Der Mythos vom perfekten Liebhaber

Es gibt eine eigentümliche Figur unserer Gegenwart: den Mann, der überzeugt ist, ein guter Liebhaber zu sein.

Er betritt keine Beziehung, er tritt auf. Seine Gewissheit speist sich aus Erfahrung, aus Geschichten, aus Filmen, aus den Bildern einer Kultur, die Sexualität gerne als Leistung versteht. Er weiß angeblich, was Frauen wollen. Er fragt nicht nach. Fragen würden Unsicherheit verraten. Stattdessen vertraut er auf Routinen, Techniken und die Vorstellung, dass Intimität vor allem eine Frage des Könnens sei.

Doch gerade darin liegt oft das Missverständnis.

Sexualität ist keine Sportart. Sie kennt keine objektive Wertung, keine Ranglisten und keine Medaillen. Wer sie dennoch als Prüfung begreift, verschiebt den Schwerpunkt von der Begegnung zur Selbstdarstellung. Aus dem Gegenüber wird ein Publikum. Aus Nähe wird Performance.

Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von sexuellem Narzissmus. Gemeint ist nicht die Freude am eigenen Körper oder ein gesundes Selbstvertrauen. Gemeint ist eine Haltung, in der die eigene Leistung wichtiger wird als die gemeinsame Erfahrung. Der andere Mensch erscheint dann weniger als Partner denn als Bestätigung der eigenen Fähigkeiten.

Das Paradoxe daran: Je stärker jemand davon überzeugt ist, bereits alles zu wissen, desto weniger offen bleibt er für das, was ihn tatsächlich interessieren müsste. Denn jeder Mensch ist anders. Was gestern richtig war, kann heute falsch sein. Was bei einer Partnerin Freude auslöst, kann bei einer anderen wirkungslos bleiben.

Aufmerksamkeit als perfekte „Technik“

Gute Liebhaber zeichnen sich daher nicht durch besondere Techniken aus. Ihre wichtigste Fähigkeit ist Aufmerksamkeit.

Sie hören zu. Sie beobachten. Sie fragen. Und sie akzeptieren, dass Intimität kein Zustand vollendeter Meisterschaft ist, sondern ein fortlaufender Dialog.

Auch Frauen tragen gelegentlich dazu bei, den Mythos des „Sexgotts“ aufrechtzuerhalten. Aus Höflichkeit, Rücksicht oder dem Wunsch, Konflikte zu vermeiden, wird Zustimmung signalisiert, wo eigentlich Korrektur hilfreich wäre. So entstehen gegenseitige Missverständnisse, die mit den Jahren den Charakter von Gewissheiten annehmen.

Die Forschung zeigt seit Langem, dass die sexuelle Erfahrung von Männern und Frauen oft unterschiedlich verläuft. Männer erreichen beim heterosexuellen Geschlechtsverkehr im Durchschnitt deutlich häufiger einen Orgasmus als Frauen. Hinter dieser sogenannten „Orgasmuslücke“ stehen viele Faktoren. Einer davon ist die kulturelle Vorstellung, männliche Lust sei der eigentliche Motor sexueller Begegnungen, während weibliche Lust eher als Bestätigung des männlichen Erfolgs betrachtet wird.

Lust ist kein Pokal, den man gewinnt.

Vielleicht besteht die Reife einer sexuellen Beziehung gerade darin, den Gedanken der Leistung hinter sich zu lassen. Nicht zu fragen: „War ich gut?“ Sondern: „Sind wir uns begegnet?“

Wer dazu bereit ist, wird möglicherweise weniger beeindruckend wirken als die Legenden der Männermagazine. Aber er wird der Wirklichkeit näher kommen.

Und vielleicht liegt genau dort die eigentliche Kunst der Liebe: nicht im Wissen, sondern im Interesse am anderen Menschen.

Die Illustrationen sind auf Basis des Textes mit KI erstellt.

Zwischen Weihrauch und Algorithmus

Firmung im alten Ritus, Enzyklika mit KI gelesen

Heute vormittag durfte ich mein Patenkind Augustin in der barocken Pfarrkirche von Katzelsdorf an der Leitha zur Firmung begleiten. Firmspender war der Apostolische Nuntius in Österreich, Erzbischof Pedro López Quintana. Die Feier erfolgte im außerordentlichen Römischen Ritus nach den liturgischen Büchern von 1962. Es war ein wunderbares Fest.

Der Heilige Geist war spürbar.

Wer nie eine solche Liturgie erlebt hat, verbindet mit dem „alten Ritus“ oft Distanz, Strenge oder nostalgische Rückwärtsgewandtheit. Ich habe heute das Gegenteil erlebt. Ruhe. Schönheit. Konzentration. Weihrauch, Latein, die Harmonie von Orgel, Geige und einfachen Litaneien im gregorianischen Stil – und eine erstaunliche Ernsthaftigkeit der Menschen — gerade auch der jungen.

Nach der Feier bereitete die Pfarrgemeinde mit großer Herzlichkeit eine Agape im Hof hinter der Kirche vor. Ich konnte mit vielen Menschen sprechen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, und war beeindruckt von der Nähe, Wärme und Selbstverständlichkeit, mit der hier gefeiert wurde. Keine Inszenierung. Kein Eventcharakter. Sondern Freude, Glaube und Gemeinschaft.

Anschließend fuhren wir noch ins Schweizerhaus und aßen dort die traditionelle Stelze. Auch Teddy bekam eine kleine Portion — selbstverständlich ohne Kruste. Er liebt alles, was Menschen essen, völlig unabhängig davon, was es ist.

Am späten Nachmittag begann dann ein völlig anderer Teil dieses Tages.

Ich las die neue Enzyklika Magnifica Humanitas von Papst Leo XIV.
Oder genauer gesagt: Ich las sie gemeinsam mit einer Künstlichen Intelligenz.

