Schlagwort: Liebe

  • Alleine am Grab?

    Es war eine ganz schlichte Einsegnung heute auf dem wunderschönen Waldfriedhof in Hinterbrühl. Ungefähr einmal in der Woche finde hier ein Begräbnis statt, erzählte mir der Friedhofsverwalter Gerhard vor der Einsegnung.

    Als ich ankam, saß ein trauriger Mann, um die 70 Jahre alt, alleine auf der Holzbank vor der Aufbahrungshalle in der milden Herbstsonne. Ich sprach ihn an und stellte mich vor.

    Er erzählte mir, dass sein verstorbener Bruder 25 Jahre in Frankreich war und niemand zu ihm Kontakt hatte. Die fünf Kinder waren in einem Kloster und im SOS Kinderdorf aufgewachsen. Mutter und Vater waren früh verstorben. Er fragte mich, ob es öfter so sei, dass niemand mehr zur Beerdigung komme. Ich erzählte ihm, dass ich in den letzten Jahren manchmal auch alleine mit dem Verstorbenen am Grab war. Aber einer war immer dabei – Gott selbst. Und der wartet ganz geduldig und voller Liebe auf die Seele des verstorbenen Bruders, um sie ins Paradies zu begleiten.

    Es kamen dann noch ein jüngerer Bruder, den ich von einem schönen langen Vorgespräch bei ihm zuHause schon kannte und zwei unerwartete Jugend-Freunde aus dem Kinderdorf zur Einsegnung. Wir standen an dem großen Grab mit den Namen der vielen Mütter, die sich Jahrzehnte liebevoll um Waisen-Kinder gekümmert haben, und die Stimmung war ganz besonders hoffnungsfroh und gelöst. Die Mittagssonne vergoldete die in den schwarz-weiß gesprenkelten Marmor eingemeißelten Namen der verdienten Mütter.

    Ein Leben, das unter schwierigen Umständen gelebt wurde und am Ende eher ein Leiden als ein Freuen war, begann jetzt neu und voller Zuversicht in einem Himmel, vom dem niemand weiß, wie er aussieht und wo er liegt.

    Nach meiner kurzen Ansprache über das Leben des Verstorbenen und einem Text aus dem Johannes-Evangelium, der von Wohnungen spricht, die Christus für seine Jünger im Himmel vorbereitet und von seiner Wiederkehr, um uns zu sich zu holen, ergriff ganz spontan ein Jugendfreund das Wort.

    Er erzählte über den Verstorbenen als liebevollen Menschen, ausgezeichneten Schachspieler und Lebenskünstler. Und er sprach dabei so rührend und weise, dass diese Einsegnung zu den schönsten zählt, die ich begleiten durfte.

    Wir haben dann noch gemeinsam ein „Vater unser“ gebetet – inbrünstig, würdevoll, dankbar und beim Friedensgruß unter uns fünf sagten die Augen aller still und froh „Jetzt ist alles gut.“

    Dazu hat sicher auch das Team der Bestattung Mödling unter Begräbnisleiter Timeo beigetragen. Die vier Herren mit ihren traditionellen Hüten schulterten gekonnt und nach stimmiger Choreografie den Sarg und gaben der Einsegnung einen würdigen Rahmen, den alle Anwesenden als Ouvertüre zur Aufnahme in den Himmel erlebt haben. Der farbenfrohe Herbstwald rauschte dazu im Wind sein Gloria.

    Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden uns hinterbliebenen Menschen hier auf Erden.

    Im Namen des Vaters +
    und des Sohnes +
    und des Heiligens Geistes +

    Ruhe in Frieden!

    Amen.

  • Putin und Trump sind Brüder im Geiste

    Krieg als Werkzeug gegen Gott und die Liebe

    Beim Lesen der vielen klugen Interviews über die Hintergründe der weltweiten Krisen drängt sich mir eine Frage immer stärker auf. Noch wird sie, so scheint mir, zu leise gestellt:

    Lässt sich Krieg allein an den Gesichtern festmachen, die wir mit ihm verbinden? An Alexander dem Großen, der ab 334 v. Chr. das Perserreich eroberte; an Papst Innozenz III., der zum Albigenserkreuzzug aufrief, der 1209 gegen die Katharer in Südfrankreich begann; an Napoleon Bonaparte, der 1812 in Russland einmarschierte; oder an Adolf Hitler, der 1939 mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg in Europa entfesselte?

    Und heute: an Wladimir Putin, unter dessen Führung Russland 2014 die Krim militärisch besetzte und völkerrechtswidrig annektierte und 2022 den großangelegten Angriff auf die Ukraine begann; an Benjamin Netanjahu, unter dessen Regierung Israel im Juni 2025 den Iran angriff; und an Donald Trump, der mit der Bombardierung iranischer Atomanlagen in diesen Krieg eintrat und im Februar 2026 gemeinsam mit Netanjahu einen erneuten Krieg gegen den Iran eröffnete?

