftlicher Zusammenbruch und extreme Wetterereignisse verstärken den Wanderungsdruck.

    Die positive Prognose lautet daher nicht: Es werden kaum noch Menschen kommen.

    Sie lautet: Europa besitzt die wirtschaftlichen, rechtlichen und organisatorischen Möglichkeiten, Fluchtbewegungen zu bewältigen – wenn es aus den Erfahrungen seit 2015 lernt.

    Dazu gehören:

    • schnelle und faire Asylverfahren,
    • konsequente Entscheidungen nach rechtsstaatlicher Prüfung,
    • früher Zugang zu Sprache, Ausbildung und Arbeit,
    • eine verlässliche Finanzierung der aufnehmenden Gemeinden,
    • eine tatsächliche Verteilung der Verantwortung innerhalb Europas,
    • sichere legale Wege für besonders Schutzbedürftige,
    • stärkere Unterstützung jener Nachbarländer, die weltweit den größten Teil der Flüchtlinge aufnehmen.

    Dazu gehört auch, offen über Grenzen und Belastungen zu sprechen, ohne Schutzsuchende pauschal als Bedrohung darzustellen.

    Kein Grund für Triumph – aber auch keiner für Resignation

    Merkels Satz war weder eine genaue Prognose noch ein fertiges politisches Programm. Er war die Behauptung, dass ein demokratischer Staat und eine solidarische Gesellschaft auch eine große Krise bewältigen können.

    Die ehrliche Bilanz elf Jahre später lautet: Europa hat vieles geschafft, manches nur notdürftig bewältigt und entscheidende strukturelle Aufgaben zu lange vertagt.

    Die Zahlen belegen aber weder einen unaufhaltsamen Kontrollverlust noch ein vollständiges Scheitern. Sie zeigen, dass Fluchtbewegungen kommen und gehen, während die Qualität der politischen Antwort von unseren Entscheidungen abhängt.

    Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Merkels Satz 2015 wahr oder falsch war. Sie lautet, was wir heute unter „schaffen“ verstehen:

    Menschen schützen. Staatliche Regeln durchsetzen. Gemeinden nicht überfordern. Integration als gemeinsame und langfristige Aufgabe organisieren. Und dort, wo Zusammenleben gelingt, diesen Erfolg auch wahrnehmen.

    Das ist anspruchsvoll. Aber es ist möglich.


    Quellen und Datenstand

    Alle Internetquellen zuletzt abgerufen am 31. August 2026.

    1. Deutsche Bundesregierung: Angela Merkel zur Bedeutung des am 31. August 2015 geprägten Satzes „Wir schaffen das“.
      „Vor allem ein Satz des Anpackens“
    2. Eurostat: Ältere europäische Asylstatistik und Vergleichswerte für die Jahre ab 2000. Die damaligen Gesamtanträge und die heutige Statistik der Erstanträge sind methodisch nicht unmittelbar vergleichbar.
      Eurostat Yearbook 2006–07
    3. Eurostat: Entwicklung der Erstanträge auf Asyl in der Europäischen Union, insbesondere 2015 bis 2025.
      Asylum applications – annual statistics
    4. Eurostat: Erstanträge im Mai 2026 und Veränderung gegenüber Mai 2025.
      42,525 first-time asylum applicants in May 2026
    5. Bundesministerium für Inneres, Österreich: Langfristige österreichische Asylantragszahlen.
      Asylanträge seit 1999
    6. Bundesministerium für Inneres, Österreich: Gesamtanträge und originäre Erstanträge von Jänner bis Juli 2026.
      Asylstatistik Juli 2026
    7. Eurostat: Menschen aus der Ukraine unter vorübergehendem Schutz, Stand 30. Juni 2026.
      4.41 million people under temporary protection
    8. UNHCR: Weltweite Fluchtbewegungen, Binnenvertreibung und Aufnahmeverantwortung, Stand Ende 2025.
      Global Trends 2025
    9. Eurostat: Schutzentscheidungen der EU-Mitgliedstaaten 2025.
      Asylum decisions – annual statistics
    10. Arbeitsmarktservice Österreich: Beschäftigungsquote ukrainischer Vertriebener und Entwicklung der Arbeitsmarktintegration.
      Arbeitsmarktentwicklung 2024/2025
    11. Europäische Kommission: Inkrafttreten und Bestandteile des EU-Asyl- und Migrationspakts.
      New migration and asylum rules enter into application
    12. Europäische Kommission, Audiovisual Service: Fotoreihe „Ukrainian family in Brussels“, Bild P-056265/00-02, Fotograf Lukasz Kobus, Copyright European Union 2022.
      Fotoreihe und Bildangaben · Nutzungsbedingungen
  • Synchronopsen

