Autor: Harald R. Preyer

  • Heimkehr ist eine Frage des Charakters

    Christopher Nolans „The Odyssey“ überwältigt mit Bildern, Lärm und Monstern. Seine eigentliche Frage aber ist eine alte: Was bleibt von einem Menschen, wenn er alles verloren hat – außer der Möglichkeit, das Richtige zu tun?

    Dieser Artikel verrät wesentliche Teile der Handlung und das Ende des Films.

    Es gibt Filme, die man verlässt und deren Handlung man anschließend nacherzählt. Und es gibt Filme, die noch lange nach dem Abspann Fragen stellen. Christopher Nolans The Odyssey gehört zur zweiten Kategorie.

    Natürlich ist da zunächst das Spektakel: das tosende Meer, die gewaltigen Landschaften, der Kyklop Polyphem mit seiner erschreckenden Körperlichkeit. Circes Verwandlung der Krieger in Schweine ist optisch brillant und zugleich ausgesprochen unappetitlich. Die menschlichen Körper scheinen ihre vertraute Ordnung zu verlieren. Aus Männern werden Kreaturen, in denen Gier, Maßlosigkeit und Entwürdigung sichtbar geworden sind.

    Der Film ist stellenweise so laut, dass man ihn nicht nur hört, sondern im Körper spürt. Das Dröhnen, die Musik, das Krachen und Brüllen sind keine Begleitung mehr. Sie werden selbst zum Ereignis. Man kann das überwältigend finden; man darf es auch übertrieben finden. Nolan möchte offenbar nicht, dass wir Odysseus’ Welt aus sicherer Entfernung betrachten. Wir sollen in sie hineingeraten.

    Und doch sind es am Ende nicht diese großen Szenen, die am stärksten nachwirken.

    Was bleibt, ist eine leise Frage:

    Wie bewahrt ein Mensch seinen Charakter, wenn das Leben ihn immer wieder versucht, verbittert, feige, grausam oder gleichgültig zu werden?

    Yuliya und ich haben den Film deshalb als eine Erzählung über Tugend verstanden. Unsere gemeinsame Kernaussage nach dem Kinobesuch lautete:

    Es ist wichtig, Tugend zu bewahren.

    Das klingt zunächst beinahe altmodisch. In unserer Zeit spricht man eher von Selbstverwirklichung, Effizienz, Authentizität oder Resilienz. Das Wort Tugend erinnert an Schulbücher und moralische Ermahnungen. Dabei bezeichnete das griechische Wort aretḗ nicht bloß ein anständiges Verhalten. Gemeint war die menschliche Vortrefflichkeit: die Fähigkeit, in einer konkreten Situation klug, mutig, maßvoll, gerecht und treu zu handeln.

    Nicht, weil es einfach ist.

    Sondern gerade dann, wenn das Falsche leichter wäre.

    Die Monster im Menschen

    Odysseus begegnet auf seiner Reise Ungeheuern, Zauberinnen und Naturgewalten. Doch die eigentlichen Prüfungen tragen auch in Nolans Film menschliche Züge. Es sind Feigheit und Verrat, Gier und Machtstreben, Selbstüberschätzung und die Versuchung, Verantwortung auf andere abzuwälzen.

    Polyphem ist furchterregend. Aber er ist nicht das einzige Monster.

    Die Männer, die von Circe in Schweine verwandelt werden, verlieren ihre Menschlichkeit nicht erst im Augenblick des Zaubers. Die äußere Verwandlung macht sichtbar, was in ihrem Verhalten bereits angelegt ist. Der Film zeigt die Verwandlung nicht als märchenhaften Effekt, sondern als körperliche Erniedrigung. Gerade deshalb ist sie so schwer anzusehen.

    Das Gegenbild dazu ist Odysseus’ Ringen um Selbstbeherrschung. Auch er ist keineswegs ein makelloser Held. Er ist von Krieg und Verlust gezeichnet, zu Gewalt fähig und nicht frei von Hochmut. Tugend bedeutet hier nicht moralische Reinheit. Sie bedeutet, trotz eigener Schuld die Fähigkeit zur richtigen Entscheidung nicht völlig preiszugeben.

    Der gute Mensch ist nicht derjenige, der nie versagt.

    Es ist derjenige, der sich vom Versagen nicht endgültig bestimmen lässt.

    Das Los im Rachen

    Zu den stärksten neu eingeführten Bildern des Films gehört jenes Los, das Odysseus einem der Freier in den Rachen stopft. Ein kleiner Gegenstand wird zum Zeichen eines ganzen Lebens.

    Ein Los steht zunächst für das, was einem zufällt. Es kann Auftrag, Schicksal oder Verantwortung bedeuten. Wer sein Los annimmt, übernimmt den Teil des Lebens, der ihm zugemutet wird. Wer es anderen zuschiebt, versucht sich dem eigenen Anteil zu entziehen.

    Am Ende kann der Freier diesem Los nicht mehr entkommen. Odysseus zwingt ihn, es buchstäblich zu schlucken.

    Das ist brutal. Es ist aber nicht bloß ein grausamer Einfall für eine Kampfszene. Darin liegt eine Form poetischer Gerechtigkeit:

    Was du nicht tragen wolltest, daran gehst du nun zugrunde.

    Der Film macht aus einem abstrakten moralischen Zusammenhang ein körperliches Bild. Der Mann erstickt gewissermaßen an seiner verleugneten Verantwortung.

    Das ist nicht subtil. Aber es ist wirkungsvoll.

    Der Sohn rettet den Vater

    Noch eindrucksvoller ist ein anderer Augenblick im Kampf gegen die letzten Freier. Odysseus scheint seine entscheidende Waffe zu fehlen. Im letzten Moment erkennt Telemachos vom Obergeschoss aus, was zu tun ist, und wirft sie seinem Vater hinunter.

    Dramaturgisch ist das ein beinahe klassischer Rettungsmoment. Symbolisch aber geschieht viel mehr.

    Telemachos ist nicht länger bloß der Sohn eines berühmten Mannes. Er wartet nicht mehr darauf, dass der Vater die Ordnung wiederherstellt und ihm erklärt, welchen Platz er darin einnehmen darf. Er sieht, entscheidet und handelt.

    Der Sohn wird zum Mitstreiter.

    Mehr noch: Für einen Augenblick rettet nicht der große Odysseus seinen Sohn. Der Sohn rettet den Vater.

    Diese Umkehr bereitet das überraschende Ende des Films vor. Telemachos wird König von Ithaka. Odysseus nimmt den Thron nicht wieder dauerhaft für sich in Anspruch. Gemeinsam mit Penelope wird er verbannt und segelt gegen Westen.

    Damit entfernt sich Nolan weit von Homer. In der antiken Odyssee bleibt Odysseus König. Nach dem Blutbad an den Freiern droht ein neuer Kreislauf der Rache; erst das Eingreifen Athenes ermöglicht einen Frieden und die Wiederherstellung der politischen Ordnung.

    Nolans Film erzählt eine andere Pointe.

    Vielleicht besteht Größe nicht darin, die Macht zurückzugewinnen.

    Vielleicht besteht sie darin, zu erkennen, wann man sie weitergeben muss.

    Telemachos wird nicht allein deshalb König, weil er der Sohn des Königs ist. Der Waffenwurf ist sein stiller Befähigungsnachweis. Er hat im entscheidenden Moment gezeigt, dass er Verantwortung übernehmen kann. Die Krone erscheint deshalb nicht bloß als Erbe, sondern als Aufgabe.

    Das verlorene Bett

    Eine der schönsten Szenen Homers fehlt allerdings.

    Im antiken Epos erkennt Penelope den heimgekehrten Odysseus nicht sofort vorbehaltlos an. Sie prüft ihn. Sie befiehlt, ihr gemeinsames Ehebett aus dem Schlafgemach zu tragen. Odysseus reagiert empört: Das sei unmöglich. Er selbst habe das Bett um den Stamm eines lebenden Olivenbaums gebaut.

    Nur die beiden kennen dieses Geheimnis.

    Das Bett ist deshalb weit mehr als ein Erkennungszeichen. Es ist eines der stärksten Symbole der Weltliteratur: eine Ehe, die in lebendigem Holz verwurzelt ist. Das gemeinsame Leben kann nicht einfach verschoben werden. Es besitzt einen verborgenen Mittelpunkt, den nur die beiden Eheleute kennen.

    Im Film übernimmt offenbar die goldene Nadel diese Funktion. Auch sie ist ein intimes Zeichen, an dem Penelope Odysseus erkennen kann. Filmisch funktioniert das rasch und unmittelbar: Ein Gegenstand, ein Blick, ein Erinnern.

    Und doch geht etwas verloren.

    Das homerische Bett erzählt nicht nur, dass Penelope ihren Mann erkennt. Es erzählt, was ihre Ehe ist. Es macht Penelope außerdem zur ebenbürtigen Partnerin des listenreichen Odysseus. Sie glaubt nicht einfach, was sie sehen möchte. Sie stellt ihren eigenen klugen Test.

    Die goldene Nadel ist ein Erkennungszeichen.

    Das Bett ist eine ganze Theologie der Ehe.

    Penelope ist die Heimat

    Nolans verändertes Ende gewinnt dennoch eine eigene Kraft. Odysseus kehrt nach Ithaka zurück, aber er bleibt nicht auf dem Thron. Er bricht mit Penelope erneut auf und segelt in den Westen.

    Dadurch verändert sich die Bedeutung der Heimkehr.

    Ithaka ist nicht mehr ausschließlich ein geografischer Ort. Der Palast ist nicht das letzte Ziel, ebenso wenig die wiedergewonnene Herrschaft. Vielleicht lautet die radikalere Einsicht:

    Nicht Ithaka ist seine Heimat. Penelope ist seine Heimat.

    Nach all den Irrfahrten besteht Odysseus’ Vollendung nicht darin, wieder dort anzukommen, wo er einst aufgebrochen ist. Er kann nicht einfach in sein früheres Leben zurückkehren. Der Krieg, der Verlust seiner Gefährten und die Begegnungen auf dem Meer haben ihn verändert.

    Er kehrt heim – und muss dennoch weiterziehen.

    Das ist vielleicht moderner als Homers Ende. Menschen können nach Krieg, Gewalt und jahrzehntelanger Abwesenheit an ihren Herkunftsort zurückkehren, ohne dort wieder die Menschen zu werden, die sie früher waren. Eine äußere Heimkehr hebt die innere Entfremdung nicht auf.

    Odysseus und Penelope gewinnen einander wieder. Aber sie gewinnen nicht einfach ihr altes Leben zurück.

    Sie müssen ein neues beginnen.

    Was würde Homer sagen?

    Würde Homer sich angesichts dieser Eingriffe im Grab umdrehen oder applaudieren?

    Vermutlich beides.

    Der Bewahrer des überlieferten Textes müsste den Kopf schütteln. Das fehlende Olivenbett, Telemachos als neuer König, die Verbannung und die Fahrt in den Westen greifen tief in die Architektur der antiken Erzählung ein.

    Der Dichter Homer könnte dagegen Gefallen daran finden.

    Die griechischen Mythen waren nie unveränderliche Museumsstücke. Sie wurden erzählt, variiert, verdichtet und aus neuen Blickwinkeln betrachtet. Schon die antiken Tragödiendichter übernahmen bekannte Stoffe und verwandelten sie. Die Treue zum Mythos bestand nicht immer in der buchstabengetreuen Wiederholung, sondern darin, seine tragenden Fragen für ein neues Publikum lebendig zu halten.

    Nolan erzählt nicht Homers Verse nach.

    Er führt mit Homer ein Gespräch.

    Manchmal widerspricht er ihm. Manchmal vereinfacht er. Manchmal findet er ein starkes neues Bild, manchmal ersetzt er ein unübertreffliches altes durch ein schwächeres.

    Aber er bewahrt die zentrale Frage:

    Welcher Mensch kehrt aus all diesen Prüfungen zurück?

    Nicht: Wer hat das Monster besiegt?

    Nicht: Wer hat den Thron gewonnen?

    Sondern: Was hat der Mensch auf seiner Reise aus sich gemacht?

