ein Beitrag von Harald R. Preyer für BiM – Bibel im Museum Wien, 11.8.2026
Tiziano Vecellio, Mariä Himmelfahrt (Assunta), 1516–1518, Öl auf Holz, Santa Maria Gloriosa dei Frari, Venedig. Foto: Sailko/Wikimedia Commons, CC BY 3.0.
Fast sieben Meter hoch erhebt sich Tizians „Assunta“ über dem Hochaltar der Basilica di Santa Maria Gloriosa dei Frari in Venedig. Das zwischen 1516 und 1518 entstandene Werk gehört zu den großen Bildern der europäischen Renaissance.
Tizian teilt die Darstellung in drei Ebenen und verbindet sie zugleich durch eine einzige gewaltige Bewegung.
Unten stehen die Apostel. Ihre Füße bleiben auf der Erde, ihre Arme greifen nach oben. Sie staunen über etwas, das ihre bisherige Erfahrung übersteigt.
In der Mitte Maria. Das kräftige Rot ihres Gewandes macht sie zum Mittelpunkt des Bildes. Sie ist keine körperlose Gestalt, die der Welt entschwebt. Sie ist ganz Mensch. Von einer Wolke getragen öffnet sie die Arme und lässt sich in das Licht Gottes hineinziehen.
Oben erscheint Gott Vater im goldenen Himmel.
Die Botschaft des Bildes ist für mich deshalb größer als eine außergewöhnliche Geschichte über Maria:
Maria entkommt nicht der Welt. Der ganze Mensch wird von Gott ins Leben gezogen.
Genau darin liegt die Verbindung zur christlichen Auferstehungshoffnung. Was an Maria vollendet erscheint, ist die Verheißung dessen, was Gott mit uns allen vorhat.
Tizian und die Frari-Kirche
Mit Pater Lino Pellanda OFMConv, Guardian und Pfarrer der Basilica di Santa Maria Gloriosa dei Frari, vor der Assunta im Jubiläumsjahr ihres 500-jährigen Bestehens, Venedig 2018 – im selben Jahr begann die große Restaurierung 2018–2022
Die „Assunta“ wurde nicht für ein Museum gemalt. Sie entstand für den Hochaltar der bedeutenden Franziskanerkirche Santa Maria Gloriosa dei Frari und wurde dort 1518 enthüllt.
Für Tizian wurde diese Kirche zu einem besonderen Ort. Wenige Jahre später schuf er hier mit der Pala Pesaro ein weiteres Hauptwerk. Und auch sein eigenes Lebensende ist mit den Frari verbunden: Seine späte Pietà war ursprünglich für sein Grab bestimmt.
Als Tizian am 27. August 1576 in Venedig starb, wurde er in den Frari bestattet.
2026 jährt sich sein Tod damit zum 450. Mal.
Der 500. Todestag Tizians wird erst 2076 begangen. Ein anderes großes Jubiläum liegt jedoch bereits hinter uns: 2018 waren es genau 500 Jahre seit der Enthüllung der Assunta.
Gerade in diesem Jubiläumsjahr durfte ich gemeinsam mit Pater Lino Pellanda OFMConv, Guardian und Pfarrer der Frari, vor diesem außergewöhnlichen Werk stehen.
Tizian – Maler eines Jahrhunderts
Tiziano Vecellio wurde wahrscheinlich um 1490 in Pieve di Cadore am Rand der Dolomiten geboren und kam bereits als junger Mensch nach Venedig.
Dort entwickelte er sich zu einem der bedeutendsten Maler seiner Zeit. Kaiser Karl V., König Philipp II. von Spanien, Fürsten, Päpste und bedeutende Familien gehörten zu seinen Auftraggebern.
Vor allem die Farbe wurde zu Tizians großer Sprache. In seinen frühen Bildern leuchtet sie klar und kraftvoll. Im hohen Alter wird seine Malerei immer freier: Formen lösen sich beinahe in Licht und sichtbare Pinselstriche auf.
Kaum ein anderer Künstler lässt uns deshalb so unmittelbar erleben, wie sich die Malerei der Renaissance im Laufe eines langen Lebens verändert.
500 Jahre Assunta – die große Restaurierung
Restaurierung von Tizians „Assunta“, 2018–2022. Giulio Bono und Silvia Bonifacio bei der Arbeit an der Malschicht. Foto: Matteo De Fina / Save Venice, courtesy Ufficio Beni Culturali del Patriarcato di Venezia.
Im Jubiläumsjahr 2018 begann eine umfassende Restaurierung der „Assunta“. Untersuchungen hatten instabile Bereiche der Farbschicht, verfärbte frühere Überzüge und Belastungen des riesigen hölzernen Bildträgers gezeigt.
Besonders erstaunlich: Hinter dem Altarbild installierte Orgelpfeifen hatten die fast sieben Meter hohe Holztafel beim Spielen in Schwingungen versetzt.
Von 2018 bis 2022 wurde das Werk deshalb sorgfältig gesichert und gereinigt. Auch der monumentale Steinrahmen wurde restauriert.
Dabei kamen Tizians Farben, die räumliche Tiefe und die Körperlichkeit der Figuren wieder stärker zum Vorschein.
Gerade Maria wirkt nach der Restaurierung nicht wie eine körperlose Erscheinung. Die Wolken unter ihr besitzen Gewicht und Schatten. Ihr Körper bleibt wirklich.
Und gerade deshalb wird das Wunder umso stärker:
Nicht der Leib wird überwunden. Der Tod wird überwunden.
Fünfhundert Jahre nach seiner Entstehung steht Tizians Bild noch immer dort, wofür es geschaffen wurde: über einem Altar, mitten in einer Kirche, als Teil eines gelebten Glaubens.
Und seine Botschaft ist geblieben:
Der Tod hat nicht das letzte Wort. Der Mensch ist für das Leben bestimmt.
Warum wir den erfolgreichen Film des Jahres (noch einmal) sehen wollen – gemeinsam mit anderen und im großen Format.
Christopher Nolans „The Odyssey“ ist überwältigendes Kino – aber nicht in jeder Hinsicht ein großer Film. Warum man ihn dennoch unbedingt auf analogem 70‑mm-Film sehen sollte. Eine Begegnung mit Norman Shetler im Gartenbaukino.
Ich habe „The Odyssey“ kurz nach dem Kinostart gemeinsam mit meiner Frau im Hollywood Megaplex Gasometer gesehen. In einem Saal mit mehreren hundert Plätzen saßen genau drei Menschen.
Für uns war das luxuriös. Für die Kinobranche wirkte es beunruhigend.
Wenige Tage später erlebte ich bei einem anderen Film in Wien Mitte ein ähnliches Bild: ein großer Saal, kaum zwanzig Besucher. Gehen die Menschen nicht mehr ins Kino? War ich einfach zur falschen Zeit dort? Oder wird Kino zunehmend zu einem besonderen Ereignis, während gewöhnliche Vorstellungen aussterben?
