Schlagwort: Freiheit

  • Gott, Freiheit und die Macht

    Ich möchte verstehen, was hinter der Macht von Religion steht. Und ich möchte verstehen, wie ich mein eigenes Leben und das meiner Lieben möglichst gut gestalten kann.

    Deshalb besuche ich die Theologischen Kurse der Erzdiözese Wien. Ihr Leitspruch lautet:

    „Wissen, was dahinter steckt.“

    Genau darum geht es mir.

    Ich studiere nicht Theologie, um einen akademischen Grad zu erwerben. Ich möchte verstehen, was Menschen seit Jahrtausenden bewegt: Gott, Leid, Hoffnung, Tod, Freiheit, Liebe und Verantwortung.

    Deshalb lese ich nicht nur Bücher, sondern auch regelmäßig internationale Zeitungen. Denn die großen Fragen des Menschseins begegnen uns nicht nur in der Bibel oder in theologischen Lehrbüchern. Sie begegnen uns täglich in den Nachrichten.

    Warum entstehen Kriege? Warum unterdrücken Menschen andere Menschen? Warum halten Regierungen an Macht fest? Warum geschieht Böses?

    Und immer wieder führt mich das zu einer noch grundsätzlicheren Frage:

    Wie kann es sein, dass Menschen Böses denken und tun, wenn es einen guten und allmächtigen Gott gibt?

    Die moderne Theologie beantwortet diese klassische Theodizeefrage meist mit dem Hinweis auf die Freiheit des Menschen. Gott habe den Menschen nicht als Marionette geschaffen. Liebe, Verantwortung und Freiheit seien nur möglich, wenn der Mensch auch die Möglichkeit habe, sich gegen das Gute zu entscheiden.

    Diese Antwort überzeugt mich grundsätzlich. Dennoch wollte ich genauer verstehen, was hinter diesen Fragen steckt.

    Deshalb habe ich für meine schriftliche Arbeit in den Theologischen Kursen das Thema gewählt:

    „Gott und das Leid – Das Theodizeeproblem als Herausforderung für den Glauben an einen guten und allmächtigen Gott.“

    Da ich gleichzeitig als christlicher Einsegner tätig bin, wollte ich die Frage nicht nur theoretisch untersuchen. Menschen stellen sie mir am Grab, im Trauergespräch und in den schwersten Stunden ihres Lebens. Sie fragen selten nach philosophischen Modellen. Sie fragen vielmehr:

    „Warum hat Gott das zugelassen?“

    Bei meinen Recherchen wurde mir bewusst, dass sich die Theodizeefrage nicht nur im persönlichen Leid stellt. Sie begegnet uns auch in der Politik.

    Warum entstehen Kriege? Warum werden Menschen unterdrückt? Warum halten Regierungen an Macht fest, obwohl ihre Bevölkerung Freiheit und Mitbestimmung wünscht? Und welche Rolle spielt Religion dabei?

    Besonders deutlich zeigt sich diese Frage derzeit am Beispiel des Iran. Dort beruft sich ein religiös legitimiertes Regime auf göttliche Autorität, während viele Menschen mehr Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und demokratische Mitbestimmung verlangen.

    Damit stellt sich eine weiterführende Frage:

    Kann eine Religion ihre Wahrheit bewahren, ohne daraus einen politischen Herrschaftsanspruch abzuleiten?

    Der eigentliche Konflikt zwischen dem Westen und dem Iran ist nicht nur ein geopolitischer. Er ist auch ein geistiger. Es geht um die Frage, ob eine Religion ihre Wahrheit bewahren kann, ohne daraus ein politisches Herrschaftssystem zu machen.

    Die Islamische Republik Iran beruft sich auf Gott, den Propheten und die religiöse Rechtsgelehrsamkeit. Ihr Modell der Herrschaft der Rechtsgelehrten macht deutlich: Politische Macht wird hier nicht zuerst vom Volk her gedacht, sondern religiös legitimiert und überwacht. Demokratie darf stattfinden, solange sie den religiösen Rahmen nicht infrage stellt.

    Genau hier liegt das Problem. Eine freie Demokratie lebt vom Widerspruch. Sie braucht Meinungsfreiheit, Gewaltenteilung, freie Wahlen, Machtwechsel und die Möglichkeit, dass auch Mehrheiten irren können. Ein religiöses Regime, das sich als Hüter göttlicher Wahrheit versteht, empfindet diese Freiheit oft nicht als Korrektiv, sondern als Bedrohung.

