Wenn „die Mächtigen“ Krieg denken – was bleibt uns?

Der Philosoph Emmanuel Levinas unterscheidet zwischen „Totalität“ und „Antlitz“. Klingt kompliziert, ist aber einfach:

Totalität heißt: Ich ordne alles meinem Denken unter. Mein Vorteil. Meine Sicherheit. Meine Gruppe. Der Andere wird zur Zahl, zum Problem, zum Gegner. So entsteht Machtlogik. Und aus Machtlogik entsteht Krieg.

Antlitz heißt: Ich sehe im Anderen zuerst einen Menschen. Kein System. Kein Feind. Sondern ein Gesicht. Verletzlich. Würdig. Nicht verfügbar.

Wenn „die da oben“ nur in Totalität denken – in Strategie, Stärke, Gewinn –, dann wird das Antlitz unsichtbar.

Aber wir sind nicht nur Zuschauer.
Wir entscheiden täglich, ob wir selbst in Totalität leben – oder im Blick für das Antlitz.

Hetzen wir mit?
Reden wir verächtlich?
Denken wir nur an Sicherheit und Vorteil?

Oder lassen wir den Anderen Mensch sein?

Krieg beginnt, wenn das Antlitz verschwindet.
Frieden beginnt, wenn wir es wieder sehen.

HRP, 2.3.2026

Buch der Weisheit

„Ihr wahrhafter Anfang ist Verlangen nach Bildung;
Bemühen um Bildung aber ist Liebe.

Liebe aber ist Halten ihrer Gesetze,
Beachten der Gesetze sichert Unvergänglichkeit,

Unvergänglichkeit aber bringt in Gottes Nähe.
So führt das Verlangen nach Weisheit zur Herrschaft hinauf.

Ihr Gewalthaber der Völker, wenn ihr Gefallen an Thronen und Zeptern habt,
dann ehrt die Weisheit, damit ihr ewig herrscht!“
(Weisheit 6,17–21 )


Das Buch der Weisheit ist das jüngste Buch des Alten Testaments.
Es wurde in der jüdischen Diaspora Ägyptens verfasst – in der Sprache der Philosophen, doch im Geist Israels.
Es schließt die Weisheitstradition des Volkes Gottes mit der Suche der Welt nach Wahrheit zusammen.
Seine Worte richten sich an die Mächtigen –
an jene, die herrschen, entscheiden, Verantwortung tragen.

Auch wenn dieses Buch, als letztes des Alten Testaments,
gleichsam schon den Atem Jesu spüren lässt,
ist es doch rund zweitausend Jahre alt.
Für unsere evangelischen Geschwister
ist es erst seit der Einheitsübersetzung von 2016
Teil der gemeinsam verwendeten Lesungen.
Ob die evangelische Kirche damit wohl
auf die erstaunliche Aktualität seiner Mahnung reagiert hat?

Vielleicht ist wahres Herrschen
nicht Befehlen, sondern Dienen.
Nicht Besitzen, sondern Lieben.

Mystik

Mystik ist – so sagt der Philosoph Gernot Böhme – die Erfahrung der Einheit mit dem Ganzen.

Ergänzend fügt er hinzu: »Das Ganze tritt in den Schriften der Mystiker unter verschiedenen Namen auf, als Gott, Es, Sein oder auch Nichts.«

Zwei Typen der Mystik

Der Philosoph Gernot Böhme (1937-2022) unterschiedet die aufsteigende von der absteigenden Mystik.

Die aufsteigende Mystik, für die Platon (428-348 v. Chr.) steht, ist nur durch Denken oder geistige Anschauung möglich. Es gilt, sich aus der bunten Mannigfaltigkeit der Dinge zu lösen und das Augenmerk auf die ewigen Ideen zu richten. Die Einheit des Ganzen ist in der Idee des Guten begründet.

Als Beispiel für die absteigende Mystik nennt Böhme den Zen-Buddhismus. Für diesen liegt das Ganze im Einzelnen. Es kann nur erreicht werden, wenn man mit einem einzelnen Ding wirklich in Berührung kommt, wie dies beim Bogenschießen, beim Ikebana oder bei der Teezeremonie der Fall ist.

Dieser Erfahrung der Einheit sind die Trennungen entgegenge-setzt, die unser durchschnittliches Dasein bestimmen. Sie liegen vor beim Handeln, das auf Ziele ausgerichtet ist, und beim Denken, das sich auf Objekte bezieht, von denen wir uns unter-scheiden.

Es gilt, diese Trennung von Zeit zu Zeit zu überwinden. Diese Überwindung macht sich nicht von selbst, es bedarf einer absichtslosen Absicht, einer Kunst des Sichlassens.

Quelle: Der Philosophie-Kalender 2025, Eintrag vom 23.9.2025