    Ich bin ein eher visueller Lerntyp. Deshalb hilft es mir, Zusammenhänge in parallelen Zeitabläufen vor mir zu sehen.
    Deshalb habe ich mit Claude Synchronopsen erstellt.

    Ihr wisst ja, wie das mit KI ist – da können Fehler enthalten sein. Ich habe noch keinen gefunden. Wenn Du einen findest, bitte schreib mir an harald@preyer.wien.

    Geschichte Österreichs: Staat, Kirche, Stephansdom, Bischöfe, Dompfarrer

    Philosophie auf einer Seite

     
    Weitere Themen sind in Arbeit.

  • Severin for President?

    In einer Zeit, in der Europa wieder in Kategorien von Abschreckung und Feindbildern denkt, lohnt der Blick auf einen Mann, der vor 1500 Jahren ohne Macht, aber mit Verantwortung handelte.

    Ein Kommentar von Harald R. Preyer

    Präsidenten im Osten wie im Westen inszenieren sich derzeit auffallend ähnlich. Imperiales Gehabe, die Sehnsucht nach historischen Größenordnungen, die Erweiterung von Staatsgebieten, militärische Siege als Beweis von Stärke. Man fragt sich unwillkürlich: Geht es um Sicherheit – oder um das eigene Ego? Um Verantwortung – oder um den Machterhalt? Vielleicht ist es gerade das Fehlen tragfähiger, mit Sinn erfüllter Visionen, das diese Rückgriffe auf alte Machtmuster so verführerisch macht.

    Europa hingegen lebt seit 75 Jahren in einer historisch außergewöhnlichen Erfahrung: Frieden. Nicht als Zustand ohne Konflikte, wohl aber ohne kriegerische Neuordnung von Grenzen. Diese Epoche hat das Denken, die Wirtschaft, das Selbstverständnis ganzer Generationen geprägt. Dass sie keine Selbstverständlichkeit ist, wird nun schmerzhaft deutlich. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie Europa militärisch mithalten kann – sondern wie dieser Frieden bewahrt werden kann, ohne seine Seele zu verlieren.

    Hier setzt der überraschende Perspektivwechsel ein. Hat ein Heiliger aus dem 5. Jahrhundert dazu überhaupt etwas beizutragen? Severin von Noricum lebte in einer Zeit, in der imperiale Ordnung zerfiel, Grenzen verschwammen und Gewalt allgegenwärtig war. Er hatte keine politische Macht, keine Armee, keine Territorien zu verteidigen. Und doch wurde er zu einer stabilisierenden Figur. Nicht durch Siege, sondern durch Vermittlung. Nicht durch Expansion, sondern durch Bindung. Nicht durch Angst, sondern durch Verantwortung für die Schwächsten.

    Auch die biblischen Texte dieses Tages sprechen in eine ähnliche Richtung. Sie fragen nicht nach Machbarkeit oder Durchsetzbarkeit, sondern nach Haltung. „Gott ist Liebe“ – ein Satz, der politisch unerquicklich wirkt, weil er sich nicht instrumentalisieren lässt. Und doch enthält er eine unbequeme Zumutung: dass menschliche Gemeinschaft nicht aus Abschreckung allein lebt, sondern aus Vertrauen, Solidarität und der Bereitschaft, Verantwortung über den eigenen Vorteil hinaus zu übernehmen.