    Ein Film für das große Format

    Dass The Odyssey wie ein Werk für die große Leinwand wirkt, ist kein Zufall. Nach Angaben der offiziellen Filmhomepage wurde jeder einzelne Bildkader mit IMAX-Filmkameras aufgenommen. Der Film ist damit der erste abendfüllende Spielfilm, der vollständig in diesem Verfahren gedreht wurde.

    Sein größtes Vorführformat heißt korrekt IMAX 70mm Film oder 15/70 IMAX. Die Zahl 15 bezeichnet die fünfzehn Perforationslöcher eines einzelnen Bildes. Anders als bei gewöhnlichem 70-mm-Film läuft das Material horizontal durch den Projektor. Dadurch entsteht eine außergewöhnlich große Bildfläche. In dafür eingerichteten Sälen kann das fast quadratische IMAX-Bildformat von 1,43:1 vollständig sichtbar werden.

    „Super-IMAX“ wäre dafür zwar eine anschauliche, aber keine offizielle Bezeichnung.

    Ein Kino, das The Odyssey in diesem analogen IMAX-70-mm-Format zeigen kann, gibt es in Österreich leider nicht. Die nächstgelegene bestätigte Spielstätte ist das Cinema City IMAX im Palác Flora in Prag. Es gehört zu den sehr wenigen europäischen Kinos, die Nolans Film als 15/70-IMAX-Filmkopie projizieren können.

    Prag wäre also die Reise zum technisch größtmöglichen Bild.

    Doch auch Wien bietet eine besondere Gelegenheit.

    Noch einmal aufbrechen

    Das Gartenbaukino zeigt The Odyssey ab 28. August 2026 als analoge 70-mm-Filmkopie. Vorgesehen sind Vorstellungen in englischer Originalfassung, in englischer Originalfassung mit deutschen Untertiteln und in deutscher Synchronfassung. Für den 28., 29. und 31. August sowie für den 2. und 3. September sind Vorstellungen in der englischen Originalfassung ohne deutsche Untertitel angekündigt.

    Das ist kein IMAX 70mm. Der Film läuft im Gartenbaukino im klassischen 70-mm-Format mit fünf Perforationslöchern pro Bild, nicht im horizontal geführten 15/70-IMAX-Format. Trotzdem ist die Initiative bemerkenswert. In einer weitgehend digitalisierten Kinolandschaft eine analoge 70-mm-Kopie zu beschaffen, einzurichten und vorzuführen, ist mehr als nostalgische Liebhaberei.

    Es erinnert daran, dass Kino nicht nur aus einer Datei und einem Inhalt besteht.

    Zum Kino gehören Material, Licht, Projektor, Leinwand, Raum und ein Publikum, das sich zur selben Zeit derselben Geschichte aussetzt.

    Ich werde den Film deshalb im Gartenbaukino noch einmal ansehen – diesmal in der englischen Originalfassung und ohne deutsche Untertitel.

    Nicht, weil ich glaube, ihn beim ersten Mal nicht verstanden zu haben.

    Sondern weil gute Kunst selten beim ersten Sehen alles preisgibt.

    Beim zweiten Mal werde ich weniger darauf achten müssen, was geschieht. Ich kann genauer wahrnehmen, wie der Film seine Motive vorbereitet: das Los, die goldene Nadel, die Entwicklung des Telemachos, die Blicke Penelopes und jenen Augenblick, in dem aus der Rückkehr eines Königs der Abschied eines Mannes wird.

    Vielleicht ist das die eigentliche Wirkung dieses Films.

    Er erschöpft sich nicht im ersten Sehen. Er lädt dazu ein, noch einmal aufzubrechen – wie Odysseus selbst.

    Nicht jede Reise erreicht beim ersten Aufbruch ihr Ziel.

    Das wusste schon Homer.


    Weiterführende Links

    🎬 Offizielle Filmhomepage – The Odyssey
    Trailer, Hintergrundinformationen und Erläuterungen zu den verschiedenen Filmformaten.
    The Odyssey – Official Website

    🎥 IMAX – The Odyssey
    Informationen über die vollständig mit IMAX-Filmkameras gedrehte Produktion sowie die weltweiten IMAX-70-mm-Spielstätten.
    IMAX – The Odyssey

    🎞️ Gartenbaukino Wien – The Odyssey in 70 mm
    Vorstellungen ab 28. August 2026 in der analogen 70-mm-Filmkopie.
    Gartenbaukino – The Odyssey (70 mm)

    🏛️ Gartenbaukino – Reihe „The Bigger Picture“
    Informationen zur traditionsreichen 70-mm-Reihe des Gartenbaukinos und weiteren analogen Filmvorführungen.
    The Bigger Picture – Gartenbaukino

    📍 Cinema City IMAX Prag
    Die nächstgelegene Spielstätte, in der The Odyssey im originalen IMAX 70mm (15/70) gezeigt wird.
    IMAX – Liste der 70-mm-Kinos


    Persönliche Anmerkung:
    Diesen Artikel habe ich nach meinem ersten Kinobesuch geschrieben. Ich freue mich bereits auf eine zweite Vorführung Ende August im Wiener Gartenbaukino – diesmal in der englischen Originalfassung auf analogem 70-mm-Film. Manche Filme erschließen sich nicht vollständig beim ersten Sehen. The Odyssey gehört für mich zu ihnen.

  • Wie ich Einsegner wurde

    Es gibt Entscheidungen, die trifft man. Und es gibt Berufungen, die finden einen.

    Lange Zeit hätte ich nicht gedacht, dass ich einmal Menschen am Ende ihres Lebensweges begleiten würde. Mein beruflicher Weg führte mich durch die Wirtschaft, viele Jahre lang begleitete Manager bei Führung, Veränderung und den Fragen, wie Menschen gut zusammenarbeiten können. Erfolg, Verantwortung und internationale Projekte prägten meinen Alltag.

    Doch das Leben stellt manchmal Fragen, auf die man nicht mit dem Kopf antworten kann.

    Im Laufe der Jahre wurde ich immer häufiger mit Abschied, Krankheit und Tod konfrontiert. Freunde verloren geliebte Menschen. Familien baten mich, sie zu begleiten. Immer öfter saß ich an Küchentischen, hörte zu, schwieg, weinte mit und suchte gemeinsam nach Worten, wenn eigentlich keine Worte mehr möglich schienen.

    Dabei machte ich eine überraschende Erfahrung.

    Die meisten Menschen brauchen in den schwersten Stunden ihres Lebens keine perfekten Antworten. Sie brauchen einen Menschen, der da ist. Der zuhört. Der die Tränen aushält. Der nicht vorschnell erklärt, sondern Hoffnung offenhält.

    Langsam wurde mir bewusst, dass genau darin meine Aufgabe liegen könnte.

    Ich begann eine intensive theologische Ausbildung, vertiefte mich in die Heilige Schrift und übernahm mehr Dienste als Lektor und Kommunionspender im Wiener Stephansdom. Dort durfte ich erfahren, wie viel Trost von einem einfachen Segen, einer stillen Geste oder einem gemeinsam gesprochenen Gebet ausgehen kann.

    Je mehr ich Menschen auf ihrem letzten Weg begleitete, desto klarer wurde mir: Der Tod ist nicht nur das Ende eines Lebens. Er ist auch eine Stunde der Wahrheit.

    In diesen Stunden werden Titel unwichtig. Besitz verliert seine Bedeutung. Was bleibt, sind Liebe, Versöhnung, Dankbarkeit und die Spuren, die ein Mensch im Leben anderer hinterlassen hat.

    Genau diese Spuren sichtbar zu machen, ist für mich heute das Herz jeder Abschiedsfeier.

    Ich möchte keinen Lebenslauf vorlesen. Ich möchte erzählen, wer dieser Mensch wirklich war. Was ihn geprägt hat. Wofür er geliebt wurde. Woran man sich erinnern wird.

    Für mich ist jede Trauerfeier deshalb weit mehr als eine Zeremonie.

    Sie ist ein heiliger Moment.

    Nicht, weil alles religiös sein muss. Sondern weil hier etwas geschieht, das größer ist als wir selbst: Liebe begegnet der Endlichkeit.

    Als Christ glaube ich, dass Gott dem Tod nicht das letzte Wort überlassen hat. Die Auferstehung Jesu ist für mich keine schöne Idee, sondern der Grund meiner Hoffnung. Deshalb spreche ich den Segen nicht als magische Formel, sondern als Zusage: Kein Mensch fällt tiefer als in die Hände Gottes.

    Diese Hoffnung möchte ich weitergeben – behutsam, respektvoll und ohne sie jemandem aufzudrängen.

    Nicht jede Familie wünscht eine ausdrücklich christliche Feier. Das respektiere ich. Zuhören kommt immer vor Reden. Vertrauen kommt vor jeder Botschaft.

    Vielleicht ist genau das das Schönste an meiner Berufung: Immer wieder erlebe ich, dass Menschen nach einer Abschiedsfeier sagen: „Es war traurig – und gleichzeitig schön.“

    Wenn das gelingt, ist etwas Kostbares geschehen.

    Dann wurde nicht nur Abschied genommen. Dann durfte Liebe noch einmal spürbar werden.

    Heute nennen mich viele Menschen „Einsegner“. Ich empfinde diesen Namen nicht als Titel, sondern als Auftrag. Denn Segen bedeutet für mich, einem Menschen zuzusagen:

    Du bist geliebt. Dein Leben hatte Bedeutung. Und deine Geschichte endet nicht mit dem letzten Atemzug.

  • Der Mönch, der uns das Staunen zurückgab

    Eine Würdigung zum 100. Geburtstag von Bruder David Steindl-Rast am 12.7.2026.

    „Die Wurzel der Freude ist die Dankbarkeit. Nicht die Freude macht uns dankbar. Die Dankbarkeit macht uns froh.“

    Foto: Diego Ortiz MUGICA

    Kaum ein Satz wird so häufig mit Bruder David Steindl-Rast verbunden wie dieser. Er ist längst zu einer Art Lebensmotto für Millionen Menschen geworden. Und doch erschöpft sich das Lebenswerk dieses außergewöhnlichen Benediktiners keineswegs in einem schönen Zitat. Hinter ihm steht ein Jahrhundert gelebter Geschichte, tiefer Spiritualität und unermüdlicher Suche nach dem, was Menschen wirklich trägt.

    Am 12. Juli 2026 vollendete David Steindl-Rast sein hundertstes Lebensjahr. Geboren wurde er am 12. Juli 1926 in Wien als Franz Kuno Steindl. Er erlebte den Nationalsozialismus, den Krieg, den Zusammenbruch Europas, den Wiederaufbau und die Umbrüche der Moderne. Aus diesen Erfahrungen erwuchs keine Bitterkeit, sondern eine Haltung, die sein ganzes weiteres Leben prägen sollte: eine wache Aufmerksamkeit für das Geschenk des Lebens.

    Der Krieg als Lehrmeister

    Wer Bruder David zuhört, spürt schnell, dass seine Gedanken nicht am Schreibtisch entstanden sind. Immer wieder erzählt er vom letzten Kriegsjahr. Freunde wurden eingezogen und fielen. Niemand rechnete damit, zwanzig Jahre alt zu werden. Jeder Tag konnte der letzte sein.

    Gerade diese Erfahrung führte zu einer überraschenden Erkenntnis.

    Nicht die Angst blieb.

    Sondern eine ungeheure Intensität des Lebens.

    Er beschreibt rückblickend, dass seine Generation gerade deshalb so lebendig gewesen sei, weil sie ganz im Augenblick leben musste. Erst nach Kriegsende wurde ihm bewusst, welch kostbares Geschenk diese Haltung gewesen war. Später fand er dafür in der Regel des heiligen Benedikt die Worte:

    „Den Tod allezeit vor Augen haben.“

    Für viele klingt dieser Satz düster. Für Bruder David wurde er zum Schlüssel für ein erfülltes Leben. Wer seine Endlichkeit nicht verdrängt, entdeckt den unendlichen Wert des gegenwärtigen Augenblicks.

    Ein außergewöhnlicher Bildungsweg

    Nach dem Krieg studierte David Steindl-Rast zunächst Restaurierung an der Akademie der bildenden Künste Wien sowie Psychologie und Anthropologie an der Universität Wien. 1952 promovierte er zum Dr. phil. in Psychologie. Im selben Jahr folgte er seiner Familie in die Vereinigten Staaten und trat in das neu gegründete Benediktinerkloster Mount Saviour im Bundesstaat New York ein.

