Severin for President?

In einer Zeit, in der Europa wieder in Kategorien von Abschreckung und Feindbildern denkt, lohnt der Blick auf einen Mann, der vor 1500 Jahren ohne Macht, aber mit Verantwortung handelte.

Ein Kommentar von Harald R. Preyer

Präsidenten im Osten wie im Westen inszenieren sich derzeit auffallend ähnlich. Imperiales Gehabe, die Sehnsucht nach historischen Größenordnungen, die Erweiterung von Staatsgebieten, militärische Siege als Beweis von Stärke. Man fragt sich unwillkürlich: Geht es um Sicherheit – oder um das eigene Ego? Um Verantwortung – oder um den Machterhalt? Vielleicht ist es gerade das Fehlen tragfähiger, mit Sinn erfüllter Visionen, das diese Rückgriffe auf alte Machtmuster so verführerisch macht.

Europa hingegen lebt seit 75 Jahren in einer historisch außergewöhnlichen Erfahrung: Frieden. Nicht als Zustand ohne Konflikte, wohl aber ohne kriegerische Neuordnung von Grenzen. Diese Epoche hat das Denken, die Wirtschaft, das Selbstverständnis ganzer Generationen geprägt. Dass sie keine Selbstverständlichkeit ist, wird nun schmerzhaft deutlich. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie Europa militärisch mithalten kann – sondern wie dieser Frieden bewahrt werden kann, ohne seine Seele zu verlieren.

Hier setzt der überraschende Perspektivwechsel ein. Hat ein Heiliger aus dem 5. Jahrhundert dazu überhaupt etwas beizutragen? Severin von Noricum lebte in einer Zeit, in der imperiale Ordnung zerfiel, Grenzen verschwammen und Gewalt allgegenwärtig war. Er hatte keine politische Macht, keine Armee, keine Territorien zu verteidigen. Und doch wurde er zu einer stabilisierenden Figur. Nicht durch Siege, sondern durch Vermittlung. Nicht durch Expansion, sondern durch Bindung. Nicht durch Angst, sondern durch Verantwortung für die Schwächsten.

Auch die biblischen Texte dieses Tages sprechen in eine ähnliche Richtung. Sie fragen nicht nach Machbarkeit oder Durchsetzbarkeit, sondern nach Haltung. „Gott ist Liebe“ – ein Satz, der politisch unerquicklich wirkt, weil er sich nicht instrumentalisieren lässt. Und doch enthält er eine unbequeme Zumutung: dass menschliche Gemeinschaft nicht aus Abschreckung allein lebt, sondern aus Vertrauen, Solidarität und der Bereitschaft, Verantwortung über den eigenen Vorteil hinaus zu übernehmen.

Vielleicht liegt genau hier der blinde Fleck unserer Gegenwart. Wo Visionen fehlen, greifen Machtfantasien. Wo Sinn verloren geht, wird Stärke zur Ersatzreligion. Der Blick auf Severin und auf diese alten Texte liefert keine politischen Rezepte. Aber er stellt eine Frage, die Präsidenten ebenso betrifft wie Gesellschaften: Woraus speist sich unsere Vorstellung von Zukunft – aus Angst oder aus Verantwortung?


Vita des Hl. Severin

Die Vita, die Eugippius etwa 30 Jahre nach dem Tod Severins verfasste, ist die erste Nachricht von seinem Leben. Darin mischen sich Historisches und Legendäres. Severin selbst machte um seine Herkunft ein großes Geheimnis, er könnte sowohl Römer als auch Germane gewesen sein. Zuerst war er Mönch im Orient und zog, als Attila gestorben war (453), nach Ufer-Noricum. So ist er der erste namentlich bezeugte Glaubensbote auf dem Boden des heutigen Österreich. Zur Zeit des Zerfalls des Römischen Reiches war er ein Brückenbauer und Ratgeber, der bei Germanen und Romanen, Arianern wie Katholiken großes Ansehen genoss. Die Biographie rühmt seinen karitativen Einsatz: Während einer Hungersnot kümmerte er sich um die Verteilung von Lebensmitteln und Kleidung. Er gründete Klöster in Bojotro (bei Passau) und Favianis (Mautern) und hatte auch Kontakt in den Salzburger Tennengau (Cucullis-Kuchl).

Am 8. 1. 482 starb er in Favianis. Die 488 abziehenden Romanen nahmen seine Gebeine nach Pizzofalcone (heute Teil Neapels) mit, wo sie seit dem 19. Jh. in Frattamaggiore (Kampanien) verehrt werden. Früher war Severin zweiter Patron der Erzdiözese Wien.