Der vollständige Text umfasst 245 nummerierte Abschnitte und mehrere hunderttausend Zeichen — eine dichte Mischung aus Theologie, Soziallehre, Philosophie, Politik, Wirtschaft, Technikethik und geistlicher Reflexion. Ein geübter Schnellleser würde vermutlich sechs bis acht Stunden benötigen, um den Text vollständig zu lesen. Um ihn wirklich geistig zu durchdringen, wahrscheinlich deutlich länger.

Ich habe einen anderen Weg gewählt.

Ich lud den vollständigen Text in ein KI-System und beschäftigte mich dann etwa zwei Stunden lang intensiv damit — lesend, fragend, diskutierend, reflektierend. Dabei stellte ich der Maschine drei Fragen:

  • Was ist die Kernbotschaft dieser Enzyklika für mich persönlich?
  • Was will der Papst den Mächtigen dieser Welt sagen?
  • Und was wäre anders, wenn die Menschen diese Enzyklika wirklich lesen und verstehen würden?

Das Überraschende war nicht die Technik.
Das Überraschende war, wie menschlich die Antworten wurden.

Denn diese Enzyklika ist kein Text gegen Künstliche Intelligenz. Sie ist ein Text gegen die Entmenschlichung des Menschen.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Papst Leo XIV. schreibt nicht wie ein kulturpessimistischer Mahner, der die digitale Welt verteufelt. Er anerkennt ausdrücklich die Größe menschlicher Technik. Die Entwicklung von Wissenschaft, Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz wird nicht als dämonische Bedrohung beschrieben, sondern als Ausdruck menschlicher Kreativität. Gleichzeitig zieht sich durch den gesamten Text eine tiefe Sorge: dass der Mensch beginnen könnte, seine eigene Würde zu vergessen.

Die eigentliche Gefahr ist für diese Enzyklika nicht die Maschine.
Die eigentliche Gefahr ist ein Mensch, der nur noch in Kategorien von Leistung, Kontrolle, Effizienz und Macht denkt.

Leo XIV. verwendet dafür zwei starke biblische Bilder: Babel und Jerusalem.

Der Turmbau zu Babel steht für eine Menschheit, die technisch immer mächtiger wird, aber innerlich die Orientierung verliert. Menschen sprechen zwar dieselbe Sprache, verstehen einander aber nicht mehr. Vielfalt wird zur Bedrohung. Unterschiede werden eingeebnet. Alles soll berechenbar, steuerbar und effizient werden. Der Mensch baut einen Turm, um „wie Gott“ zu sein — und verliert dabei sein eigenes Gesicht.

Dem gegenüber steht das Bild des Wiederaufbaus Jerusalems im Buch Nehemia. Dort entsteht Gemeinschaft nicht durch Zentralisierung von Macht, sondern durch gemeinsame Verantwortung. Jeder baut an seinem Teil der Mauer. Unterschiedliche Menschen wirken zusammen. Nicht Gleichförmigkeit schafft Einheit, sondern Beziehung.

Man muss kein Theologe sein, um zu erkennen, wie aktuell dieses Bild geworden ist.

Wir leben in einer Zeit, in der Algorithmen bestimmen, was Menschen sehen, fühlen und glauben. Aufmerksamkeit wird zur Ware. Wahrheit wird relativiert. Die mächtigsten technologischen Systeme der Geschichte befinden sich nicht mehr primär in den Händen demokratischer Staaten, sondern privater Konzerne. Künstliche Intelligenz beginnt Entscheidungen vorzubereiten, die früher Menschen getroffen haben: medizinische Diagnosen, Kreditvergaben, Bewerbungen, militärische Analysen, politische Kommunikation.

Und gleichzeitig wächst weltweit das Gefühl vieler Menschen, austauschbar geworden zu sein.

Genau hier setzt die Enzyklika an.

Sie erinnert daran, dass der Wert eines Menschen niemals von seiner Leistungsfähigkeit abhängen darf. Nicht Produktivität verleiht Würde. Nicht Erfolg. Nicht Sichtbarkeit. Nicht digitale Reichweite. Die Würde des Menschen ist aus christlicher Sicht unverlierbar, weil sie dem Menschen von Gott zukommt und nicht vom Markt.

Das klingt zunächst selbstverständlich. In Wahrheit ist es revolutionär.

Denn die digitale Welt bewertet ständig. Sie misst, sortiert, priorisiert, klassifiziert und optimiert. Die Logik moderner Systeme lautet fast immer: schneller, effizienter, profitabler, skalierbarer. Der Mensch gerät dabei leicht in Versuchung, sich selbst ebenfalls nur noch unter diesen Kriterien zu betrachten.

Die Enzyklika stellt sich diesem Denken mit bemerkenswerter Klarheit entgegen.

Vielleicht ist das sogar ihre eigentliche Botschaft:
Der Mensch darf die Technik verwenden. Aber er darf sich nicht selbst technisch verstehen lernen.

Mich persönlich hat beim Lesen vor allem ein Gedanke bewegt: Die Kirche verteidigt hier nicht einfach Tradition gegen Moderne. Sie verteidigt das Menschliche gegen seine Reduktion.

Das hat auch mit meinem eigenen Leben zu tun. Ich arbeite intensiv mit Künstlicher Intelligenz. Ich verwende sie zum Schreiben, Strukturieren, Nachdenken, Analysieren und Reflektieren. Gerade deshalb hat mich diese Enzyklika berührt. Denn sie zwingt zur ehrlichen Frage: Wozu verwende ich diese Macht eigentlich?

Um Menschen besser zu verstehen?
Oder um sie effizienter zu beeinflussen?

Um Wahrheit klarer zu formulieren?
Oder um Aufmerksamkeit zu erzeugen?

Um Beziehungen zu vertiefen?
Oder um mich selbst wichtiger zu machen?

Natürlich hätte das vollständige, langsame Lesen des gesamten Dokuments einen großen Wert gehabt. Ich hätte jede Argumentationslinie im Detail nachvollziehen, alle theologischen Nuancen erfassen und die Entwicklung der kirchlichen Soziallehre genauer studieren können.

Doch meine Form des Lesens hatte einen anderen Vorteil.

