Der Mythos vom perfekten Liebhaber

Es gibt eine eigentümliche Figur unserer Gegenwart: den Mann, der überzeugt ist, ein guter Liebhaber zu sein.

Er betritt keine Beziehung, er tritt auf. Seine Gewissheit speist sich aus Erfahrung, aus Geschichten, aus Filmen, aus den Bildern einer Kultur, die Sexualität gerne als Leistung versteht. Er weiß angeblich, was Frauen wollen. Er fragt nicht nach. Fragen würden Unsicherheit verraten. Stattdessen vertraut er auf Routinen, Techniken und die Vorstellung, dass Intimität vor allem eine Frage des Könnens sei.

Doch gerade darin liegt oft das Missverständnis.

Sexualität ist keine Sportart. Sie kennt keine objektive Wertung, keine Ranglisten und keine Medaillen. Wer sie dennoch als Prüfung begreift, verschiebt den Schwerpunkt von der Begegnung zur Selbstdarstellung. Aus dem Gegenüber wird ein Publikum. Aus Nähe wird Performance.

Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von sexuellem Narzissmus. Gemeint ist nicht die Freude am eigenen Körper oder ein gesundes Selbstvertrauen. Gemeint ist eine Haltung, in der die eigene Leistung wichtiger wird als die gemeinsame Erfahrung. Der andere Mensch erscheint dann weniger als Partner denn als Bestätigung der eigenen Fähigkeiten.

Das Paradoxe daran: Je stärker jemand davon überzeugt ist, bereits alles zu wissen, desto weniger offen bleibt er für das, was ihn tatsächlich interessieren müsste. Denn jeder Mensch ist anders. Was gestern richtig war, kann heute falsch sein. Was bei einer Partnerin Freude auslöst, kann bei einer anderen wirkungslos bleiben.

Aufmerksamkeit als perfekte „Technik“

Gute Liebhaber zeichnen sich daher nicht durch besondere Techniken aus. Ihre wichtigste Fähigkeit ist Aufmerksamkeit.

Sie hören zu. Sie beobachten. Sie fragen. Und sie akzeptieren, dass Intimität kein Zustand vollendeter Meisterschaft ist, sondern ein fortlaufender Dialog.

Auch Frauen tragen gelegentlich dazu bei, den Mythos des „Sexgotts“ aufrechtzuerhalten. Aus Höflichkeit, Rücksicht oder dem Wunsch, Konflikte zu vermeiden, wird Zustimmung signalisiert, wo eigentlich Korrektur hilfreich wäre. So entstehen gegenseitige Missverständnisse, die mit den Jahren den Charakter von Gewissheiten annehmen.

Die Forschung zeigt seit Langem, dass die sexuelle Erfahrung von Männern und Frauen oft unterschiedlich verläuft. Männer erreichen beim heterosexuellen Geschlechtsverkehr im Durchschnitt deutlich häufiger einen Orgasmus als Frauen. Hinter dieser sogenannten „Orgasmuslücke“ stehen viele Faktoren. Einer davon ist die kulturelle Vorstellung, männliche Lust sei der eigentliche Motor sexueller Begegnungen, während weibliche Lust eher als Bestätigung des männlichen Erfolgs betrachtet wird.

Lust ist kein Pokal, den man gewinnt.

Vielleicht besteht die Reife einer sexuellen Beziehung gerade darin, den Gedanken der Leistung hinter sich zu lassen. Nicht zu fragen: „War ich gut?“ Sondern: „Sind wir uns begegnet?“

Wer dazu bereit ist, wird möglicherweise weniger beeindruckend wirken als die Legenden der Männermagazine. Aber er wird der Wirklichkeit näher kommen.

Und vielleicht liegt genau dort die eigentliche Kunst der Liebe: nicht im Wissen, sondern im Interesse am anderen Menschen.

Die Illustrationen sind auf Basis des Textes mit KI erstellt.

