Gott, Freiheit und die Macht

Ich möchte verstehen, was hinter der Macht von Religion steht. Und ich möchte verstehen, wie ich mein eigenes Leben und das meiner Lieben möglichst gut gestalten kann.

Deshalb besuche ich die Theologischen Kurse der Erzdiözese Wien. Ihr Leitspruch lautet:

„Wissen, was dahinter steckt.“

Genau darum geht es mir.

Ich studiere nicht Theologie, um einen akademischen Grad zu erwerben. Ich möchte verstehen, was Menschen seit Jahrtausenden bewegt: Gott, Leid, Hoffnung, Tod, Freiheit, Liebe und Verantwortung.

Deshalb lese ich nicht nur Bücher, sondern auch regelmäßig internationale Zeitungen. Denn die großen Fragen des Menschseins begegnen uns nicht nur in der Bibel oder in theologischen Lehrbüchern. Sie begegnen uns täglich in den Nachrichten.

Warum entstehen Kriege? Warum unterdrücken Menschen andere Menschen? Warum halten Regierungen an Macht fest? Warum geschieht Böses?

Und immer wieder führt mich das zu einer noch grundsätzlicheren Frage:

Wie kann es sein, dass Menschen Böses denken und tun, wenn es einen guten und allmächtigen Gott gibt?

Die moderne Theologie beantwortet diese klassische Theodizeefrage meist mit dem Hinweis auf die Freiheit des Menschen. Gott habe den Menschen nicht als Marionette geschaffen. Liebe, Verantwortung und Freiheit seien nur möglich, wenn der Mensch auch die Möglichkeit habe, sich gegen das Gute zu entscheiden.

Diese Antwort überzeugt mich grundsätzlich. Dennoch wollte ich genauer verstehen, was hinter diesen Fragen steckt.

Deshalb habe ich für meine schriftliche Arbeit in den Theologischen Kursen das Thema gewählt:

„Gott und das Leid – Das Theodizeeproblem als Herausforderung für den Glauben an einen guten und allmächtigen Gott.“

Da ich gleichzeitig als christlicher Einsegner tätig bin, wollte ich die Frage nicht nur theoretisch untersuchen. Menschen stellen sie mir am Grab, im Trauergespräch und in den schwersten Stunden ihres Lebens. Sie fragen selten nach philosophischen Modellen. Sie fragen vielmehr:

„Warum hat Gott das zugelassen?“

Bei meinen Recherchen wurde mir bewusst, dass sich die Theodizeefrage nicht nur im persönlichen Leid stellt. Sie begegnet uns auch in der Politik.

Warum entstehen Kriege? Warum werden Menschen unterdrückt? Warum halten Regierungen an Macht fest, obwohl ihre Bevölkerung Freiheit und Mitbestimmung wünscht? Und welche Rolle spielt Religion dabei?

Besonders deutlich zeigt sich diese Frage derzeit am Beispiel des Iran. Dort beruft sich ein religiös legitimiertes Regime auf göttliche Autorität, während viele Menschen mehr Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und demokratische Mitbestimmung verlangen.

Damit stellt sich eine weiterführende Frage:

Kann eine Religion ihre Wahrheit bewahren, ohne daraus einen politischen Herrschaftsanspruch abzuleiten?

Der eigentliche Konflikt zwischen dem Westen und dem Iran ist nicht nur ein geopolitischer. Er ist auch ein geistiger. Es geht um die Frage, ob eine Religion ihre Wahrheit bewahren kann, ohne daraus ein politisches Herrschaftssystem zu machen.

Die Islamische Republik Iran beruft sich auf Gott, den Propheten und die religiöse Rechtsgelehrsamkeit. Ihr Modell der Herrschaft der Rechtsgelehrten macht deutlich: Politische Macht wird hier nicht zuerst vom Volk her gedacht, sondern religiös legitimiert und überwacht. Demokratie darf stattfinden, solange sie den religiösen Rahmen nicht infrage stellt.

Genau hier liegt das Problem. Eine freie Demokratie lebt vom Widerspruch. Sie braucht Meinungsfreiheit, Gewaltenteilung, freie Wahlen, Machtwechsel und die Möglichkeit, dass auch Mehrheiten irren können. Ein religiöses Regime, das sich als Hüter göttlicher Wahrheit versteht, empfindet diese Freiheit oft nicht als Korrektiv, sondern als Bedrohung.