    Die historischen Umstände, das Ausmaß der Gewalt und die jeweilige Verantwortung unterscheiden sich. Diese Namen stehen nicht für gleichartige Verbrechen. Aber sie stehen für Entscheidungen, militärische Gewalt gegen andere einzusetzen und sie mit politischen, religiösen oder sicherheitspolitischen Zielen zu rechtfertigen. Die persönliche Verantwortung darf nicht hinter allgemeinen Erklärungen verschwinden. Doch reichen die Namen der Verantwortlichen aus, um zu verstehen, warum Menschen immer wieder Krieg führen?

    Wirkt hinter ihnen nicht auch die menschliche Hybris: jene Selbstüberhebung, die den eigenen Willen zum höchsten Maßstab macht und dafür bereit ist, das Leben anderer zu opfern? Beginnt dort ein Krieg gegen die Liebe — und damit gegen Gott?

    Wenn das Nein des anderen nicht mehr zählt

    Ein Unterschied ist noch kein Konflikt. Und ein Konflikt muss kein Krieg werden. Entscheidend ist, wie wir mit dem anderen und seinen Ansprüchen umgehen.

    „Ich will etwas, das mir nicht gehört.“ Dieser Wunsch kann zu einer friedlichen Vereinbarung führen. Der andere ist bereit, mir etwas zu überlassen; wir verständigen uns auf einen fairen Preis und schließen einen Vertrag. So entstehen Kauf, Miete oder Pacht. Beide Seiten können zustimmen. Beide dürfen Nein sagen.

    Gefährlich wird es dort, wo dieses Nein nicht mehr gilt. Wo aus einem Wunsch ein vermeintliches Recht wird und aus dem anderen ein Hindernis, das beseitigt werden soll. Bedrohung, Angst, Eitelkeit und verletzte Ehre können den Konflikt verschärfen. Macht soll dann erzwingen, was Verständigung nicht erreicht hat.

    Nicht jeder Krieg folgt diesem Muster. Auch Ideologien, Hass und das Streben nach Vorherrschaft treiben Menschen zur Gewalt. Und wer sich gegen einen Angriff verteidigt, trägt nicht dieselbe Verantwortung wie derjenige, der ihn begonnen hat. Doch die entscheidende Frage bleibt: Wird der andere noch als Mensch anerkannt, dessen Leben und Würde ebenso zählen wie die eigenen?

    Verrohung beginnt im Umgang miteinander

    Im Gespräch mit Florian Illies in der ZEIT beschreibt der Historiker Karl Schlögel einen Bruch, der sich nicht allein auf Schlachtfeldern zeigt. Auf die Frage nach den Ereignissen, die für ihn einen solchen Einschnitt bedeuteten, nennt er zunächst die Besetzung der Krim 2014 und die russische Invasion 2022. Dann sagt er:

    „Ein Einschlag war für mich aber auch die demonstrative Demütigung Selenskyjs im Oval Office durch Trump und seine Getreuen. Für mich war das die Aufkündigung all dessen, was man von den Traditionen der amerikanischen Republik kannte, ihren Manieren, ihren Ritualen, ihrer diplomatischen Kultur.“

    Für mich beschreibt das eine Verrohung im Auftreten der amerikanischen Staatsführung. Der Vertreter eines angegriffenen Landes wird öffentlich herabgesetzt. Zuhören, Respekt und diplomatische Formen verlieren ihren Wert, sobald der Mächtigere glaubt, sie nicht mehr nötig zu haben.

    Solche Formen sind keine bloße Verzierung der Politik. Sie können helfen, Konflikte auszuhalten, ohne den anderen zu erniedrigen. Wo die Demütigung zur Demonstration von Stärke wird, gerät etwas Grundlegendes ins Rutschen: die Anerkennung des Gegenübers als gleichwürdiger Mensch.

    Schlögel verbindet diese Beobachtung mit den territorialen Ansprüchen Trumps. Über dessen Wunsch, Grönland zu annektieren, und Putins Plan zur Unterwerfung der Ukraine sagt er:

    „Trump bestärkt Putin in dem Gefühl, dass der Bruch des Völkerrechts und der Einsatz militärischer Gewalt legitime Formen gegenwärtiger Außenpolitik sind.“

    Seine zugespitzte Schlussfolgerung lautet:

    „Putin und Trump sind Brüder im Geiste.“

    Mich beschäftigt daran die Haltung, die Schlögel beschreibt: Der eigene Machtanspruch soll bestimmen, was anderen zusteht. Das Recht des anderen wird zur Verhandlungsmasse. Seine Zustimmung erscheint entbehrlich.

    Wenn Menschen zu Zahlen werden

    Auch die Sprache kann diese Entwicklung unterstützen. Wer einen Krieg rechtfertigen will, nennt ihn vielleicht „Sonderoperation“, „Befreiungsfeldzug“ oder „Kreuzzug“. Solche Worte können Gewalt verschleiern und ihr einen höheren Sinn verleihen. Für die Menschen, deren Häuser zerstört werden und deren Angehörige sterben, ändert die Bezeichnung nichts.

    Die heutigen Technologien verschärfen die Gefahr durch die Distanz, die sie ermöglichen. Auch der unmittelbare Kampf war und ist grausam. Doch wenn zwischen Entscheidung und Zerstörung Bildschirme, Befehlsketten und große Entfernungen liegen, kann das Leiden der Betroffenen aus dem Blick geraten.