Teddy – der bessere Trauerredner

Es gibt Momente, da werde ich von unserem Hund Teddy unterrichtet – ohne dass er es weiß. Während ich als Trauerredner immer wieder versuche, Worte für das Unfassbare zu finden, lebt Teddy einfach. Er läuft über eine Wiese, schnuppert, spürt den Boden, das Gras, den Wind. Für ihn zählt nur dieser Augenblick. Keine Vergangenheit, keine Zukunft. Nur Hier und Jetzt.

von Harald Preyer

Der Hund, der den Tod nicht kennt

Teddy weiß nicht, dass auch seine Tage einmal enden werden. Er reflektiert nicht über Sterblichkeit, hat kein theologisches Konzept von Auferstehung, keine metaphysischen Zweifel. Und doch liegt darin eine Stärke, die ich als Mensch oft vermisse: Die Fähigkeit, ganz im Moment zu sein. Während wir Menschen über Vergangenheit grübeln und die Zukunft fürchten, lebt er – voll und ganz – im Jetzt.

Die Kraft der Gegenwart

Als Trauerredner werde ich oft gefragt, worauf es bei einer Abschiedsfeier wirklich ankommt. Sind es die „richtigen Worte“? Die Philosophie? Die biblischen Bilder? Ja – aber nicht nur. Was wirklich zählt, ist das, was ich von Teddy gelernt habe: Präsenz. Ich muss da sein. Warmherzig, zugewandt, achtsam. Wer trauert, erinnert sich an die Stimme, den Blick, die Geste. Die feinen Zwischentöne.

Teddy sucht nicht nach „perfekten Formulierungen“. Er legt den Kopf auf meinen Schoß. Er ist einfach da. Und genau das tue ich als Redner auch: Ich halte den Raum, in dem die Trauer der Menschen ihren Platz findet.

Zwischen Theorie und Herz

Sicher, ich habe Philosophen und Theologen gelesen. Ich kann den Unterschied zwischen Heideggers „Sein zum Tode“ und Viktor Frankls „Selbsttranszendenz“ erklären. Doch das Fundament meiner Arbeit ist nicht die Theorie. Es ist das stille Verstehen. Die Einladung an die Hinterbliebenen: „Ich bin jetzt da – für euch, mit euch.“

In meinen Reden spiegelt sich diese Haltung wider: Ich erzähle Geschichten, lasse Bilder entstehen, beschreibe Gerüche, Lichter und Geräusche – so, wie Teddy sie erleben würde. Nicht, um zu „beeindrucken“, sondern um zu berühren. Damit die Erinnerung an den Verstorbenen mehr bleibt als eine Aneinanderreihung von Fakten.

Von Mensch und Tier

Vielleicht sind wir Menschen zu oft Gefangene unserer Gedanken, unserer Angst vor dem Unbekannten. Teddy hingegen lehrt mich Gelassenheit. Er zeigt mir, dass Leben mehr sein kann als nur Grübeln und Planen. Und dass es in der Trauer weniger auf „kluge Worte“ ankommt – sondern auf echte, liebevolle Präsenz.

Wenn ich also vor Trauernden stehe, denke ich manchmal an meinen Hund. Und daran, dass auch wir Menschen Momente brauchen, in denen wir nur „sind“. Im Hier und Jetzt. In aller Stille. Und in der Hoffnung. Im Vertrauen auf die Liebe Gottes.

Über den Autor

Harald Preyer ist systemischer Coach und geistlicher Begleiter. Seit seiner eigenen gut überlebten Krebsoperation im Dezember 2018 gestaltet er mit Hinterbliebenen aus Dankbarkeit christliche Abschiedsfeiern vor allem für Menschen, die an Gott glauben aber mit Kirche nichts mehr zu tun haben wollen. Er ist selbst gläubiger Katholik und dient jeden Sonntag um 12:00 Uhr als Lektor und Kommunionspender im Wiener Stephansdom. Nach der Heiligen Messe führt er oft Trauernde hinauf zur Orgelempore, wo sie im Blick in die Weite in Richtung Hochaltar nicht selten den Verstorbenen spüren. In der Branche kennt man ihn als den „Vater-Unser-Redner mit dem Chow Chow.“