    Dort begann ein Leben, das Wissenschaft, klösterliche Spiritualität und den Dialog mit anderen Religionen miteinander verbinden sollte.

    Später wurde er zu einem der international bekanntesten Benediktiner und zu einer der bedeutendsten Stimmen des interreligiösen Dialogs. Gemeinsam mit Vertretern des Buddhismus, des Judentums, des Islam und anderer Traditionen suchte er nach dem, was Menschen verbindet, ohne die Unterschiede zu verwischen. Für diese Brückenarbeit erhielt er zahlreiche internationale Auszeichnungen, darunter den Martin-Buber-Preis.

    Staunen – Beziehung – Dankbarkeit

    Wer Dankbarkeit hört, denkt häufig an gute Manieren. Für Bruder David bedeutet sie weit mehr.

    Sie ist nicht der Ausgangspunkt seines Denkens, sondern dessen Frucht.

    Am Anfang stehen das Staunen, die Erfahrung der Verbundenheit und die Einsicht, dass unser Leben Geschenk ist.

    Wir haben uns weder erschaffen noch verdient. Wir sind uns selbst gegeben. Gesundheit, Freundschaft, Liebe, Vertrauen, sogar der nächste Atemzug – nichts davon ist selbstverständlich.

    Darum formuliert er seinen wohl bekanntesten Gedanken so überraschend:

    „Nicht die Freude macht uns dankbar. Die Dankbarkeit macht uns froh.“

    Diese Umkehrung verändert den Blick auf das Leben grundlegend. Freude wird nicht länger zur Voraussetzung der Dankbarkeit. Vielmehr öffnet Dankbarkeit den Menschen für jene Freude, die selbst schwierige Zeiten überdauern kann.

    Das Geschenk des Jetzt

    Ein zweiter Grundgedanke zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk.

    Wir begegnen unserem Leben immer im Jetzt.

    Vergangenheit begegnet uns als Erinnerung.

    Zukunft als Hoffnung oder Sorge.

    Beides geschieht im gegenwärtigen Augenblick.

    Zeit versteht Bruder David deshalb nicht als Gegner, sondern als Geschenk. Jeder neue Augenblick eröffnet eine neue Möglichkeit, das Leben bewusst anzunehmen. Wird eine Gelegenheit versäumt, schenkt das Leben eine weitere.

    Auch sein Verständnis der Ewigkeit entspringt dieser Erfahrung. Ewigkeit ist für ihn nicht eine unendlich lange Zeit. Sie ist das zeitlose Jetzt Gottes, das allem Leben zugrunde liegt und in dem nichts von dem verloren geht, was in Liebe gelebt wurde.

    Diese Sichtweise nimmt dem Tod nicht seinen Schmerz.

    Aber sie nimmt ihm seine letzte Macht.

    Ein Benediktiner mit weitem Herzen

    Viele schätzen Bruder David gerade deshalb, weil seine Sprache weit über kirchliche Grenzen hinaus verstanden wird. Er spricht selten in dogmatischen Formeln. Stattdessen beginnt er bei Erfahrungen, die jeder Mensch kennt:

    Staunen.

    Beziehung.

    Vertrauen.

    Zugehörigkeit.

    Dankbarkeit.

    Dabei bleibt er Benediktiner. Seine Spiritualität wurzelt tief in der Regel des heiligen Benedikt und in der Liturgie der Kirche. Zugleich sucht er den Dialog mit anderen Religionen und spirituellen Traditionen.

    Innerhalb der katholischen Theologie werden einzelne seiner theologischen Schlussfolgerungen – etwa zum Verhältnis der Religionen, zu bestimmten Aussagen des Credo oder zum Verständnis Christi – durchaus kritisch diskutiert. Seine Spiritualität der Dankbarkeit, der Gegenwart und der Achtsamkeit findet hingegen weit über konfessionelle Grenzen hinaus große Anerkennung.

    Rainer Maria Rilke – ein geistiger Weggefährte

    Zu den Dichtern, die Bruder David besonders geprägt haben, gehört Rainer Maria Rilke. Viele seiner Gedichte trägt er auswendig vor.

    Rilkes Rose, der Weinberg, der uralte Turm oder die „wachsenden Ringe“ werden für ihn zu Bildern einer Spiritualität des Staunens. Gott erscheint nicht als fernes Wesen, sondern als das große Geheimnis, das alles trägt.

    Vielleicht erklärt gerade diese Verbindung von Poesie und Glaube die Schönheit seiner Sprache. Sie überzeugt selten durch Argumente allein. Sie lädt ein.

    Was bleibt?

    Bruder David hat keine neue Ordensgemeinschaft gegründet und keine eigene Kirche ins Leben gerufen. Gemeinsam mit anderen hat er jedoch das internationale Netzwerk A Network for Grateful Living mit aufgebaut, das seine Spiritualität der Dankbarkeit bis heute weiterträgt.

    Sein eigentliches Vermächtnis liegt jedoch tiefer.

    Er hat unzähligen Menschen geholfen, den Glauben nicht zuerst als System von Antworten, sondern als Einladung zum bewussten Leben zu verstehen.

    Als Einsegner begegne ich häufig Menschen am Ende eines Lebens. Fast nie erzählen sie von beruflichen Erfolgen oder materiellem Besitz. Sie erzählen von Begegnungen. Von Liebe. Von gemeinsam verbrachter Zeit.

    Vielleicht hätte Bruder David genau darin den Ursprung aller Dankbarkeit gesehen.

    Nicht im Außergewöhnlichen.

    Sondern im Geschenk des Gewöhnlichen.

    Heute, hundert Jahre nach seiner Geburt, erinnert er uns daran, dass das Leben nicht zuerst eine Aufgabe ist, die gelöst werden muss, sondern ein Geschenk, das angenommen werden will.

    Vielleicht ist das sein schönstes Vermächtnis:

    Heute einmal bewusst innehalten.

    Staunen.

    Und danken.

    Nicht weil alles vollkommen ist.

    Sondern weil mitten im Unvollkommenen unendlich viel Geschenk verborgen liegt.


    Quellen

    • ORF Ö1, „Lebenskunst – Dem Leben vertrauen. Zum 100. Geburtstag von David Steindl-Rast“, Gestaltung und Moderation: Mag. Johannes Kaup, Erstausstrahlung 12. Juli 2026. Grundlage dieser Würdigung war das vollständige Sendungsmanuskript.
    • David Steindl-Rast: Ich bin durch dich so ich.
    • David Steindl-Rast: 99 Namen Gottes.
    • David Steindl-Rast, Alexandra Kreuzeder: Herzwerk.
    • Bibliothek David Steindl-Rast.
    • Regula Benedicti (Benediktsregel), Kapitel 4.
  • Die Lilien auf dem Feld

    Am 3. Juni habe ich diese Seerose im Stephansdom fotografiert. Damals wusste ich noch nicht, warum sie mich so berührt.

    Heute lese ich im Sufi-Almanach: „Beklage nicht die Vergangenheit, sorge dich nicht um die Zukunft, sondern versuche, das Beste aus dem Heute zu machen.“ Sofort denke ich an Jesu Worte:

    „Schaut die Lilien auf dem Feld an … Selbst Salomo war in all seiner Herrlichkeit nicht gekleidet wie eine von ihnen.“ (Mt 6,28–29)

    Die Blume sorgt sich nicht um morgen. Sie öffnet sich einfach dem Licht.

    Und dann entdecke ich noch etwas: Ein Blütenblatt fällt leicht aus der vollkommenen Ordnung heraus. Vielleicht ist gerade das ihre besondere Schönheit. Nicht makellos. Sondern echt.

    Vielleicht liegt darin eine leise Botschaft Gottes:

    Zwischen perfekt sein und geliebt sein liegt ein großer Unterschied.

    Die Lilie muss nicht vollkommen sein. Sie ist schön, weil sie ist.

    Vielleicht dürfen auch wir heute einfach sein – im Vertrauen darauf, von Gott geliebt zu sein.

  • Todsünden und letzte Dinge

    Dieses Werk von Hieronymus Bosch, Die sieben Todsünden und die vier letzten Dinge (um 1500), gehört zu den eindrucksvollsten moralisch-theologischen Bildprogrammen der europäischen Kunstgeschichte.

    Auf den ersten Blick erinnert das Gemälde an ein gewaltiges Auge. Tatsächlich ist dies die zentrale Bildidee: Die Welt wird vom Blick Gottes durchdrungen. Im strahlenden Mittelpunkt erscheint Christus als der auferstandene Weltenrichter. Er erhebt seine rechte Hand zum Segen und zeigt zugleich die Wundmale seines Leidens. Um ihn breitet sich ein goldener Strahlenkranz aus, der das gesamte Bild zusammenhält. Darunter steht in lateinischer Sprache: „Cave, cave, Deus videt“ – „Hüte dich, hüte dich, Gott sieht.“

    Um dieses göttliche Auge entfaltet sich wie ein Rad des menschlichen Lebens die Darstellung der sieben Todsünden. Jede Szene zeigt keine außergewöhnlichen Verbrechen, sondern alltägliche Situationen: Stolz, Geiz, Wollust, Neid, Völlerei, Zorn und Trägheit erscheinen mitten im gewöhnlichen Leben. Bosch verzichtet auf abstrakte Symbole und erzählt stattdessen kleine Geschichten voller feiner Beobachtungen. Menschen streiten, prahlen, genießen maßlos, betrügen oder verschlafen ihre Berufung. Gerade diese Nähe zum Alltag macht die Darstellung bis heute so eindringlich.

    Die kreisförmige Anordnung lässt den Eindruck entstehen, als drehe sich das menschliche Leben unaufhörlich um dieselben Versuchungen. Jede Sünde scheint aus der vorhergehenden hervorzuwachsen. Das Auge Gottes in der Mitte bleibt dabei unbewegt – ruhig, wachsam und zugleich barmherzig.

    In den vier Ecken des Bildes befinden sich runde Medaillons mit den vier letzten Dingen des Menschen: links oben der Tod, rechts oben das Jüngste Gericht, links unten die Hölle und rechts unten die Herrlichkeit des Himmels. Sie bilden den äußeren Rahmen der menschlichen Existenz. Das tägliche Handeln erhält dadurch eine ewige Perspektive: Das Leben ist nicht bedeutungslos, sondern mündet in eine endgültige Begegnung mit Gott.

    Über und unter dem Hauptbild verlaufen Spruchbänder mit Bibelzitaten aus dem Buch Deuteronomium. Sie mahnen den Menschen, Weisheit zu suchen und sich nicht der Torheit hinzugeben. Das gesamte Gemälde wird dadurch zu einer großen Meditation über Freiheit und Verantwortung.

    Bosch malt keine Welt der Hoffnungslosigkeit. Sein Blick ist zwar unerbittlich ehrlich, aber nicht zynisch. Im Mittelpunkt steht nicht die Sünde, sondern Christus. Nicht das Böse beherrscht das Bild, sondern der auferstandene Herr, dessen Licht bis in die dunkelsten Winkel des menschlichen Lebens reicht. Gerade deshalb wirkt das Gemälde weniger wie eine Drohung als wie eine Einladung zur Umkehr – zu einem Leben, das sich nicht um die eigenen Begierden dreht, sondern um Gott, der den Menschen sieht, kennt und liebt.

    Hieronymus Bosch (um 1450–1516), eigentlich Jheronimus van Aken, zählt zu den bedeutendsten Malern der niederländischen Spätgotik und der frühen Renaissance. Er wurde in ’s-Hertogenbosch (Den Bosch) geboren und verbrachte dort nahezu sein gesamtes Leben. Bosch entstammte einer Malerfamilie und schloss sich 1488 der angesehenen Illustren Liebfrauenbruderschaft an, einer religiösen Gemeinschaft, deren Mitglieder aus den führenden Kreisen der Stadt stammten. Über sein persönliches Leben ist nur wenig bekannt, doch seine Werke machten ihn bereits zu Lebzeiten weit über seine Heimat hinaus berühmt. Seine Auftraggeber fanden sich im Hochadel und im Klerus; später wurde insbesondere König Philipp II. von Spanien zu einem der bedeutendsten Sammler seiner Gemälde.