    Ein Mensch wird zum Ziel. Eine Familie zur Zahl. Ein bewohntes Haus zu einem Punkt auf einer Karte. Wer den Befehl gibt, muss den Blick der Menschen nicht sehen, deren Leben er zerstört.

    Diese Distanz ist technisch, räumlich und moralisch. Sie erleichtert es, Folgen auszublenden und Verantwortung weiterzureichen.

    Darunter leiden besonders jene, die den Krieg weder begonnen noch gewollt haben. Menschen, die friedlich leben möchten, geraten unter Beschuss, weil sie in einem bestimmten Gebiet wohnen. Ihre Staatsangehörigkeit macht sie jedoch nicht zu Schuldigen und nicht zu rechtmäßigen Zielen. Auch dort, wo Regierungen gewählt werden, trägt die Bevölkerung keine pauschale Schuld, die Gewalt gegen sie erlauben würde.

    Das humanitäre Völkerrecht soll Menschen schützen, die nicht oder nicht mehr an den Kämpfen teilnehmen. Dass es solche Regeln gibt, zeigt eine mühsam errungene Einsicht: Auch im Krieg darf nicht alles erlaubt sein. Kein politisches Ziel hebt die Würde eines Menschen auf.

    Die Liebe setzt der Macht eine Grenze

    Für mich führt diese Einsicht zurück zur Liebe. Liebe zeigt sich darin, dass ich dem anderen ein eigenes Lebensrecht zugestehe. Dass seine Angst mich berührt. Dass sein Nein Gewicht hat. Dass seine Kinder ebenso schutzwürdig sind wie meine.

    Liebe kann Widerstand verlangen: den Schutz der Bedrohten, das klare Benennen des Unrechts und die Begrenzung von Gewalt. Sie verlangt keine Wehrlosigkeit. Aber sie widerspricht der Vorstellung, Menschen dürften für die eigenen Ziele beliebig benutzt und geopfert werden.

    Vielleicht beginnt der Krieg gegen Gott genau dort: wo ein Mensch sich selbst an Gottes Stelle setzt und glaubt, über den Wert und das Lebensrecht anderer verfügen zu dürfen. Besonders erschreckend wird es, wenn dafür auch noch Gottes Name gebraucht wird. Ein religiös begründeter Machtanspruch wird nicht dadurch liebevoll, dass er sich heilig nennt.

    Schlögels Interview endet dennoch mit Hoffnung. Er erinnert daran, dass Europa sich aus scheinbar ausweglosen Situationen wieder aufgerichtet hat, und sagt:

    „Europa ist kein Museum.“

    Diese Hoffnung spricht mich an. Unsere Erfahrungen mit Krieg und Unrecht dürfen nicht bloß aufbewahrt werden. Sie müssen in unserem Handeln wirksam werden: im Schutz der Bedrohten, in verlässlichen Beziehungen, in der Bereitschaft zur Verständigung und im Mut, der Gewalt Grenzen zu setzen.

    Vielleicht beginnt Frieden dort, wo der andere wieder einen Namen bekommt, ein Gesicht und eine Geschichte. Wo wir ihm zuhören und seine Würde auch dann achten, wenn unsere Interessen einander widersprechen.

    Die Liebe löst nicht jeden Konflikt. Aber sie setzt unserem Willen zur Macht eine Grenze.

    Zitate: Karl Schlögel im Gespräch mit Florian Illies, „Die Erde wird neu vermessen“, DIE ZEIT Nr. 05/2026, aktualisiert am 28. Januar 2026.

  • Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war (2026)

    Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war (2026)

    Es war ein außergewöhnlich heißer Tag in Wien – knapp 40 °C. Da waren die eineinhalb Stunden im klimatisierten Kino zunächst einmal eine wohltuende Abkühlung. Doch auch der Film selbst wirkt kühl. Nicht distanziert, sondern ruhig, respektvoll und zurückhaltend.

    Sandra Hüller spielt Ingeborg Bachmann nicht. Sie ist vielmehr ihr respektvolles Double. Sie leiht ihr Stimme, Haltung und Präsenz, ohne den Versuch zu unternehmen, sie nachzuahmen. Gerade das macht für mich den besonderen Reiz dieser Dokumentation aus.

    Bei der Szene mit Max Frisch muss ich wohl kurz eingenickt sein – ich habe sie schlicht nicht wahrgenommen. Vielleicht war es die Hitze des Tages, vielleicht die ruhige Erzählweise des Films.

    Der Film zeigt nicht nur die außergewöhnliche Intellektualität Ingeborg Bachmanns, sondern auch ihre besondere Schönheit. Beides wird nie ausgestellt, sondern behutsam sichtbar gemacht.

    Ich habe mehrmals versucht, Werke von Ingeborg Bachmann zu lesen. Es ist mir jedoch nie gelungen, über längere Zeit bei ihren Texten zu bleiben. Immer wieder fand ich mich in einer Stimmung zwischen Traurigkeit, Empörung, Frustration und einer leisen Todessehnsucht wieder. Vielleicht sagt das ebenso viel über mich wie über ihre Literatur.

