Mt 15, 21-28
20. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A
ein Beitrag von Thomas Pöll für BiM – Bibel im Museum
Wien, 14.8.2026

Ludovico Carracci: Cristo e la Cananea 1594–1595,
Öl auf Leinwand, 170 × 225 cm, heute Pinacoteca di Brera, Inv. 96, Saal XXVIII. Das Bild entstand für den Palazzo Sampieri in Bologna und wurde 1811 für Brera erworben.
Bild: Wikimedia Commons. Ludovico Carracci, Cristo e la Cananea, Brera.jpg|thumb|180px|Legenda
Das Evangelium
„In jener Zeit zog sich Jesus in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück. Und siehe, eine kanaanäische Frau aus jener Gegend kam zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.
Jesus aber gab ihr keine Antwort.
Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Schick sie fort, denn sie schreit hinter uns her!
Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.
Doch sie kam,fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir!
Er erwiderte:Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen
und den kleinen Hunden vorzuwerfen.
Da entgegnete sie: Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde
essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.
Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß.
Es soll dir geschehen, wie du willst. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.“
Carraccis Bild entstand ursprünglich für den Palazzo Sampieri in Bologna. Es gehörte zu einer dreiteiligen Serie der Carracci-Brüder, in der jeweils Christus einer Frau begegnet – also keine unwesentliche Sache und schon gar kein Zufall.
Ludovico Carracci malte „Christus und die Kanaaniterin“, Annibale Carracci „Christus und die Samariterin“ und Agostino Carracci „Christus und die Ehebrecherin“.
Am gegenständlichen Bild finde ich vor allem die starke Achse zwischen Jesus und der Frau spannend:
Die Frau ist zwar unten und Jesus steht über ihr. Aber psychologisch ist sie keineswegs klein. Sie schaut ihn an, hält ihm stand, argumentiert weiter. Ihre Beharrlichkeit bringt Bewegung in die Szene.
An dieser Stelle wird ein Buch von Wilhelm Bruners interessant:

Wilhelm Bruners: Wie Jesus glauben lernte (Verlag Herder, 2006)
Das Buch „Wie Jesus glauben lernte“ von Wilhelm Bruners zeichnet die Geschichte Jesu als eine Geschichte auch des Lernens – und so interpretiert er auch die Begegnung Christi mit der kanaanäischen Frau.
Diese steht in der Bibel nämlich zwischen den beiden Brotvermehrungen – der ersten, die sich von den Zahlen her an die 12 Stämme des Volkes Israel richtet, und der zweiten, die die ganze Welt, vertreten durch die sieben Heidenstämme, speist.
Jesus hat also, so Bruners, von der kanaanäischen Frau gelernt, dass nicht nur das eigene Volk zu versorgen sei, sondern auch die anderen – die Sammlung der Völker beginnt genau hier.
Eine Anmerkung: diese Stelle und ihre Positionierung lässt sich sehr schön mit der Parallelstelle im Markus-Evangelium auf dem Markusweg beim Haus der Stille nahe Graz erleben.
Gedanken zum Evangelium
Wir erleben hier keinen netten Jesus und nicht einmal einen kämpferischen, der die Dinge klarstellt, sondern einen einigermaßen schroffen, ja beleidigenden – ehe er völlig überraschend lernt.
Denn die Dinge scheinen klar: Seine Sendung ist es, die Juden „auf Kurs zu bringen“, „zu heilen“.
Aber die Frau bleibt scheinbar unberührt, schießt nicht dagegen und wird persönlich, sondern ist hartnäckig, erkennt Jesu Autorität an und bringt ihre Argumente. Ob Jesus sich mehr von den Argumenten oder von ihrer Hartnäckigkeit und Zuversicht überzeugen lässt, bleibt unklar – vermutlich ist es beides.
Auf jeden Fall öffnet sie damit eine neue Welt. Und eigentlich öffnet sie sie mit einer Bitte nicht für sich selbst, sondern für ihre Tochter.
Fragen, die man sich stellen kann
• Wo sehen in meinem Leben die Dinge zunächst klar aus und ich vertrete sie auch so bis an die Grenze der Unhöflichkeit oder darüber hinaus?
• Wie kann ich es schaffen, als Opfer von Herabsetzung die Fassung zu bewahren und mein Anliegen ruhig und beharrlich zu vertreten?
• Wie lerne ich immer wieder zu schauen, ob es nicht um etwas Größeres geht, als ich gerade denke?
• Was heißt das alles für mich in der gelebten Konsequenz? Wie setze ich es um?