    Bosch verband eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe mit einer einzigartigen Bildsprache. In seinen Gemälden verschmelzen Alltag, Symbolik und fantastische Wesen zu tiefgründigen Erzählungen über das menschliche Leben. Bis heute geben seine Bilder der Kunstgeschichte Rätsel auf und laden immer wieder zu neuen Deutungen ein. Viele Kunsthistoriker sehen in seinem Werk vor allem eine eindringliche Mahnung, das eigene Leben im Licht des Evangeliums zu betrachten – nicht aus Angst, sondern im Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.

  • Aus dem Wertvollsten, das sie hatten

    Würde ein im Leben stehender Mensch sich elf Jahre lang jeweils für fünf Tage in eine Benediktinerabtei begeben, um dort die Bibel so detailliert zu studieren, dass nach diesen 55 Tagen erst 172 von 2722 Seiten gelesen sind? Oder anders formuliert: Wir haben erst sechs Prozent der Bibel gelesen – von Genesis 1,1 bis Exodus 40,38. Das sind die ersten 50 plus 40, also 90 Kapitel der Bibel.

    Unser lieber Kollege Roland hat ausgerechnet, dass wir ungefähr 165 Jahre brauchen, wenn wir in dem Tempo weitermachen.

    Rund vier Stunden am Tag lesen wir gemeinsam und sprechen über das Gelesene. Wir lesen im Kreis. Im Uhrzeigersinn. Jedes Mitglied unserer Gruppe liest einen Vers. Und da gibt es Verse, die über viele Zeilen gehen und andere, die nur wenige Wörter haben. Das Wort kommt also einmal lange nicht mehr und dann schnell wieder zu mir zurück. Wenn es der Text gerade anbietet, halten wir an. Und dann reden wir über das Gelesene – kreuz und quer – aber nicht durcheinander. Wir fragen scheinbar vom Hundertsten ins Tausendste oder manchmal einfach nur: „Wie könnte das gemeint sein?“

    Für mich macht einen guten Teil der Schönheit dieser Tage unsere Gruppe aus. Wir sind nie mehr als 12 Personen und ich kann mich nicht erinnern, dass wir einmal weniger als acht waren. Berufe, Titel und Auszeichnungen geben wir an der Pforte ab. Wir nennen einander bei unseren Vornamen und wir sprechen über ein Buch, das im Alltag selten Thema ist. Wir lesen und hören „Gottes Wort im Menschenwort“.

    Um 06:45 feiern wir mit den Mönchen die Heilige Messe in der Krypta der Stiftskirche. Hörbar ist unser leiser Gesang – a cappella ohne Orgel oder Begleitung. Hörbar sind die Gebete, die Texte der Lesung und des Evangeliums. Sichtbar sind die Mönche, der Zelebrant – in dieser Woche P. Johannes Paul – und seine mitfeiernden Mitbrüder, einige wenige Gäste und wir. Spürbar sind die Architektur der Krypta in ihrer jahrhundertealten Schönheit, das knarrende Chorgestühl, die hohe Energie im Raum. Wunderbar ist die Anwesenheit Gottes unter uns – in der gewandelten Hostie aber auch in den Herzen der Mitfeiernden. Da ist ein Strahlen.

    Um 07:30 wartet das Frühstück auf uns. Wir gehen von der Kirche die 100 Meter hinunter zum Exerzitienhaus. Im Untergeschoss hat Asmira bereits liebevoll für uns das Frühstück hergerichtet. Jeder von uns hat seine Serviette, seinen Sitzplatz, seine Tischgemeinschaft. Das Refektorium ist ein großer Raum für rund 24 Personen mit einer großen Säule in der Mitte, einer gewölbten Decke und Fenstern hinaus in den Wald und hinunter in die Wachau. Das Exerzitienhaus wurde in den Hang gebaut. Der Eingang liegt ebenerdig neben dem Gästeparkplatz. In der Mitte des Erdgeschosses ist der Vortragsraum mit der gleichen Architektur wie das Refektorium genau einen Stock darunter. Beide Räume sind lichtdurchflutet und geben den Blick in die Weite frei. Im Westen sieht man die Spitze der Kirche von Dürnstein, gegenüber Stein und im Osten Krems.

    Die Nordfassade des Exerzitienhauses bildet mit der Südwand der Foresterie (des Gästehauses) und einer dicken Festungsmauer im Westen einen offenen Innenhof mit Rasen und Sträuchern an den Wänden. Im „Dürnsteiner Eck“ stehen zwei große Holztische mit schweren Gusseisengestellen, zwei Bänken und ein paar Sesseln. Meistens sitzen wir dort im Freien und ganz selten hat uns der Wind, noch seltener der Regen in das geräumige Kursleiterzimmer im Osten des Innenhofs vertrieben.

    An sehr heißen Tagen mit viel Sonne stellen wir am Morgen die Sitzgruppe in den Schatten der Foresterie und am Nachmittag in den Schutz des Exerzitienhauses. Nur die Sportlichen unter uns tragen die schweren Sessel alleine. Bänke und Tische brauchen jedenfalls immer mindestens zwei von uns für die Verschiebung um ein paar Meter – ein willkommenes, zum Ritual gewordenes Gemeinschaftserlebnis.

    In Göttweig könnte ich meine Uhr und mein Handy an der Pforte abgeben. Die Gebetszeiten hören wir am rechtzeitigen Glockenläuten und Mobiltelefone sind hier gleich überflüssig wie Fernseher. Beim Läuten der Glocken unterbrechen die Mönche ihre Arbeit und kommen zum Chorgebet. Auch vom entlegensten Punkt der Abtei sind sie damit pünktlich und haben noch Zeit, in Stille einen Angelus zu beten. Ich bin da weniger geübt. Deshalb stelle ich mir den Wecker 15 Minuten vorher und genieße es, zu früh in der Kirche zu sein und die Gedanken schweifen zu lassen. Das Chorgebet ordnet sie dann wieder und führt zurück zur Mitte.

    Nach zwei Stunden gemeinsamen Vertiefens in die Bibel bleibt noch eine dreiviertel Stunde für Telefonate, Zeitung, Mails oder einfach zum Reflektieren und Schreiben. Dann wird es Zeit, zur Mittagshore in der Pfarrkirche hinaufzugehen. Dort könnte man mitlesen. Neue vereinfachte Bücher liegen für uns Gäste bereit und der QR-Code im Tagesplan führt zu einer Homepage, die genau weiß, welche Seiten aufzuschlagen sind. Ich genieße es eher, dem Choralgesang zu lauschen, die Stimmung zu spüren und mich in Gedanken zu verlieren und wieder zu sammeln. „Herunter kommen“ nennen das hier die meisten Gäste.

    Nach einer halben Stunde so gegen 12:30 sind wir alle wieder im Refektorium. Wir warten, bis jeder an seinem Platz steht. Dann liest Pater Christian ein kurzes Mittagsgebet aus dem braunen Heftchen vor, das ich seit meinem ersten Besuch 2010 kenne.

    Gegessen wird schweigend und achtsam. „Kannst Du mir bitte den Wasserkrug reichen?“ – das geht mit einer dezenten Handbewegung und einem dankbaren Lächeln schneller und aufmerksamer als mit gesprochenen Worten. Wir sind heuer zehn Personen – fünf Frauen und fünf Männer. Die andere Gruppe „Schweige- und Einzelexerzitien“ hat 14 Teilnehmer. Das Refektorium bietet bequem Platz für 26 Menschen an fünf Tischen. In aller Ruhe warten wir bei leiser Barockmusik, bis die Kollegin vor mir ihren Salat genommen hat. Auch vor der Suppenschüssel stehen gerade drei Freunde und einige holen sich bereits das Hauptgericht – heute geschmorte Hühnerkeulen mit Reis und Gemüse. Achtsamkeit greift Raum. Aufmerksamkeit formt Gemeinschaft. Stille tut gut.

    Einige von uns lassen sich Zeit beim Essen. Andere sind schneller und stehen früher auf. Das Gehen bleibt fast lautlos. Jeder will dem anderen spürbar guttun.

    Jetzt ist eine gute Zeit für eine Siesta. Ab 14:00 gibt es dann Kaffee und Kuchen oder Obst für alle, die das wollen.

    Der Nachmittag ist frei. Die Gedanken sind es auch. Eine kurze Wanderung hinüber in das ursprüngliche erste Göttweig nach St. Georg auf den Hügel im Osten der Abtei mit einem wunderbaren Blick zurück. Oder Baden in der Donau, ein Spaziergang durch die Weinberge, ein Bummel durch die Altstadt von Krems, der Besuch einer Ausstellung in Stift Dürnstein oder einfach nur die Ruhe in Göttweig genießen, lesen, schreiben, denken, danken, bitten und beten. Alle machen, was ihnen guttut.

    Ich habe in den letzten Tagen die Stille im Zimmer bei offenen Fenstern genossen und an dieser Homepage gearbeitet – einfach, weil mir das Spaß macht. Morgen treffe ich Freunde in Dürnstein. Um 17:45 werde ich wieder hier sein. Denn um 18:00 möchte ich bei der Vesper mitbeten. Der Rhythmus, die Texte, die Stimmung, das Erleben von Gemeinschaft im Wechsel mit dem Alleinsein – das hat Kraft und tut mir gut.

    Nach dem einfachen Abendessen treffen wir uns um 19:30 zur zweiten Bibelrunde des Tages. Dieser Programmpunkt heißt „offene Fragen“. Es gibt keine erkennbare Gesprächsstruktur und doch herrscht Ordnung. Jeder ist interessiert an den Fragen der anderen und an den Antworten von P. Johannes Paul, den Gedanken von Brigitte, Marianne und Thomas. Wenn es passt, trinken wir dann gemeinsam ein Gläschen Wein. Auch das hat seine unvereinbarte Ordnung und ergibt sich. Wasser ist genauso fein wie Wein, Tee oder Café. Im Zentrum steht der Austausch in der Gemeinschaft – niveauvoll, pointiert, mit gutem Witz und Charme. Und wer in sein Zimmer vorausgehen will, tut das einfach – mit dem guten Gefühl, dass nicht über die Abwesenden gesprochen wird, sondern eher über Gott und die Welt…

    Elf Jahre, zwei Bücher

    Am Sonntagabend begann JP mit einem Rückblick. Seit 2015 lesen wir gemeinsam die großen Erzählungen der Tora: von der Schöpfung über Kain und Abel, Noach und Babel zu Abraham, Isaak, Rebekka, Jakob, Esau und Josef. Seit drei Jahren begleiten wir Mose und das Volk Israel – vom Auszug aus Ägypten bis zum Sinai. Im vergangenen Jahr waren wir schließlich dort angekommen, wo Mose in einer Vision erfährt, wie die Wohnung Gottes aussehen soll. Elf Jahre stille Bibeltage, wenige Bücher der Bibel. Auch das ist eine Form von Langsamkeit.

    Das Beste, das sie damals hatten

    In diesem Jahr lesen wir weiter. Die letzten Kapitel des Buches Exodus. Und wieder sind es Texte, über die man beim gewöhnlichen Bibellesen leicht hinwegliest.

    Da wird gesammelt, gebaut und gearbeitet. Akazienholz wird zugeschnitten und mit Gold überzogen. Gold wird zu dünnen Blechen geschlagen und in feinste Fäden geschnitten. Edelsteine werden geschliffen und mit Namen graviert. Flachs wird zu feinstem Byssus verarbeitet, Garne werden gefärbt, gesponnen, gezwirnt, gewebt und zu kostbaren Gewändern vernäht.

    Was hier beschrieben wird, ist keine primitive Welt.

    Als die Bundeslade gebaut wird, beherrschen Menschen das Feuer seit Hunderttausenden Jahren. Sie malen seit Zehntausenden Jahren Bilder, betreiben seit Jahrtausenden Landwirtschaft und haben längst gelernt, Metalle zu gewinnen und zu bearbeiten. Sie schreiben, bauen große Städte und schaffen Kunstwerke von erstaunlicher Präzision.