    Bemerkenswert fand ich das Ende des Films. Er endet nicht mit dem Tod Ingeborg Bachmanns, sondern mit einem Bild ihrer Kindheit – einem stillen, sehr schönen Moment, der den Menschen vor der Ikone zeigt. Dieses Ende hat mir gefallen. Es lässt nicht den Tod das letzte Wort haben, sondern die Erinnerung an einen Augenblick des Lebens.


    Eine liebe seit Jahren hochgeschätzte Freundin hat mir noch eine aufmerksame Beobachtung geschenkt: „Im Abspann wird im Bereich der Danksagungen und Rechtenachweise primär einer bestimmten Frau gedankt: Monika Albrecht. Gemeinsam mit Dirk Göttsche ist sie die Herausgeberin des „Todesarten“-Projekt-Nachlasses und der kritischen Editionen von Ingeborg Bachmanns Werken, auf denen der Film (inklusive des im Film von Sandra Hüller rezitierten Romanfragments „Gier“) maßgeblich basiert.“ Danke, mcD.

  • Tränen gehören zur Liebe

    Tagesgebet am Dienstag, 28.7.2026

    Gütiger Gott, durch das Wirken deiner Gnade schenkst du uns schon auf Erden den Anfang des ewigen Lebens. Vollende, was du in uns begonnen hast, und führe uns hin zu jenem Licht, in dem du selber wohnst. Darum bitten wir durch Jesus Christus.


    Lesung aus dem Buch Jeremia
    (Jer 14,17b–22)

    Meine Augen fließen über von Tränen bei Nacht und bei Tag und finden keine Ruhe. Denn einen großen Zusammenbruch erlitt die Jungfrau, die Tochter, mein Volk, eine unheilbare Wunde.

    Gehe ich aufs Feld hinaus – siehe: vom Schwert Durchbohrte! Komme ich in die Stadt – siehe: vom Hunger Gequälte! Ja, auch Prophet und Priester ziehen in ein Land, das sie nicht kennen.

    Hast du denn Juda ganz verworfen, wurde dir Zion zum Abscheu? Warum hast du uns so geschlagen, dass es für uns keine Heilung mehr gibt? Wir hofften auf Heil, doch kommt nichts Gutes, auf die Zeit der Heilung, doch siehe: nur Schrecken!

    Wir erkennen, HERR, unser Unrecht, die Schuld unserer Väter: Ja, wir haben gegen dich gesündigt. Um deines Namens willen verschmäh nicht, verstoß nicht den Thron deiner Herrlichkeit! Gedenke! Brich nicht deinen Bund mit uns!

    Gibt es etwa Regenspender unter den Götzen der Völker? Oder ist es der Himmel, der von selbst regnen lässt? Bist nicht du es, HERR, unser Gott? Wir setzen unsere Hoffnung auf dich; denn du hast dies alles gemacht.


    Impuls

    Tränen gehören zur Liebe.

    Jeremia verschweigt den Schmerz nicht. Er spricht von Tränen, von einer Wunde, die unheilbar scheint, und von der Sehnsucht nach Heilung. Wer einen geliebten Menschen verloren hat, kennt solche Worte. Manchmal fühlt es sich an, als wäre das eigene Leben aus den Fugen geraten.

    Auffallend ist: Jeremia klagt Gott nicht an. Er spricht mit Gott. Er hält seine Fragen, seine Verzweiflung und seine Hoffnung zugleich in Gottes Hände. Das ist Glaube: nicht auf alle Fragen eine Antwort zu haben, sondern auch mit den offenen Fragen bei Gott bleiben zu können.

    Der Tod beendet ein gemeinsames Leben auf dieser Erde. Die Liebe aber endet nicht. Was wir miteinander geteilt haben, bleibt Teil unseres Lebens. Dankbarkeit kann neben der Trauer wachsen. Hoffnung darf neben den Tränen ihren Platz finden.

    Vielleicht ist heute kein Tag für große Entscheidungen. Vielleicht genügt es, den nächsten kleinen Schritt zu gehen. Einen Menschen anzurufen. Eine Kerze anzuzünden. Den Namen des Verstorbenen auszusprechen. Oder einfach still vor Gott zu sitzen.

    Gott erschrickt nicht über unsere Tränen. Er bleibt an unserer Seite – und führt uns Schritt für Schritt zurück ins Leben.

  • Die Lilien auf dem Feld

    Am 3. Juni habe ich diese Seerose im Stephansdom fotografiert. Damals wusste ich noch nicht, warum sie mich so berührt.

    Heute lese ich im Sufi-Almanach: „Beklage nicht die Vergangenheit, sorge dich nicht um die Zukunft, sondern versuche, das Beste aus dem Heute zu machen.“ Sofort denke ich an Jesu Worte:

    „Schaut die Lilien auf dem Feld an … Selbst Salomo war in all seiner Herrlichkeit nicht gekleidet wie eine von ihnen.“ (Mt 6,28–29)

    Die Blume sorgt sich nicht um morgen. Sie öffnet sich einfach dem Licht.

    Und dann entdecke ich noch etwas: Ein Blütenblatt fällt leicht aus der vollkommenen Ordnung heraus. Vielleicht ist gerade das ihre besondere Schönheit. Nicht makellos. Sondern echt.