Darüber sprach ich mit Norman Shetler, dem Geschäftsführer des Gartenbaukinos.
Ein Kino, das nicht „retro“ ist
Das Gartenbaukino wurde 1960 eröffnet. Wer an einem heißen Sommertag vom Parkring in das Foyer tritt, empfindet sofort eine angenehme Ruhe. Es wird kühler, dunkler und großzügiger. Das Haus wirkt nicht nostalgisch inszeniert, sondern selbstverständlich.
Shetler besteht auf diesem Unterschied: Das Gartenbaukino sei nicht „retro“, sondern weitgehend original. Er wolle das Haus nicht zur nostalgischen Kulisse machen. Gerade dadurch bewahrt es seine Würde.
Zu seiner heutigen Aufgabe kam er, wie er sagt, „wie die Jungfrau zum Kind“. Er führte eine erfolgreiche Videothek in der Schleifmühlgasse, beschäftigte sich intensiv mit Film, absolvierte einen Kurs für Kinomanagement und lernte sogar selbst das Vorführen. Wirtschaftliche Erfahrung, kulturelles Interesse, Filmwissen und Filmliebe kamen zusammen. Seit mittlerweile 18 Jahren leitet er das Gartenbaukino.
Warum manche Vorstellungen fast leer bleiben
Meine beinahe private Vorstellung im Gasometer überraschte auch ihn. Seine Erklärung ist allerdings weniger dramatisch als meine erste Befürchtung.
Zwischen Filmverleihern und Kinos bestehen genaue Vereinbarungen darüber, wie oft und zu welchen Zeiten ein Film gezeigt werden muss. Ein Kino kann einen großen Film daher nicht ausschließlich am Abend spielen, wenn die Säle voll werden. Auch eine schwach besuchte Vorstellung um 17 Uhr kann Teil der notwendigen Verwertungslogik sein.
Hochsommer, später Nachmittag, dritte oder vierte Spielwoche: Da könne beinahe jeder Film schwach besucht sein.
Das bedeutet aber nicht, dass es der Branche ausgezeichnet geht. Kino wird stärker von einzelnen Großereignissen abhängig. Menschen gehen offenbar seltener einfach „ins Kino“. Sie entscheiden sich bewusster für einen bestimmten Film, eine besondere Technik oder einen außergewöhnlichen Ort.
Genau darin liegt die Chance des Gartenbaukinos.
Ohne Förderung nicht möglich
Ein historischer Einsaalkinosaal mit 736 Plätzen lässt sich nicht wie ein Multiplex betreiben. Das Gartenbaukino erhält derzeit eine jährliche Betriebssubvention der Stadt Wien von 575.000 Euro.
Shetler spricht darüber ohne Umschweife:
„Ohne diese Betriebssubvention wäre es nicht möglich, dieses Kino in dieser Form zu betreiben.“
Dem stehen hohe Miet-, Personal-, Energie- und Erhaltungskosten gegenüber. Für die umfassende Sanierung fehlten schließlich noch 250.000 Euro. Sie wurden durch Crowdfunding aufgebracht. Rund 2.000 Menschen beteiligten sich; etwa 450 Sessel tragen heute den Namen ihrer Patinnen und Paten.
Diese Unterstützung brachte nicht nur Geld. Sie schuf Verbundenheit.
Die jüngste Entwicklung stimmt Shetler zuversichtlich. Mehr als 90.000 regulär gezählte Besuche im Jahr, insgesamt einschließlich Viennale, Premieren und Veranstaltungen wohl rund 150.000 Menschen. Nach schwierigen Jahren könne das Kino derzeit „gut atmen“, Risiken eingehen und neue Ideen verwirklichen.
Ein Film von rund 100 Kilogramm
Christopher Nolan drehte „The Odyssey“ vollständig auf IMAX-70-mm-Film. Dabei läuft der Film horizontal durch die Kamera. Jedes einzelne Bild besitzt eine besonders große Fläche. Das ermöglicht enorme Schärfe, Helligkeit und Detailtreue.
Eine solche IMAX-Filmkopie kann tatsächlich ungefähr 300 Kilogramm wiegen.
Das Gartenbaukino zeigt eine andere 70‑mm-Fassung. Hier läuft der Film klassisch vertikal durch den Projektor. Bei einer Laufzeit von 172 Minuten wiegt auch diese Kopie noch rund 100 Kilogramm. Wien besitzt keine haushohe IMAX-Leinwand wie Prag. Dafür verfügt das Gartenbaukino über einen historischen Saal, eine 16 Meter breite Leinwand und jahrzehntelang gewachsenes technisches Wissen.
Nolan habe seinen Film nicht ausschließlich für IMAX geschaffen, betont Shetler. Er habe ihn so konzipiert, dass er auf unterschiedlichen Leinwänden und in verschiedenen Formaten bestmöglich wirken kann.
Analog, haptisch, körperlich
„The Odyssey“ beeindruckt besonders dort, wo Nolan Bilder schafft, die nicht bloß gesehen, sondern körperlich empfunden werden.
Beim einäugigen Polyphem erscheinen Menschen winzig. Man sieht beinahe nur den Unterschenkel des Riesen; der übrige Körper scheint den Bildrahmen zu sprengen. Holzmaserungen, Gesichter und Meereswellen erhalten eine ungewöhnliche Präsenz.
Besonders gelungen findet Shetler die Begegnung mit Circe. Die Verwandlung der Männer in Schweine wirkt nicht wie ein glattes digitales Kunststück. Sie ist materiell, organisch und fast greifbar – klassische Filmillusion statt steriler Perfektion.
Darin erkennt er auch einen Grund für die neue Attraktivität des Kinos: die Sehnsucht nach einer Gegenwelt zur permanenten digitalen Berieselung.
Großes analoges Kino sei kollektiv, haptisch und sensorisch. Der Ton fülle den Raum, das Bild überrage den Menschen, und das Publikum erlebe für knapp drei Stunden dieselbe Reise.
Großes Kino – aber auch ein großer Film?
Meine Einschätzung bleibt zwiespältig: „The Odyssey“ ist visuell gewaltig, technisch faszinierend und in seinen besten Szenen überwältigend. Dramaturgisch und sprachlich erreicht Nolan jedoch nicht immer die Tiefe und Leichtigkeit Homers.
Auch Shetler bewundert Nolans Konsequenz, Sorgfalt und Fähigkeit, monumentale Szenen zu inszenieren. Zugleich sieht er Schwächen bei Dialogen, Dramaturgie, Schauspielführung und besonders bei den Frauenfiguren.
Sein schönster Einwand:
„Was ich bei Nolan immer vermisse, ist Joy.“
Alles sei beeindruckend, groß und von enormer Gravitas. Doch Freude, Humor und spielerische Leichtigkeit fehlten. Gerade ältere Abenteuer-, Fantasy- und Sandalenfilme hätten sich diese Freude häufiger erlaubt.