Das 1954 in Wien-Heiligenstadt in der Pfarrkirche St. Jakob entdeckte Grab kann nicht als authentisch bezeichnet werden.

Diese Vita ist dem Direktorium der Erzdiözese Wien entnommen.

„Ich glaube an ein Österreich, das das lebenswerteste Land der Welt ist.“

Die Ansprache unseres Herrn Bundespräsidenten hat mich heuer wirklich beeindruckt.

 

Neujahrsansprache 2025

Alexander Van der Bellen zeichnet ein Bild von Österreich, das mich anspricht: Ein Land, das Tradition und Innovation vereint, kulturell vielfältig, ökologisch nachhaltig und sozial gerecht ist. Ein Land, das nicht nur für seine Bürger lebenswert ist, sondern auch international als Vorbild für Frieden, Zusammenarbeit und Lebensfreude gilt.

„Ich glaube an ein Österreich, das das lebenswerteste Land der Welt ist.“

Genau daran glaube ich auch. Und das beste daran: Nicht alles, aber das meiste daran können wir durch unsere eigene Haltung erreichen.

Die Rede ist im Originaltext hier nachlesbar.

GAUDETE – Freut Euch!

Wie aus der biblischen Aufforderung, die dem dritten Adventsonntag ihren Namen gibt, eine reale Haltung werden könnte.

Auf Basis der Botschaft von „Gaudete“, also des Aufrufs zur Freude und zur hoffnungsvollen Ausrichtung auf das Wesentliche, lässt sich für Österreich ein Idealszenario entwerfen, in dem die Gesellschaft zu mehr menschlicher Wärme, verantwortungsvoller Freiheit und solidarischem Miteinander findet. 

Das wäre mein Idealszenario für Österreich.

  1. Freude an der Gemeinschaft
    Die Menschen in Österreich erkennen den Wert des Zusammenhalts neu. Sie lernen, einander mit Respekt, Achtsamkeit und Wohlwollen zu begegnen. Das beginnt bei der Nachbarschaft und weitet sich aus auf das gesamte Land. Gegenseitiges Vertrauen, generationenübergreifende Unterstützung und ein ehrliches Interesse am Wohl des Nächsten bestimmen das soziale Klima. Wie es im Philipperbrief heißt: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!“ (Phil 4,4 Einheitsübersetzung 2016). Diese Haltung der Freude steht am Anfang jeder Veränderung.
  2. Gemeinwohl statt Polarisierung
    Anstatt sich in ideologischen Grabenkämpfen zu verlieren, konzentriert sich Österreich auf das Gemeinwohl. Politik und Wirtschaft arbeiten für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Leistung und sozialer Absicherung. Entscheidungen werden transparent, nachvollziehbar und partizipativ getroffen. Die Freude am gemeinsamen Gestalten überwiegt die Lust am Rechthaben. So entsteht ein Klima, in dem alle Stimmen gehört werden – auch die stillen.
  3. Spirituelle Tiefe und kulturelle Vielfalt
    Die Bewohner*innen Österreichs entdecken neu, dass die spirituelle Dimension des Lebens nicht altmodisch, sondern zutiefst menschlich ist. Ob aus christlicher Tradition, anderen Religionen oder aus einer offenen Sinnsuche heraus – es entsteht ein Raum, in dem Glaube, Hoffnung und Liebe nicht als verstaubte Begriffe, sondern als kraftvolle Ressourcen für das gesellschaftliche Leben verstanden werden. Die heimische Kultur, geprägt von langer Geschichte, Musik, Literatur und Kunst, wird dabei als Geschenk betrachtet, das mit Freude gepflegt, aber auch offen für neue Einflüsse ist. So entsteht ein kreativer Dialog zwischen Alt und Neu, Tradition und Innovation.
  4. Umweltverantwortung mit Zuversicht
    Inspiriert von der christlichen Grundhaltung der Schöpfungsverantwortung (vgl. Gen 1,26-31), entwickelt Österreich nachhaltige Konzepte im Umgang mit Natur und Ressourcen. Es geht um mehr als Pflichterfüllung: Es ist die Freude, die eigene Heimat für zukünftige Generationen zu bewahren, die Berge, Seen, Wälder und Städte in ihrer Schönheit zu erhalten. Die Bürger*innen verstehen Umweltschutz nicht als Last, sondern als gemeinsames Abenteuer, bei dem Technik, Kreativität und Herzblut Hand in Hand gehen.
  5. Bildung für Sinn und Verantwortungsbewusstsein
    Das Bildungssystem fördert nicht nur fachliche Kompetenzen, sondern legt Wert auf Charakterbildung, Reflexion, ethisches Denken und Empathie. Österreichische Schulen, Lehrwerkstätten, Universitäten und Weiterbildungseinrichtungen setzen auf Begegnungen, Projekte und Dialog. Die Freude am Lernen wird neu entdeckt, weil Wissen nicht nur Selbstzweck ist, sondern Wege öffnet, mit anderen besser zusammenzuleben.