    Vielleicht liegt darin eine leise Botschaft Gottes:

    Zwischen perfekt sein und geliebt sein liegt ein großer Unterschied.

    Die Lilie muss nicht vollkommen sein. Sie ist schön, weil sie ist.

    Vielleicht dürfen auch wir heute einfach sein – im Vertrauen darauf, von Gott geliebt zu sein.

  • Todsünden und letzte Dinge

    Dieses Werk von Hieronymus Bosch, Die sieben Todsünden und die vier letzten Dinge (um 1500), gehört zu den eindrucksvollsten moralisch-theologischen Bildprogrammen der europäischen Kunstgeschichte.

    Auf den ersten Blick erinnert das Gemälde an ein gewaltiges Auge. Tatsächlich ist dies die zentrale Bildidee: Die Welt wird vom Blick Gottes durchdrungen. Im strahlenden Mittelpunkt erscheint Christus als der auferstandene Weltenrichter. Er erhebt seine rechte Hand zum Segen und zeigt zugleich die Wundmale seines Leidens. Um ihn breitet sich ein goldener Strahlenkranz aus, der das gesamte Bild zusammenhält. Darunter steht in lateinischer Sprache: „Cave, cave, Deus videt“ – „Hüte dich, hüte dich, Gott sieht.“

    Um dieses göttliche Auge entfaltet sich wie ein Rad des menschlichen Lebens die Darstellung der sieben Todsünden. Jede Szene zeigt keine außergewöhnlichen Verbrechen, sondern alltägliche Situationen: Stolz, Geiz, Wollust, Neid, Völlerei, Zorn und Trägheit erscheinen mitten im gewöhnlichen Leben. Bosch verzichtet auf abstrakte Symbole und erzählt stattdessen kleine Geschichten voller feiner Beobachtungen. Menschen streiten, prahlen, genießen maßlos, betrügen oder verschlafen ihre Berufung. Gerade diese Nähe zum Alltag macht die Darstellung bis heute so eindringlich.

    Die kreisförmige Anordnung lässt den Eindruck entstehen, als drehe sich das menschliche Leben unaufhörlich um dieselben Versuchungen. Jede Sünde scheint aus der vorhergehenden hervorzuwachsen. Das Auge Gottes in der Mitte bleibt dabei unbewegt – ruhig, wachsam und zugleich barmherzig.

    In den vier Ecken des Bildes befinden sich runde Medaillons mit den vier letzten Dingen des Menschen: links oben der Tod, rechts oben das Jüngste Gericht, links unten die Hölle und rechts unten die Herrlichkeit des Himmels. Sie bilden den äußeren Rahmen der menschlichen Existenz. Das tägliche Handeln erhält dadurch eine ewige Perspektive: Das Leben ist nicht bedeutungslos, sondern mündet in eine endgültige Begegnung mit Gott.

    Über und unter dem Hauptbild verlaufen Spruchbänder mit Bibelzitaten aus dem Buch Deuteronomium. Sie mahnen den Menschen, Weisheit zu suchen und sich nicht der Torheit hinzugeben. Das gesamte Gemälde wird dadurch zu einer großen Meditation über Freiheit und Verantwortung.

    Bosch malt keine Welt der Hoffnungslosigkeit. Sein Blick ist zwar unerbittlich ehrlich, aber nicht zynisch. Im Mittelpunkt steht nicht die Sünde, sondern Christus. Nicht das Böse beherrscht das Bild, sondern der auferstandene Herr, dessen Licht bis in die dunkelsten Winkel des menschlichen Lebens reicht. Gerade deshalb wirkt das Gemälde weniger wie eine Drohung als wie eine Einladung zur Umkehr – zu einem Leben, das sich nicht um die eigenen Begierden dreht, sondern um Gott, der den Menschen sieht, kennt und liebt.

    Hieronymus Bosch (um 1450–1516), eigentlich Jheronimus van Aken, zählt zu den bedeutendsten Malern der niederländischen Spätgotik und der frühen Renaissance. Er wurde in ’s-Hertogenbosch (Den Bosch) geboren und verbrachte dort nahezu sein gesamtes Leben. Bosch entstammte einer Malerfamilie und schloss sich 1488 der angesehenen Illustren Liebfrauenbruderschaft an, einer religiösen Gemeinschaft, deren Mitglieder aus den führenden Kreisen der Stadt stammten. Über sein persönliches Leben ist nur wenig bekannt, doch seine Werke machten ihn bereits zu Lebzeiten weit über seine Heimat hinaus berühmt. Seine Auftraggeber fanden sich im Hochadel und im Klerus; später wurde insbesondere König Philipp II. von Spanien zu einem der bedeutendsten Sammler seiner Gemälde.

    Bosch verband eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe mit einer einzigartigen Bildsprache. In seinen Gemälden verschmelzen Alltag, Symbolik und fantastische Wesen zu tiefgründigen Erzählungen über das menschliche Leben. Bis heute geben seine Bilder der Kunstgeschichte Rätsel auf und laden immer wieder zu neuen Deutungen ein. Viele Kunsthistoriker sehen in seinem Werk vor allem eine eindringliche Mahnung, das eigene Leben im Licht des Evangeliums zu betrachten – nicht aus Angst, sondern im Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.

