zum 1. Mai

Du kannst alle guten Dinge haben — Reichtum, Freunde, Freundlichkeit, Liebe geben und Liebe empfangen —, wenn du gelernt hast, dich nicht von ihnen blenden zu lassen; wenn du gelernt hast, Enttäuschungen zu ertragen und einzusehen, dass die Dinge nicht so sind, wie du sie haben möchtest.

Zu Beginn gilt es, unsere Vorstellung von „guten Dingen“ zu ändern; aber nicht, um etwas Wertvolles zu entfernen, sondern vielmehr, um viele Dinge einzubeziehen, die wir nicht wertvoll nennen. Was uns wertvoll ist, muss einigen Wert besitzen, sonst würden wir es nicht schätzen. Das Streben nach Reichtum ist nicht verkehrt an sich, aber es wird verkehrt, wenn es an die Stelle höherer Ideale tritt. Das Streben nach Idealen ist ein allumfassendes Streben, das die Nahrung für Körper, Herz und Seele nicht vernachlässigt.

Zuerst geht es darum, in den Begriff Reichtum nicht nur materielle Güter einzubeziehen, sondern auch intellektuelle Gaben und die Schätze des Geistes. Außerdem ist es wichtig, diese Dinge zu besitzen und nicht von ihnen besessen zu sein. Solange wir nach ihnen streben, werden wir von ihnen besessen sein. Wenn wir auf unserer Suche nach dem Höchsten die zeitweilige Verfügung über Sachen bekommen, dann heißt das nicht, dass wir sie besitzen, sondern Gott besitzt sie.

So ist es auch mit Freunden. Um Freunde zu haben, müssen wir die höchste Freundschaft verstehen, und dies ist nur mit der Gotteserkenntnis möglich. Andernfalls wären unsere sogenannten Freunde wie ein Besitz, den wir in unser Besitzdenken einbeziehen wollen, bis wir schließlich selbst von diesem Gedanken besessen sind. Dasselbe gilt für die Freundlichkeit, die Fähigkeit, mit der wir Freunde gewinnen und behalten. Geheuchelte Freundlichkeit ist unecht, doch Freundlichkeit, die natürlich aus dem Herzen hervorbricht, ist wahr.

Diese richtige Haltung im Leben erweist sich erst recht als wahr, wenn wir Liebe von verschiedenen Standpunkten aus betrachten. Wir können nicht alle lieben, es sei denn, die spirituelle Liebe Gottes ist in unserem Herzen. Wir können zwar das Wort „Liebe“ verwenden und einen Anspruch erheben, aber darin wird kein Leben sein. Und wir werden im Testfall versagen, denn es wird sich um das Nafs drehen. Der Gebrauch des Wortes „Liebe“ ist etwas ganz anderes als die Liebe selbst.

Deshalb stellt sich die Frage, ob wir von unseren Wünschen oder Idealen geblendet sind — oder ob wir sie unter Kontrolle haben. Wenn wir sie kontrollieren, kann uns nichts hoch emporheben oder tief enttäuschen. Beides sind Formen der Berauschung — die Berauschung an Idealen durch Licht und die Berauschung an Wünschen durch Dunkelheit. Bisweilen mag die Dunkelheit dem Licht sogar vorzuziehen sein, da das Licht manchmal so stark blendet, dass wir die Sehfähigkeit von Herz und Seele nicht so leicht wiedererlangen können.

Schließlich müssen wir in Betracht ziehen, dass der Zustand der Dinge das Ergebnis sämtlicher Gedanken aller Wesen ist. Wir können die Gedanken anderer nicht kontrollieren. Vielleicht können wir sie teilweise beeinflussen, doch Gott hat allen Menschen Willenskraft gegeben. Daraus bilden sich Gedanken und durch diese Gedanken werden die materiellen Angelegenheiten der Welt festgelegt.

Die Konsequenz daraus, dass jeder Einzelmensch nur einer von Milliarden ist, die alle mit ihren Gedanken und ihrem Karma auf die Welt einwirken, ist gewaltig; doch der Einfluss der Vergangenheit ist sogar noch größer. Nicht nur unsere Verehrung für Menschen aus der Vergangenheit, sondern auch Verfassungen, Verträge und Vereinbarungen aller Art binden uns. Es sollte deshalb offensichtlich sein, dass unser kleines individuelles Wollen in diesem Strudel wie nichts ist. Wenn wir die Absichten der Pflanzen, Tiere und Steine, die Planeten und interplanetaren Kräfte und der unergründeten Aktivitäten im Unsichtbaren noch hinzunehmen, dann erscheint sogar die ganze Menschheit ziemlich klein im Vergleich zum Universum.

Dies sollte uns wahre Demut lehren. Es sollte uns auch Verzicht lehren — doch es gibt einen richtigen und einen falschen Verzicht. Der falsche ist Fatalismus. Der richtige Verzicht besteht darin, nicht an irgendwelche Beschränkungen gebunden zu sein, sondern die Freiheit zu suchen durch das Entdecken des freien Laufs für den Geist jenseits der materiellen und gedanklichen Fesseln. Dies allein schon wird der Welt mehr als alles andere helfen. Auf diese Weise können wir ein Bodhisattva oder Nabi werden.

aus dem Sufi – Almanch unserer Männerrunde zum 1. Mai 2026

Quelle:
365 Tage Sufiweisheit – Die Schale des Saki
Hazrat Inayat Khan; Samuel L. Lewis:
365 Tage Sufiweisheit – Die Schale des Saki. Daily Insights for Life.
Herausgegeben von Sufi Ruhaniat Deutschland.
Mit einem Vorwort von Wim van der Zwan.
Übersetzung: Hans-Peter Baum.
Polling: Verlag Heilbronn, 1. Auflage 2018.
ISBN: 978-3-936246-32-2.


und dazu die wunderbare Erika Pluhar vor 50 Jahren


Quelle: Magnificat – das Stundenbuch