Ich habe die Enzyklika nicht archiviert, sondern dialogisch verarbeitet. Die KI wurde dabei nicht zum Ersatz meines Denkens, sondern zu einer Art Spiegel, Verstärker und Strukturierungshilfe. Statt mich in hunderten Absätzen zu verlieren, musste ich sofort entscheiden: Was berührt mich wirklich? Welche Frage ist wesentlich? Was davon betrifft konkret mein eigenes Leben?

Vielleicht liegt gerade darin eine der Chancen von KI: nicht weniger tief zu denken, sondern schneller zu den wirklich existenziellen Fragen vorzudringen.

Die Enzyklika fordert keine Maschinenverbote. Sie ruft auch nicht nostalgisch zur Rückkehr in eine vorindustrielle Welt auf. Im Gegenteil: Leo XIV. schreibt ausdrücklich, dass Technik heilen, verbinden, bilden und schützen kann. Aber er verlangt etwas, das heute fast altmodisch wirkt: Verantwortung.

Vor allem Verantwortung der Mächtigen.

Der Papst richtet sich deutlich an politische und wirtschaftliche Eliten. Er warnt vor einer technologischen Macht, die sich demokratischer Kontrolle entzieht. Er spricht über Waffen und KI, über digitale Manipulation, über wirtschaftliche Konzentration und über die Gefahr einer Kultur, in der Profit wichtiger wird als Menschen.

Seine Antwort darauf ist bemerkenswert unideologisch.
Nicht Revolution. Nicht Klassenkampf. Nicht Technikfeindlichkeit.

Sondern etwas viel Anspruchsvolleres: eine „Zivilisation der Liebe“.

Dieser Ausdruck klingt zunächst weich. Tatsächlich ist er radikal. Denn eine Zivilisation der Liebe würde bedeuten, dass politische, wirtschaftliche und technologische Entscheidungen nicht primär nach Macht, Gewinn oder ideologischer Kontrolle getroffen werden, sondern danach, ob sie dem Menschen dienen.

Vielleicht würden wir langsamer entscheiden.
Vielleicht würden wir wieder lernen zuzuhören.
Vielleicht würde Wahrheit wichtiger als Empörung.
Vielleicht würden Kinder nicht mehr von Algorithmen erzogen.
Vielleicht würde Arbeit wieder dem Menschen dienen und nicht umgekehrt.
Vielleicht würden wir technische Intelligenz entwickeln, ohne menschliche Weisheit zu verlieren.

Und vielleicht würden wir begreifen, dass die entscheidende Zukunftsfrage nicht lautet:

Wie intelligent werden Maschinen?

Sondern:

Wie menschlich bleiben wir selbst?

Der Originaltext der Enzyklika in Deutsch ist hier vollständig abrufbar.
https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html

Neujahrskonzert 2026

Ein Kommentar von Harald R. Preyer
Wien, 4.1.2026

Ob die Wiener Philharmoniker besser spielen, wenn sie ausschließlich aus ihrer eigenen Tradition heraus musizieren, oder wenn sie von einem internationalen Stardirigenten geprägt werden, mögen andere beurteilen, die von Musik mehr verstehen. Für mich war dieses Konzert erfrischend, beschwingt und sehr in unserer Zeit. Das Neujahrskonzert war heuer anders – und ich fand es wohltuend anders.

Unmittelbar vor dem Konzert zeigte der ORF eine Dokumentation über Yannick Nézet-Séguin. Sie hat mich beeindruckt – vor allem, weil sie ihn und seinen Partner als selbstverständliches, charmantes Musikerpaar porträtierte. Ein Dirigent, den man mögen kann, weil er Menschen mag.

Mein persönliches Highlight war der Pausenfilm: wunderbare Musik, gespielt von hervorragenden Musikerinnen und Musikern, an einigen der schönsten Orte unserer Stadt – im Innenhof des Deutschen Ordens, in der Sala Terrena und in der Belletage der Albertina.
Kein Wunder, dass hunderte Millionen Menschen weltweit Wien als Hauptstadt der Musik sehen wollen. Und ja, das tut auch unserer Wirtschaft gut.

Vielleicht geht von diesem Konzert aber noch ein anderer Impuls aus:
Hauptstadt der Welt zu sein, muss nicht bedeuten, am roten Knopf zu sitzen, der Zerstörung auslösen könnte. Es kann auch heißen, das Schöne, Edle und Wahre zu kultivieren, zu bewahren und behutsam in eine moderne Zeit zu führen.

Wenn es etwas kritisch anzumerken gibt, dann die Esterházy-Schnitte im Bild. Sie hat meine Neujahrsvorsätze bereits am ersten Tag auf eine ernste Probe gestellt.

Die ORF-Gebühr finde ich fair. Sie hat sich für mich schon am 1. Jänner amortisiert. Ein Ticket für zwei zum Neujahrskonzert kostet ein Vielfaches – sofern man überhaupt eines bekäme.


Harald R. Preyer ist Autor und freier Journalist für Zeitgeistiges. Er verfasst regelmäßig Gastkommentare für DIE ZEIT, Hamburg und DIE PRESSE, Wien.
Als christlicher Einsegner und Lektor im Wiener Stephansdom gibt er Impulse zur Schönheit des Lebens durch Liebe und Dankbarkeit.

Alle Fotos sind Screenshots der ORF Übertragung in mehr als 150 Länder der Welt .


Einen ausführlichen Kommentar in der Presse hat Wilhelm Sinkovicz verfasst. Ich habe die Kommentare dazu hier ausgewertet:

Zusammenfassung und Auswertung

(Neujahrskonzert 2026 – „Rock Me Schani Strauß“)

Kernaussage des Artikels
Das Neujahrskonzert 2026 unter Yannick Nézet-Séguin war ein bewusster Balanceakt: äußerlich verspielt, ja karnevalesk, musikalisch jedoch überraschend poetisch, leise und differenziert. Trotz Showmomenten – bis hin zum Gang des Dirigenten ins Publikum beim Radetzkymarsch – blieb der Klang der Wiener Philharmoniker weitgehend frei von Effekthascherei.