Das bedeutet nicht, dass der Islam demokratieunfähig wäre. Auch im Islam gibt es Auslegung, Vernunftgebrauch, Reformbewegungen und spirituelle Tiefe. Doch dort, wo eine bestimmte religiöse Interpretation mit staatlicher Macht verschmilzt, wird aus Religion leicht Ideologie. Dann schützt der Staat nicht mehr den Glauben der Menschen, sondern die Macht jener, die behaupten, im Namen Gottes zu sprechen.

Das Christentum hat diesen Lernprozess selbst über Jahrhunderte durchlaufen. Auch christliche Herrscher beriefen sich einst auf Gott, um ihre Macht zu legitimieren. Erst langsam entstand die Einsicht, dass die Wahrheit des Glaubens nicht stärker wird, wenn sie mit staatlicher Gewalt durchgesetzt wird. Sie wird glaubwürdiger, wenn Menschen ihr frei zustimmen können.

Deshalb lautet die entscheidende Frage nicht, ob Religion in modernen Demokratien noch Platz hat. Natürlich hat sie das.

Die eigentliche Frage lautet:

Kann Religion darauf verzichten, den Staat zu beherrschen?

Eine Religion, die Gott vertraut, muss Menschen nicht zwingen. Sie kann werben, inspirieren, deuten, trösten, widersprechen und mahnen. Aber sie sollte nicht foltern, einsperren oder töten, um ihre Wahrheit zu verteidigen. Denn eine Wahrheit, die nur mit Gewalt überlebt, hat ihre geistliche Kraft bereits verloren.

Vor diesem Hintergrund wirken Friedensgespräche zwischen Washington und Teheran zwangsläufig fragil. Man kann Waffenruhen vereinbaren, Sanktionen lockern, Ölströme regeln und Milliardenfonds schaffen. Aber dauerhafter Frieden entsteht erst dort, wo politische Macht nicht mehr mit göttlicher Autorität verwechselt wird.

Viele Iranerinnen und Iraner scheinen das längst verstanden zu haben. Sie wünschen sich nicht unbedingt weniger Religion. Sie wünschen sich mehr Freiheit. Sie wollen glauben können, ohne beherrscht zu werden. Sie wollen leben, ohne dass der Staat ihnen vorschreibt, wie Gott zu verstehen ist.

Vielleicht beginnt die Zukunft des Iran nicht mit einem neuen Abkommen, sondern mit einer alten Einsicht:

Gott braucht keine Geheimpolizei.

Und vielleicht liegt genau darin auch eine Antwort auf die Theodizeefrage. Gott schafft Freiheit. Das Böse entsteht nicht durch Gott, sondern durch den Missbrauch dieser Freiheit. Die Aufgabe von Religion besteht daher nicht darin, Macht zu sichern, sondern Menschen zu befähigen, ihre Freiheit verantwortlich zu leben.

Oder, in einem Satz:

Nicht dort, wo Religion herrscht, sondern dort, wo sie zur Liebe befähigt, erfüllt sie ihren eigentlichen Auftrag.

Eine Mutter wartet auf die Wahrheit

Augustinus, Monika – und das Geheimnis einer Liebe, die nicht drängt

Es gibt Bilder, die zeigen eine Geschichte.
Und es gibt Bilder, die zeigen einen inneren Zustand des Menschen.

Dieses konkrete Bild lässt sich nicht eindeutig und sicher identifizieren, aber stilistisch wirkt es sehr stark wie ein Werk der deutschsprachigen Nazarener-Schule des 19. Jahrhunderts — also im Umfeld von Künstlern wie Julius Schnorr von Carolsfeld, Joseph von Führich oder deren Schülern.

Dieses gehört zur zweiten Kategorie.

Die Szene wirkt auf den ersten Blick einfach: Eine Frau kniet betend vor zwei Männern. Einer von ihnen hält ein Buch geöffnet, der andere deutet darauf – und blickt zugleich in die Höhe, als höre er etwas, das nicht aus Worten stammt.