Vielleicht ist „The Odyssey“ deshalb kein vollkommenes Meisterwerk. Aber gerade solche Einwände machen ein gemeinsames Kinoerlebnis interessant. Danach gibt es etwas zu besprechen.
Kino bekommt wieder etwas vom Theater
Im Gartenbaukino beginnt der Film nicht einfach mit dem Druck auf einen Knopf. Wenn eine Ouvertüre vorgesehen ist, bleibt der Vorhang zunächst geschlossen. Im richtigen Moment öffnet er sich. Licht, Ton, Leinwand und Projektion werden zu einer kleinen Inszenierung.
Die englische 70‑mm-Fassung wird auch mit deutschen Untertiteln angeboten. Diese liegen nicht auf der analogen Filmkopie, sondern werden von einer Person über einen digitalen Projektor händisch eingespielt und zeitlich angepasst.
Jede Vorstellung erhält dadurch ein kaum merkliches lebendiges Element. Fast wie im Theater.
Gemeinsam ins Gartenbaukino
„The Odyssey“ läuft ab 28. August 2026 im Gartenbaukino auf analogem 70‑mm-Film – in englischer Originalfassung, teilweise mit deutschen Untertiteln sowie in deutscher Fassung.
Meine Empfehlung: Diesen Film nicht allein auf einem Bildschirm und auch nicht nebenbei ansehen. Gemeinsam ins Kino gehen. Den Vorhang erleben. Das Rattern des Projektors wissen, auch wenn man es nicht hört. Sich von Bild und Ton überwältigen lassen – und danach über Größe, Schwere, Schönheit und die vielleicht fehlende Freude sprechen.
Ich möchte eine der 70‑mm-Vorstellungen gemeinsam mit interessierten Freundinnen und Freunden besuchen.
Wer mitkommen möchte, schreibt mir kurz an harald@preyer.wien.
Gudrun hat mir die Serie empfohlen. Gestern und heute habe ich auf ORF ON die sechs Folgen der zweiten Staffel von „Himmel, Herrgott, Sakrament“ nachgesehen.
Und ich habe mich dabei sehr gut unterhalten.
Franz Xaver Bogner gelingt etwas, das im Fernsehen selten geworden ist: Er macht sich über seine Figuren lustig, ohne sie lächerlich zu machen. Über die gutbürgerliche Münchner Gesellschaft ebenso wie über die katholische Kirche, ihre Regeln, ihre Eitelkeiten, ihre Intrigen und ihre erstaunliche Fähigkeit, sich manchmal selbst im Weg zu stehen.
Dabei lebt die Serie ganz wesentlich von ihrer meisterlichen, dabei vollkommen unangestrengt wirkenden Schauspielkunst.
Stephan Zinner ist als Pfarrer Hans Reiser großartig. Man glaubt ihm diesen Priester. Nicht weil er besonders fromm schaut, sondern weil man ihm abnimmt, dass ihm die Menschen wirklich wichtig sind. Sein Reiser kann grantig, ungeduldig und unbequem sein. Gerade dadurch wirkt er nie wie eine kirchliche Werbefigur.
Ganz aus der Luft gegriffen ist dieser Hans Reiser übrigens nicht. Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Buch des Münchner Pfarrers Rainer Maria Schießler, der für seine unkonventionelle, menschennahe Seelsorge bekannt ist. Eine Verfilmung seines Lebens ist sie dennoch nicht. Franz Xaver Bogner übernahm vielmehr den Typus dieses Pfarrers und erfand daraus seine eigenen Geschichten. Schießler stand der Produktion beratend zur Seite, und Stephan Zinner besuchte zur Vorbereitung sogar seine Gottesdienste. Vielleicht wirkt Reiser deshalb trotz aller Überzeichnung so erstaunlich echt: Hinter der Fernsehfigur steht die Erfahrung eines wirklichen Priesters, der offenbar zuerst den Menschen sieht – und erst danach fragt, ob für dessen Problem schon eine passende kirchliche Vorschrift existiert.
Erwin Steinhauer als Kardinal Georg Brunnenmayr ist für mich mindestens ebenso stark. Ein Kirchenfürst mit Machtinstinkt, Eitelkeit und taktischem Geschick – und trotzdem immer wieder so menschlich, dass man ihm kaum wirklich böse sein kann. Manchmal genügt bei Steinhauer ein Blick. Ein kurzes Zögern. Ein kaum sichtbares Augenzwinkern. Und schon erzählt sein Gesicht mehr über die Organisation Kirche als eine lange Rede.
Auch Anne Schäfer als Lisa Kirchberger und Susi Stach als Cornelia Vogelsang verleihen dieser Welt ihre Glaubwürdigkeit. Und selbst eine vermeintlich kleine Figur wie der Mesner Alois Stadler, wunderbar gespielt von Christian Lerch, ist nicht bloß Staffage. Lerch macht aus ihm einen jener Menschen, die jeder kennt, der in einer Kirche regelmäßig ein und aus geht: etwas eigen, manchmal knorrig, genau beobachtend – und längst ein Teil des Hauses.
Vielleicht sehe ich die Serie auch deshalb mit besonderem Vergnügen, weil mir diese Welt vertraut ist.
Ich selbst bin mit großer Freude als einer von vielen Ehrenamtlichen zweimal in der Woche im Wiener Stephansdom tätig. Wer Kirche nur von außen betrachtet, sieht leicht Soutanen, Ämter, Regeln und Hierarchien. Wer ein wenig darin lebt, erlebt vor allem Menschen. Wunderbare, schwierige, fromme, eitle, hilfsbereite, anstrengende, liebenswerte Menschen.
Genau diese Mischung trifft „Himmel, Herrgott, Sakrament“ erstaunlich gut.
Die Serie ist für mich deshalb keine Abrechnung mit der Kirche, sondern eher eine sehr sympathische Abrechnung innerhalb der Kirche. Man erkennt manches wieder, lacht – und manchmal fragt man sich kurz, ob man eigentlich lachen darf.
Besonders schön sind für mich jene Szenen, in denen Hans Reiser vor einer Entscheidung steht und das menschlich Gute mit einer Vorschrift kollidiert. Bogner macht daraus kein theologisches Seminar. Reiser entscheidet einfach. Manchmal richtig, manchmal vielleicht auch fragwürdig – aber fast immer mit dem Menschen vor Augen.
Screenshot ORF: Afrikanische Beerdigung in München
Und dann gibt es diese wunderbaren Momente, in denen Kardinal Brunnenmayr wieder ins Spiel kommt. Man erwartet den großen kirchlichen Konflikt – und bekommt stattdessen oft ein kleines Spiel aus Macht, Sympathie, Taktik und gegenseitigem Verständnis.
Ganz besonders bleibt mir die Szene in Rom: der Petersplatz, der Papst an der Loggia, die große Inszenierung der Weltkirche – und irgendwo zwei Fenster daneben Erwin Steinhauer als Brunnenmayr.
Ein Blick genügt.