    Die Bundeslade steht nicht am Anfang der menschlichen Kulturgeschichte. Sie entsteht in einer Welt, die bereits auf einem ungeheuren Schatz weitergegebenen Wissens aufbaut.

    Für die Wohnung Gottes kommt zusammen, was Menschen bis dahin gelernt hatten, aus den Dingen dieser Welt zu machen.

    Vom Feuer zur KI. Als die letzten Kapitel des Exodus entstehen, sind viele grundlegende Kulturtechniken der Menschheit bereits seit Jahrtausenden bekannt. Die Bundeslade verbindet einige der anspruchsvollsten von ihnen: Holzverarbeitung, Metallkunst, Textilherstellung und die Bearbeitung von Edelsteinen.

    Nach der Abrechnung am Ende des Buches Exodus wurden für das Heiligtum ungefähr eine Tonne Gold und 3,4 Tonnen Silber verwendet. Zum heutigen Materialwert im Juli 2026 wären das rund 115 bis 120 Millionen Euro in Gold und weitere 5,5 bis 6 Millionen Euro in Silber.

    Das Silber hatte vor allem Gewicht im wörtlichen Sinn: Aus hundert Talenten wurden hundert massive Sockel für das Heiligtum und den Vorhang gegossen – ein Talent Silber für jeden einzelnen Sockel.

    Das Silber erzählt noch eine andere Geschichte. 603.550 Männer ab zwanzig Jahren wurden gezählt. Auf jeden von ihnen entfiel ein halber Schekel – der Reiche nicht mehr, der Arme nicht weniger.

    So kamen mehr als drei Tonnen Silber zusammen. Nicht durch die Großzügigkeit einiger weniger, sondern durch den gleichen Beitrag von Hunderttausenden.

    Die Wohnung Gottes wurde von allen getragen.

    Aus einer Pflanze wird ein kostbarer Stoff

    Ganz anders als Gold und Silber beginnt der nächste kostbare Werkstoff mit etwas höchst Unscheinbarem: einer Pflanze.

    Immer wieder verlangt der Text „gezwirnten Byssus“. Daraus werden die kostbaren inneren Zeltbahnen gefertigt, der Vorhang vor dem Allerheiligsten und die Vorhänge an den Eingängen. Auch in den Gewändern des Hohenpriesters begegnet er uns wieder: im Efod und in der Brusttasche, verbunden mit blauem und rotem Purpur, Karmesin – und sogar mit feinen Goldfäden. Andere priesterliche Kleidungsstücke bestehen ganz aus diesem feinen Gewebe.

    Byssus war feinstes Leinen aus Flachs. Und bis aus der unscheinbaren Pflanze ein solcher Stoff wurde, war es ein weiter Weg.

    Der Flachs wurde geerntet – genauer: möglichst mit der Wurzel aus dem Boden gerauft, damit die Fasern ihre volle Länge behielten. Samenkapseln und Blätter wurden entfernt. Dann ließ man die Stängel kontrolliert durch Feuchtigkeit und Mikroorganismen anrotten. Bei diesem sogenannten Rösten lösen sich jene Pflanzenstoffe, die die langen Fasern mit dem holzigen Inneren des Stängels verbinden.

    Danach wurde der Flachs getrocknet und gebrochen. Die zertrümmerten Holzteilchen mussten herausgeschlagen und abgeschabt werden. Schließlich zog man die Faserbündel durch kammartige Werkzeuge, bis nur noch lange, feine und möglichst parallel liegende Fasern übrig blieben.

    Erst jetzt begann die eigentliche Textilarbeit.

    Aus den lockeren Fasern wurde ein möglichst dünner und gleichmäßiger Faden gesponnen. Für den im Exodus ausdrücklich verlangten gezwirnten Byssus genügte aber selbst das noch nicht: Mehrere bereits gesponnene feine Fäden wurden noch einmal kontrolliert miteinander verdreht. Erst danach konnten sie auf dem Webstuhl zu einem dichten, feinen Gewebe verarbeitet werden.

    Vom Feld bis zum fertigen Stoff waren also zahlreiche Arbeitsschritte notwendig:

    Raufen – Riffeln – Rösten – Trocknen – Brechen – Schwingen – Hecheln – Spinnen – Zwirnen – Weben.

    Zwirnen und Weben von Leinen, Ägypten, um 1900 v. Chr. Frauen verarbeiten Leinenfäden und weben Stoff auf einem Bodenwebstuhl. Darstellung aus dem Grab des Khnumhotep II in Beni Hasan; Faksimile von Norman de Garis Davies, 1931. Metropolitan Museum of Art, New York.

    Je feiner und gleichmäßiger der fertige Stoff sein sollte, desto größer waren das Können, die Sorgfalt und vor allem die Zeit, die in ihm steckten.

    Gold war schon kostbar, bevor der Mensch es berührte.
    Flachs wurde erst durch menschliche Arbeit kostbar.

    Und was ist mit der Muschelseide?

    Bis heute hält sich ein hartnäckiges Missverständnis: Byssus sei ein kostbarer Stoff aus den feinen Fäden bestimmter Muscheln gewesen – sogenannte Muschelseide.

    Mit dem Byssus des Exodus hat das nichts zu tun.

    Der biblische Byssus war feinstes Leinen aus pflanzlichen Fasern. Die Verwirrung entstand erst viel später durch die Geschichte des Wortes. Felicitas Maeder hat diese Entwicklung genau untersucht: In den antiken Quellen bezeichneten byssos und byssus feine pflanzliche Textilien. Erst im 16. Jahrhundert wurde das alte Wort auch auf den Faserbart von Muscheln übertragen.

    Der französische Naturforscher Guillaume Rondelet unterschied 1555 ausdrücklich zwischen einem Byssus vom Land und einem Byssus aus dem Meer. Von da an begann sich die neue zoologische Bedeutung auszubreiten.

    Die Richtung der Namensgebung war also genau umgekehrt, als man heute leicht vermutet:

    Nicht der biblische Byssus wurde nach der Muschel benannt.
    Die Muschelfaser wurde rund 2.000 Jahre später nach dem alten kostbaren Textil benannt.

    Quelle: Felicitas Maeder, „Byssus und Muschelseide. Ein sprachliches Problem und seine Folgen“, 2016.

    Und vieles wäre noch zu entdecken

    Vieles wäre noch interessant.

    Wie wurden die Edelsteine geschliffen und graviert – ohne moderne Werkzeuge? Warum finden wir unter all den kostbaren Steinen keine funkelnden Brillanten? Wie gewann man das tiefe Blau, den Purpur und das Karmesin? Wie schnitt man Gold in so feine Streifen, dass man es gemeinsam mit Garn verweben konnte? Wie viele Menschen arbeiteten an all dem? Und wie lange?

    Aber für heuer reicht es.

    Denn vielleicht haben wir etwas Wesentliches verstanden.

    Die Menschen gaben Gold, Silber, Bronze, Edelsteine und kostbare Stoffe. Doch das Wertvollste, das sie wirklich selbst schenken konnten, war ihre Zeit.

    Sie nahmen, was wertvoll war, und machten daraus mit ihrem Können, ihrer Sorgfalt und ihrer Geduld etwas noch Wertvolleres – für das Wertvollste, das sie hatten:

    für Gott.

    Und deshalb nehmen auch wir uns gerne Zeit.

    55 Tage, um zwei von 73 Büchern der Bibel zu lesen.

  • Grüß Gott!

    Herzlich willkommen auf meiner Seite. Hier kannst Du Dir ein erstes Bild von mir und meinen Gedanken machen.

    Ich bin ein dankbarer Mensch im letzten Viertel meines Lebens, 1963 in Innsbruck geboren und im lebenswerten Wien zuhause.

    Weil ich viel erlebt habe, einige Male gescheitert und für jede Erfahrung dankbar bin, gehe ich gerne ein Stück Deines Weges mit Dir, wenn Du das willst.

  • Ein paar Grad verändern die Welt

    300.000 Jahre Homo sapiens – und die erstaunliche Geschichte unseres Klimas

    Ein paar Grad. Mehr ist es gar nicht.

    Als ich begann, mich mit der Temperaturgeschichte der Menschheit zu beschäftigen, hat mich genau das am meisten überrascht: Zwischen einer Eiszeit und der Welt, in der wir heute leben, liegen im globalen Durchschnitt nur wenige Grad.

    Wir erleben an einem einzigen Tag größere Temperaturschwankungen. In Wien können zwischen einer kalten Winternacht und einem heißen Sommertag 40 Grad liegen. Was sollen da vier, fünf oder sechs Grad schon bedeuten?

    Für den ganzen Planeten: sehr viel.

    Ein paar Grad entscheiden darüber, ob gewaltige Teile Europas unter kilometerdickem Eis liegen. Wo Wälder wachsen. Wo Wüsten entstehen. Wie hoch die Meere stehen. Und wo Menschen leben können.

    Ich wollte deshalb wissen: Wie hat sich das Klima verändert, seit es uns Menschen gibt?


    Der Mensch ist ein Kind der Eiszeit

    Der Homo sapiens existiert seit ungefähr 300.000 Jahren. Fast seine gesamte bisherige Geschichte spielte sich in einer Welt ab, die kälter und unruhiger war als unsere heutige.

    Warmzeiten und Kaltzeiten wechselten einander ab. Riesige Eisschilde wuchsen und schrumpften. Niederschläge veränderten sich. Landschaften, Tierwelt und Vegetation wanderten.

    Der Mensch musste mitwandern.

    Er lernte das Feuer zu nutzen, stellte Werkzeuge her, kleidete sich in Felle und besiedelte immer neue Lebensräume. Über viele Jahrtausende lebte er als Jäger und Sammler.

    Dann kam die letzte große Kaltzeit.

    Vor rund 20.000 Jahren erreichte sie ihren Höhepunkt. Große Teile Nordeuropas waren von mächtigen Eisschilden bedeckt. Der Meeresspiegel lag viel tiefer als heute. Die globale Durchschnittstemperatur war nur einige Grad niedriger.

    Nur einige Grad – und die Erde sah völlig anders aus.


    Dann wurde das Klima erstaunlich ruhig

    Vor etwa 11.700 Jahren begann das Holozän – unsere heutige Warmzeit.

    Und nun geschah etwas für die Menschheitsgeschichte Entscheidendes: Das Klima wurde vergleichsweise stabil.

    Natürlich gab es weiterhin Schwankungen. Wärmere und kühlere Jahrhunderte, regionale Veränderungen, Dürren und Kälteperioden. Doch im globalen Durchschnitt bewegten sich die Temperaturen über viele Jahrtausende in einem erstaunlich engen Bereich.

    Genau in dieser Zeit geschah fast alles, was wir heute Zivilisation nennen.

    Menschen wurden sesshaft. Sie betrieben Landwirtschaft. Dörfer entstanden, später Städte. Schrift wurde erfunden. Reiche entstanden und verschwanden. Religionen prägten Kulturen. Philosophie und Wissenschaft entwickelten sich.

    Kupfer wurde bearbeitet. Bronze hergestellt. Eisen verhüttet. Dampfmaschinen gebaut. Elektrizität genutzt. Computer erfunden.

    Die gesamte uns bekannte Zivilisationsgeschichte entstand in einem ungewöhnlich stabilen klimatischen Fenster.

    Das ist vielleicht die überraschendste Erkenntnis dieser langen Reise:

    Der Homo sapiens ist 300.000 Jahre alt. Unsere Zivilisation aber ist ein Kind der letzten rund 10.000 Jahre.


    Warmzeiten und Kaltzeiten

    Auch innerhalb dieser stabilen Epoche blieb das Klima nicht völlig gleich.

    Es gab wärmere Phasen, etwa in Teilen der römischen Zeit und des Mittelalters. Es gab kühlere Jahrhunderte, die wir vereinfacht als „Kleine Eiszeit“ bezeichnen.

    Diese Veränderungen waren für Menschen spürbar. Ernten fielen aus. Gletscher wuchsen. Flüsse froren zu. In anderen Zeiten verbesserten sich die Bedingungen für Landwirtschaft und Besiedlung.

    Doch man muss vorsichtig sein: Diese historischen Warm- und Kaltphasen verliefen regional sehr unterschiedlich. Eine warme Epoche in Europa bedeutete nicht automatisch, dass die gesamte Erde gleichzeitig im selben Ausmaß wärmer war.