1. Inszenierung vs. Musik

  • Inszenierung: Stark präsent, publikumsnah, medienaffin. Traditionelle Hörer:innen dürften irritiert gewesen sein; das Saalpublikum reagierte mit Jubel.
  • Musik: Entgegen der Show wirkte die musikalische Gestaltung dezent, kultiviert, dynamisch fein abgestuft. Auffällig: ein Beginn im Pianissimo, viel Gewicht auf zarte Übergänge und leise Farben.

Bewertung: Die äußere Lautstärke stand im Kontrast zur inneren Zurückhaltung – ein spannungsreiches Nebeneinander.


2. Klangbild und Stil

  • Kaum Brachialität, wenig „auftrumpfendes“ Forte
  • Leise Passagen federleicht, subtil phrasiert
  • Im Forte gelegentlich leichte Klangverdichtung – möglicherweise Ausdruck noch nicht vollendeter Vertrautheit zwischen Dirigent und Orchester

Bewertung: Ein bewusst „unheroischer“ Philharmoniker-Klang – ungewohnt, aber schlüssig.


3. Programmatische Handschrift

  • Walzer-Strategie: Auffällige Walzervermeidung – abgesehen von „Rosen aus dem Süden“ und dem Donauwalzer.
  • Fokus auf Galoppe, Polkas, Märsche – rhythmisch weniger heikel als der große Wiener Walzer.
  • Klare dramaturgische Entscheidungen, die Vergleiche mit legendären Vorgängern (Kleiber, Karajan, Boskovsky) elegant umgehen.

Bewertung: Klug kuratiert, selbstbewusst, ohne Überbietungsanspruch.


4. Repertoire-Erweiterung

  • Werke von Komponistinnen (Florence Price, Josefine Weinlich) als bewusstes Signal
  • Historische Exotismen (Joseph Lanners „Malapou“-Galopp) mit Humor und Reflexion präsentiert
  • Josef Strauß’ „Friedenspalmen“ als ernsthafte, ruhige Schlussbotschaft

Bewertung: Inhaltlich weitblickend, musikalisch unterschiedlich überzeugend, aber konsequent gedacht.


5. Gesamturteil

Dieses Neujahrskonzert war nicht „das beste aller Zeiten“, aber eines der eigenständigsten der letzten Jahre.
Es war:

  • weniger monumental,
  • weniger „wienerisch“ im nostalgischen Sinn,
  • dafür heutig, transparent, kommunikativ.

Oder zugespitzt formuliert:

Mehr Poesie als Pathos. Mehr Beziehung als Pose.

Dass darüber leidenschaftlich gestritten wird, ist kein Mangel – sondern ein Zeichen von Relevanz.

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Est Europa nunc unita

Ein ökumenischer Abend für den Frieden in Europa im Wiener Stephansdom

Der Stephansdom war gut besucht an diesem Freitagabend, dem 9. Mai 2025 um 18:00 Uhr – genau 75 Jahre nachdem Robert Schuman seine berühmte Rede hielt, die in weiterer Folge zur Gründung der Europäischen Union führte. Während die reguläre Heilige Messe in der Unterkirche gefeiert wurde, versammelten sich in der Oberkirche mehr als tausend Menschen zu einem besonderen ökumenischen Gottesdienst anlässlich 75 Jahre Schuman-Erklärung – einem Meilenstein europäischer Friedensgeschichte.

Vor einem Jahr wurden Peter Roland und Harald Preyer von der Kandidatin zum Europa Parlament Valeria Foglar-Deinhardstein zu einer Kundgebung rundum die Europa-Wahl 2024 am Stephansplatz eingeladen. Damals entstand die Idee für diesen Ökumenischen Europa Gottesdienst. Martin Essl hat dann den Longfieldchor unter Georg Weilguny dafür begeistert und die Feier ermöglicht.

Dompfarrer Toni Faber als Gastgeber und Superintendent Matthias Geist gestalteten gemeinsam einen liturgischen Rahmen, der sowohl der Würde des Ortes als auch der Aktualität des Anliegens gerecht wurde. Beide Priester begrüßten gemeinsam, sprachen die Fürbitten abwechselnd und spendeten gemeinsam den aaronitischen Segen. Gelebte Ökumene in der Liturgie.

Peter Roland, selbst Zeitzeuge (und Autor der lateinischen Hymne im Jahr 2003 gemeinsam mit Peter Diem), schilderte bewegend seine Erinnerungen an die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs. „Die Europäische Union ist das größte Friedensprojekt aller Zeiten – und nur möglich, weil sie auf christlichen Prinzipien gründet“, sagte er sinngemäß.

Generalsekretär Nikolaus Marschik vom Außenministerium in Vertretung von Frau Bundesministerin Beate Meinl-Reisinger (Ehrenschutz) hob die heutige Bedeutung Europas als Friedensgarant hervor – in einer Zeit, in der diese Werte keineswegs selbstverständlich sind. Auch etliche Mitglieder des diplomatischen Corps haben den Gottesdienst genossen.

Harald Preyer trug ein Friedensgedicht vor, das auf dem Europagebet von Kardinal Carlo Maria Martini basiert – eine Brücke zwischen Spiritualität und politischer Vision.

Der LONGFIELD GOSPEL Chor mit über 200 Sängerinnen unter der Leitung von Georg Weilguny verlieh dem Abend seine emotionale Kraft. Schon während der Gospel-Messe erfüllten Dynamik, Bewegung, Freude, Lachen und feierliche Ernsthaftigkeit das volle Kirchenschiff. Als die lateinische Europahymne erklang – erst vom Chor gesungen, dann von allen gemeinsam stehend und mit Inbrunst wiederholt – war der Dom erfüllt von einem vielstimmigen Bekenntnis: „Est Europa nunc unita – et unita maneat!“

Ein Handyvideo von Johannes Maria Lex fängt den Beginn dieses berührenden Moments ein – ein herzliches Lachen und der Klang von über tausend Stimmen für unsere größere Heimat: EUROPA.