Und plötzlich weiß man gar nicht mehr: Soll man böse auf diesen Apparat sein? Soll man über ihn lachen? Oder kann man diese manchmal seltsame Organisation vielleicht einfach so annehmen und sogar lieben, wie sie ist?
Vielleicht gerade deshalb, weil man ihre Schwächen kennt.
„Das, worüber wir nicht mehr lachen können, ist uns nicht mehr heilig“, meinte mein Freund Rainer Buchner schon in den 1990er-Jahren.
Bei „Himmel, Herrgott, Sakrament“ konnte ich viel lachen.
Und manche Szenen haben mich berührt – immer dann, wenn das Gute über das Vorgeschriebene siegt.
8 von 10 Punkten.
Staffel 1 und 2 sind bis 31.12.2026 auf ORF.ON abrufbar.
Fest der Verklärung des Herrn, 6. August 2026 Lesungen: 2 Petr 1,16–19 · Ps 97 · Mt 17,1–9BiM – Bibel im Museum
Raffael, eigentlich Raffaello Sanzio, „Die Verklärung Christi“, um 1516–1520, Öl auf Holz, 410 × 279 cm, Pinacoteca Vaticana, Vatikanstadt. Das Gemälde verbindet die Verklärung Jesu auf dem Berg mit der Not der Menschen und der Heilung eines leidenden Jungen nach der Rückkehr Jesu. Foto: Alvesgaspar/Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
„Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören.“
Petrus, Jakobus und Johannes erleben einen Augenblick, der sich jeder gewöhnlichen Beschreibung entzieht. Jesus führt sie auf einen hohen Berg. Vor ihren Augen verändert sich sein Aussehen. Sein Gesicht leuchtet wie die Sonne, seine Kleider werden weiß wie das Licht. Mose und Elija erscheinen und sprechen mit ihm.
Für einen kurzen Moment sehen die Jünger, wer Jesus in Wahrheit ist. Der Mann, mit dem sie durch Galiläa gezogen sind, ist nicht nur Lehrer und Freund. In ihm leuchtet die Herrlichkeit Gottes auf.
Petrus möchte diesen Augenblick festhalten:
„Herr, es ist gut, dass wir hier sind.“
Er will drei Hütten bauen – eine für Jesus, eine für Mose und eine für Elija. Es ist der verständliche Wunsch, einen vollkommenen Moment zu bewahren. Doch noch während Petrus spricht, überschattet sie eine leuchtende Wolke. Aus ihr erklingt die Stimme:
„Dieser ist mein geliebter Sohn … auf ihn sollt ihr hören.“
Die Jünger werfen sich zu Boden. Das Licht, das sie eben noch angezogen hat, erfüllt sie nun mit Furcht. Da kommt Jesus zu ihnen, berührt sie und sagt:
„Steht auf und fürchtet euch nicht!“
Raffael und die Zeit der Hochrenaissance
Raffael, eigentlich Raffaello Sanzio, lebte von 1483 bis 1520 und gehört neben Leonardo da Vinci und Michelangelo zu den bedeutendsten Künstlern der italienischen Hochrenaissance.
Er wirkte vor allem in Rom im Umfeld der Päpste Julius II. und Leo X. Es war eine Zeit, in der Kunst, Wissenschaft und die Wiederentdeckung der antiken Kultur eine außergewöhnliche Blüte erlebten.
Die „Verklärung Christi“ entstand in Raffaels letzten Lebensjahren. Sie verbindet die ausgewogene Schönheit der Renaissance bereits mit einer dramatischen Bewegung und starken Hell-Dunkel-Kontrasten, die auf die spätere Kunst des Barock vorausweisen.
Raffaels letzte Botschaft
Raffaels „Verklärung Christi“ ist eines seiner gewaltigsten Werke. Es blieb bei seinem frühen Tod im Jahr 1520 sein letztes großes Gemälde und kann deshalb auch als eine Art künstlerisches und geistliches Vermächtnis verstanden werden.
Das Bild ist in zwei Welten geteilt.
Oben herrschen Licht, Ruhe und Klarheit. Christus schwebt in einem hellen Glanz. Seine Arme sind geöffnet. Neben ihm erscheinen Mose und Elija. Unter ihnen liegen Petrus, Jakobus und Johannes geblendet und überwältigt auf dem Boden.
Unten dagegen scheint die Welt auseinanderzubrechen. Menschen drängen durcheinander. Hände weisen in verschiedene Richtungen. Gesichter zeigen Angst, Ratlosigkeit und Verzweiflung. Im Mittelpunkt steht ein kranker Junge, den seine Familie zu den Jüngern gebracht hat. Doch die Jünger können ihm nicht helfen.
Raffael verbindet damit zwei Ereignisse, die im Matthäusevangelium unmittelbar aufeinanderfolgen: die Verklärung Jesu auf dem Berg und die Heilung des leidenden Jungen nach der Rückkehr Jesu.
Das Gemälde zeigt nicht zwei voneinander getrennte Geschichten. Es zeigt eine einzige Bewegung:
vom Licht in die Not, vom Berg hinunter zu den Menschen.
Der Weg führt wieder hinunter
Die Verklärung ist kein religiöser Fluchtpunkt. Jesus bleibt nicht auf dem Berg. Er baut keine Hütte für sich und seine engsten Freunde. Er führt die Jünger wieder hinunter – dorthin, wo Menschen leiden, wo Familien um Hilfe rufen und wo selbst die Glaubenden oft nicht mehr weiterwissen.
Das Licht auf dem Berg beseitigt die Dunkelheit nicht mit einem Schlag. Aber es verändert jene, die es gesehen haben.
Petrus erinnert sich noch viele Jahre später an dieses Erlebnis. In der heutigen Lesung betont er:
„Wir sind nicht klug ausgedachten Geschichten gefolgt.“
Er war Augenzeuge. Er hat die Stimme gehört. Er hat für einen Augenblick die Herrlichkeit Christi gesehen. Diese Erinnerung wird für ihn zu einem Licht, „das an einem finsteren Ort scheint“.
Glaube bedeutet nicht, dass es keine finsteren Orte mehr gibt. Glaube bedeutet, dass in der Finsternis ein Licht leuchtet, das nicht aus ihr selbst stammt.
Der 6. August
Der Festtag der Verklärung trägt seit 1945 auch den Schatten von Hiroshima. Am 6. August 1945 zeigte sich nicht das verwandelnde Licht Gottes, sondern ein von Menschen geschaffenes Licht der Vernichtung.
Raffaels Bild erhält dadurch eine erschütternde Aktualität: oben Christus im Licht der göttlichen Herrlichkeit, unten die leidende und zerrissene Menschheit.
Christus ruft seine Jünger nicht dazu auf, das Licht für sich zu behalten. Wer etwas von Gottes Herrlichkeit erfahren hat, soll damit in die bedrohte Welt zurückkehren – nicht als Besitzer der Wahrheit, sondern als Träger von Hoffnung.