    Vielleicht liegt genau hier der blinde Fleck unserer Gegenwart. Wo Visionen fehlen, greifen Machtfantasien. Wo Sinn verloren geht, wird Stärke zur Ersatzreligion. Der Blick auf Severin und auf diese alten Texte liefert keine politischen Rezepte. Aber er stellt eine Frage, die Präsidenten ebenso betrifft wie Gesellschaften: Woraus speist sich unsere Vorstellung von Zukunft – aus Angst oder aus Verantwortung?


    Vita des Hl. Severin

    Die Vita, die Eugippius etwa 30 Jahre nach dem Tod Severins verfasste, ist die erste Nachricht von seinem Leben. Darin mischen sich Historisches und Legendäres. Severin selbst machte um seine Herkunft ein großes Geheimnis, er könnte sowohl Römer als auch Germane gewesen sein. Zuerst war er Mönch im Orient und zog, als Attila gestorben war (453), nach Ufer-Noricum. So ist er der erste namentlich bezeugte Glaubensbote auf dem Boden des heutigen Österreich. Zur Zeit des Zerfalls des Römischen Reiches war er ein Brückenbauer und Ratgeber, der bei Germanen und Romanen, Arianern wie Katholiken großes Ansehen genoss. Die Biographie rühmt seinen karitativen Einsatz: Während einer Hungersnot kümmerte er sich um die Verteilung von Lebensmitteln und Kleidung. Er gründete Klöster in Bojotro (bei Passau) und Favianis (Mautern) und hatte auch Kontakt in den Salzburger Tennengau (Cucullis-Kuchl).

    Am 8. 1. 482 starb er in Favianis. Die 488 abziehenden Romanen nahmen seine Gebeine nach Pizzofalcone (heute Teil Neapels) mit, wo sie seit dem 19. Jh. in Frattamaggiore (Kampanien) verehrt werden. Früher war Severin zweiter Patron der Erzdiözese Wien.

    Das 1954 in Wien-Heiligenstadt in der Pfarrkirche St. Jakob entdeckte Grab kann nicht als authentisch bezeichnet werden.

    Diese Vita ist dem Direktorium der Erzdiözese Wien entnommen.

  • „Ich glaube an ein Österreich, das das lebenswerteste Land der Welt ist.“

    Die Ansprache unseres Herrn Bundespräsidenten hat mich heuer wirklich beeindruckt.

     

    Neujahrsansprache 2025

    Alexander Van der Bellen zeichnet ein Bild von Österreich, das mich anspricht: Ein Land, das Tradition und Innovation vereint, kulturell vielfältig, ökologisch nachhaltig und sozial gerecht ist. Ein Land, das nicht nur für seine Bürger lebenswert ist, sondern auch international als Vorbild für Frieden, Zusammenarbeit und Lebensfreude gilt.

    „Ich glaube an ein Österreich, das das lebenswerteste Land der Welt ist.“

    Genau daran glaube ich auch. Und das beste daran: Nicht alles, aber das meiste daran können wir durch unsere eigene Haltung erreichen.

    Die Rede ist im Originaltext hier nachlesbar.

  • GAUDETE – Freut Euch!

    Wie aus der biblischen Aufforderung, die dem dritten Adventsonntag ihren Namen gibt, eine reale Haltung werden könnte.

    Auf Basis der Botschaft von „Gaudete“, also des Aufrufs zur Freude und zur hoffnungsvollen Ausrichtung auf das Wesentliche, lässt sich für Österreich ein Idealszenario entwerfen, in dem die Gesellschaft zu mehr menschlicher Wärme, verantwortungsvoller Freiheit und solidarischem Miteinander findet. 