Doch je länger man schaut, desto deutlicher wird: Hier geht es nicht um Belehrung. Nicht um Dogma. Nicht einmal primär um Religion.

Hier geht es um die große Frage menschlicher Beziehungen:
Kann Liebe warten, ohne zu besitzen?

Die kniende Frau ist die heilige Monika von Tagaste, die Mutter des späteren Kirchenvaters Augustinus von Hippo. Jahr­zehnte lang betete sie für ihren Sohn. Nicht, weil er böse gewesen wäre – sondern weil er suchte. Weil er sich nicht mit einfachen Antworten zufriedengab. Weil sein Geist größer war als die Gewissheiten seiner Zeit.

Das Bild zeigt genau diesen Zwischenraum.

Monika sitzt tief unten, beinahe am Boden. Ihr dunkles Gewand macht sie schwer, fast erdverbunden. Keine triumphierende Heilige. Keine idealisierte Muttergestalt. Sondern ein Mensch, der gelernt hat, dass Liebe manchmal nichts anderes mehr tun kann als bleiben.

Ihre Hände sind gefaltet – nicht dramatisch, sondern still. Man spürt in ihnen weniger Frömmigkeit als Ausdauer.

Und dann Augustinus.

Sein Gewand leuchtet in einem warmen Orange-Gold, das beinahe aus dem Bild herausstrahlt. Er steht nicht ruhig da. Alles an ihm wirkt innerlich in Bewegung. Der Finger zeigt auf das Buch – doch sein Blick geht darüber hinaus nach oben, ins Licht.

Das ist der eigentliche Schlüssel des Bildes.

Die Wahrheit liegt nicht einfach im Text.
Der Text wird zum Fenster.

Der Mensch liest – und wird zugleich gelesen.

Zwischen Mutter und Sohn steht eine dritte Figur, ruhig, fast unscheinbar. Vielleicht ein Lehrer, vielleicht der heilige Ambrosius, vielleicht einfach die Kirche selbst. Jedenfalls jemand, der nicht drängt, nicht missioniert, nicht dominiert. Er hält nur das Buch offen.

Wie ein guter Lehrer.
Wie ein guter Freund.
Wie ein guter Seelsorger.

Die Architektur im Hintergrund verstärkt dieses Gefühl. Hohe Öffnungen. Licht. Keine Enge. Das Bild zeigt keinen abgeschlossenen Raum, sondern einen Übergang. Alles ist auf Weite hin komponiert.

Und genau darin liegt seine Modernität.

Denn die Geschichte von Monika und Augustinus ist keine fromme Legende aus ferner Zeit. Sie erzählt etwas, das bis heute viele Menschen kennen:
ein Kind entfernt sich,
ein Partner zweifelt,
ein Mensch sucht seinen eigenen Weg,
und jemand bleibt dennoch in Liebe verbunden.

Nicht kontrollierend. Nicht laut. Sondern geduldig.

Vielleicht berührt dieses Bild deshalb bis heute.

Weil es daran erinnert, dass die tiefsten Wandlungen selten durch Druck entstehen. Sondern durch Menschen, die bleiben, obwohl sie niemanden festhalten können.

Am Ende wurde Augustinus einer der größten Denker des Christentums. Seine Texte prägen Europa bis heute. Doch dieses Bild erzählt etwas anderes:

Am Anfang stand keine Theorie.

Am Anfang stand eine Mutter, die nicht aufgehört hat zu hoffen.

Zwischen Weihrauch und Algorithmus

Firmung im alten Ritus, Enzyklika mit KI gelesen

Heute vormittag durfte ich mein Patenkind Augustin in der barocken Pfarrkirche von Katzelsdorf an der Leitha zur Firmung begleiten. Firmspender war der Apostolische Nuntius in Österreich, Erzbischof Pedro López Quintana. Die Feier erfolgte im außerordentlichen Römischen Ritus nach den liturgischen Büchern von 1962. Es war ein wunderbares Fest.

Der Heilige Geist war spürbar.