Vielleicht ist das die Aufgabe dieses Festes: einen Menschen zu berühren, der sich fürchtet, und mit Christus zu sagen:
„Steh auf. Fürchte dich nicht.“
Frage zum Bild
Welches Licht habe ich empfangen, das ich heute in die Dunkelheit eines anderen Menschen tragen kann?
Im Dezember 2019 habe ich in Kiew nach 41 Jahren mit roten Marlboro das Zigarettenrauchen beendet. Ganz auf Nikotin wollte ich nicht verzichten. Also wechselte ich zu IQOS.
Drei Jahre lang verwendete ich HEETS. Das damalige System arbeitete mit einem keramischen Heizblatt, das sich von unten in den offenen Tabakstick bohrte und den Tabak auf bis zu 350 Grad erhitzte. Wer den verbrauchten Stick ein wenig schlampig herauszog, hielt mitunter nur noch die Papierhülle in der Hand. Der Tabak blieb im Gerät.
Nach ungefähr zwei Schachteln wurde geputzt.
Dann kam TEREA. In der Slowakei war das neue System ab November 2022 erhältlich. Kein Heizblatt mehr, sondern Induktion: Im geschlossenen Stick befindet sich ein metallisches Heizelement, das den Tabak von innen erwärmt. Keine Tabakreste im Gerät. Kein Bürstchen. Kein Kratzen. Kein Reinigen. Und nach meinem persönlichen Eindruck schmeckt TEREA runder, voller und vor allem gleichmäßiger.
Nur Österreich blieb draußen.
So lernte ich die Shopping Mall an der Einsteinova in Bratislava kennen. Am McDonald’s vorbei, die nordwestliche Einfahrt nehmen, beim idealen Parkplatz stehen bleiben, mit dem kleinen Lift hinauf zur Shopping-Ebene – und schon steht man vor dem IQOS-Geschäft.
Österreichische Verwaltung macht erfinderisch. Vor allem bei der Parkplatzsuche.
HEETS waren in Österreich zwar ab Mai 2020 erhältlich. Bei TEREA dauerte die Verspätung aber fast vier Jahre: Bratislava im November 2022, Wien am 4. August 2026. Während dieser Zeit konnte man das Produkt in den umliegenden Ländern kaufen – nur nicht regulär in Österreich.
Der Konsum wurde dadurch nicht verhindert. Die Menschen setzten sich ins Auto, fuhren über die Grenze und bezahlten dort.
Bei durchschnittlich zehn Euro pro Tag habe ich in fast sieben Jahren rechnerisch rund 25.550 Euro nach Bratislava getragen. Nicht die gesamte Summe ist der österreichischen Verzögerung anzulasten. Aber selbst vorsichtig gerechnet sind dadurch bei mir allein mehrere Tausend Euro an österreichischer Tabak- und Umsatzsteuer nicht angefallen.
Landesweit spricht Philip Morris inzwischen von 30 bis 40 Millionen Euro Steuerausfall pro Jahr. Man darf diese Unternehmensschätzung hinterfragen. Nicht bestreiten lässt sich jedoch das Grundprinzip: Jeder im Ausland gekaufte Stick wurde dort und nicht in Österreich besteuert.
Warum dauerte es so lange?
Österreich hatte für neuartige Tabakprodukte ein eigenes Zulassungsverfahren geschaffen, während in anderen EU-Staaten im Wesentlichen eine Meldung genügte. Die Behörde verlangte zusätzliche toxikologische Untersuchungen und Emissionsdaten. Der Streit ging durch die Verwaltungsgerichtsbarkeit bis zum Verwaltungsgerichtshof. Dieser bestätigte 2025 die Ablehnung eines Antrags, weil die verlangten Unterlagen nicht vollständig vorgelegt worden waren.
Juristisch lässt sich das erklären. Wirtschaftspolitisch bleibt es grotesk.
Denn die Republik schützte ihre Bürger nicht vor dem Produkt. Sie sorgte nur dafür, dass diese das Produkt im Ausland kauften. Ende 2025 erkannte schließlich auch der Gesetzgeber das Problem: Das aufwendige Zulassungsverfahren wurde durch eine Meldepflicht ersetzt. Als Begründung nannte das Parlament ausdrücklich den Abbau von Bürokratie – und die Sicherung von Steuereinnahmen im Inland.
Und was wurde aus jenem „Sesselkleber im Ministerium“, über den man in der Branche spottete?
Das lässt sich nicht seriös beantworten. In den öffentlichen Akten wird kein einzelner Beamter genannt. Vielleicht hat es diesen einen Sesselkleber nie gegeben. Vielleicht war der eigentliche Sesselkleber das System selbst: sorgfältig eingerichtet, juristisch gepolstert und jahrelang unbeweglich.
Seit gestern gibt es TEREA auch in Wien.
Österreich hat damit den Nikotinkonsum nicht freigegeben – den gab es längst. Es hat lediglich aufgehört, die slowakische Tabaksteuer und meine Ortskenntnis in der Einsteinova zu fördern.
TEREA-Preise im Vergleich
Stand: 5. August 2026. Verglichen sind reguläre Packungen mit 20 Sticks der klassischen Sorten wie Amber, Sienna, Silver, Bronze oder Russet.
Land
Preis je Packung
ca. in Euro
Differenz zu Wien
Slowenien
5,00 €
5,00 €
−1,30 €
Slowakei / Bratislava
5,20 €
5,20 €
−1,10 €
Italien
5,50 €
5,50 €
−0,80 €
Tschechien
145 Kč
ca. 5,99 €
−0,31 €
Ungarn
2.200 Ft
ca. 6,07 €
−0,23 €
Österreich / Wien
6,30 €
6,30 €
—
Deutschland
7,80 €
7,80 €
+1,50 €
Schweiz
8,80 CHF
ca. 9,44 €
+3,14 €
In Österreich gilt seit 4. August 2026 für alle sieben eingeführten TEREA-Sorten der amtlich kundgemachte Kleinverkaufspreis von 6,30 Euro. Er gilt grundsätzlich in allen Trafiken gleich.
John August Swanson (1938–2021) Loaves and Fishes – Brote und Fische, 2003 Serigrafie in 54 Farben auf archivfestem Baumwollpapier Bildmaß 61 × 91,4 cm, Auflage 250 Exemplare John August Swanson Studio, Los Angeles
Die Serigrafie entstand aus einer ersten Acrylfassung von 1986. Swanson überarbeitete die Komposition 2003 grundlegend und fertigte für die 54 Farbschichten jeweils eine eigene Schablone an.
Impuls
Harald R. Preyer, 1.8.2026
Das Bild ist übervoll – und doch wirkt es nicht bedrängend. Menschen sitzen, stehen, tragen, reichen weiter, hören zu und schauen einander an. Niemand bleibt bloß Teil einer anonymen Menge. Jeder Mensch besitzt ein Gesicht, ein Gewand, eine Geschichte.
Vielleicht beginnt das Wunder genau dort.