    Das bedeutet nicht, dass der Islam demokratieunfähig wäre. Auch im Islam gibt es Auslegung, Vernunftgebrauch, Reformbewegungen und spirituelle Tiefe. Doch dort, wo eine bestimmte religiöse Interpretation mit staatlicher Macht verschmilzt, wird aus Religion leicht Ideologie. Dann schützt der Staat nicht mehr den Glauben der Menschen, sondern die Macht jener, die behaupten, im Namen Gottes zu sprechen.

    Das Christentum hat diesen Lernprozess selbst über Jahrhunderte durchlaufen. Auch christliche Herrscher beriefen sich einst auf Gott, um ihre Macht zu legitimieren. Erst langsam entstand die Einsicht, dass die Wahrheit des Glaubens nicht stärker wird, wenn sie mit staatlicher Gewalt durchgesetzt wird. Sie wird glaubwürdiger, wenn Menschen ihr frei zustimmen können.

    Deshalb lautet die entscheidende Frage nicht, ob Religion in modernen Demokratien noch Platz hat. Natürlich hat sie das.

    Die eigentliche Frage lautet:

    Kann Religion darauf verzichten, den Staat zu beherrschen?

    Eine Religion, die Gott vertraut, muss Menschen nicht zwingen. Sie kann werben, inspirieren, deuten, trösten, widersprechen und mahnen. Aber sie sollte nicht foltern, einsperren oder töten, um ihre Wahrheit zu verteidigen. Denn eine Wahrheit, die nur mit Gewalt überlebt, hat ihre geistliche Kraft bereits verloren.

    Vor diesem Hintergrund wirken Friedensgespräche zwischen Washington und Teheran zwangsläufig fragil. Man kann Waffenruhen vereinbaren, Sanktionen lockern, Ölströme regeln und Milliardenfonds schaffen. Aber dauerhafter Frieden entsteht erst dort, wo politische Macht nicht mehr mit göttlicher Autorität verwechselt wird.

    Viele Iranerinnen und Iraner scheinen das längst verstanden zu haben. Sie wünschen sich nicht unbedingt weniger Religion. Sie wünschen sich mehr Freiheit. Sie wollen glauben können, ohne beherrscht zu werden. Sie wollen leben, ohne dass der Staat ihnen vorschreibt, wie Gott zu verstehen ist.

    Vielleicht beginnt die Zukunft des Iran nicht mit einem neuen Abkommen, sondern mit einer alten Einsicht:

    Gott braucht keine Geheimpolizei.

    Und vielleicht liegt genau darin auch eine Antwort auf die Theodizeefrage. Gott schafft Freiheit. Das Böse entsteht nicht durch Gott, sondern durch den Missbrauch dieser Freiheit. Die Aufgabe von Religion besteht daher nicht darin, Macht zu sichern, sondern Menschen zu befähigen, ihre Freiheit verantwortlich zu leben.

    Oder, in einem Satz:

    Nicht dort, wo Religion herrscht, sondern dort, wo sie zur Liebe befähigt, erfüllt sie ihren eigentlichen Auftrag.

  • Warum gibt es Leid?

    „Warum leidet der Unschuldige?
    Das ist eine große Frage, die schon Dostojewski gestellt hat:
    Warum leiden Kinder?
    Diese Frage stellen wir uns alle.“

    Papst Franziskus gibt darauf keine theoretische Antwort. Er verweist zunächst auf den gekreuzigten Christus: Wer nach dem Leid der Unschuldigen fragt, soll auf den Sohn Gottes am Kreuz schauen. Dann führt er den Gedanken weiter: Gott hat den Menschen als freies Wesen geschaffen. Er respektiert die menschliche Freiheit so sehr, dass er sie nicht einmal dann aufhebt, wenn Menschen Böses tun. Selbst das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz wurde nicht verhindert. Denn eine Welt ohne Freiheit wäre auch eine Welt ohne echte Liebe.

    „Und hier kommt die Liebe ins Spiel.
    Ohne Freiheit können wir nicht lieben.
    Denn Liebe setzt eine Wahl voraus.

    Die bedingungslose Liebe eines Vaters oder einer Mutter für ihr Kind und umgekehrt, die Liebe zwischen Eheleuten, zwischen Verlobten, die Liebe für das Leben und die Liebe zu den Menschen setzen alle eine Wahl voraus.

    Entweder ich liebe oder auch nicht. Oder ich hasse.

    Aber wenn ich nicht die freie Wahl hätte,
    könnte ich nicht lieben.“

    Papst Franziskus im Film „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortesvon Wim Wenders.

    Diese kurze Sequenz habe ich mit dem Handy vom Fernseher abgefilmt. Vermutlich nicht ganz legal – vermutlich aber ganz im Sinne von P. Franziskus und Wim Wenders.