  • Warum gibt es Leid?

    „Warum leidet der Unschuldige?
    Das ist eine große Frage, die schon Dostojewski gestellt hat:
    Warum leiden Kinder?
    Diese Frage stellen wir uns alle.“

    Papst Franziskus gibt darauf keine theoretische Antwort. Er verweist zunächst auf den gekreuzigten Christus: Wer nach dem Leid der Unschuldigen fragt, soll auf den Sohn Gottes am Kreuz schauen. Dann führt er den Gedanken weiter: Gott hat den Menschen als freies Wesen geschaffen. Er respektiert die menschliche Freiheit so sehr, dass er sie nicht einmal dann aufhebt, wenn Menschen Böses tun. Selbst das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz wurde nicht verhindert. Denn eine Welt ohne Freiheit wäre auch eine Welt ohne echte Liebe.

    „Und hier kommt die Liebe ins Spiel.
    Ohne Freiheit können wir nicht lieben.
    Denn Liebe setzt eine Wahl voraus.

    Die bedingungslose Liebe eines Vaters oder einer Mutter für ihr Kind und umgekehrt, die Liebe zwischen Eheleuten, zwischen Verlobten, die Liebe für das Leben und die Liebe zu den Menschen setzen alle eine Wahl voraus.

    Entweder ich liebe oder auch nicht. Oder ich hasse.

    Aber wenn ich nicht die freie Wahl hätte,
    könnte ich nicht lieben.“

    Papst Franziskus im Film „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ von Wim Wenders.

    Diese kurze Sequenz habe ich mit dem Handy vom Fernseher abgefilmt. Vermutlich nicht ganz legal – vermutlich aber ganz im Sinne von P. Franziskus und Wim Wenders.

    Trailer 2 Deutsch (1:31)
    Trailer Deutsch lang (6:13)

    Wikipedia über den Film


    Wie wurde ich auf den Film im Juni 2026 aufmerksam?

    Relativ egal, welche Zeitung ich gerade lese – überall taucht derzeit die Geschichte auf, dass Wim Wenders vor 50 Jahren eine Szene mit der damals 13-jährigen Nastassja Kinski gedreht hat. Heute habe ich gelesen, dass er sich dafür entschuldigt und den Film aus dem Verkehr gezogen hat. Tatsächlich ist „Falsche Bewegung“ zumindest auf Prime Video derzeit nicht mehr verfügbar.

    Die ZEIT: Kinski äußert sich zu Debatte um ihre Nacktszene in Wenders-Film

    Das hat mich neugierig auf Wim Wenders gemacht. Einige seiner Filme kannte ich bereits. Ein Projekt hatte ich allerdings nie verfolgt:

    „Nachdem das Büro von Wim Wenders 2013 einen Brief vom Vatikan mit der Anfrage erhalten hatte, ob Wenders Interesse an einem Film über Papst Franziskus habe, wurde nach detaillierter Abklärung der Bedingungen, unter denen das Projekt durchgeführt werden sollte, Anfang 2016 mit den Dreharbeiten begonnen.“

    So entstand der Film „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“, der 2018 in die Kinos kam.

    Ich hatte ihn damals nicht gesehen. Heute haben Yuliya und ich ihn ganz in Ruhe angesehen – und ich bin begeistert. Zu sehen sind Originalaufnahmen aus dem Leben des verstorbenen Papstes, von denen ich viele noch nie gesehen hatte. Mehrmals haben wir den Film angehalten und darüber gesprochen.

    Mit so viel Liebe, Kompetenz und dramaturgischem Einfühlungsvermögen zusammengestellt, dass daraus ein filmisches Meisterwerk geworden ist – und nicht die bloße Dokumentation, die ich erwartet hatte.

    Fast am Ende gibt es eine Szene, in der Papst Franziskus auf die berühmte Frage eingeht, warum es Leid gibt. Theoretisch ist die Antwort bekannt. Aber so warmherzig, menschlich und glaubwürdig habe ich sie noch nie gehört wie aus dem Mund von Franziskus in seiner Muttersprache.

    Ich konnte nicht anders und habe den kurzen Ausschnitt einfach mit dem Handy gefilmt.

  • Der Mythos vom perfekten Liebhaber

    Es gibt eine eigentümliche Figur unserer Gegenwart: den Mann, der überzeugt ist, ein guter Liebhaber zu sein.

    Er betritt keine Beziehung, er tritt auf. Seine Gewissheit speist sich aus Erfahrung, aus Geschichten, aus Filmen, aus den Bildern einer Kultur, die Sexualität gerne als Leistung versteht. Er weiß angeblich, was Frauen wollen. Er fragt nicht nach. Fragen würden Unsicherheit verraten. Stattdessen vertraut er auf Routinen, Techniken und die Vorstellung, dass Intimität vor allem eine Frage des Könnens sei.

    Doch gerade darin liegt oft das Missverständnis.