Die Jünger sehen fünftausend Menschen und rechnen nach: Es reicht nicht. Jesus sieht dieselben Menschen und empfindet Mitleid. Er fragt nicht zuerst, was fehlt. Er nimmt, was da ist: fünf Brote, zwei Fische und die Bereitschaft eines Menschen, das Wenige aus der Hand zu geben.
Swanson malt nicht einen einsamen Wundertäter, der Nahrung vom Himmel fallen lässt. Das Brot erscheint mitten in einer Gemeinschaft. Es wird getragen, empfangen und weitergegeben. Die Fülle Gottes gelangt durch menschliche Hände zu den Menschen.
Jesaja lädt alle Durstigen ein, ohne Geld zu kommen und zu essen. Paulus versichert, dass uns auch Hunger, Bedrängnis und Tod nicht von der Liebe Gottes trennen können. Im Evangelium wird diese Liebe leibhaftig: Menschen werden gesehen, berührt und satt. Die drei Schrifttexte des Sonntags sprechen von einer Liebe, die nicht nur tröstet, sondern nährt.
Welche kleine Gabe halte ich für zu gering – obwohl sie in den Händen Christi Nahrung für andere werden könnte?
Bildbeschreibung
Eine weite Landschaft öffnet sich unter einem intensiv blauen Himmel. Rechts liegt ein See, dahinter ziehen sich grüne Hügel und helle Wolken bis zum Horizont. Eine kleine gelbe Sonne leuchtet über der Landschaft.
Fast die gesamte Bildfläche wird von Menschen eingenommen. Im oberen Zentrum steht Christus, umgeben von seinen Begleitern. Er erscheint nicht überlebensgroß und wird nicht durch einen monumentalen Thron hervorgehoben. Man muss ihn inmitten der vielen Menschen beinahe suchen.
Die Menge besteht aus Frauen, Männern und zahlreichen Kindern. Einige stehen eng beieinander, andere sitzen auf dem Boden. Menschen halten Körbe, Gefäße, Brote und Fische. An verschiedenen Stellen wird Nahrung gereicht und entgegengenommen. Das Geschehen besitzt kein einziges Zentrum: Das Wunder breitet sich über das ganze Bild aus.
Besonders auffällig sind die vielfarbigen, reich gemusterten Gewänder. Kein Kleid gleicht dem anderen. Streifen, geometrische Ornamente und leuchtende Farbfelder verwandeln die Menge in ein großes Gewebe. Swanson ließ sich dabei von Webern und Färbern aus Zentralamerika, Mexiko sowie Teilen Afrikas und Indiens inspirieren.
Die Serigrafie ist bis an die Grenzen mit Einzelheiten gefüllt. Dennoch zerfällt die Szene nicht. Hände, Blicke, Körbe und Gewänder verbinden die Menschen miteinander. Die eigentliche Bewegung des Bildes ist deshalb nicht die Vermehrung eines Gegenstandes, sondern die Entstehung von Gemeinschaft.
Biografie des Künstlers
John August Swanson wurde am 11. Januar 1938 in Kalifornien geboren und starb am 23. September 2021 in Los Angeles. Seine Mutter stammte aus Mexiko, sein Vater aus Schweden; beide waren Einwanderer. Die Erzähltraditionen seiner Familie, der katholische Glaube seiner Mutter und die Erfahrungen einer von Armut geprägten Kindheit wurden zu wichtigen Quellen seiner Kunst.
Swanson studierte zunächst nicht Kunst. Er beschäftigte sich mit Medizin, Spanisch, Wirtschaft und Anthropologie und engagierte sich in der Friedens- und Bürgerrechtsbewegung. Während seiner Zeit an der University of California unterstützte er die Gewerkschaft United Farm Workers, die sich für die Rechte meist mexikanischer und philippinischer Landarbeiter einsetzte.
1967 besuchte er Kurse bei der Ordensfrau und Künstlerin Corita Kent am Immaculate Heart College. Von ihr lernte er, dass Druckgrafik, Farbe, Glaube und gesellschaftliches Engagement miteinander verbunden werden können. Seine spätere Bildsprache vereinte lateinamerikanische Volkskunst, mexikanische Wandmalerei, mittelalterliche Miniaturen, islamische Ornamentik und russische Ikonen.
Swanson malte biblische Geschichten, Prozessionen, Konzerte, Zirkusszenen und alltägliche Arbeit. Seine Bilder erzählen unmittelbar, sind zugleich aber mit unzähligen Einzelheiten, Farbschichten und Nebenhandlungen erfüllt. Seine Serigrafien entstanden in einem aufwendigen Verfahren mit bis zu 89 einzeln gedruckten Farben.
Werke Swansons befinden sich unter anderem in Sammlungen des Smithsonian, des Art Institute of Chicago, der Tate, des Victoria and Albert Museum, der Bibliothèque nationale de France und der Vatikanischen Museen.
Gesellschaftlicher Kontext
Swanson begann die erste Fassung von Loaves and Fishes bereits 1986. Damals beschäftigte ihn nicht nur die biblische Erzählung. Er wollte ausdrücklich Menschen ehren, die seit Generationen in Dörfern und kleinen Gemeinschaften leben und das Land bearbeiten. Die farbigen Stoffmuster verweisen deshalb nicht auf das Palästina zur Zeit Jesu, sondern auf gegenwärtige indigene und ländliche Kulturen verschiedener Erdteile.
Das ist eine bewusste Abkehr von der europäischen Tradition, biblische Personen überwiegend weiß und in antiken oder historisierenden Gewändern darzustellen. Swansons Menge ist global. Die Menschen sehen nicht gleich aus, aber sie gehören zusammen. Verschiedenheit wird nicht überwunden, sondern zum sichtbaren Reichtum der Gemeinschaft.
Seine persönliche Nähe zu Landarbeitern war nicht nur ästhetisch. Swanson hatte sich für die United Farm Workers engagiert und schuf Kunst für Frieden, Menschenrechte, gerechte Löhne, Migranten und gegen Hunger. Für ihn war Kunst keine Flucht aus gesellschaftlichen Konflikten. Er bezeichnete sie vielmehr als seine wichtigste soziale Handlung.
Auch Loaves and Fishes erzählt deshalb nicht nur von einem vergangenen Wunder. Das Bild stellt eine gegenwärtige Frage: Warum hungern Menschen, obwohl die Erde genug hervorbringt? Swanson verschiebt den Blick vom Besitz zum Weitergeben. Nicht die Knappheit bestimmt das Bild, sondern eine Gemeinschaft, in der Nahrung zirkuliert und jeder Mensch Würde besitzt.
Quellen
John August Swanson Studio: Werkangaben, Entstehungsgeschichte, Technik und Gedanken des Künstlers zu Loaves and Fishes.
John August Swanson Studio: Offizielle Biografie, künstlerische Einflüsse und Sammlungen.
National Catholic Reporter: Würdigung seines Lebens, seiner Herkunft, seines Glaubens und seines Einsatzes für Frieden und soziale Gerechtigkeit.