    Trailer 2 Deutsch (1:31)
    Trailer Deutsch lang (6:13)

    Wikipedia über den Film


    Wie wurde ich auf den Film im Juni 2026 aufmerksam?

    Relativ egal, welche Zeitung ich gerade lese – überall taucht derzeit die Geschichte auf, dass Wim Wenders vor 50 Jahren eine Szene mit der damals 13-jährigen Nastassja Kinski gedreht hat. Heute habe ich gelesen, dass er sich dafür entschuldigt und den Film aus dem Verkehr gezogen hat. Tatsächlich ist „Falsche Bewegung“ zumindest auf Prime Video derzeit nicht mehr verfügbar.

    Die ZEIT: Kinski äußert sich zu Debatte um ihre Nacktszene in Wenders-Film

    Das hat mich neugierig auf Wim Wenders gemacht. Einige seiner Filme kannte ich bereits. Ein Projekt hatte ich allerdings nie verfolgt:

    „Nachdem das Büro von Wim Wenders 2013 einen Brief vom Vatikan mit der Anfrage erhalten hatte, ob Wenders Interesse an einem Film über Papst Franziskus habe, wurde nach detaillierter Abklärung der Bedingungen, unter denen das Projekt durchgeführt werden sollte, Anfang 2016 mit den Dreharbeiten begonnen.“

    So entstand der Film „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“, der 2018 in die Kinos kam.

    Ich hatte ihn damals nicht gesehen. Heute haben Yuliya und ich ihn ganz in Ruhe angesehen – und ich bin begeistert. Zu sehen sind Originalaufnahmen aus dem Leben des verstorbenen Papstes, von denen ich viele noch nie gesehen hatte. Mehrmals haben wir den Film angehalten und darüber gesprochen.

    Mit so viel Liebe, Kompetenz und dramaturgischem Einfühlungsvermögen zusammengestellt, dass daraus ein filmisches Meisterwerk geworden ist – und nicht die bloße Dokumentation, die ich erwartet hatte.

    Fast am Ende gibt es eine Szene, in der Papst Franziskus auf die berühmte Frage eingeht, warum es Leid gibt. Theoretisch ist die Antwort bekannt. Aber so warmherzig, menschlich und glaubwürdig habe ich sie noch nie gehört wie aus dem Mund von Franziskus in seiner Muttersprache.

    Ich konnte nicht anders und habe den kurzen Ausschnitt einfach mit dem Handy gefilmt.

  • Das Piano (1993) – Ein Film über Leben und Tod, Liebe und Neubeginn

    Jane Campions Das Piano ist ein preisgekröntes Filmdrama, das 1994 drei Oscars gewann, darunter für das beste Originaldrehbuch. Die neuseeländische Regisseurin erzählt eine kraftvolle Geschichte über Ausdruck, Freiheit und die Wahl zwischen Leben und Tod.

    Die stumme Ada McGrath kommuniziert allein über ihr Piano – es ist ihre Stimme, ihre Seele. In einer von Zwängen geprägten Welt wird Musik zu ihrer einzigen Freiheit. Die rohe Natur Neuseelands bildet dabei den Hintergrund für einen tiefen emotionalen Konflikt zwischen Unterdrückung und Befreiung. Prostitution und Liebe stehen sich in einer komplexen Beziehung gegenüber, in der Macht, Begehren und Verletzlichkeit aufeinandertreffen.

    Phasenweise ist der Film schwer auszuhalten – die Charaktere waten buchstäblich und metaphorisch durch den Schlamm ihrer Schicksale. Die gezeigte Brutalität, sowohl physisch als auch emotional, macht Das Piano zu keiner leichten Unterhaltung, sondern zu einem künstlerisch hochwertigen Drama. Jeder Moment ist voller Intensität, jede Szene durchdrungen von Symbolik und tiefer Bedeutung.

    Die Bilder sind von atemberaubender Kraft, der Rhythmus des Films ist langsam und eindringlich. Das Piano fordert heraus, schockiert und berührt zugleich. Am Höhepunkt der Geschichte verdichtet sich alles in einer existenziellen Entscheidung – einer Wahl zwischen Untergang und Hoffnung. Am Ende siegen Liebe und Freiheit, was dem Film eine erlösende Kraft verleiht.

    Mit seiner bildgewaltigen Erzählweise ist Das Piano ein Film, der sich besonders für die Fastenzeit eignet. Er konfrontiert mit grundlegenden Fragen der menschlichen Existenz und zeigt, dass trotz aller Dunkelheit das Leben und die Liebe triumphieren können.