    Das wäre mein Idealszenario für Österreich.

    1. Freude an der Gemeinschaft
      Die Menschen in Österreich erkennen den Wert des Zusammenhalts neu. Sie lernen, einander mit Respekt, Achtsamkeit und Wohlwollen zu begegnen. Das beginnt bei der Nachbarschaft und weitet sich aus auf das gesamte Land. Gegenseitiges Vertrauen, generationenübergreifende Unterstützung und ein ehrliches Interesse am Wohl des Nächsten bestimmen das soziale Klima. Wie es im Philipperbrief heißt: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!“ (Phil 4,4 Einheitsübersetzung 2016). Diese Haltung der Freude steht am Anfang jeder Veränderung.
    2. Gemeinwohl statt Polarisierung
      Anstatt sich in ideologischen Grabenkämpfen zu verlieren, konzentriert sich Österreich auf das Gemeinwohl. Politik und Wirtschaft arbeiten für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Leistung und sozialer Absicherung. Entscheidungen werden transparent, nachvollziehbar und partizipativ getroffen. Die Freude am gemeinsamen Gestalten überwiegt die Lust am Rechthaben. So entsteht ein Klima, in dem alle Stimmen gehört werden – auch die stillen.
    3. Spirituelle Tiefe und kulturelle Vielfalt
      Die Bewohner*innen Österreichs entdecken neu, dass die spirituelle Dimension des Lebens nicht altmodisch, sondern zutiefst menschlich ist. Ob aus christlicher Tradition, anderen Religionen oder aus einer offenen Sinnsuche heraus – es entsteht ein Raum, in dem Glaube, Hoffnung und Liebe nicht als verstaubte Begriffe, sondern als kraftvolle Ressourcen für das gesellschaftliche Leben verstanden werden. Die heimische Kultur, geprägt von langer Geschichte, Musik, Literatur und Kunst, wird dabei als Geschenk betrachtet, das mit Freude gepflegt, aber auch offen für neue Einflüsse ist. So entsteht ein kreativer Dialog zwischen Alt und Neu, Tradition und Innovation.
    4. Umweltverantwortung mit Zuversicht
      Inspiriert von der christlichen Grundhaltung der Schöpfungsverantwortung (vgl. Gen 1,26-31), entwickelt Österreich nachhaltige Konzepte im Umgang mit Natur und Ressourcen. Es geht um mehr als Pflichterfüllung: Es ist die Freude, die eigene Heimat für zukünftige Generationen zu bewahren, die Berge, Seen, Wälder und Städte in ihrer Schönheit zu erhalten. Die Bürger*innen verstehen Umweltschutz nicht als Last, sondern als gemeinsames Abenteuer, bei dem Technik, Kreativität und Herzblut Hand in Hand gehen.
    5. Bildung für Sinn und Verantwortungsbewusstsein
      Das Bildungssystem fördert nicht nur fachliche Kompetenzen, sondern legt Wert auf Charakterbildung, Reflexion, ethisches Denken und Empathie. Österreichische Schulen, Lehrwerkstätten, Universitäten und Weiterbildungseinrichtungen setzen auf Begegnungen, Projekte und Dialog. Die Freude am Lernen wird neu entdeckt, weil Wissen nicht nur Selbstzweck ist, sondern Wege öffnet, mit anderen besser zusammenzuleben.

    Wien, Stadtpark, Luftaufnahme
    Copyright: Österreich Werbung, Fotograf: Christian Kremser

    Gesamtbild
    In diesem Idealszenario spürt man, dass Österreich zu einem Ort wird, an dem die Freude – „Gaudete“ – eine innere Haltung ist, die Menschen verbindet. Politik, Wirtschaft, Kultur, Bildung und Religion tragen zu einem hoffnungsvollen Miteinander bei. Herausforderungen werden nicht ignoriert, aber in einem Klima des Vertrauens und der Zuversicht angegangen. Die Botschaft „Freut euch!“ bedeutet hier keine Verdrängung von Problemen, sondern die Ermutigung, mit Offenheit, Güte und Tatkraft eine gerechtere und lebenswerte Zukunft zu gestalten.