Wer nie eine solche Liturgie erlebt hat, verbindet mit dem „alten Ritus“ oft Distanz, Strenge oder nostalgische Rückwärtsgewandtheit. Ich habe heute das Gegenteil erlebt. Ruhe. Schönheit. Konzentration. Weihrauch, Latein, die Harmonie von Orgel, Geige und einfachen Litaneien im gregorianischen Stil – und eine erstaunliche Ernsthaftigkeit der Menschen — gerade auch der jungen.

Nach der Feier bereitete die Pfarrgemeinde mit großer Herzlichkeit eine Agape im Hof hinter der Kirche vor. Ich konnte mit vielen Menschen sprechen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, und war beeindruckt von der Nähe, Wärme und Selbstverständlichkeit, mit der hier gefeiert wurde. Keine Inszenierung. Kein Eventcharakter. Sondern Freude, Glaube und Gemeinschaft.

Anschließend fuhren wir noch ins Schweizerhaus und aßen dort die traditionelle Stelze. Auch Teddy bekam eine kleine Portion — selbstverständlich ohne Kruste. Er liebt alles, was Menschen essen, völlig unabhängig davon, was es ist.

Am späten Nachmittag begann dann ein völlig anderer Teil dieses Tages.

Ich las die neue Enzyklika Magnifica Humanitas von Papst Leo XIV.
Oder genauer gesagt: Ich las sie gemeinsam mit einer Künstlichen Intelligenz.

Der vollständige Text umfasst 245 nummerierte Abschnitte und mehrere hunderttausend Zeichen — eine dichte Mischung aus Theologie, Soziallehre, Philosophie, Politik, Wirtschaft, Technikethik und geistlicher Reflexion. Ein geübter Schnellleser würde vermutlich sechs bis acht Stunden benötigen, um den Text vollständig zu lesen. Um ihn wirklich geistig zu durchdringen, wahrscheinlich deutlich länger.

Ich habe einen anderen Weg gewählt.

Ich lud den vollständigen Text in ein KI-System und beschäftigte mich dann etwa zwei Stunden lang intensiv damit — lesend, fragend, diskutierend, reflektierend. Dabei stellte ich der Maschine drei Fragen:

  • Was ist die Kernbotschaft dieser Enzyklika für mich persönlich?
  • Was will der Papst den Mächtigen dieser Welt sagen?
  • Und was wäre anders, wenn die Menschen diese Enzyklika wirklich lesen und verstehen würden?

Das Überraschende war nicht die Technik.
Das Überraschende war, wie menschlich die Antworten wurden.

Denn diese Enzyklika ist kein Text gegen Künstliche Intelligenz. Sie ist ein Text gegen die Entmenschlichung des Menschen.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Papst Leo XIV. schreibt nicht wie ein kulturpessimistischer Mahner, der die digitale Welt verteufelt. Er anerkennt ausdrücklich die Größe menschlicher Technik. Die Entwicklung von Wissenschaft, Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz wird nicht als dämonische Bedrohung beschrieben, sondern als Ausdruck menschlicher Kreativität. Gleichzeitig zieht sich durch den gesamten Text eine tiefe Sorge: dass der Mensch beginnen könnte, seine eigene Würde zu vergessen.

Die eigentliche Gefahr ist für diese Enzyklika nicht die Maschine.
Die eigentliche Gefahr ist ein Mensch, der nur noch in Kategorien von Leistung, Kontrolle, Effizienz und Macht denkt.

Leo XIV. verwendet dafür zwei starke biblische Bilder: Babel und Jerusalem.

Der Turmbau zu Babel steht für eine Menschheit, die technisch immer mächtiger wird, aber innerlich die Orientierung verliert. Menschen sprechen zwar dieselbe Sprache, verstehen einander aber nicht mehr. Vielfalt wird zur Bedrohung. Unterschiede werden eingeebnet. Alles soll berechenbar, steuerbar und effizient werden. Der Mensch baut einen Turm, um „wie Gott“ zu sein — und verliert dabei sein eigenes Gesicht.

Dem gegenüber steht das Bild des Wiederaufbaus Jerusalems im Buch Nehemia. Dort entsteht Gemeinschaft nicht durch Zentralisierung von Macht, sondern durch gemeinsame Verantwortung. Jeder baut an seinem Teil der Mauer. Unterschiedliche Menschen wirken zusammen. Nicht Gleichförmigkeit schafft Einheit, sondern Beziehung.