Schenkt Ihr ihnen…
Impuls von P. Johannes Paul Abrahamowicz, OSB
Hingehen und sich beschenken lassen
Zusammenfassung der Predigt von Domkurat Prof. Dr. Thomas Möllenbeck zum 18. Sonntag im Jahreskreis mit Plaud KI.
Relativ wenig können wir aus eigener Kraft tun, um Gott zu gefallen, die Werke Gottes zu vollenden oder sein Reich auszubreiten. Denn das Entscheidende muss von Gott kommen. Er ist es, der handelt, verwandelt und vollendet.
Schon die erste Lesung stellt die Frage, warum Menschen für etwas arbeiten und bezahlen, das sie letztlich nicht nährt und nicht satt macht. Was wir selbst erwirtschaften und herstellen können, führt uns nicht automatisch zu dem, was wir in der Tiefe wirklich brauchen. Gott lädt uns deshalb ein:
Kommt und kauft ohne Geld. Kommt und esst.
Das klingt zunächst widersprüchlich. Kaufen, ohne bezahlen zu können – wie soll das gehen? Gemeint ist: Wir sollen kommen und unsere Bedürftigkeit eingestehen. Wir dürfen sagen:
Herr, ich brauche dich. Ich kann mir deine Liebe nicht verdienen. Ich kann dich nicht kaufen. Aber ich bin hier und bitte dich: Schenke dich mir.
Auch im Evangelium wird deutlich, wie wenig die Menschen aus eigener Kraft vermögen. Vor Jesus stehen fünftausend Männer und dazu ihre Frauen und Kinder. Die Jünger haben nur fünf Brote und zwei Fische. Das kann niemals reichen.
Doch Jesus schickt die Menschen nicht weg. Er sagt auch nicht zu den Jüngern: Ihr könnt nichts, also schaut einfach zu. Vielmehr fordert er sie auf:
Bringt mir her, was ihr habt.
Das Wenige wird nicht verachtet. Es wird Jesus übergeben. Er nimmt die Brote, spricht den Segen, bricht sie und gibt sie den Jüngern. Diese reichen sie an die Menschen weiter. Aus fünf Broten und zwei Fischen wird genug Nahrung für Tausende – und am Ende bleibt sogar noch etwas übrig.
Darin zeigt sich auch das Geheimnis der Eucharistie. Wir bringen Brot und Wein zum Altar: einfache Gaben, Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit. Zugleich bringen wir uns selbst mit – unsere Sorgen und Hoffnungen, unseren Dank, unsere Pläne, unser Versagen und alles, was wir sind.
Wir können uns nicht selbst so verwandeln, dass wir Gott gefallen. Doch der Heilige Geist kann das, was wir bringen, verwandeln. Er kann uns Christus ähnlich machen, jenem Sohn, von dem der Vater sagt:
An ihm habe ich Gefallen gefunden.
Unser Anteil besteht daher nicht darin, alles selbst herstellen oder vollbringen zu müssen. Unser Anteil ist, hinzugehen, unsere leeren Hände zu öffnen und uns beschenken zu lassen. Wir dürfen das Wenige bringen, das wir haben. Christus nimmt es, verwandelt es und gibt es uns zurück, damit wir es an andere weitergeben.
Auch Paulus sagt: Nichts kann uns von der Liebe Gottes trennen – weder Bedrängnis noch Hunger, weder Gefahr noch Tod. Wir überwinden all das nicht aus eigener Kraft, sondern durch Christus, der uns geliebt hat.
Hingehen müssen wir selbst. Wir müssen unsere Bedürftigkeit eingestehen, das Wenige bringen, das wir haben, und unsere Hände öffnen.
Beschenken dürfen wir uns von Jesus Christus lassen.
Aus fünf Broten und zwei Fischen wird genug Nahrung für fünftausend Männer und ihre Familien. Aus unserem kleinen Beitrag kann Gott etwas machen, das viele Menschen nährt. Nicht weil wir so viel vermögen, sondern weil wir das Wenige, das wir haben, Christus anvertrauen.
Hinweis
Am lustvollsten an unserer Vorbereitung ist die Auswahl wirklich nur eines Bildes aus der Fülle der Möglichkeiten.
Beim Studium der Texte ist uns aufgefallen, dass das Evangelium mit einem ganz anderen Gedanken beginnt. Es ist der letzte Satz des Evangeliums, das am Samstag gelesen wurde, den Enthauptung Johannes des Täufers.
13 als Jesus hörte, dass Johannes enthauptet worden war,
Thomas Pöll hat dazu ein Meisterwerk gefunden und kommentiert.
Ideen und Bilder sind uns herzlich willkommen. Wir prüfen jede einzelne und antworten. Am einfachsten als Kommentar hier.
BiM – Bibel im Museum eine Idee von Thomas Pöll und Harald Preyer August 2026
Die Bibel liest das Bild. Das Bild liest die Bibel. Und beide lesen unser Leben.
Lose Gedanken
zur 1. Lesung
Ohne Geld kaufen – das ist Dienstahl oder Betrug oder Liebe, aber dann wäre es nicht „kaufen“, sondern beschenkt werden
Wozu mit Geld bezahlen, wenn das Wichtigste kostenlos ist? Was ist das Wichitgste?
zur 2. Lesung
War heute Thema beim Bibel-Grill von Alexandra Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, weil er selbst die Liebe ist. Und er ist allmächtig.
Was nur passieren kann: Ein anderer lässt sich nicht darauf ein, dass Gott ihn liebt. Wenn wir uns nämlich darauf einlassen, wird das teuer für uns. Denn dann werden wir mit Liebe antworten.
zum Evangelium
Wahrscheinlich werden die Leser die Brotvermehrung hören.
Der erste Satz ist aber ein ganz anderer: Jesus erfährt, dass sein Freund und Vorreiter geköpft wiurde. Er würde lieber alleine sein und fährt mit dem Boot weg.
Dann hat er Erbarmen und dann erst kommt die Speisung.
Es beginnt also mit einer Todesnachricht und endet mit einem Wunder.
Bilder
Idee Thomas: Die Enthauptung Johannes des Täufers (Caravaggio)
Von Michelangelo Merisi da Caravaggio – St John’s Co-Cathedral, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=79669709
Fragen zum Bild
Wer ist die ältere Frau, die sich die Hände vor das Gesicht hält? Vielleicht die Mutter von Johannes? Das wäre dann Elisabeth: „Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn…?“
Ist die junge Frau mit der Schüssel Salome, die so wunderbar getanzt hat?
Nicht Salome, sondern der abgeschlagene Kopf des Täufers ist hier Hauptgegenstand, und als solcher ins Bildzentrum gerückt. Die brutale Dramatik wird damit in eine symmetrische Anordnung gezwängt. Unbarmherzig erscheinen die Menschen und Objekte von idealer, gesuchter Schönheit in feinsten, fröhlichen Farbkombinationen, der grausamen Handlung gleichsam zum Hohn. Diese „unheimliche“ Mischung von Naturalismus und Idealismus in der Kunst von Solarios Lehrer Leonardo mag sich für Themen dieser Art besonders geeignet haben.
