Entscheidung auf dem Karmel

Götzen und der wahre Gott

(1 Kön 18, 20–39)

20 Ahab schickte in ganz Israel umher und ließ
die Propheten auf dem Karmel zusammenkommen. 
 21 Und Elija trat vor das ganze Volk und rief: Wie lange noch schwankt ihr nach zwei Seiten? Wenn der HERR der wahre Gott ist, dann folgt ihm! Wenn aber Baal es ist, dann folgt diesem! Doch das Volk gab ihm keine Antwort. 22 Da sagte Elija zum Volk: Ich allein bin als Prophet des HERRN übrig geblieben; die Propheten des Baal aber sind vierhundertfünfzig. 23 Man gebe uns zwei Stiere. Sie sollen sich einen auswählen, ihn zerteilen und auf das Holz legen, aber kein Feuer anzünden. Ich werde den andern zubereiten, auf das Holz legen und kein Feuer anzünden. 24 Dann sollt ihr den Namen eures Gottes anrufen und ich werde den Namen des HERRN anrufen. Der Gott, der mit Feuer antwortet, ist der wahre Gott.

Da rief das ganze Volk: Der Vorschlag ist gut. 

 25 Nun sagte Elija zu den Propheten des Baal: Wählt ihr zuerst den einen Stier aus und bereitet ihn zu; denn ihr seid die Mehrheit. Ruft dann den Namen eures Gottes an, entzündet aber kein Feuer! 
26 Sie nahmen den Stier, den er ihnen überließ, und bereiteten ihn zu. Dann riefen sie vom Morgen bis zum Mittag den Namen des Baal an und schrien: Baal, erhöre uns! Doch es kam kein Laut und niemand gab Antwort. Sie tanzten hüpfend um den Altar, den man gemacht hatte.27 Um die Mittagszeit verspottete sie Elija und sagte: Ruft lauter! Er ist doch Gott. Er könnte beschäftigt sein, könnte beiseitegegangen oder verreist sein. Vielleicht schläft er und wacht dann auf. 
28 Sie schrien nun mit lauter Stimme. Nach ihrem Brauch ritzten sie sich mit Schwertern und Lanzen wund, bis das Blut an ihnen herabfloss. 29 Als der Mittag vorüber war, verfielen sie in Raserei und das dauerte bis zu der Zeit, da man das Speiseopfer darzubringen pflegt. Doch es kam kein Laut, keine Antwort, keine Erhörung. 30 Nun forderte Elija das ganze Volk auf: Tretet her zu mir! Sie kamen und Elija baute den zerstörten Altar des HERRN wieder auf. 31 Er nahm zwölf Steine, nach der Zahl der Stämme der Söhne Jakobs, zu dem der HERR gesagt hatte: Israel soll dein Name sein. 32 Er fügte die Steine zu einem Altar für den Namen des HERRN, zog rings um den Altar einen Graben und grenzte eine Fläche ab, die zwei Sea Saat hätte aufnehmen können. 33 Sodann schichtete er das Holz auf, zerteilte den Stier und legte ihn auf das Holz. 34 Nun befahl er: Füllt vier Krüge mit Wasser und gießt es über das Brandopfer und das Holz! Hierauf sagte er: Tut es noch einmal! Und sie wiederholten es. Dann sagte er: Tut es zum dritten Mal! Und sie taten es zum dritten Mal. 35 Das Wasser lief rings um den Altar. Auch den Graben füllte er mit Wasser. 36 Zu der Zeit nun, da man das Speiseopfer darzubringen pflegt, trat der Prophet Elija an den Altar und rief: HERR, Gott Abrahams, Isaaks und Israels, heute soll man erkennen, dass du Gott bist in Israel, dass ich dein Knecht bin und all das in deinem Auftrag tue. 37 Erhöre mich, HERR, erhöre mich! Dieses Volk soll erkennen, dass du, HERR, der wahre Gott bist und dass du sein Herz zur Umkehr wendest. 38 Da kam das Feuer des HERRN herab und verzehrte das Brandopfer, das Holz, die Steine und die Erde. Auch das Wasser im Graben leckte es auf. 

39 Das ganze Volk sah es, warf sich auf das Angesicht nieder und rief:
Der HERR ist Gott, der HERR ist Gott! 

Wer oder was sind für uns heute Götzen?
Und der wahre Gott?