Man muss kein Theologe sein, um zu erkennen, wie aktuell dieses Bild geworden ist.

Wir leben in einer Zeit, in der Algorithmen bestimmen, was Menschen sehen, fühlen und glauben. Aufmerksamkeit wird zur Ware. Wahrheit wird relativiert. Die mächtigsten technologischen Systeme der Geschichte befinden sich nicht mehr primär in den Händen demokratischer Staaten, sondern privater Konzerne. Künstliche Intelligenz beginnt Entscheidungen vorzubereiten, die früher Menschen getroffen haben: medizinische Diagnosen, Kreditvergaben, Bewerbungen, militärische Analysen, politische Kommunikation.

Und gleichzeitig wächst weltweit das Gefühl vieler Menschen, austauschbar geworden zu sein.

Genau hier setzt die Enzyklika an.

Sie erinnert daran, dass der Wert eines Menschen niemals von seiner Leistungsfähigkeit abhängen darf. Nicht Produktivität verleiht Würde. Nicht Erfolg. Nicht Sichtbarkeit. Nicht digitale Reichweite. Die Würde des Menschen ist aus christlicher Sicht unverlierbar, weil sie dem Menschen von Gott zukommt und nicht vom Markt.

Das klingt zunächst selbstverständlich. In Wahrheit ist es revolutionär.

Denn die digitale Welt bewertet ständig. Sie misst, sortiert, priorisiert, klassifiziert und optimiert. Die Logik moderner Systeme lautet fast immer: schneller, effizienter, profitabler, skalierbarer. Der Mensch gerät dabei leicht in Versuchung, sich selbst ebenfalls nur noch unter diesen Kriterien zu betrachten.

Die Enzyklika stellt sich diesem Denken mit bemerkenswerter Klarheit entgegen.

Vielleicht ist das sogar ihre eigentliche Botschaft:
Der Mensch darf die Technik verwenden. Aber er darf sich nicht selbst technisch verstehen lernen.

Mich persönlich hat beim Lesen vor allem ein Gedanke bewegt: Die Kirche verteidigt hier nicht einfach Tradition gegen Moderne. Sie verteidigt das Menschliche gegen seine Reduktion.

Das hat auch mit meinem eigenen Leben zu tun. Ich arbeite intensiv mit Künstlicher Intelligenz. Ich verwende sie zum Schreiben, Strukturieren, Nachdenken, Analysieren und Reflektieren. Gerade deshalb hat mich diese Enzyklika berührt. Denn sie zwingt zur ehrlichen Frage: Wozu verwende ich diese Macht eigentlich?

Um Menschen besser zu verstehen?
Oder um sie effizienter zu beeinflussen?

Um Wahrheit klarer zu formulieren?
Oder um Aufmerksamkeit zu erzeugen?

Um Beziehungen zu vertiefen?
Oder um mich selbst wichtiger zu machen?

Natürlich hätte das vollständige, langsame Lesen des gesamten Dokuments einen großen Wert gehabt. Ich hätte jede Argumentationslinie im Detail nachvollziehen, alle theologischen Nuancen erfassen und die Entwicklung der kirchlichen Soziallehre genauer studieren können.

Doch meine Form des Lesens hatte einen anderen Vorteil.

Ich habe die Enzyklika nicht archiviert, sondern dialogisch verarbeitet. Die KI wurde dabei nicht zum Ersatz meines Denkens, sondern zu einer Art Spiegel, Verstärker und Strukturierungshilfe. Statt mich in hunderten Absätzen zu verlieren, musste ich sofort entscheiden: Was berührt mich wirklich? Welche Frage ist wesentlich? Was davon betrifft konkret mein eigenes Leben?

Vielleicht liegt gerade darin eine der Chancen von KI: nicht weniger tief zu denken, sondern schneller zu den wirklich existenziellen Fragen vorzudringen.

Die Enzyklika fordert keine Maschinenverbote. Sie ruft auch nicht nostalgisch zur Rückkehr in eine vorindustrielle Welt auf. Im Gegenteil: Leo XIV. schreibt ausdrücklich, dass Technik heilen, verbinden, bilden und schützen kann. Aber er verlangt etwas, das heute fast altmodisch wirkt: Verantwortung.