Wien, Stadtpark, Luftaufnahme
Copyright: Österreich Werbung, Fotograf: Christian Kremser

Gesamtbild
In diesem Idealszenario spürt man, dass Österreich zu einem Ort wird, an dem die Freude – „Gaudete“ – eine innere Haltung ist, die Menschen verbindet. Politik, Wirtschaft, Kultur, Bildung und Religion tragen zu einem hoffnungsvollen Miteinander bei. Herausforderungen werden nicht ignoriert, aber in einem Klima des Vertrauens und der Zuversicht angegangen. Die Botschaft „Freut euch!“ bedeutet hier keine Verdrängung von Problemen, sondern die Ermutigung, mit Offenheit, Güte und Tatkraft eine gerechtere und lebenswerte Zukunft zu gestalten.

Dieses Bild mag idealistisch sein, aber gerade die christliche Botschaft der Freude unterstreicht, dass das scheinbar Unmögliche lebbar werden kann, wenn wir uns aus innerer Überzeugung darum bemühen. Wesentlich ist dabei die dankbare Besinnung auf das, was unseren Vorfahren und uns bereits gelungen ist, geschenkt wurde und da ist, um gesehen, geschätzt und geliebt zu werden. Vieles davon ist nur von der scheinbar konservierenden Verpackung der Selbstverständlichkeit verdeckt.

Harald Preyer ist systemischer Coach und geistlicher Begleiter in Wien.

Facts

MerkmalSyrien 🇸🇾Österreich 🇦🇹Belarus 🇧🇾Ukraine 🇺🇦
Einwohnerca. 17 Mio. 
**********
*******
ca. 9 Mio. 
*********
ca. 9,3 Mio. 
*********
ca. 44 Mio. 
**********
**********
**********
**********
****
Fläche185.180 km² 
*********
83.879 km² 
****
207.600 km² 
**********
603.700 km² 
******************************
Jahreseinkommen (PPP)ca. 2.800 EUR 
*
ca. 55.000 EUR 
***********
ca. 18.000 EUR 
****
ca. 13.000 EUR 
***
Durchschnittliche Lebenserwartungca. 72 Jahreca. 81–82 Jahreca. 74–75 Jahreca. 72 Jahre
ReligionenMehrheitlich sunnitische Muslime, Minderheiten (Alawiten, Christen)Überwiegend römisch-katholisch, wachsende religiöse VielfaltÜberwiegend orthodox-christlich, einige Katholiken, teils konfessionslosÜberwiegend orthodox-christlich, auch griechisch-katholisch,
SprachenArabischDeutschBelarussisch, RussischUkrainisch, Russisch
Politisches SystemAutoritäre Präsidialherrschaft (Assad)Parlamentarische Demokratie, BundesrepublikAutoritäres Präsidialsystem (Lukaschenko)Semipräsidentielle Republik
HaupteinnahmequellenVor dem Krieg: Erdöl, Landwirtschaft, Tourismus; aktuell stark eingeschränktHochentwickelte Industrie, Dienstleistungen, Tourismus, Export (Maschinen, Fahrzeuge, Pharmazie)Staatlich gelenkte Wirtschaft, Schwerindustrie, Landwirtschaft; Abhängigkeit von RusslandLandwirtschaft („Kornkammer Europas“), Schwerindustrie (Stahl), IT-Dienstleistungen, Export von Getreide und Metallen
Größte ProblemeBürgerkrieg, humanitäre Krise, Korruption, Fluchtbewegungen, zerstörte InfrastrukturHerausforderungen durch Migration, Klimawandel, Wohnkosten, politische PolarisierungAutoritäre Herrschaft, mangelnde Demokratie, wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland, internationale IsolationKrieg mit Russland, Korruption, Reformbedarf, wirtschaftliche und humanitäre Folgen des Konflikts
Berühmt fürHistorische Stätten (Damaskus, Aleppo), kulturelles Erbe; aktuell oft wegen des Krieges in den MedienKlassische Musik (Mozart, Beethoven), Wiener Kaffeehauskultur, Alpen, SachertorteWeniger international für Kultur bekannt, eher politische Lage („Europas letzte Diktatur“), Industrieprodukte (z. B. Traktoren)Reiches agrarisches Erbe, Metropolen wie Kiew, traditionelle Kultur, Stickereien, Musik, Filmfestivals

Stand: 11.12.2024