    Sexualität ist keine Sportart. Sie kennt keine objektive Wertung, keine Ranglisten und keine Medaillen. Wer sie dennoch als Prüfung begreift, verschiebt den Schwerpunkt von der Begegnung zur Selbstdarstellung. Aus dem Gegenüber wird ein Publikum. Aus Nähe wird Performance.

    Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von sexuellem Narzissmus. Gemeint ist nicht die Freude am eigenen Körper oder ein gesundes Selbstvertrauen. Gemeint ist eine Haltung, in der die eigene Leistung wichtiger wird als die gemeinsame Erfahrung. Der andere Mensch erscheint dann weniger als Partner denn als Bestätigung der eigenen Fähigkeiten.

    Das Paradoxe daran: Je stärker jemand davon überzeugt ist, bereits alles zu wissen, desto weniger offen bleibt er für das, was ihn tatsächlich interessieren müsste. Denn jeder Mensch ist anders. Was gestern richtig war, kann heute falsch sein. Was bei einer Partnerin Freude auslöst, kann bei einer anderen wirkungslos bleiben.

    Aufmerksamkeit als perfekte „Technik“

    Gute Liebhaber zeichnen sich daher nicht durch besondere Techniken aus. Ihre wichtigste Fähigkeit ist Aufmerksamkeit.

    Sie hören zu. Sie beobachten. Sie fragen. Und sie akzeptieren, dass Intimität kein Zustand vollendeter Meisterschaft ist, sondern ein fortlaufender Dialog.

    Auch Frauen tragen gelegentlich dazu bei, den Mythos des „Sexgotts“ aufrechtzuerhalten. Aus Höflichkeit, Rücksicht oder dem Wunsch, Konflikte zu vermeiden, wird Zustimmung signalisiert, wo eigentlich Korrektur hilfreich wäre. So entstehen gegenseitige Missverständnisse, die mit den Jahren den Charakter von Gewissheiten annehmen.

    Die Forschung zeigt seit Langem, dass die sexuelle Erfahrung von Männern und Frauen oft unterschiedlich verläuft. Männer erreichen beim heterosexuellen Geschlechtsverkehr im Durchschnitt deutlich häufiger einen Orgasmus als Frauen. Hinter dieser sogenannten „Orgasmuslücke“ stehen viele Faktoren. Einer davon ist die kulturelle Vorstellung, männliche Lust sei der eigentliche Motor sexueller Begegnungen, während weibliche Lust eher als Bestätigung des männlichen Erfolgs betrachtet wird.

    Lust ist kein Pokal, den man gewinnt.

    Vielleicht besteht die Reife einer sexuellen Beziehung gerade darin, den Gedanken der Leistung hinter sich zu lassen. Nicht zu fragen: „War ich gut?“ Sondern: „Sind wir uns begegnet?“

    Wer dazu bereit ist, wird möglicherweise weniger beeindruckend wirken als die Legenden der Männermagazine. Aber er wird der Wirklichkeit näher kommen.

    Und vielleicht liegt genau dort die eigentliche Kunst der Liebe: nicht im Wissen, sondern im Interesse am anderen Menschen.

    Die Illustrationen sind auf Basis des Textes mit KI erstellt.

  • Was rettet die Zukunft der Menschheit?

    Eine Gegenüberstellung scheinbar ähnlicher Positionen zweier Persönlichkeiten, recherchiert und editiert mit ChatGPT am 3.6.2026 von HRP.

    ThemaPeter ThielPapst Leo XIV
    Geboren1967, Frankfurt am Main1955, Chicago
    HerkunftDeutscher Emigrant in den USAUS-Amerikaner, Augustiner
    AusbildungPhilosophie, Stanford; JuristMathematik, Philosophie, Theologie
    Beruflicher WegUnternehmer, Investor, Mitgründer von PayPal, erster Investor bei FacebookOrdensmann, Missionar, Bischof, Kardinal, Papst
    GrundfrageWie verhindern wir den Niedergang der Zivilisation?Wie führen wir Menschen zu Gott und zueinander?
    MenschenbildMensch als schöpferisches Wesen, das Grenzen überwinden sollMensch als geliebtes Geschöpf Gottes
    Sicht auf TechnikZentrales Werkzeug der Erlösung von Leid und MangelWertvoll, aber dem Menschen dienend
    Sicht auf den TodFeind, der bekämpft werden sollFeind, der durch Christus überwunden wurde
    HoffnungFortschritt, Innovation, EntdeckungGnade, Auferstehung, Liebe
    Gefahr unserer ZeitStagnation und geistige ResignationVerlust von Beziehung, Sinn und Hoffnung
    FreiheitFreiheit zur Gestaltung der ZukunftFreiheit zur Liebe
    MachtNotwendiges Instrument zur GestaltungVerantwortung im Dienst anderer
    OrdnungVoraussetzung für FortschrittFrucht von Gerechtigkeit und Frieden
    KIGroße Chance, aber auch MachtfrageGroße Chance, aber ethisch gebunden
    ReligionChristentum als Quelle großer Wahrheiten; oft kulturkritischChristentum als lebendige Beziehung zu Christus
    LeitbildDer Unternehmer, Entdecker, InnovatorDer Hirte, Diener, Brückenbauer

    Peter Thiel:

    Der Mensch muss die Welt verändern, damit sie besser wird.