Warum gibt es Leid?

„Warum leidet der Unschuldige?
Das ist eine große Frage, die schon Dostojewski gestellt hat:
Warum leiden Kinder?
Diese Frage stellen wir uns alle.“

Papst Franziskus gibt darauf keine theoretische Antwort. Er verweist zunächst auf den gekreuzigten Christus: Wer nach dem Leid der Unschuldigen fragt, soll auf den Sohn Gottes am Kreuz schauen. Dann führt er den Gedanken weiter: Gott hat den Menschen als freies Wesen geschaffen. Er respektiert die menschliche Freiheit so sehr, dass er sie nicht einmal dann aufhebt, wenn Menschen Böses tun. Selbst das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz wurde nicht verhindert. Denn eine Welt ohne Freiheit wäre auch eine Welt ohne echte Liebe.

„Und hier kommt die Liebe ins Spiel.
Ohne Freiheit können wir nicht lieben.
Denn Liebe setzt eine Wahl voraus.

Die bedingungslose Liebe eines Vaters oder einer Mutter für ihr Kind und umgekehrt, die Liebe zwischen Eheleuten, zwischen Verlobten, die Liebe für das Leben und die Liebe zu den Menschen setzen alle eine Wahl voraus.

Entweder ich liebe oder auch nicht. Oder ich hasse.

Aber wenn ich nicht die freie Wahl hätte,
könnte ich nicht lieben.“

Papst Franziskus im Film „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortesvon Wim Wenders.

Diese kurze Sequenz habe ich mit dem Handy vom Fernseher abgefilmt. Vermutlich nicht ganz legal – vermutlich aber ganz im Sinne von P. Franziskus und Wim Wenders.

Trailer 2 Deutsch (1:31)
Trailer Deutsch lang (6:13)

Wikipedia über den Film


Wie wurde ich auf den Film im Juni 2026 aufmerksam?

Relativ egal, welche Zeitung ich gerade lese – überall taucht derzeit die Geschichte auf, dass Wim Wenders vor 50 Jahren eine Szene mit der damals 13-jährigen Nastassja Kinski gedreht hat. Heute habe ich gelesen, dass er sich dafür entschuldigt und den Film aus dem Verkehr gezogen hat. Tatsächlich ist „Falsche Bewegung“ zumindest auf Prime Video derzeit nicht mehr verfügbar.

Die ZEIT: Kinski äußert sich zu Debatte um ihre Nacktszene in Wenders-Film

Das hat mich neugierig auf Wim Wenders gemacht. Einige seiner Filme kannte ich bereits. Ein Projekt hatte ich allerdings nie verfolgt:

„Nachdem das Büro von Wim Wenders 2013 einen Brief vom Vatikan mit der Anfrage erhalten hatte, ob Wenders Interesse an einem Film über Papst Franziskus habe, wurde nach detaillierter Abklärung der Bedingungen, unter denen das Projekt durchgeführt werden sollte, Anfang 2016 mit den Dreharbeiten begonnen.“

So entstand der Film „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“, der 2018 in die Kinos kam.

Ich hatte ihn damals nicht gesehen. Heute haben Yuliya und ich ihn ganz in Ruhe angesehen – und ich bin begeistert. Zu sehen sind Originalaufnahmen aus dem Leben des verstorbenen Papstes, von denen ich viele noch nie gesehen hatte. Mehrmals haben wir den Film angehalten und darüber gesprochen.

Mit so viel Liebe, Kompetenz und dramaturgischem Einfühlungsvermögen zusammengestellt, dass daraus ein filmisches Meisterwerk geworden ist – und nicht die bloße Dokumentation, die ich erwartet hatte.

Fast am Ende gibt es eine Szene, in der Papst Franziskus auf die berühmte Frage eingeht, warum es Leid gibt. Theoretisch ist die Antwort bekannt. Aber so warmherzig, menschlich und glaubwürdig habe ich sie noch nie gehört wie aus dem Mund von Franziskus in seiner Muttersprache.

Ich konnte nicht anders und habe den kurzen Ausschnitt einfach mit dem Handy gefilmt.

Beistand und Zuversicht

Aus den Händen aller, die uns hassen, errette uns, o Herr.