Vor allem Verantwortung der Mächtigen.

Der Papst richtet sich deutlich an politische und wirtschaftliche Eliten. Er warnt vor einer technologischen Macht, die sich demokratischer Kontrolle entzieht. Er spricht über Waffen und KI, über digitale Manipulation, über wirtschaftliche Konzentration und über die Gefahr einer Kultur, in der Profit wichtiger wird als Menschen.

Seine Antwort darauf ist bemerkenswert unideologisch.
Nicht Revolution. Nicht Klassenkampf. Nicht Technikfeindlichkeit.

Sondern etwas viel Anspruchsvolleres: eine „Zivilisation der Liebe“.

Dieser Ausdruck klingt zunächst weich. Tatsächlich ist er radikal. Denn eine Zivilisation der Liebe würde bedeuten, dass politische, wirtschaftliche und technologische Entscheidungen nicht primär nach Macht, Gewinn oder ideologischer Kontrolle getroffen werden, sondern danach, ob sie dem Menschen dienen.

Vielleicht würden wir langsamer entscheiden.
Vielleicht würden wir wieder lernen zuzuhören.
Vielleicht würde Wahrheit wichtiger als Empörung.
Vielleicht würden Kinder nicht mehr von Algorithmen erzogen.
Vielleicht würde Arbeit wieder dem Menschen dienen und nicht umgekehrt.
Vielleicht würden wir technische Intelligenz entwickeln, ohne menschliche Weisheit zu verlieren.

Und vielleicht würden wir begreifen, dass die entscheidende Zukunftsfrage nicht lautet:

Wie intelligent werden Maschinen?

Sondern:

Wie menschlich bleiben wir selbst?

Der Originaltext der Enzyklika in Deutsch ist hier vollständig abrufbar.
https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html

zum 1. Mai

Du kannst alle guten Dinge haben — Reichtum, Freunde, Freundlichkeit, Liebe geben und Liebe empfangen —, wenn du gelernt hast, dich nicht von ihnen blenden zu lassen; wenn du gelernt hast, Enttäuschungen zu ertragen und einzusehen, dass die Dinge nicht so sind, wie du sie haben möchtest.

Zu Beginn gilt es, unsere Vorstellung von „guten Dingen“ zu ändern; aber nicht, um etwas Wertvolles zu entfernen, sondern vielmehr, um viele Dinge einzubeziehen, die wir nicht wertvoll nennen. Was uns wertvoll ist, muss einigen Wert besitzen, sonst würden wir es nicht schätzen. Das Streben nach Reichtum ist nicht verkehrt an sich, aber es wird verkehrt, wenn es an die Stelle höherer Ideale tritt. Das Streben nach Idealen ist ein allumfassendes Streben, das die Nahrung für Körper, Herz und Seele nicht vernachlässigt.

Zuerst geht es darum, in den Begriff Reichtum nicht nur materielle Güter einzubeziehen, sondern auch intellektuelle Gaben und die Schätze des Geistes. Außerdem ist es wichtig, diese Dinge zu besitzen und nicht von ihnen besessen zu sein. Solange wir nach ihnen streben, werden wir von ihnen besessen sein. Wenn wir auf unserer Suche nach dem Höchsten die zeitweilige Verfügung über Sachen bekommen, dann heißt das nicht, dass wir sie besitzen, sondern Gott besitzt sie.

So ist es auch mit Freunden. Um Freunde zu haben, müssen wir die höchste Freundschaft verstehen, und dies ist nur mit der Gotteserkenntnis möglich. Andernfalls wären unsere sogenannten Freunde wie ein Besitz, den wir in unser Besitzdenken einbeziehen wollen, bis wir schließlich selbst von diesem Gedanken besessen sind. Dasselbe gilt für die Freundlichkeit, die Fähigkeit, mit der wir Freunde gewinnen und behalten. Geheuchelte Freundlichkeit ist unecht, doch Freundlichkeit, die natürlich aus dem Herzen hervorbricht, ist wahr.