    Das globale Klima ist komplizierter als die Erinnerung an einen heißen Sommer oder einen kalten Winter.


    Seit 1850 wird die Kurve steiler

    Mit der Industrialisierung beginnt ein neuer Abschnitt.

    Der Mensch verbrennt in immer größerem Maß Kohle, später Erdöl und Erdgas. Dabei gelangen große Mengen Kohlendioxid in die Atmosphäre.

    Der Treibhauseffekt selbst ist keine Theorie aus unserer Zeit. Ohne natürliche Treibhausgase wäre die Erde viel zu kalt für das Leben, das wir kennen.

    Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob es einen Treibhauseffekt gibt.

    Die Frage ist, was geschieht, wenn wir seine Wirkung verstärken.

    Seit dem 19. Jahrhundert steigt die globale Durchschnittstemperatur deutlich. Besonders auffällig ist die Beschleunigung in den letzten Jahrzehnten.

    In unserer Grafik wird deshalb der Zeitmaßstab immer feiner. Zuerst betrachten wir Hunderttausende Jahre. Dann Jahrtausende. Ab 1500 kleinere Abschnitte. Für die jüngste Vergangenheit schließlich Jahrzehnte.

    Erst dadurch wird sichtbar, was sonst in einer 300.000 Jahre langen Kurve verschwinden würde:

    Am Ende steigt die Linie ungewöhnlich steil an.


    Was bedeutet ein Grad?

    Auch hier täuscht unsere Alltagserfahrung.

    Ein Grad mehr am Nachmittag ist bedeutungslos. Ein Grad mehr im globalen Jahresdurchschnitt ist etwas völlig anderes.

    Denn dieser Wert ist ein Mittel über:

    • alle Jahreszeiten,
    • Tag und Nacht,
    • Land und Ozeane,
    • Tropen und Polarregionen,
    • die gesamte Erde.

    Eine Veränderung dieses globalen Durchschnitts bedeutet gewaltige zusätzliche Energiemengen im Klimasystem.

    Deshalb können wenige Grad Gletscher schmelzen lassen, Meeresspiegel verändern, Niederschlagszonen verschieben und die Wahrscheinlichkeit extremer Hitze erhöhen.

    Die Geschichte der Eiszeiten zeigt uns bereits, wie mächtig wenige Grad sein können.


    Ich maße mir kein Urteil an

    Ich bin kein Klimaforscher.

    Ich kann keine Klimamodelle berechnen. Ich kann nicht beurteilen, welche politische Maßnahme richtig ist. Und ich habe wenig Sympathie für eine Diskussion, in der die einen jede Frage für moralisch verwerflich und die anderen jede Warnung für eine Verschwörung halten.

    Ich wollte zunächst etwas viel Einfacheres:

    verstehen.

    Wie sah die Welt aus, als der Homo sapiens entstand? Wie stark schwankte das Klima? Warum konnten Ackerbau, Städte und Hochkulturen gerade in den letzten Jahrtausenden entstehen? Und wie ungewöhnlich ist das, was wir heute beobachten?

    Je länger ich mich damit beschäftigte, desto vorsichtiger wurde ich mit großen Urteilen.

    Aber auch aufmerksamer.


    Unser gemeinsames Haus

    Papst Franziskus hat für die Erde ein schönes Bild verwendet: unser gemeinsames Haus.

    Ich weiß nicht, wie die Welt in 50 oder 100 Jahren aussehen wird. Ich weiß nicht, welche technischen Erfindungen uns helfen werden. Und ich weiß nicht, welche Prognosen sich als zu optimistisch oder zu pessimistisch erweisen werden.

    Aber ich sehe keinen vernünftigen Grund, sorglos mit diesem Haus umzugehen.

    Nicht aus Angst.

    Nicht, weil ich mich zum Richter über andere machen möchte.

    Und schon gar nicht, weil ich selbst immer vorbildlich leben würde.

    Ich maße mir kein Urteil an. Ich bemühe mich nur, selbst sorgsam mit unserem gemeinsamen Haus umzugehen.

    Vielleicht beginnt Verantwortung genau dort.

    Nicht beim Urteil über die anderen.

    Sondern bei der Frage, was ich selbst verstanden habe – und was ich daraus für mein eigenes Leben mache.

  • Adam, Eva, die Schlange und der Apfel

    … und schon haben wir ein Bild im Kopf, das mit dem Text der Bibel erstaunlich wenig zu tun hat. Es fehlt in den Bildern das Wesentliche – die Liebe Gottes.

    Adam und Eva im Paradies, Kinderzeichnung, Wachsstifte auf Papier, 2025

    „Im Anfang war das Wort …“ – und dann kommt doch gleich die Geschichte von Adam und Eva, der Schlange und dem Apfel.

    Das stimmt von der Idee her. Die Suche beginnt nur an der falschen Stelle – je nach Ausgabe der Bibel einige hundert Seiten zu weit hinten. Denn „Im Anfang war das Wort“ steht nicht am Anfang der Bibel. Es steht am Anfang des Johannesevangeliums.

    Der wirkliche Anfang der Bibel lautet:

    „Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde.“
    (Gen 1,1)

    Dass diese beiden Anfänge so ähnlich klingen, ist kein Zufall. Aber darauf kommen wir später zurück.

    Zunächst bleiben wir ganz am Anfang.

    Die Erschaffung der Welt

    Gott hat die Welt wirkmächtig erschaffen. Das erzählt uns die Bibel gleich zu Beginn – und zwar nicht nur einmal, sondern in zwei unterschiedlichen Schöpfungserzählungen.

    Die erste eröffnet das Buch Genesis. Der Name kommt aus dem Griechischen und bedeutet Ursprung oder Entstehung. Diese Erzählung ist groß, geordnet und geradezu feierlich. Gott formt nicht mit seinen Händen. Er spricht.

    „Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und wirr und Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war.“
    (Gen 1,1–4)

    So geht es weiter. Gott spricht – und es geschieht. Er scheidet Licht und Finsternis, Wasser und Himmel, Meer und trockenes Land. Pflanzen wachsen. Sonne, Mond und Sterne erscheinen. Das Wasser füllt sich mit Lebewesen, der Himmel mit Vögeln, die Erde mit Tieren.

    Und immer wieder heißt es:

    „Gott sah, dass es gut war.“

    Am sechsten Tag erschafft Gott den Menschen. Und hier beginnt bereits die erste Überraschung. Die Bibel spricht nicht von Adam und Eva:

    „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.“
    (Gen 1,27)

    Der Mensch ist das Bild Gottes. Nicht nur der Mann. Nicht nur die Frau. Der Mensch – männlich und weiblich.

    Dann beginnt Kapitel 2. Aber die erste Schöpfungserzählung ist noch nicht zu Ende. Bevor Gott ruht, geschieht noch etwas Wesentliches:

    „Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn.“
    (Gen 2,3)

    Das gefällt mir.

    Das erste große Werk Gottes in der Bibel endet nicht mit einer Vorschrift, nicht mit einer Drohung und nicht mit einer Strafe. Es endet mit einem Segen.

    Erst danach beginnt die Bibel noch einmal von vorn.

    Und plötzlich ist alles anders.

    Und die Bibel beginnt noch einmal von vorn

    Die zweite Schöpfungserzählung klingt völlig anders. Kein großer kosmischer Rhythmus, keine sieben Tage, kein Licht, das von der Finsternis geschieden wird, und keine feierliche Reihenfolge von Pflanzen, Gestirnen, Fischen, Vögeln und Landtieren.

    Stattdessen: Erde, Staub und Atem.

    „Da formte Gott, der HERR, den Menschen, Staub vom Erdboden, und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“
    (Gen 2,7)

    Hier spricht Gott nicht nur. Er formt.

    Und der Mensch heißt noch nicht Adam, jedenfalls nicht so, wie wir heute einen Vornamen verstehen. Im Hebräischen steht ha-adam: der Mensch, der Erdling. Er wird aus adamah, dem Erdboden, geformt.

    Der Erdling kommt von der Erde, und er lebt, weil Gott ihm seinen Lebensatem einhaucht.

    Dann pflanzt Gott einen Garten in Eden und setzt den Menschen hinein. Er darf von allen Bäumen des Gartens essen – mit einer einzigen Ausnahme:

    „Vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn am Tag, da du davon isst, wirst du sterben.“
    (Gen 2,17)

    Noch gibt es keine Frau. Noch gibt es keinen Mann. Es gibt den Menschen.

    Dann sagt Gott etwas, das in der ganzen bisherigen Schöpfungserzählung noch nie gesagt wurde:

    „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist.“
    (Gen 2,18)

    Zum ersten Mal ist etwas nicht gut.

    Gott formt die Tiere und führt sie zum Menschen. Der Mensch gibt ihnen Namen. Aber keines von ihnen ist ihm eine Hilfe, die ihm ebenbürtig ist. Also lässt Gott einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen.

    Nun kommt jene Szene, die wir alle zu kennen glauben: Gott nimmt Adam eine Rippe und macht daraus Eva.

    Aber so einfach ist es nicht.

    Das hebräische Wort zela kann Rippe bedeuten, aber auch Seite oder Flanke. Der Text erzählt jedenfalls etwas viel Tieferes als die Herstellung einer Frau aus einem Ersatzteil des Mannes: Gott nimmt vom Menschen und baut daraus ein Gegenüber.

    Erst jetzt fallen im hebräischen Text die Worte für Mann und Frau, isch und ischa.

    „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau soll sie genannt werden; denn vom Mann ist sie genommen.“
    (Gen 2,23)

    Aus dem einen Menschen werden zwei, die einander gegenüberstehen und doch zusammengehören. Nicht Herr und Dienerin, nicht Original und Kopie, sondern Gegenüber.

    Dann endet diese zweite Schöpfungserzählung mit einem Satz von großer Zärtlichkeit:

    „Beide, der Mensch und seine Frau, waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander.“
    (Gen 2,25)

    Sie haben nichts zu verbergen. Nicht voreinander und, wie sich gleich zeigen wird, auch nicht vor Gott.

    Noch nicht.

    Die Schlange kommt

    „Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der HERR, gemacht hatte.“

    So beginnt Genesis 3. Nicht mit dem Teufel. Nicht mit Satan. Mit einer Schlange.

    Der biblische Text sagt nicht, dass die Schlange der Teufel ist. Diese Deutung entsteht später. Hier gehört sie zunächst zu den Tieren, die Gott geschaffen hat. Und die Schlange beginnt auch nicht mit einer Lüge, sondern mit einer Frage:

    „Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?“
    (Gen 3,1)

    Natürlich hat Gott das nicht gesagt. Im Gegenteil: Gott hatte dem Menschen erlaubt, von allen Bäumen des Gartens zu essen. Nur einen einzigen hatte er ausgenommen. Aber die Frage der Schlange verschiebt etwas. Plötzlich geht es nicht mehr um die Fülle dessen, was der Mensch hat, sondern um das eine, was er nicht haben darf.

    Das ist ein Gedanke, den ich bei P. Johannes Paul Abrahamowicz gefunden habe und der mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht: Die Ursünde beginnt mit einer Verdrehung des Blicks.

    Der ganze Garten ist voller Bäume. Alle sind schön anzusehen und tragen Früchte. In der Mitte des Gartens steht der Baum des Lebens. Doch plötzlich sieht der Mensch nur noch den einen verbotenen Baum. Mehr noch: In der Antwort der Frau wandert dieser Baum sogar in die Mitte des Gartens.

    „Nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben.“
    (Gen 3,3)

    Aber das hatte Gott so nicht gesagt. Nach Genesis 2 steht der Baum des Lebens in der Mitte des Gartens; für den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse wird kein eigener Ort genannt. Und Gott hatte auch nicht gesagt, der Mensch dürfe ihn nicht berühren.

    Das Verbot ist im Kopf des Menschen größer geworden. Der verbotene Baum ist in die Mitte gerückt, und der Baum des Lebens ist aus dem Blick verschwunden.

    Vielleicht ist das die erste große Tragik dieser Geschichte: Der Mensch lebt mitten in der Fülle und schaut auf das, was ihm fehlt. Er ist umgeben vom Leben und sieht nur das Verbot.