Est Europa nunc unita – der lateinische Text der Europahymne.

Begleitheft zum Ökumenischen Europa Gottesdienst.

Herzlichen Dank den vielen lieben Menschen, die diesen Abend und den Gottesdienst möglich gemacht haben!

Die Fotos in diesem Beitrag kommen von David Friesacher und Robert Hailwax. Vielen herzlichen Dank dafür.

Glücklich sein durch Dankbarkeit

Zusammenfassung des TED Talks: „Glücklich werden durch Dankbarkeit“ von David Steindl-Rast

Alle Menschen – egal woher sie kommen – haben eines gemeinsam: den Wunsch, glücklich zu sein. Doch was ist der Weg dorthin? Bruder David Steindl-Rast, Benediktinermönch und spiritueller Lehrer, widerspricht einer weit verbreiteten Annahme: Nicht Glück führt zur Dankbarkeit – sondern Dankbarkeit führt zum Glück.

Er beobachtet, dass viele Menschen trotz Wohlstand unglücklich sind, während andere unter schwierigsten Umständen tiefe Freude ausstrahlen. Der Schlüssel dazu ist die Fähigkeit, das Leben als Geschenk zu sehen. Dankbarkeit entsteht, wenn zwei Dinge zusammentreffen: Wir erhalten etwas Wertvolles – und zwar unverdient. Es wird uns geschenkt. In solchen Momenten empfinden wir echte Dankbarkeit – und spüren inneres Glück.

Bruder David lädt uns ein, nicht nur gelegentlich dankbar zu sein, sondern ein dankbares Leben zu führen. Das bedeutet, jeden Moment als Geschenk zu erkennen – auch die schwierigen. Nicht alles ist dankenswert (z. B. Krieg, Verlust), doch in jedem Moment liegt eine neue Chance, sinnvoll zu reagieren. Auch Schmerz kann Gelegenheit sein: zu wachsen, sich zu engagieren, Geduld zu üben, das Gute zu suchen.

Sein einfacher, praktischer Ratschlag lautet:
„Stop – Look – Go“ (Stehen – Sehen – Gehen)
Wir sollen innehalten, bewusst wahrnehmen und dann handeln – aus Dankbarkeit heraus. Selbst kleine Rituale (z. B. Aufkleber auf dem Lichtschalter) können uns erinnern, wie viel wir geschenkt bekommen.

Bruder David sieht in dieser Haltung eine friedliche Revolution: Dankbare Menschen haben keine Angst, sie handeln aus Fülle statt aus Mangel, begegnen anderen respektvoll und offen. Eine dankbare Welt ist eine glückliche, friedvolle Welt – und sie beginnt bei jedem Einzelnen von uns.

„Stehen – Sehen – Gehen. So können wir die Welt verändern – durch Dankbarkeit.“

— Br. David Steindl-Rast
TEDGlobal 2013, Edinburgh

Seit 1988 führe ich Dankbarkeitstagebücher. Das meiste von dem was ich dort in den letzten 37 Jahren eingetragen habe, stimmt heute noch. Deshalb lade ich meine Kunden auch so gerne ein, mehrmals im Tag einfach kurz innezuhalten und sich bewusst zu fragen: „Warum freue ich mich (gerade jetzt)?“

Teddy – der bessere Trauerredner

Es gibt Momente, da werde ich von unserem Hund Teddy unterrichtet – ohne dass er es weiß. Während ich als Trauerredner immer wieder versuche, Worte für das Unfassbare zu finden, lebt Teddy einfach. Er läuft über eine Wiese, schnuppert, spürt den Boden, das Gras, den Wind. Für ihn zählt nur dieser Augenblick. Keine Vergangenheit, keine Zukunft. Nur Hier und Jetzt.

von Harald Preyer

Der Hund, der den Tod nicht kennt

Teddy weiß nicht, dass auch seine Tage einmal enden werden. Er reflektiert nicht über Sterblichkeit, hat kein theologisches Konzept von Auferstehung, keine metaphysischen Zweifel. Und doch liegt darin eine Stärke, die ich als Mensch oft vermisse: Die Fähigkeit, ganz im Moment zu sein. Während wir Menschen über Vergangenheit grübeln und die Zukunft fürchten, lebt er – voll und ganz – im Jetzt.

Die Kraft der Gegenwart

Als Trauerredner werde ich oft gefragt, worauf es bei einer Abschiedsfeier wirklich ankommt. Sind es die „richtigen Worte“? Die Philosophie? Die biblischen Bilder? Ja – aber nicht nur. Was wirklich zählt, ist das, was ich von Teddy gelernt habe: Präsenz. Ich muss da sein. Warmherzig, zugewandt, achtsam. Wer trauert, erinnert sich an die Stimme, den Blick, die Geste. Die feinen Zwischentöne.

Teddy sucht nicht nach „perfekten Formulierungen“. Er legt den Kopf auf meinen Schoß. Er ist einfach da. Und genau das tue ich als Redner auch: Ich halte den Raum, in dem die Trauer der Menschen ihren Platz findet.

Zwischen Theorie und Herz

Sicher, ich habe Philosophen und Theologen gelesen. Ich kann den Unterschied zwischen Heideggers „Sein zum Tode“ und Viktor Frankls „Selbsttranszendenz“ erklären. Doch das Fundament meiner Arbeit ist nicht die Theorie. Es ist das stille Verstehen. Die Einladung an die Hinterbliebenen: „Ich bin jetzt da – für euch, mit euch.“

In meinen Reden spiegelt sich diese Haltung wider: Ich erzähle Geschichten, lasse Bilder entstehen, beschreibe Gerüche, Lichter und Geräusche – so, wie Teddy sie erleben würde. Nicht, um zu „beeindrucken“, sondern um zu berühren. Damit die Erinnerung an den Verstorbenen mehr bleibt als eine Aneinanderreihung von Fakten.