Bitten

Salz der Erde, Licht der Welt: das sind Menschen wie Elija, die anderen Beistand und Zuversicht sind, die in scheinbar aussichtsloser Zeit Fenster der Hoffnung aufstoßen. Bitten wir Gott, der uns ruft:

A: Erfülle uns mit deinem Geist.

– Dass wir den Menschen nahe sind, die du uns anvertraut hast.
– Dass nichts uns vom Vertrauen auf deinen Beistand abbringt.
– Dass wir auch in Situationen beieinander ausharren, in denen wir mit unserem Latein am Ende sind.

A: Erfülle uns mit deinem Geist.

Quelle: Magnificat – das Stundenbuch, 9.6.2026

Was rettet die Zukunft der Menschheit?

Eine Gegenüberstellung scheinbar ähnlicher Positionen zweier Persönlichkeiten, recherchiert und editiert mit ChatGPT am 3.6.2026 von HRP.

ThemaPeter ThielPapst Leo XIV
Geboren1967, Frankfurt am Main1955, Chicago
HerkunftDeutscher Emigrant in den USAUS-Amerikaner, Augustiner
AusbildungPhilosophie, Stanford; JuristMathematik, Philosophie, Theologie
Beruflicher WegUnternehmer, Investor, Mitgründer von PayPal, erster Investor bei FacebookOrdensmann, Missionar, Bischof, Kardinal, Papst
GrundfrageWie verhindern wir den Niedergang der Zivilisation?Wie führen wir Menschen zu Gott und zueinander?
MenschenbildMensch als schöpferisches Wesen, das Grenzen überwinden sollMensch als geliebtes Geschöpf Gottes
Sicht auf TechnikZentrales Werkzeug der Erlösung von Leid und MangelWertvoll, aber dem Menschen dienend
Sicht auf den TodFeind, der bekämpft werden sollFeind, der durch Christus überwunden wurde
HoffnungFortschritt, Innovation, EntdeckungGnade, Auferstehung, Liebe
Gefahr unserer ZeitStagnation und geistige ResignationVerlust von Beziehung, Sinn und Hoffnung
FreiheitFreiheit zur Gestaltung der ZukunftFreiheit zur Liebe
MachtNotwendiges Instrument zur GestaltungVerantwortung im Dienst anderer
OrdnungVoraussetzung für FortschrittFrucht von Gerechtigkeit und Frieden
KIGroße Chance, aber auch MachtfrageGroße Chance, aber ethisch gebunden
ReligionChristentum als Quelle großer Wahrheiten; oft kulturkritischChristentum als lebendige Beziehung zu Christus
LeitbildDer Unternehmer, Entdecker, InnovatorDer Hirte, Diener, Brückenbauer

Peter Thiel:

Der Mensch muss die Welt verändern, damit sie besser wird.

Papst Leo XIV:

Der Mensch muss sich von Gott verändern lassen, damit die Welt besser wird.

Zwischen Weihrauch und Algorithmus

Firmung im alten Ritus, Enzyklika mit KI gelesen

Heute vormittag durfte ich mein Patenkind Augustin in der barocken Pfarrkirche von Katzelsdorf an der Leitha zur Firmung begleiten. Firmspender war der Apostolische Nuntius in Österreich, Erzbischof Pedro López Quintana. Die Feier erfolgte im außerordentlichen Römischen Ritus nach den liturgischen Büchern von 1962. Es war ein wunderbares Fest.

Der Heilige Geist war spürbar.

Wer nie eine solche Liturgie erlebt hat, verbindet mit dem „alten Ritus“ oft Distanz, Strenge oder nostalgische Rückwärtsgewandtheit. Ich habe heute das Gegenteil erlebt. Ruhe. Schönheit. Konzentration. Weihrauch, Latein, die Harmonie von Orgel, Geige und einfachen Litaneien im gregorianischen Stil – und eine erstaunliche Ernsthaftigkeit der Menschen — gerade auch der jungen.

Nach der Feier bereitete die Pfarrgemeinde mit großer Herzlichkeit eine Agape im Hof hinter der Kirche vor. Ich konnte mit vielen Menschen sprechen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, und war beeindruckt von der Nähe, Wärme und Selbstverständlichkeit, mit der hier gefeiert wurde. Keine Inszenierung. Kein Eventcharakter. Sondern Freude, Glaube und Gemeinschaft.