    Dann spricht die Schlange den entscheidenden Verdacht aus:

    „Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.“
    (Gen 3,5)

    Jetzt geht es nicht mehr um eine Frucht, sondern um das Bild, das der Mensch von Gott hat. Meint Gott es wirklich gut mit mir, oder enthält er mir etwas vor? Kann ich ihm vertrauen, oder muss ich selbst dafür sorgen, dass mir nichts fehlt?

    JP beschreibt hier ein Grundmuster, das er Ursünde nennt. Sie entsteht im Zusammenspiel von Zweifel, Angst und Begierde. Diese drei Bewegungen haben keine klar festgelegte Reihenfolge; sie greifen ineinander und verstärken einander. Der Zweifel fragt: Hat Gott es wirklich gut mit mir gemeint? Die Begierde sagt: Das will ich haben. Und die Angst steigert sich zu dem Gedanken: Das muss ich haben, sonst fehlt mir etwas.

    Erst dann kommt die Tat.

    „Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und begehrenswert war, um klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß.“
    (Gen 3,6)

    Kein Apfel. Die Bibel spricht nur von einer Frucht.

    Und Eva verführt auch nicht den ahnungslosen Adam, der irgendwo anders im Garten herumsteht. Er ist da. „Bei ihr“, sagt der Text. Sie essen beide.

    Dann geschieht tatsächlich, was die Schlange angekündigt hat:

    „Da gingen beiden die Augen auf.“

    Aber was sehen sie? Nicht die Geheimnisse Gottes, nicht die Ordnung der Welt und nicht Gut und Böse.

    „Sie erkannten, dass sie nackt waren.“

    Vor wenigen Versen waren sie ebenfalls nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander. Jetzt flechten sie Feigenblätter zusammen und machen sich Schurze.

    Was hat sich verändert?

    Nicht ihre Nacktheit. Ihr Blick hat sich verändert: auf sich selbst, aufeinander und auf Gott.

    Als sie Gott im Garten hören, verstecken sie sich. Und Gott ruft:

    „Wo bist du?“
    (Gen 3,9)

    Das ist die erste Frage Gottes an den Menschen nach der Ursünde. Nicht: Was hast du getan? Nicht: Wie konntest du nur? Nicht: Welche Strafe hast du verdient?

    Sondern:

    Wo bist du?

    Der Mensch hat das Vertrauen verloren.

    Und Gott sucht ihn.

    Was hast du getan?

    Auf Gottes Frage „Wo bist du?“ antwortet der Mensch:

    „Ich habe deine Schritte gehört im Garten; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich.“
    (Gen 3,10)

    Zum ersten Mal ist von Furcht die Rede. Der Mensch, der bisher nackt vor Gott und vor seinem Gegenüber leben konnte, hat Angst bekommen. Gott fragt nach:

    „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem ich dir geboten habe, davon nicht zu essen?“
    (Gen 3,11)

    Jetzt wäre der Augenblick, in dem der Mensch sagen könnte: Ja.

    Aber er tut es nicht.

    „Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben. So habe ich gegessen.“
    (Gen 3,12)

    Der Satz ist bemerkenswert. Der Mann beschuldigt nicht nur die Frau, sondern indirekt auch Gott: Die Frau, die du mir beigesellt hast. Noch vor wenigen Versen hatte er über dieses Gegenüber gejubelt: „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch.“ Jetzt ist aus dem Geschenk Gottes eine Schuldige geworden.

    Die Frau macht es nicht viel anders:

    „Die Schlange hat mich getäuscht. So habe ich gegessen.“
    (Gen 3,13)

    Niemand übernimmt Verantwortung. Der Mann zeigt auf die Frau und auf Gott, die Frau zeigt auf die Schlange. Die Gemeinschaft, die eben noch von Vertrauen und unbeschämter Nacktheit geprägt war, beginnt zu zerbrechen.

    Vielleicht liegt auch darin ein wesentlicher Teil der Ursünde. Der Mensch will sein wie Gott, aber er will nicht verantwortlich sein. Er greift nach der Freiheit und schiebt die Verantwortung für die Folgen weiter.

    Strafe – oder Folge?

    Nun spricht Gott zur Schlange, zur Frau und zum Mann. Diese Verse gehören zu den schwierigsten der ganzen Erzählung, weil sie über Jahrhunderte als göttliches Strafurteil gelesen wurden: Die Frau müsse unter Schmerzen gebären und sich dem Mann unterordnen, der Mann müsse unter Mühsal arbeiten, und beide müssten schließlich sterben.

    Aber lohnt es sich, noch einmal genauer hinzusehen?

    Die Schlange wird verflucht. Auch der Ackerboden wird verflucht. Von der Frau und vom Mann aber sagt der Text nicht, dass Gott sie verflucht.

    Das ist ein Unterschied.

    Was Gott beschreibt, sieht vielmehr erschreckend nach jener Welt aus, die wir kennen. Das Verhältnis zwischen Mann und Frau ist von Begehren und Herrschaft bedroht. Die Arbeit, die den Menschen ernähren soll, wird mühsam. Der Boden trägt Dornen und Disteln. Das Leben ist endlich.

    JP nennt das die Unordnung, die als Folge der Ursünde entsteht. Das Gleichgewicht geht verloren: zwischen Mensch und Mensch, zwischen Mann und Frau, zwischen Mensch und Schöpfung und schließlich auch im Menschen selbst. Der Text schreibt die Herrschaft des Mannes über die Frau nicht als göttliche Ordnung vor. Er beschreibt sie als Folge der zerbrochenen Ordnung.

    Die heile Welt des Gartens ist zerbrochen.

    Aber hat Gott sie zerbrochen?

    Oder beschreibt die Erzählung, was geschieht, wenn das Vertrauen verloren geht?

    Ursünde, nicht Erbsünde

    An diesem Punkt wird verständlich, warum JP lieber von Ursünde als von Erbsünde spricht.

    Die Ursünde ist für ihn kein einmaliges Ereignis, das sich irgendwann in grauer Vorzeit ereignet hat und dessen Schuld seither von Generation zu Generation weitergegeben wird. Sie ist der Ursprung jeder Sünde, ein Muster, das sich immer wieder ereignet: Zweifel, Angst und Begierde greifen ineinander, der Mensch verliert das Vertrauen, greift nach dem Leben, als müsse er es selbst an sich reißen, versteckt sich und sucht schließlich einen Schuldigen.

    Natürlich können die Folgen von Sünde weitergegeben und sogar vererbt werden. Kinder können unter dem leiden, was ihre Eltern getan haben. Familien können Verletzungen über Generationen weitertragen. Ganze Gesellschaften können an den Folgen früherer Schuld leiden.

    Aber die Kinder erben nicht die Schuld.

    JP bringt es in seinem Schummelzettel sehr klar auf den Punkt: Vererbt werden können die Folgen der Sünde, nicht die Schuld selbst.

    Adam und Eva sind dann nicht einfach zwei Menschen von damals, deren Fehltritt wir bis heute büßen müssen.

    Sie sind wir.

    Die Geschichte spielt sich jedes Mal neu ab, wenn wir der Liebe Gottes misstrauen. Wenn wir mitten in der Fülle nur noch auf das schauen, was uns fehlt. Wenn aus „Das will ich haben“ ein „Das muss ich haben“ wird. Wenn die Angst uns dazu bringt, nach etwas zu greifen, von dem wir glauben, ohne es nicht leben zu können. Und wenn wir danach einen Menschen suchen, dem wir die Schuld geben können.

    Vielleicht erzählt Genesis 3 deshalb keine ferne Vergangenheit.

    Vielleicht erzählt die Geschichte von heute.

    Und Gott macht Kleider

    Bevor der Mensch den Garten verlässt, geschieht etwas, das in den großen Bildern vom Sündenfall leicht übersehen wird:

    „Gott, der HERR, machte dem Menschen und seiner Frau Gewänder von Fell und bekleidete sie damit.“
    (Gen 3,21)

    Die Menschen hatten sich selbst Schurze aus Feigenblättern gemacht. Sie wollten ihre Nacktheit verbergen, ihre Verletzlichkeit schützen und ihre Scham bedecken.

    Nun bekleidet Gott sie.

    Das ist eine erstaunliche Geste. Gott nimmt ihnen die Folgen ihres Handelns nicht ab. Er setzt sie auch nicht einfach wieder an den Anfang zurück. Der Garten ist verloren. Das Leben außerhalb Edens wird mühsam und endlich sein.

    Aber Gott schickt den Menschen nicht nackt hinaus.

    Er sieht seine Scham und bedeckt sie. Er sieht seine Verletzlichkeit und schützt sie. Der Mensch muss den Garten verlassen, aber Gott hört nicht auf, sich um ihn zu kümmern.

    Vielleicht ist das der Satz, mit dem wir die Geschichte vom sogenannten Sündenfall neu lesen können:

    Der Mensch verliert das Paradies, aber nicht Gott.

    Und vielleicht sollten wir uns jetzt ansehen, warum wir trotzdem ein ganz anderes Bild im Kopf haben.

    Und woher kommt nun unser Bild vom Sündenfall?

    Wir haben Genesis 3 gelesen. Wir haben eine Schlange gesehen, aber keinen Teufel. Eine Frucht, aber keinen Apfel. Einen Mann, der bei der Frau steht, aber keine Frau, die einen ahnungslosen Mann verführt. Wir haben einen Menschen gesehen, der das Vertrauen verliert, sich schämt und versteckt, und einen Gott, der ihn sucht und ihm am Ende Kleider macht.

    Warum haben wir trotzdem ein so anderes Bild im Kopf?

    Vielleicht deshalb, weil die meisten Menschen Genesis 3 viel seltener gelesen haben, als sie den Sündenfall gesehen haben.

    Seit Jahrhunderten erzählen Künstler diese Geschichte. Ihre Bilder hängen in Kirchen und Museen, stehen in Bibeln und Schulbüchern und wurden millionenfach reproduziert. Sie haben unser kollektives Gedächtnis geprägt. Dabei illustrieren sie den biblischen Text nicht einfach. Sie wählen aus, verdichten, dramatisieren und deuten. Manchmal fügen sie etwas hinzu, das gar nicht in der Bibel steht.

    Drei der berühmtesten Darstellungen zeigen das besonders deutlich.

    Albrecht Dürer: Der Augenblick vor der Tat

    Albrecht Dürers Kupferstich Adam und Eva aus dem Jahr 1504 gehört zu den berühmtesten Darstellungen des Sündenfalls überhaupt.

    Albrecht Dürer, Adam und Eva, 1504, Kupferstich. The Metropolitan Museum of Art, New York, Fletcher Fund, 1919.

    Wir sehen einen vollkommenen Mann und eine vollkommen schöne Frau. Beide stehen nackt im Paradies. Zwischen ihnen wächst der Baum, um den sich die Schlange windet. Eva hält bereits die Frucht in der Hand, Adam streckt seine Hand nach einer weiteren Frucht aus.

    Dürer zeigt den Augenblick unmittelbar vor dem Essen.

    Auf den ersten Blick scheint das ganz nahe am biblischen Text zu sein. Aber dann beginnt das Bild, unsere Vorstellung zu verändern.

    Die Schlange ist viel stärker ins Zentrum gerückt als in Genesis. Sie wird zur sichtbaren Macht der Versuchung. Eva steht ihr näher als Adam und empfängt die Frucht unmittelbar von ihr. Dadurch entsteht der Eindruck, die eigentliche Verführung geschehe zwischen Schlange und Frau, während Adam erst im nächsten Schritt hineingezogen werde.

    Genesis erzählt es nüchterner. Die Frau nimmt von der Frucht und isst; dann gibt sie ihrem Mann, der bei ihr ist, und auch er isst.

    Dürer macht aus diesem knappen Satz eine Szene. Und eine Szene braucht Rollen.

    Die Schlange wird zur Verführerin. Eva wird zur Verführten. Adam wird zum Nächsten in der Kette.

    Genau darin liegt die Macht der Kunst. Sie zeigt nicht etwas Falsches im einfachen Sinn. Aber sie entscheidet, was wir sehen – und damit auch, was wir später erinnern.