Von Mensch und Tier

Vielleicht sind wir Menschen zu oft Gefangene unserer Gedanken, unserer Angst vor dem Unbekannten. Teddy hingegen lehrt mich Gelassenheit. Er zeigt mir, dass Leben mehr sein kann als nur Grübeln und Planen. Und dass es in der Trauer weniger auf „kluge Worte“ ankommt – sondern auf echte, liebevolle Präsenz.

Wenn ich also vor Trauernden stehe, denke ich manchmal an meinen Hund. Und daran, dass auch wir Menschen Momente brauchen, in denen wir nur „sind“. Im Hier und Jetzt. In aller Stille. Und in der Hoffnung. Im Vertrauen auf die Liebe Gottes.

Über den Autor

Harald Preyer ist systemischer Coach und geistlicher Begleiter. Seit seiner eigenen gut überlebten Krebsoperation im Dezember 2018 gestaltet er mit Hinterbliebenen aus Dankbarkeit christliche Abschiedsfeiern vor allem für Menschen, die an Gott glauben aber mit Kirche nichts mehr zu tun haben wollen. Er ist selbst gläubiger Katholik und dient jeden Sonntag um 12:00 Uhr als Lektor und Kommunionspender im Wiener Stephansdom. Nach der Heiligen Messe führt er oft Trauernde hinauf zur Orgelempore, wo sie im Blick in die Weite in Richtung Hochaltar nicht selten den Verstorbenen spüren. In der Branche kennt man ihn als den „Vater-Unser-Redner mit dem Chow Chow.“

WFIM? WBID?

ein Beitrag von Harald R. Preyer,
systemischer Coach und geistlicher Begleiter in Wien

Wann immer ich daran denke, stelle ich mir die Frage „Warum freue ich mich?“ Das gibt mir sehr viel Kraft und mobilisiert meine Vertrauensenergie. Was passiert dabei? Warum tut mir das so gut?

Warum Freude und Dankbarkeit die besten Begleiter sind

Jeder kennt diese Tage, an denen alles zu viel wird. Stress, Erwartungen, Herausforderungen – und plötzlich fühlt sich das Leben wie eine To-Do-Liste an, die nie endet. Schnell macht sich Resignation breit. Was wäre, wenn es eine einfache, wissenschaftlich belegte Möglichkeit gäbe, sich aus diesem Kreislauf zu befreien und neue Energie zu gewinnen? Zwei Fragen reichen aus:

  • Warum freue ich mich?

  • Wofür bin ich dankbar?

Diese beiden Fragen sind weit mehr als positive Gedanken. Sie sind ein kraftvolles Werkzeug, das nachweislich die mentale Stärke, die emotionale Resilienz und die allgemeine Lebenszufriedenheit erhöht. Studien zeigen, dass sowohl Freude als auch Dankbarkeit neurologische und psychologische Prozesse aktivieren, die langfristig unser Wohlbefinden steigern. Wie genau funktioniert das?

Die Wissenschaft hinter Freude und Dankbarkeit

Freude: Die sofortige Energiequelle
Freude ist einer der stärksten Motivatoren im menschlichen Gehirn. Eine Studie der University of California (Fredrickson & Joiner, 2018) zeigt, dass positive Emotionen wie Freude nicht nur das Wohlbefinden steigern, sondern auch kreatives Denken und Problemlösungsfähigkeiten verbessern. Freude aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn, setzt Dopamin frei und erhöht die Motivation. Wer sich regelmäßig fragt: Warum freue ich mich?, trainiert das Gehirn darauf, Positives bewusster wahrzunehmen.

Dankbarkeit: Der nachhaltige Stabilitätsanker
Während Freude oft ein spontanes Gefühl ist, wirkt Dankbarkeit langfristig. Die Harvard Medical School (2019) verweist auf Studien, die belegen, dass Menschen, die sich regelmäßig mit Dankbarkeit beschäftigen, weniger Stress und Depressionen erleben und sogar ein stärkeres Immunsystem entwickeln. Dankbarkeit aktiviert den präfrontalen Kortex, der für reflektiertes Denken zuständig ist, und schafft eine mentale Stabilität, die unabhängig von äußeren Umständen wirkt.

Freude und Dankbarkeit gegen Suizid-Ängste und für mehr Selbstwertgefühl

Schutzmechanismus gegen negative Gedankenspiralen
Dankbarkeit reduziert nachweislich Symptome von Depressionen und Ängsten. Eine Studie von Wood et al. (2010) zeigt, dass dankbare Menschen seltener unter negativen Gedankenspiralen leiden, die zu Hoffnungslosigkeit und suizidalen Gedanken führen können. Durch den bewussten Fokus auf positive Erlebnisse und Ressourcen wird das Gehirn darauf trainiert, nicht in destruktive Muster abzurutschen.

Steigerung des Selbstwertgefühls
Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl profitieren besonders von Dankbarkeitspraktiken. Emmons & McCullough (2003) fanden heraus, dass regelmäßige Dankbarkeitseinträge in Tagebüchern nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch das Selbstbild nachhaltig verbessern. Wer sich bewusst macht, wofür er dankbar sein kann, entwickelt eine positivere Sicht auf sich selbst und das eigene Leben.

Reduktion von Aggression und Impulsivität
Studien belegen, dass Dankbarkeit nicht nur den inneren Frieden stärkt, sondern auch aggressives Verhalten reduziert. Bartlett et al. (2006) zeigen, dass Menschen, die regelmäßig Dankbarkeit praktizieren, weniger zu impulsiven Wutausbrüchen neigen. Dankbarkeit fördert Empathie und Mitgefühl, was wiederum hilft, aggressive Impulse zu kontrollieren und zwischenmenschliche Konflikte zu entschärfen.