Anschließend fuhren wir noch ins Schweizerhaus und aßen dort die traditionelle Stelze. Auch Teddy bekam eine kleine Portion — selbstverständlich ohne Kruste. Er liebt alles, was Menschen essen, völlig unabhängig davon, was es ist.

Am späten Nachmittag begann dann ein völlig anderer Teil dieses Tages.

Ich las die neue Enzyklika Magnifica Humanitas von Papst Leo XIV.
Oder genauer gesagt: Ich las sie gemeinsam mit einer Künstlichen Intelligenz.

Der vollständige Text umfasst 245 nummerierte Abschnitte und mehrere hunderttausend Zeichen — eine dichte Mischung aus Theologie, Soziallehre, Philosophie, Politik, Wirtschaft, Technikethik und geistlicher Reflexion. Ein geübter Schnellleser würde vermutlich sechs bis acht Stunden benötigen, um den Text vollständig zu lesen. Um ihn wirklich geistig zu durchdringen, wahrscheinlich deutlich länger.

Ich habe einen anderen Weg gewählt.

Ich lud den vollständigen Text in ein KI-System und beschäftigte mich dann etwa zwei Stunden lang intensiv damit — lesend, fragend, diskutierend, reflektierend. Dabei stellte ich der Maschine drei Fragen:

  • Was ist die Kernbotschaft dieser Enzyklika für mich persönlich?
  • Was will der Papst den Mächtigen dieser Welt sagen?
  • Und was wäre anders, wenn die Menschen diese Enzyklika wirklich lesen und verstehen würden?

Das Überraschende war nicht die Technik.
Das Überraschende war, wie menschlich die Antworten wurden.

Denn diese Enzyklika ist kein Text gegen Künstliche Intelligenz. Sie ist ein Text gegen die Entmenschlichung des Menschen.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Papst Leo XIV. schreibt nicht wie ein kulturpessimistischer Mahner, der die digitale Welt verteufelt. Er anerkennt ausdrücklich die Größe menschlicher Technik. Die Entwicklung von Wissenschaft, Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz wird nicht als dämonische Bedrohung beschrieben, sondern als Ausdruck menschlicher Kreativität. Gleichzeitig zieht sich durch den gesamten Text eine tiefe Sorge: dass der Mensch beginnen könnte, seine eigene Würde zu vergessen.

Die eigentliche Gefahr ist für diese Enzyklika nicht die Maschine.
Die eigentliche Gefahr ist ein Mensch, der nur noch in Kategorien von Leistung, Kontrolle, Effizienz und Macht denkt.

Leo XIV. verwendet dafür zwei starke biblische Bilder: Babel und Jerusalem.

Der Turmbau zu Babel steht für eine Menschheit, die technisch immer mächtiger wird, aber innerlich die Orientierung verliert. Menschen sprechen zwar dieselbe Sprache, verstehen einander aber nicht mehr. Vielfalt wird zur Bedrohung. Unterschiede werden eingeebnet. Alles soll berechenbar, steuerbar und effizient werden. Der Mensch baut einen Turm, um „wie Gott“ zu sein — und verliert dabei sein eigenes Gesicht.

Dem gegenüber steht das Bild des Wiederaufbaus Jerusalems im Buch Nehemia. Dort entsteht Gemeinschaft nicht durch Zentralisierung von Macht, sondern durch gemeinsame Verantwortung. Jeder baut an seinem Teil der Mauer. Unterschiedliche Menschen wirken zusammen. Nicht Gleichförmigkeit schafft Einheit, sondern Beziehung.

Man muss kein Theologe sein, um zu erkennen, wie aktuell dieses Bild geworden ist.

Wir leben in einer Zeit, in der Algorithmen bestimmen, was Menschen sehen, fühlen und glauben. Aufmerksamkeit wird zur Ware. Wahrheit wird relativiert. Die mächtigsten technologischen Systeme der Geschichte befinden sich nicht mehr primär in den Händen demokratischer Staaten, sondern privater Konzerne. Künstliche Intelligenz beginnt Entscheidungen vorzubereiten, die früher Menschen getroffen haben: medizinische Diagnosen, Kreditvergaben, Bewerbungen, militärische Analysen, politische Kommunikation.