Diese richtige Haltung im Leben erweist sich erst recht als wahr, wenn wir Liebe von verschiedenen Standpunkten aus betrachten. Wir können nicht alle lieben, es sei denn, die spirituelle Liebe Gottes ist in unserem Herzen. Wir können zwar das Wort „Liebe“ verwenden und einen Anspruch erheben, aber darin wird kein Leben sein. Und wir werden im Testfall versagen, denn es wird sich um das Nafs drehen. Der Gebrauch des Wortes „Liebe“ ist etwas ganz anderes als die Liebe selbst.

Deshalb stellt sich die Frage, ob wir von unseren Wünschen oder Idealen geblendet sind — oder ob wir sie unter Kontrolle haben. Wenn wir sie kontrollieren, kann uns nichts hoch emporheben oder tief enttäuschen. Beides sind Formen der Berauschung — die Berauschung an Idealen durch Licht und die Berauschung an Wünschen durch Dunkelheit. Bisweilen mag die Dunkelheit dem Licht sogar vorzuziehen sein, da das Licht manchmal so stark blendet, dass wir die Sehfähigkeit von Herz und Seele nicht so leicht wiedererlangen können.

Schließlich müssen wir in Betracht ziehen, dass der Zustand der Dinge das Ergebnis sämtlicher Gedanken aller Wesen ist. Wir können die Gedanken anderer nicht kontrollieren. Vielleicht können wir sie teilweise beeinflussen, doch Gott hat allen Menschen Willenskraft gegeben. Daraus bilden sich Gedanken und durch diese Gedanken werden die materiellen Angelegenheiten der Welt festgelegt.

Die Konsequenz daraus, dass jeder Einzelmensch nur einer von Milliarden ist, die alle mit ihren Gedanken und ihrem Karma auf die Welt einwirken, ist gewaltig; doch der Einfluss der Vergangenheit ist sogar noch größer. Nicht nur unsere Verehrung für Menschen aus der Vergangenheit, sondern auch Verfassungen, Verträge und Vereinbarungen aller Art binden uns. Es sollte deshalb offensichtlich sein, dass unser kleines individuelles Wollen in diesem Strudel wie nichts ist. Wenn wir die Absichten der Pflanzen, Tiere und Steine, die Planeten und interplanetaren Kräfte und der unergründeten Aktivitäten im Unsichtbaren noch hinzunehmen, dann erscheint sogar die ganze Menschheit ziemlich klein im Vergleich zum Universum.

Dies sollte uns wahre Demut lehren. Es sollte uns auch Verzicht lehren — doch es gibt einen richtigen und einen falschen Verzicht. Der falsche ist Fatalismus. Der richtige Verzicht besteht darin, nicht an irgendwelche Beschränkungen gebunden zu sein, sondern die Freiheit zu suchen durch das Entdecken des freien Laufs für den Geist jenseits der materiellen und gedanklichen Fesseln. Dies allein schon wird der Welt mehr als alles andere helfen. Auf diese Weise können wir ein Bodhisattva oder Nabi werden.

aus dem Sufi – Almanch unserer Männerrunde zum 1. Mai 2026

Quelle:
365 Tage Sufiweisheit – Die Schale des Saki
Hazrat Inayat Khan; Samuel L. Lewis:
365 Tage Sufiweisheit – Die Schale des Saki. Daily Insights for Life.
Herausgegeben von Sufi Ruhaniat Deutschland.
Mit einem Vorwort von Wim van der Zwan.
Übersetzung: Hans-Peter Baum.
Polling: Verlag Heilbronn, 1. Auflage 2018.
ISBN: 978-3-936246-32-2.


und dazu die wunderbare Erika Pluhar vor 50 Jahren


Quelle: Magnificat – das Stundenbuch

Wenn „die Mächtigen“ Krieg denken – was bleibt uns?

Der Philosoph Emmanuel Levinas unterscheidet zwischen „Totalität“ und „Antlitz“. Klingt kompliziert, ist aber einfach:

Totalität heißt: Ich ordne alles meinem Denken unter. Mein Vorteil. Meine Sicherheit. Meine Gruppe. Der Andere wird zur Zahl, zum Problem, zum Gegner. So entsteht Machtlogik. Und aus Machtlogik entsteht Krieg.