Die gute  Kombination: Freude und Dankbarkeit

Warum also nicht beide Fragen verbinden? Freude gibt uns Energie für den Moment, Dankbarkeit gibt uns Beständigkeit für das Leben. Wenn wir lernen, beides in unseren Alltag zu integrieren, entsteht eine kraftvolle innere Haltung:

  • Morgens: „Wofür bin ich heute dankbar?“ – als bewusste Ausrichtung

  • Tagsüber: „Warum freue ich mich gerade?“ – als spontane Erinnerung an das Gute

  • Abends: „Wofür war ich heute dankbar?“ – als Reflexion für mehr Erfüllung

Praktische Umsetzung im Coaching-Alltag

In meinen Coachings nutze ich diese Methode als bewusste Praxis. Kunden berichten, dass sie durch diese einfachen Fragen Stress reduzieren, Entscheidungsprozesse klarer werden und sie sich emotional ausgeglichener fühlen. Sie lernen, Freude nicht dem Zufall zu überlassen, sondern bewusst zu aktivieren – und Dankbarkeit als mentale Ressource zu nutzen.

Einfachheit ist oft der passende Schlüssel zur Veränderung. Wenn du das nächste Mal in einem hektischen Moment feststeckst oder tiefe Traurigkeit spürst, probiere es aus: Warum freue ich mich (trotzdem)? Wofür bin ich (gerade jetzt) dankbar? Die Antworten könnten dein Leben verändern.

Quellen

  • Fredrickson, B. L., & Joiner, T. (2018). Positive emotions trigger upward spirals toward emotional well-being.Psychological Science, 13(2), 172-175.

  • Harvard Medical School (2019). Giving thanks can make you happier. https://www.health.harvard.edu/healthbeat/giving-thanks-can-make-you-happier

  • Wood, A. M., Froh, J. J., & Geraghty, A. W. (2010). Gratitude and well-being: A review and theoretical integration.Clinical Psychology Review, 30(7), 890-905.

  • Emmons, R. A., & McCullough, M. E. (2003). Counting blessings versus burdens: An experimental investigation of gratitude and subjective well-being in daily life. Journal of Personality and Social Psychology, 84(2), 377-389.

  • Bartlett, M. Y., & DeSteno, D. (2006). Gratitude and prosocial behavior: Helping when it costs you. Psychological Science, 17(4), 319-325.

GAUDETE – Freut Euch!

Wie aus der biblischen Aufforderung, die dem dritten Adventsonntag ihren Namen gibt, eine reale Haltung werden könnte.

Auf Basis der Botschaft von „Gaudete“, also des Aufrufs zur Freude und zur hoffnungsvollen Ausrichtung auf das Wesentliche, lässt sich für Österreich ein Idealszenario entwerfen, in dem die Gesellschaft zu mehr menschlicher Wärme, verantwortungsvoller Freiheit und solidarischem Miteinander findet. 

Das wäre mein Idealszenario für Österreich.

  1. Freude an der Gemeinschaft
    Die Menschen in Österreich erkennen den Wert des Zusammenhalts neu. Sie lernen, einander mit Respekt, Achtsamkeit und Wohlwollen zu begegnen. Das beginnt bei der Nachbarschaft und weitet sich aus auf das gesamte Land. Gegenseitiges Vertrauen, generationenübergreifende Unterstützung und ein ehrliches Interesse am Wohl des Nächsten bestimmen das soziale Klima. Wie es im Philipperbrief heißt: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!“ (Phil 4,4 Einheitsübersetzung 2016). Diese Haltung der Freude steht am Anfang jeder Veränderung.
  2. Gemeinwohl statt Polarisierung
    Anstatt sich in ideologischen Grabenkämpfen zu verlieren, konzentriert sich Österreich auf das Gemeinwohl. Politik und Wirtschaft arbeiten für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Leistung und sozialer Absicherung. Entscheidungen werden transparent, nachvollziehbar und partizipativ getroffen. Die Freude am gemeinsamen Gestalten überwiegt die Lust am Rechthaben. So entsteht ein Klima, in dem alle Stimmen gehört werden – auch die stillen.
  3. Spirituelle Tiefe und kulturelle Vielfalt
    Die Bewohner*innen Österreichs entdecken neu, dass die spirituelle Dimension des Lebens nicht altmodisch, sondern zutiefst menschlich ist. Ob aus christlicher Tradition, anderen Religionen oder aus einer offenen Sinnsuche heraus – es entsteht ein Raum, in dem Glaube, Hoffnung und Liebe nicht als verstaubte Begriffe, sondern als kraftvolle Ressourcen für das gesellschaftliche Leben verstanden werden. Die heimische Kultur, geprägt von langer Geschichte, Musik, Literatur und Kunst, wird dabei als Geschenk betrachtet, das mit Freude gepflegt, aber auch offen für neue Einflüsse ist. So entsteht ein kreativer Dialog zwischen Alt und Neu, Tradition und Innovation.
  4. Umweltverantwortung mit Zuversicht
    Inspiriert von der christlichen Grundhaltung der Schöpfungsverantwortung (vgl. Gen 1,26-31), entwickelt Österreich nachhaltige Konzepte im Umgang mit Natur und Ressourcen. Es geht um mehr als Pflichterfüllung: Es ist die Freude, die eigene Heimat für zukünftige Generationen zu bewahren, die Berge, Seen, Wälder und Städte in ihrer Schönheit zu erhalten. Die Bürger*innen verstehen Umweltschutz nicht als Last, sondern als gemeinsames Abenteuer, bei dem Technik, Kreativität und Herzblut Hand in Hand gehen.
  5. Bildung für Sinn und Verantwortungsbewusstsein
    Das Bildungssystem fördert nicht nur fachliche Kompetenzen, sondern legt Wert auf Charakterbildung, Reflexion, ethisches Denken und Empathie. Österreichische Schulen, Lehrwerkstätten, Universitäten und Weiterbildungseinrichtungen setzen auf Begegnungen, Projekte und Dialog. Die Freude am Lernen wird neu entdeckt, weil Wissen nicht nur Selbstzweck ist, sondern Wege öffnet, mit anderen besser zusammenzuleben.