Und gleichzeitig wächst weltweit das Gefühl vieler Menschen, austauschbar geworden zu sein.

Genau hier setzt die Enzyklika an.

Sie erinnert daran, dass der Wert eines Menschen niemals von seiner Leistungsfähigkeit abhängen darf. Nicht Produktivität verleiht Würde. Nicht Erfolg. Nicht Sichtbarkeit. Nicht digitale Reichweite. Die Würde des Menschen ist aus christlicher Sicht unverlierbar, weil sie dem Menschen von Gott zukommt und nicht vom Markt.

Das klingt zunächst selbstverständlich. In Wahrheit ist es revolutionär.

Denn die digitale Welt bewertet ständig. Sie misst, sortiert, priorisiert, klassifiziert und optimiert. Die Logik moderner Systeme lautet fast immer: schneller, effizienter, profitabler, skalierbarer. Der Mensch gerät dabei leicht in Versuchung, sich selbst ebenfalls nur noch unter diesen Kriterien zu betrachten.

Die Enzyklika stellt sich diesem Denken mit bemerkenswerter Klarheit entgegen.

Vielleicht ist das sogar ihre eigentliche Botschaft:
Der Mensch darf die Technik verwenden. Aber er darf sich nicht selbst technisch verstehen lernen.

Mich persönlich hat beim Lesen vor allem ein Gedanke bewegt: Die Kirche verteidigt hier nicht einfach Tradition gegen Moderne. Sie verteidigt das Menschliche gegen seine Reduktion.

Das hat auch mit meinem eigenen Leben zu tun. Ich arbeite intensiv mit Künstlicher Intelligenz. Ich verwende sie zum Schreiben, Strukturieren, Nachdenken, Analysieren und Reflektieren. Gerade deshalb hat mich diese Enzyklika berührt. Denn sie zwingt zur ehrlichen Frage: Wozu verwende ich diese Macht eigentlich?

Um Menschen besser zu verstehen?
Oder um sie effizienter zu beeinflussen?

Um Wahrheit klarer zu formulieren?
Oder um Aufmerksamkeit zu erzeugen?

Um Beziehungen zu vertiefen?
Oder um mich selbst wichtiger zu machen?

Natürlich hätte das vollständige, langsame Lesen des gesamten Dokuments einen großen Wert gehabt. Ich hätte jede Argumentationslinie im Detail nachvollziehen, alle theologischen Nuancen erfassen und die Entwicklung der kirchlichen Soziallehre genauer studieren können.

Doch meine Form des Lesens hatte einen anderen Vorteil.

Ich habe die Enzyklika nicht archiviert, sondern dialogisch verarbeitet. Die KI wurde dabei nicht zum Ersatz meines Denkens, sondern zu einer Art Spiegel, Verstärker und Strukturierungshilfe. Statt mich in hunderten Absätzen zu verlieren, musste ich sofort entscheiden: Was berührt mich wirklich? Welche Frage ist wesentlich? Was davon betrifft konkret mein eigenes Leben?

Vielleicht liegt gerade darin eine der Chancen von KI: nicht weniger tief zu denken, sondern schneller zu den wirklich existenziellen Fragen vorzudringen.

Die Enzyklika fordert keine Maschinenverbote. Sie ruft auch nicht nostalgisch zur Rückkehr in eine vorindustrielle Welt auf. Im Gegenteil: Leo XIV. schreibt ausdrücklich, dass Technik heilen, verbinden, bilden und schützen kann. Aber er verlangt etwas, das heute fast altmodisch wirkt: Verantwortung.

Vor allem Verantwortung der Mächtigen.

Der Papst richtet sich deutlich an politische und wirtschaftliche Eliten. Er warnt vor einer technologischen Macht, die sich demokratischer Kontrolle entzieht. Er spricht über Waffen und KI, über digitale Manipulation, über wirtschaftliche Konzentration und über die Gefahr einer Kultur, in der Profit wichtiger wird als Menschen.

Seine Antwort darauf ist bemerkenswert unideologisch.
Nicht Revolution. Nicht Klassenkampf. Nicht Technikfeindlichkeit.

Sondern etwas viel Anspruchsvolleres: eine „Zivilisation der Liebe“.