Heute war es wirklich sehr warm in Wien – 37 Grad am Stephansplatz. Die Menschen glauben, dass mir noch wärmer ist, weil ich so ein weiches Fell habe. Stimmt nicht ganz, weil die Zwischenhaare verliere ich immer im Frühling und deswegen kann die Luft durch.. Meine Freunde mit den ganz kurzen Haaren, die tun mir immer leid. Weil die spüren die Hitze ganz direkt auf ihrem Körper.
Aber heute – das muss ich Euch erzählen – heute habe ich etwas ganz Tolles erlebt. Harry durfte wieder einem lieben Priester helfen. Und Frauchen kommt ja erst am Sonntag. Und bei der Hitze lässt mich Harry nicht gerne alleine zuhause. Also durfte ich ausnahmsweise mitgehen. Und dann war ich in der Sakristei. Das war schön. Es riecht dort so gut und der Boden ist aus kühlem Stein. Und dann hat mich einer von diesen ganz lieben Herren begrüßt, die mit den goldenen Schalen und den Büchern beschäftigt sind. Er hat für mich eine Plastikschüssel geholt – fast wie meine zuhause nur größer. Und dann habe ich viel Wasser bekommen. Oh das war gut und fein.
Und dann haben wir kurz Danke zum lieben Gott gesagt, die freundlichen Männer haben noch ganz lieb mit mir gesprochen und mich gestreichelt und dann habe ich mich in der Ecke auf den kühlen Steinboden gelegt und ganz fein geschlafen. Und als ich aufgewacht bin, war Harry schon wieder da. Das war schön!
Das Foto wurden unter Verwendung eines Originals von Ionuţ Androsca leicht angepasst.
Es war ein außergewöhnlich heißer Tag in Wien – knapp 40 °C. Da waren die eineinhalb Stunden im klimatisierten Kino zunächst einmal eine wohltuende Abkühlung. Doch auch der Film selbst wirkt kühl. Nicht distanziert, sondern ruhig, respektvoll und zurückhaltend.
Sandra Hüller spielt Ingeborg Bachmann nicht. Sie ist vielmehr ihr respektvolles Double. Sie leiht ihr Stimme, Haltung und Präsenz, ohne den Versuch zu unternehmen, sie nachzuahmen. Gerade das macht für mich den besonderen Reiz dieser Dokumentation aus.
Bei der Szene mit Max Frisch muss ich wohl kurz eingenickt sein – ich habe sie schlicht nicht wahrgenommen. Vielleicht war es die Hitze des Tages, vielleicht die ruhige Erzählweise des Films.
Der Film zeigt nicht nur die außergewöhnliche Intellektualität Ingeborg Bachmanns, sondern auch ihre besondere Schönheit. Beides wird nie ausgestellt, sondern behutsam sichtbar gemacht.
Ich habe mehrmals versucht, Werke von Ingeborg Bachmann zu lesen. Es ist mir jedoch nie gelungen, über längere Zeit bei ihren Texten zu bleiben. Immer wieder fand ich mich in einer Stimmung zwischen Traurigkeit, Empörung, Frustration und einer leisen Todessehnsucht wieder. Vielleicht sagt das ebenso viel über mich wie über ihre Literatur.
Bemerkenswert fand ich das Ende des Films. Er endet nicht mit dem Tod Ingeborg Bachmanns, sondern mit einem Bild ihrer Kindheit – einem stillen, sehr schönen Moment, der den Menschen vor der Ikone zeigt. Dieses Ende hat mir gefallen. Es lässt nicht den Tod das letzte Wort haben, sondern die Erinnerung an einen Augenblick des Lebens.
Eine liebe seit Jahren hochgeschätzte Freundin hat mir noch eine aufmerksame Beobachtung geschenkt: „Im Abspann wird im Bereich der Danksagungen und Rechtenachweise primär einer bestimmten Frau gedankt: Monika Albrecht. Gemeinsam mit Dirk Göttsche ist sie die Herausgeberin des „Todesarten“-Projekt-Nachlasses und der kritischen Editionen von Ingeborg Bachmanns Werken, auf denen der Film (inklusive des im Film von Sandra Hüller rezitierten Romanfragments „Gier“) maßgeblich basiert.“ Danke, mcD.
Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571–1610) Die Enthauptung Johannes des Täufers, 1608 Öl auf Leinwand, 361 × 520 cm Oratorium der St. John’s Co-Cathedral, Valletta, Malta
Bildbeschreibung
Thomas Pöll, 1.8.2026
Dieses Bild von Caravaggio ist im Original 5,20 mal 3,60 m groß und hängt allein an einer Wand einer Krypta (siehe genaue Beschreibung) in Valletta auf Malta. An der Wand gegenüber hängt der heilige Hieronymus, ebenfalls von Caravaggio gemalt, der die Vulgate, die erste einheitliche lateinische Bibelübersetzung aus dem Hebräischen bzw. Griechischen erarbeitet hat.
Sonst nichts.
Dazwischen stehen wir und beobachten eine Szene, wie sie erschreckender schwer sein kann. Der Scharfrichter (der so gar nicht uniformiert und „beamtet“ aussieht, vielleicht ist er einfach irgendein beauftragter Diener oder ähnliches) drückt den getöteten (eher in den Hals gestochenen als enthaupteten) Johannes zu Boden und wir wissen aus der Bibel (Hieronymus auf der anderen Seite!), dass die flache Schüssel (das „Tablett“) links noch eine große Rolle spielen wird. Denn auf ihr soll das Haupt des Täufers Salome, der Tochter von Herodes und Herodias, auf deren unbedacht zugestandenen Wunsch hin gebracht werden.
Der Mann, der zusieht, ist wesentlich „besser“ angezogen, wirkt fast wie verirrt in dem Bild. Warum es zwei FRAUEN sind, die da noch zuschauen bzw. die Schüssel bereit halten? Auch das wirkt auf mich deplatziert, konstruiert.
Impuls
Das einzig wirklich Wahrscheinliche an der Szene sind die beiden Männer hinter Gittern, die von rechts zusehen. Aber es bleibt die Brutalität der Aktion und das Wissen, was passieren kann, wenn Durchlavieren zum untragbaren Widerspruch wird. Denn Herodes hatte den Täufer durchaus als Gesprächspartner geschätzt, der Herodias jedoch war er ein Dorn im Auge, weil er ihre Ehe mit Herodes anprangerte, schließlich war sie seine Schwägerin. Herodes kam mit seiner Taktik nicht durch, dass sich das alles schon irgendwie ausgeht.
Man kann sich fragen:
• Kenne ich solche Situationen? • Hätte ich an Herodes’ Stelle den Mumm aufgebracht, der ganzen unwürdigen Intrige ein Ende zu setzen und mir an die Brust zu klopfen und zu sagen: ich hab’s verbockt? • Hat es ihm später jemand gesagt (wie der Prophet Natan König David)? • Wie würde ich dann reagieren?