Wien, Stadtpark, Luftaufnahme
Copyright: Österreich Werbung, Fotograf: Christian Kremser

Gesamtbild
In diesem Idealszenario spürt man, dass Österreich zu einem Ort wird, an dem die Freude – „Gaudete“ – eine innere Haltung ist, die Menschen verbindet. Politik, Wirtschaft, Kultur, Bildung und Religion tragen zu einem hoffnungsvollen Miteinander bei. Herausforderungen werden nicht ignoriert, aber in einem Klima des Vertrauens und der Zuversicht angegangen. Die Botschaft „Freut euch!“ bedeutet hier keine Verdrängung von Problemen, sondern die Ermutigung, mit Offenheit, Güte und Tatkraft eine gerechtere und lebenswerte Zukunft zu gestalten.

Dieses Bild mag idealistisch sein, aber gerade die christliche Botschaft der Freude unterstreicht, dass das scheinbar Unmögliche lebbar werden kann, wenn wir uns aus innerer Überzeugung darum bemühen. Wesentlich ist dabei die dankbare Besinnung auf das, was unseren Vorfahren und uns bereits gelungen ist, geschenkt wurde und da ist, um gesehen, geschätzt und geliebt zu werden. Vieles davon ist nur von der scheinbar konservierenden Verpackung der Selbstverständlichkeit verdeckt.

Harald Preyer ist systemischer Coach und geistlicher Begleiter in Wien.

Gute Reise, lieber Herbert Waibl!

* 26.11.1942 Hall in Tirol ✝ 1.12.2024 St. Pölten

In den frühen Morgenstunden des 1. Adventsonntags ist unser lieber Freund Herbert Waibl völlig unerwartet verstorben. Die hoffnungsfrohe Seelenmesse haben wir für ihn am 12. Dezember in der Pfarrkirche Hainfeld mit Pfarrer P. Josef, OSB – zufällig auch ein Tiroler – gefeiert.

Am Tag davor – am 11. Dezember – hat seine geliebte Charlotte mit einer lieben Freundin im Stephansdom die 12:00 Messe besucht. Domkurat Kreier hat Herbert und sie in die Fürbitten aufgenommen und sehr liebevoll kondoliert.

Anschließend waren wir auf der Orgelempore und haben still und in Liebe unseren Blick in die Weite in Richtung Hochaltar gleiten lassen und wir haben gespürt, dass Herbert in diesen Momenten bei uns war.

Dann haben wir in der Mensa zu Mittag gegessen und beim Café die Inhalte und den Ablauf der Feier in Hainfeld besprochen. Sie stand unter dem Motto: „Gute Reise, lieber Herbert – und herzlich willkommen im Paradies, wenn Du dann angekommen sein wirst.“

Am Ende des Tages habe ich Charlotte den Entwurf meiner Rede geschickt und sie hat mir auf WhatsApp geantwortet:

„Lieber Harald, vielen lieben Dank! So ein schöner Tag und eine großartige Rede! Ich habe mich vor morgen gefürchtet, jetzt freu‘ ich mich!“ 🙏❤🥰

Ich habe dann die Rede zur Reise von Herbert’s Seele in den Himmel recht frei und teilweise in meiner Muttersprache „Tirolerisch“ mit Freude gehalten. Charlotte, Familie und Freunde haben das als Trost, Dank, Hoffnung und Freude erlebt. Wir haben dann beide beschlossen, diese Seite einzurichten und heuer als Weihnachtsbotschaft zu verschicken.

Ich spüre und glaube, dass Herbert’s Seele mittlerweile an ihrem Ziel angekommen ist. Er freut sich mit uns, dass wir hier Weihnachten feiern und uns dort wiedersehen werden!

16. März 2025 – Urnenfeier

Auf den Tag genau drei Monate nach dem Requiem haben wir heute die Urnenfeier für Herbert zuhause bei unseren Freunden gefeiert.
Pfarrer P. Josef OSB aus Stift Göttweig ist der Feier liebevoll vorgestanden. Freunde, Bekannte und Nachbarn sind gekommen, um die Seele von Herbert gemeinsam wieder im Haus willkommen zu heissen. Da ist viel Liebe, viel feiner Geist und eine gute Energie. Teddy hat das auch gespürt.

Am Tag nach der Urnenfeier habe ich Charlotte noch den Text von gestern zum Versand an die Freunde und Gäste geschickt.

Daraus ist ein schöner Dialog entstanden:

Ja, Dein Haus atmet die Seele der Liebe, Charlotte! Deshalb fühlen wir uns bei Dir so wohl. Teddy spürt das auch.

Alles Liebe und Gottes Segen, meine Liebe!

Deine
Yuliya, Teddy und Harald

Lieber Harald,
das ist wunderbar so! Mich bewegt die Frage: ist die Seele nur der gute Teil? Ist sie quasi die Essenz des Lebens und aller unserer Erfahrungen und Ansichten? Oder ist sie einfach nur das ewig Lebendige in uns. Oder ist sie gar eine Chronik unseres Lebens? Kommen wir schon mit dieser Seele auf die Welt oder verändert sie sich? Es gäbe viele Fragen. Aber dein Text ist sehr schön! Danke für alles und alles Liebe!🥰

Liebe Charlotte,
danke für deine so schönen, tiefgründigen Gedanken und Fragen – sie zeigen, wie nah du dem Wesentlichen bist.
Ich sehe die Seele als das Ewige in uns, das uns unverwechselbar macht – aber nicht nur als „guten Teil“, sondern als Ganzes unseres Seins, mit all unseren Erfahrungen, Ansichten und Gefühlen. Sie ist die Essenz unseres Lebens, die uns von Anfang an begleitet, aber sie entwickelt und verändert sich, indem sie wächst, reift, leidet und liebt.
Vielleicht ist die Seele ja tatsächlich eine Art Chronik unseres Lebens, in der alles aufgehoben ist, was wir waren und geworden sind. Und gerade weil sie so einzigartig ist, glaube ich, dass wir genau so, wie wir sind, in der Liebe Gottes geborgen bleiben.
Danke dir für dein offenes Herz und deine schönen Gedanken!
Alles Liebe,
Harald 🥰

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