    Dieses Bild mag idealistisch sein, aber gerade die christliche Botschaft der Freude unterstreicht, dass das scheinbar Unmögliche lebbar werden kann, wenn wir uns aus innerer Überzeugung darum bemühen. Wesentlich ist dabei die dankbare Besinnung auf das, was unseren Vorfahren und uns bereits gelungen ist, geschenkt wurde und da ist, um gesehen, geschätzt und geliebt zu werden. Vieles davon ist nur von der scheinbar konservierenden Verpackung der Selbstverständlichkeit verdeckt.

    Harald Preyer ist systemischer Coach und geistlicher Begleiter in Wien.

  • Facts

    MerkmalSyrien 🇸🇾Österreich 🇦🇹Belarus 🇧🇾Ukraine 🇺🇦
    Einwohnerca. 17 Mio. 
    **********
    *******
    ca. 9 Mio. 
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    ca. 9,3 Mio. 
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    ca. 44 Mio. 
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    **********
    **********
    **********
    ****
    Fläche185.180 km² 
    *********
    83.879 km² 
    ****
    207.600 km² 
    **********
    603.700 km² 
    ******************************
    Jahreseinkommen (PPP)ca. 2.800 EUR 
    *
    ca. 55.000 EUR 
    ***********
    ca. 18.000 EUR 
    ****
    ca. 13.000 EUR 
    ***
    Durchschnittliche Lebenserwartungca. 72 Jahreca. 81–82 Jahreca. 74–75 Jahreca. 72 Jahre
    ReligionenMehrheitlich sunnitische Muslime, Minderheiten (Alawiten, Christen)Überwiegend römisch-katholisch, wachsende religiöse VielfaltÜberwiegend orthodox-christlich, einige Katholiken, teils konfessionslosÜberwiegend orthodox-christlich, auch griechisch-katholisch,
    SprachenArabischDeutschBelarussisch, RussischUkrainisch, Russisch
    Politisches SystemAutoritäre Präsidialherrschaft (Assad)Parlamentarische Demokratie, BundesrepublikAutoritäres Präsidialsystem (Lukaschenko)Semipräsidentielle Republik
    HaupteinnahmequellenVor dem Krieg: Erdöl, Landwirtschaft, Tourismus; aktuell stark eingeschränktHochentwickelte Industrie, Dienstleistungen, Tourismus, Export (Maschinen, Fahrzeuge, Pharmazie)Staatlich gelenkte Wirtschaft, Schwerindustrie, Landwirtschaft; Abhängigkeit von RusslandLandwirtschaft („Kornkammer Europas“), Schwerindustrie (Stahl), IT-Dienstleistungen, Export von Getreide und Metallen
    Größte ProblemeBürgerkrieg, humanitäre Krise, Korruption, Fluchtbewegungen, zerstörte InfrastrukturHerausforderungen durch Migration, Klimawandel, Wohnkosten, politische PolarisierungAutoritäre Herrschaft, mangelnde Demokratie, wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland, internationale IsolationKrieg mit Russland, Korruption, Reformbedarf, wirtschaftliche und humanitäre Folgen des Konflikts
    Berühmt fürHistorische Stätten (Damaskus, Aleppo), kulturelles Erbe; aktuell oft wegen des Krieges in den MedienKlassische Musik (Mozart, Beethoven), Wiener Kaffeehauskultur, Alpen, SachertorteWeniger international für Kultur bekannt, eher politische Lage („Europas letzte Diktatur“), Industrieprodukte (z. B. Traktoren)Reiches agrarisches Erbe, Metropolen wie Kiew, traditionelle Kultur, Stickereien, Musik, Filmfestivals

    Stand: 11.12.2024