    Noch etwas ist bemerkenswert: Dürer füllt das Paradies mit Symbolen. Tiere, Pflanzen und Bäume erzählen eine ganze Welt theologischer und philosophischer Deutungen. Der biblische Text wird zu einem hochkomplexen Bildprogramm.

    Aus wenigen Versen ist eine ganze Welt geworden.

    Michelangelo: Ursache und Strafe in einem Bild

    Noch mächtiger hat Michelangelos Darstellung an der Decke der Sixtinischen Kapelle unser Bild vom Sündenfall geprägt.

    Michelangelo Buonarroti, Sündenfall und Vertreibung aus dem Paradies, um 1510, Fresko, Decke der Sixtinischen Kapelle. Vatikanische Museen, Vatikanstadt.

    Michelangelo tut etwas, das die Bibel nicht tut: Er zeigt zwei verschiedene Zeitpunkte gleichzeitig.

    Links sehen wir den Sündenfall. Die Schlange windet sich um den Baum und reicht Eva die Frucht. Adam greift selbst nach dem Baum. Rechts werden beide aus dem Paradies vertrieben. Ein Engel bedroht sie mit erhobenem Schwert.

    Der Baum steht in der Mitte und trennt die beiden Szenen.

    Links die Tat. Rechts die Strafe.

    Die Vatikanischen Museen beschreiben selbst, dass Michelangelo zwei im biblischen Text deutlich getrennte Momente zusammenführt und damit Ursache und Wirkung gleichzeitig zeigt.

    Das ist künstlerisch genial. Aber es verändert unsere Wahrnehmung der Geschichte.

    Zwischen dem Essen und der Vertreibung geschieht in Genesis nämlich sehr viel. Die Menschen erkennen ihre Nacktheit. Sie machen sich Schurze. Sie hören Gott. Sie verstecken sich. Gott sucht sie und fragt: „Wo bist du?“ Es kommt zum Gespräch, zu den Beschuldigungen und zur Beschreibung der Folgen. Schließlich macht Gott den Menschen Kleider und bekleidet sie.

    Bei Michelangelo verschwindet all das.

    Übrig bleibt eine gewaltige Bewegung:

    Sünde – Strafe.

    Und wieder wird die Schlange verändert. Michelangelo gibt ihr einen menschlichen Oberkörper und einen weiblichen Kopf. Davon steht nichts in Genesis. Die Schlange wird zu einem Mischwesen und rückt damit näher an spätere Vorstellungen des Dämonischen.

    Das Bild ist nicht „falsch“. Es ist eine theologische Interpretation.

    Aber wenn wir diese Interpretation oft genug sehen, beginnen wir zu glauben, wir hätten sie in der Bibel gelesen.

    Lucas Cranach: Die ganze Geschichte auf einmal

    Lucas Cranach der Ältere geht in seinem Gemälde Paradies aus dem Jahr 1530 noch einen Schritt weiter. Das Bild hängt heute im Kunsthistorischen Museum in Wien.

    Lucas Cranach d. Ä., Paradies, 1530. Kunsthistorisches Museum Wien · © KHM-Museumsverband

    (Im Februar 2024 durfte ich dieses Bild in einer ganz kleinen Runde im KHM ausführlicher studieren. Ich habe anschließend alle Details vergrößert und die Texte der Genesis bei den Szenen hinterlegt.)

    Cranach zeigt nicht einen einzigen Augenblick. Er zeigt die ganze Geschichte gleichzeitig.

    Im selben Garten begegnen uns Adam und Eva mehrfach. Wir sehen die Erschaffung Adams, die Erschaffung Evas, Gottes Verbot, den Sündenfall, die Entdeckung des Geschehenen und schließlich die Vertreibung aus dem Paradies.

    Die Zeit wird aufgehoben. Aus der Erzählung wird eine Landschaft, durch die unser Blick wandert.

    Das ist wunderschön und didaktisch äußerst wirkungsvoll. Ein Mensch, der die Geschichte nicht lesen kann, kann sie im Bild sehen.

    Aber auch Cranach muss Entscheidungen treffen. Er muss zeigen, wie die Frucht aussieht, wie die Schlange aussieht, wo der Baum steht und wie die einzelnen Personen zueinander angeordnet sind. Jeder Pinselstrich beantwortet Fragen, die der biblische Text offenlässt.

    Und genau deshalb sind diese Bilder für unseren Blick auf Genesis so wichtig.

    Dürer symbolisiert.

    Michelangelo dramatisiert.

    Cranach erzählt nach.

    Alle drei schaffen große Kunst. Keiner von ihnen will uns täuschen. Aber alle drei tun etwas, das wir beim Lesen der Bibel leicht vergessen: Sie zeigen uns nicht einfach den Text.

    Sie zeigen uns ihre Deutung des Textes.

    Was die Kunst der Bibel hinzugefügt hat

    Wenn wir nach diesen Bildern zu Genesis 3 zurückkehren, merken wir, wie viel sich in unserem Kopf angesammelt hat.

    Der Apfel steht nicht in der Bibel.

    Die Schlange wird nicht Satan oder Teufel genannt.

    Sie hat keinen weiblichen Oberkörper.

    Eva ist nicht allein mit der Schlange.

    Adam steht nicht ahnungslos abseits.

    Sexualität ist nicht die Sünde.

    Nacktheit ist nicht die Sünde.

    Die Herrschaft des Mannes über die Frau wird nicht als ursprüngliche Schöpfungsordnung erzählt, sondern erscheint erst in der zerbrochenen Welt nach dem Verlust des Vertrauens.

    Und vor allem: Die Geschichte besteht nicht nur aus Versuchung, Sünde und Strafe.

    Dazwischen steht eine Frage:

    „Wo bist du?“

    Und am Ende steht ein Gott, der dem Menschen Kleider macht.

    Vielleicht ist das die größte Überraschung dieser ganzen Reise. Die Kunst hat uns den Augenblick der Tat immer wieder gezeigt. Sie hat die Frucht, die Schlange, die Scham und die Vertreibung sichtbar gemacht.

    Aber die leise Bewegung Gottes ist viel schwerer zu malen.

    Der Mensch versteckt sich.

    Gott sucht ihn.

    Der Mensch bedeckt sich notdürftig.

    Gott bekleidet ihn.

    Der Mensch verliert den Garten.

    Aber Gott verliert den Menschen nicht.

    Und nun können wir zu jenem anderen Anfang zurückkehren, mit dem wir diesen Artikel begonnen haben.

    „Im Anfang war das Wort …“

    Im Anfang war das Wort

    Mit diesem Satz haben wir begonnen.

    „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“
    (Joh 1,1)

    Nun wissen wir, dass dies nicht der erste Satz der Bibel ist. Der erste Satz lautet:

    „Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde.“
    (Gen 1,1)

    Dass Johannes sein Evangelium fast mit denselben Worten beginnt, ist kein Zufall. Er führt uns bewusst zurück an den Anfang. Aber er erzählt nicht einfach noch einmal von der ersten Schöpfung. Er erzählt von einem neuen Anfang.

    Genesis erzählt von Gott, der spricht – und die Welt entsteht.

    Johannes erzählt, dass dieses Wort selbst in die Welt kommt.

    „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“
    (Joh 1,14)

    Vielleicht liegt darin die Antwort auf die ganze Geschichte, die wir gelesen haben.

    In Genesis verliert der Mensch das Vertrauen. Er greift nach dem Leben, als müsste er es Gott entreißen. Seine Augen gehen auf, und plötzlich sieht er sich selbst, sein Gegenüber und Gott anders. Er schämt sich. Er bekommt Angst. Er versteckt sich.

    Gott fragt:

    „Wo bist du?“
    (Gen 3,9)

    Die ganze weitere Geschichte der Bibel könnte man als die Geschichte dieser Suche lesen. Gott gibt den Menschen nicht auf. Er spricht zu Abraham. Er hört das Schreien seines Volkes. Er führt es aus der Sklaverei. Er schickt Propheten. Immer wieder sucht er den Menschen.

    Und dann kommt er selbst.

    Nicht als Macht, der sich niemand entziehen kann. Nicht als Richter, vor dem der Mensch aus seinem Versteck gezwungen wird. Gott kommt als Mensch.

    „Und das Wort ist Fleisch geworden.“

    Vielleicht ist das die radikalste Antwort Gottes auf die Ursünde. Der Mensch misstraut Gott – und Gott vertraut sich dem Menschen an. Der Mensch greift nach dem Göttlichen – und Gott wird Mensch. Der Mensch versteckt sich – und Gott kommt dorthin, wo der Mensch ist.

    Fra Angelico hat diesen Augenblick um 1440 in seinem Kloster San Marco in Florenz gemalt.

    Fra Angelico, Verkündigung, um 1440–1445, Fresko. Museo di San Marco, Florenz

    (Das Fresko befindet sich im oberen Korridor des ehemaligen Dominikanerkonvents San Marco; Hochauflösende gemeinfreie Bilddatei ansehen)

    Seine Verkündigung ist kein lautes Bild. Der Engel stürzt nicht vom Himmel, Maria weicht nicht erschrocken zurück. Beide begegnen einander in einem stillen Raum. Sie neigen sich einander zu. Die Arme sind vor der Brust gekreuzt. Nichts scheint erzwungen.

    Der Anfang der neuen Schöpfung geschieht in einer Begegnung.

    Und in einer Zustimmung.

    Maria hört das Wort und vertraut.

    Wo der Mensch im Garten Eden an der Güte Gottes zweifelt, sagt sie:

    „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast.“
    (Lk 1,38)

    Hier müssen wir vorsichtig sein. Maria ist nicht einfach die „bessere Eva“, und die Geschichte Jesu ist keine simple Umkehrung von Genesis 3. Aber die alte christliche Tradition hat diese Verbindung nicht ohne Grund gesehen: Dort wächst aus dem Misstrauen die Angst. Hier öffnet Vertrauen einen neuen Anfang.

    Das Wort wird Fleisch.

    Gott kommt nicht, um den Menschen für immer aus dem Garten auszusperren.

    Er kommt, um bei ihm zu wohnen.

    Vielleicht haben wir deshalb mit dem falschen Anfang begonnen und sind am Ende doch beim richtigen angekommen.

    „Im Anfang war das Wort …“

    Der Mensch versteckt sich.

    Gott sucht ihn.

    Und am Ende bleibt er bei ihm – bei uns.

  • Carmen, meine erste große Opernliebe

    Ein Abend beim Wiener Opernsommer am Heumarkt

    Begonnen hat alles mit dieser kleinen grünen Schleife.

    Die Karten für Carmen beim Wiener Opernsommer waren ein Weihnachtsgeschenk von Gudrun. Viele Monate später saßen wir nun zu dritt am Wiener Heumarkt: Gudrun, Yuliya und ich – unter einem dramatischen Sommerhimmel, vor einer Bühne voller spanischer Farben, großer Stimmen und einer Musik, die mich beinahe mein ganzes Leben begleitet.

    Meine große Liebe zu Carmen begann, als ich 16 Jahre alt war. Unser Musikprofessor gehörte zu jenen Lehrern, die einem jungen Menschen etwas fürs Leben schenken können. Er brachte uns Bizets Oper über Wochen intensiv nahe. Wir lasen gemeinsam das Libretto, studierten die Partitur, hörten einzelne Instrumentalstimmen, Arien, Duette und Chöre und lernten die musikalischen Motive kennen.

    Am Ende besuchten wir als ganze Klasse Carmen im Tiroler Landestheater.

    Es war die erste Oper meines Lebens, auf die ich wirklich vorbereitet war. Ich saß nicht einfach im Zuschauerraum und ließ Musik auf mich einströmen. Ich konnte hören, was geschah. Ich erkannte Motive wieder, verstand Zusammenhänge und wartete auf Arien und Chöre, die mir bereits vertraut waren.

    Vielleicht ist genau das der Grund, warum Carmen bis heute meine Lieblingsoper geblieben ist.

    Ich habe sie inzwischen mehr als dreißig Mal erlebt – in großen Opernhäusern und unter freiem Himmel, traditionell und modern inszeniert. Ich kann also vergleichen.

    Und die Carmen des Wiener Opernsommers 2026 gehört für mich zu den besonders gelungenen Begegnungen mit diesem Werk.