Antlitz heißt: Ich sehe im Anderen zuerst einen Menschen. Kein System. Kein Feind. Sondern ein Gesicht. Verletzlich. Würdig. Nicht verfügbar.

Wenn „die da oben“ nur in Totalität denken – in Strategie, Stärke, Gewinn –, dann wird das Antlitz unsichtbar.

Aber wir sind nicht nur Zuschauer.
Wir entscheiden täglich, ob wir selbst in Totalität leben – oder im Blick für das Antlitz.

Hetzen wir mit?
Reden wir verächtlich?
Denken wir nur an Sicherheit und Vorteil?

Oder lassen wir den Anderen Mensch sein?

Krieg beginnt, wenn das Antlitz verschwindet.
Frieden beginnt, wenn wir es wieder sehen.

HRP, 2.3.2026

Buch der Weisheit

„Ihr wahrhafter Anfang ist Verlangen nach Bildung;
Bemühen um Bildung aber ist Liebe.

Liebe aber ist Halten ihrer Gesetze,
Beachten der Gesetze sichert Unvergänglichkeit,

Unvergänglichkeit aber bringt in Gottes Nähe.
So führt das Verlangen nach Weisheit zur Herrschaft hinauf.

Ihr Gewalthaber der Völker, wenn ihr Gefallen an Thronen und Zeptern habt,
dann ehrt die Weisheit, damit ihr ewig herrscht!“
(Weisheit 6,17–21 )


Das Buch der Weisheit ist das jüngste Buch des Alten Testaments.
Es wurde in der jüdischen Diaspora Ägyptens verfasst – in der Sprache der Philosophen, doch im Geist Israels.
Es schließt die Weisheitstradition des Volkes Gottes mit der Suche der Welt nach Wahrheit zusammen.
Seine Worte richten sich an die Mächtigen –
an jene, die herrschen, entscheiden, Verantwortung tragen.

Auch wenn dieses Buch, als letztes des Alten Testaments,
gleichsam schon den Atem Jesu spüren lässt,
ist es doch rund zweitausend Jahre alt.
Für unsere evangelischen Geschwister
ist es erst seit der Einheitsübersetzung von 2016
Teil der gemeinsam verwendeten Lesungen.
Ob die evangelische Kirche damit wohl
auf die erstaunliche Aktualität seiner Mahnung reagiert hat?

Vielleicht ist wahres Herrschen
nicht Befehlen, sondern Dienen.
Nicht Besitzen, sondern Lieben.

Mystik

Mystik ist – so sagt der Philosoph Gernot Böhme – die Erfahrung der Einheit mit dem Ganzen.

Ergänzend fügt er hinzu: »Das Ganze tritt in den Schriften der Mystiker unter verschiedenen Namen auf, als Gott, Es, Sein oder auch Nichts.«

Zwei Typen der Mystik

Der Philosoph Gernot Böhme (1937-2022) unterschiedet die aufsteigende von der absteigenden Mystik.

Die aufsteigende Mystik, für die Platon (428-348 v. Chr.) steht, ist nur durch Denken oder geistige Anschauung möglich. Es gilt, sich aus der bunten Mannigfaltigkeit der Dinge zu lösen und das Augenmerk auf die ewigen Ideen zu richten. Die Einheit des Ganzen ist in der Idee des Guten begründet.

Als Beispiel für die absteigende Mystik nennt Böhme den Zen-Buddhismus. Für diesen liegt das Ganze im Einzelnen. Es kann nur erreicht werden, wenn man mit einem einzelnen Ding wirklich in Berührung kommt, wie dies beim Bogenschießen, beim Ikebana oder bei der Teezeremonie der Fall ist.

Dieser Erfahrung der Einheit sind die Trennungen entgegenge-setzt, die unser durchschnittliches Dasein bestimmen. Sie liegen vor beim Handeln, das auf Ziele ausgerichtet ist, und beim Denken, das sich auf Objekte bezieht, von denen wir uns unter-scheiden.

Es gilt, diese Trennung von Zeit zu Zeit zu überwinden. Diese Überwindung macht sich nicht von selbst, es bedarf einer absichtslosen Absicht, einer Kunst des Sichlassens.

Quelle: Der Philosophie-Kalender 2025, Eintrag vom 23.9.2025