Dieser Ausdruck klingt zunächst weich. Tatsächlich ist er radikal. Denn eine Zivilisation der Liebe würde bedeuten, dass politische, wirtschaftliche und technologische Entscheidungen nicht primär nach Macht, Gewinn oder ideologischer Kontrolle getroffen werden, sondern danach, ob sie dem Menschen dienen.

Vielleicht würden wir langsamer entscheiden.
Vielleicht würden wir wieder lernen zuzuhören.
Vielleicht würde Wahrheit wichtiger als Empörung.
Vielleicht würden Kinder nicht mehr von Algorithmen erzogen.
Vielleicht würde Arbeit wieder dem Menschen dienen und nicht umgekehrt.
Vielleicht würden wir technische Intelligenz entwickeln, ohne menschliche Weisheit zu verlieren.

Und vielleicht würden wir begreifen, dass die entscheidende Zukunftsfrage nicht lautet:

Wie intelligent werden Maschinen?

Sondern:

Wie menschlich bleiben wir selbst?

Der Originaltext der Enzyklika in Deutsch ist hier vollständig abrufbar.
https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html

Abgehaut – verloren gegangen

Jetzt haben wir uns schon lange nicht mehr gelesen. Und – ja Danke – es geht mir wieder sehr gut. Heute bin ich verloren gegangen.

Also das war so:

Frauchen hat ja dieses schöne kleine Haus gefunden mitten im Wald und nur weit weg höre ich einen anderen Kollegen, der bellt, wenn die Radfahrer bei ihm vorbei kommen. Und dann weiß ich schon, wenn er immer lauter bellt, dann kommen sie bald bei mir vorbei und dann muss ich auch bellen. Wenn er immer leiser bellt, dann kommen sie nicht. Und in unserem Garten, da ist der große Olivenbaum. Dort liege ich gerne im Halbschatten und manchmal fällt eine kleine Olive auf meine Schnauze. Das kitzelt aber die Oliven schmecken mir nicht.

Und um das ganze Haus und den riesigen Garten ist eine alte Mauer – aus Steinen und wenn ich die Steine spüre, dann weiß ich, da ist die Mauer und ich gehe einen Schritt zurück. So kann ich ganz alleine im Garten bleiben und alles ist fein.

Heute waren wir dann bei diesem Fluss, der eigentlich kein Fluss ist, sondern ein Meer und eigentlich kein Meer, sondern eine Bucht und eigentlich auch keine Bucht, weil dazu ist er zu wenig rund – egal – wir waren also dort und da haben Harry und Frauchen Muscheln gegessen und ich habe keine bekommen, weil ich Muscheln nicht mögen darf.

Und dann sind wir am Heimweg bei dieser kleinen Taverne vorbei gefahren, wo ich gestern so liebe Menschen und neue Freunde von mir getroffen habe. Und da wollte ich aussteigen und Harry hat angehalten und wir sind alle drei ausgestiegen. Und dann haben Yuliya und Harry ein kleines Eis gegessen – also eigentlich hat es nach Palatschinken gerochen aber ich habe keinen bekommen und ich habe in der Ferne meinen Freund gehört, der immer bellt, wenn die Radfahrer kommen. Aber es war anders als sonst. Entweder war er doch weiter weg oder es war nicht mein Freund. Das wollte ich mir jedenfalls genau anschauen und bin auf die Suche gegangen. Also die Stufen runter zum Weinberg, das kannte ich ja von gestern. Und dann auf den Weg und links nach Hause. Und dann bin ich aber das andere Links entlang gelaufen und mein Freund wurde immer leiser und dann habe ich ihn gar nicht mehr gehört und dann war es hell und laut und Autos haben gehupt und Leute haben durcheinander gerufen. Ich habe nur verstanden: „Der Hund. Schau der Hund. Alleine auf der Straße. Und da kommt ein Bus.“ Aber ich habe keinen Hund gesehen und keinen Bus. Also bin ich weiter gegangen. Und dann sind die Leute wieder gekommen und haben gesprochen wie Harry manchmal. Es hat so geklungen wie „Komm. Schöner Hund, komm. Wir tun Dir ja nichts. Komm komm komm. Dann haben sie gebellt, wie Menschen bellen, wenn sie eine Katze locken wollen. Aber ich bin ja nicht dumm. Ich habe sofort gemerkt, dass die mich nur streicheln wollen. Aber das mag ich nicht, wenn sie nicht vorher Yuliya oder Harry fragen, ob sie mich streicheln dürfen. Die sagen dann immer: „Wenn er will, gerne.“ Und dann entscheide ich, ob ich will oder nicht. Aber die beiden waren nicht da. Und schön langsam ist mir ein bisschen mulmig geworden. Kein Freund, der bellt, keine vertrauten Gerüche, keine bekannten Stimmen. Kein nichts. Kein Olivenbaum.