    Papst Leo XIV:

    Der Mensch muss sich von Gott verändern lassen, damit die Welt besser wird.

  • Mein Freund Barry – mehr als ein Familienfilm mit Hundeliebe

    „Mein Freund Barry“ – ein Film über Wachstum durch Beziehung

    Schweizer Bergwelt, Großartige Kulisse, Bernhardiner zum Verlieben – aber auch Weisheit und Philosophie fein in eine leise schöne Story verpackt.

    Es sind oft die stillen Filme, die länger nachwirken. Mein Freund Barry, ein Schweizer Film von Markus Welter, gehört dazu. Er erzählt die Geschichte einer Beziehung zwischen dem Berhardiner Barry und dem Waisenkind Georg aus der Zeit um 1800, während der Napoleonischen Kriege – und findet darin eine überraschende Aktualität.

    Der etwa zwölfjährige Georg (eindringlich gespielt von Paco von Wyss) ist mit seinem älteren Bruder auf der Flucht. Auf dem Weg über den Großen St. Bernhardpass bleibt er erschöpft zurück und wird im Hospiz eines Klosters aufgenommen. Der Bruder zieht weiter – Georg bleibt. Es ist der Beginn einer Entwicklung, die weniger durch äußere Ereignisse als durch Beziehungen geprägt ist.

    Das im Film gezeigte Hospiz ist keine exakte historische Abbildung, doch man kann sich gut vorstellen, dass es damals so ausgesehen hat. Die Lebensbedingungen wirken real: karg, streng, vom Rhythmus der Natur bestimmt. Gedreht wurde unter anderem am Simplonpass und im Tessin – Landschaften, die nicht nur Kulisse sind, sondern eine eigene erzählerische Kraft entfalten. Die Alpen erscheinen hier in ihrer ganzen Ambivalenz: als Bedrohung und als Schönheit zugleich.

    Im Wirtschaftsbetrieb des Klosters entdeckt Georg eine Bernhardinerhündin mit ihrem Wurf. Einer der Welpen ist schwach, bereits aufgegeben. Georg nimmt ihn heimlich an sich – und rettet ihn. Barry würde ohne ihn sterben. Diese erste Bewegung – Leben entsteht durch Zuwendung – trägt den gesamten Film.

    Doch sie bleibt nicht einseitig. Georg selbst wird aufgepäppelt: durch Resi (Alma Büchenbacher), die ihm nicht nur körperlich hilft, sondern ihn innerlich öffnet. Sie bringt ihm das Lesen bei. Der Retter wird selbst gerettet – leise, fast unmerklich.

    Die eigentliche Spannung entsteht im Kloster. Georg wird von den älteren Novizen schikaniert, besonders von Celestin (Mael Gallati), dem Sohn eines wohlhabenden Gönners. Seine Arroganz ist jedoch weniger Überheblichkeit als verletzte Unsicherheit. In einem bemerkenswert ehrlichen Moment sagt er zu Georg: „Seit du da bist, leuchten alle hier.“ Es ist ein Satz, der Bewunderung und Verlust zugleich ausdrückt – und in dem unausgesprochen mitschwingt: Und mich sieht niemand mehr.

    Der Film vertraut darauf, dass sich Menschen verändern können. Nicht durch Strenge, sondern durch Beziehung. Als Georg und Celestin in den Bergen von einer Lawine überrascht werden, ist es Georgs Mut, der beide rettet. Aus dem Gegner wird ein Verbündeter. Aus Neid wird Anerkennung.

    Eine der stärksten Szenen spielt sich jedoch nicht im Schnee, sondern im Inneren des Klosters ab. Georg widerspricht dem Prior Anselm (Ulrich Tukur). Nicht trotzig, sondern aus Überzeugung:

    „Die Natur hat nicht immer recht. Manchmal dürfen wir dem Schwachen aus Liebe auch beistehen.“

    Der Prior gibt ihm recht. Es ist ein stiller, fast unspektakulärer Moment – und doch der geistige Mittelpunkt des Films. Hier wird deutlich: Ordnung ist nicht das Gegenteil von Liebe. Sie wird durch sie erst erfüllt.

    Nicht alles hält dieses Niveau. Einzelne Szenen – etwa eine überzeichnete Passage im Eis – wirken zu spektakulär und brechen die ansonsten ruhige Erzählweise. Man kann sie als symbolische Verdichtung lesen, als Andeutung eines Heilungsprozesses. Doch sie bleiben stilistisch fremd.

    Und dennoch: Mein Freund Barry ist ein Film, der sich nicht anbiedert. Er vertraut auf Langsamkeit, auf Präsenz, auf Gesichter. Die beiden jungen Hauptdarsteller tragen ihn mit einer bemerkenswerten Klarheit: unaufdringlich, wach, stellenweise von einer fast schwer erklärbaren inneren Helligkeit.

    Am Ende bleibt keine große Botschaft, sondern eine leise Gewissheit:

    Dass Rettung nicht aus Stärke entsteht.
    Sondern aus Beziehung.

    Urteil: 8 von 10.