Und dann hat mich plötzlich ein helles Licht geblendet und das Licht hat gehupt. Und dieses Hupen habe ich sofort erkannt. So hupt nur Harry, wenn er nicht darf und sagen will: „Ich bin gleich da.“ In Wien. Und dann laufe ich zur Türe. Aber wo ist die Türe? Dann habe ich schon Frauchen gehört und Harry und beide haben gerufen: „Teddy! Teeeedy.“ Es hat nicht vorwurfsvoll geklungen. Eher ängstlich. So wie meine Mama mich gerufen hat, als ich ganz klein war. Also nicht ganz so, sondern so, wie die Menschen rufen, wenn sie ihre Tochter suchen, die sie ganz lieb haben. Und da bin ich einfach auf die Stimmen zugelaufen.

Das war eine Freude. Ein Wiedersehen. Als hätten wir uns eine ganze Woche nicht mehr gesehen. Frauchen hat mich umarmt und gestreichelt und geweint und gesagt: „Hopp. Hopp. Rein mit Dir, mein Schatz!“ Das habe ich mir nicht zweimal sagen lassen. So schnell war ich noch nie auf dem Rücksitz. Und dann sind wir zum Häuschen im Wald gefahren. Und mein Freund hat gebellt. Immer lauter. Bis er mich gehört hat. Ich habe ihm nur kurz mit einem „UiUWuff“ gesagt: „Alles gut. Ich bin wieder da.“

Und dann habe ich unter meinem Olivenbaum gelegen und den Sternen genau zugehört. Ein ganz kleiner hat zu einem etwas größeren gesagt: „Teddy hat heute gelernt, dass es besser ist, bei denen zu bleiben, die ihn lieben als einen Weg zu laufen, den keiner kennt, wenn dort keiner ruft, der ihn liebt.“ Der größere hat dazu nur „Amen“ gesagt. Das sagen Harry und Frauchen auch oft, wenn wir gemeinsam dem lieben Gott „Danke“ sagen. Und dann bin ich eingeschlafen und habe gespürt, dass sie mich sehr lieben – Yuliya, Harry und die Sterne. Und der liebe Gott sowieso, deswegen heißt er ja „Lieber Gott!“

Mehr über mich erzähle ich Dir gerne hier.

Wurzel Jesse

Ein neuer Monat beginnt mit einer neuen Ausgabe des Magnificat – mein Stundenbuch. Und da nehme ich mir gerne Zeit, die Bildbeschreibung von Heinz Detlef Stäps ausführlich zu genießen. Oft werden Bild und Text zu einer Meditation der Darstellungen, die ohne diese Hinführung für mich nur in Umrissen erkennbar wäre.

Das Original des Bildes vom Mai „Wurzel Jesse“ wurde von der Bayerischen Staatsbibliothek in hoher Auflösung gescannt. Erst in der Vergrößerung erkennt man, mit welcher Liebe zum Detail der Miniaturenmaler in der Spätgotik (zwischen 1478 und 1481) dieses Bild gemalt hat.

Die Darstellung hier ist mit dem Originalscan (rund 10 MB) verlinkt.

Wurzel Jesse, Berthold Furtmeyr, Salzburger Missale, Bd. 4, Regensburg, zwischen 1478 und 1481, Bayerische Staatsbibliothek München

Clm 15711, fol. 31v, Rechte: Public Domain,
Quelle: https://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb00045167-3

Namen und Zitate sind der Bildbeschreibung „Das Bild im Blick“ von Heinz Detlef Stäps, in Magnificat – das Stundenbuch vom Mai 2026, Verlag Butzon & Bercker Kevelaer“ entnommen.