Neujahrskonzert 2026

Ein Kommentar von Harald R. Preyer
Wien, 4.1.2026

Ob die Wiener Philharmoniker besser spielen, wenn sie ausschließlich aus ihrer eigenen Tradition heraus musizieren, oder wenn sie von einem internationalen Stardirigenten geprägt werden, mögen andere beurteilen, die von Musik mehr verstehen. Für mich war dieses Konzert erfrischend, beschwingt und sehr in unserer Zeit. Das Neujahrskonzert war heuer anders – und ich fand es wohltuend anders.

Unmittelbar vor dem Konzert zeigte der ORF eine Dokumentation über Yannick Nézet-Séguin. Sie hat mich beeindruckt – vor allem, weil sie ihn und seinen Partner als selbstverständliches, charmantes Musikerpaar porträtierte. Ein Dirigent, den man mögen kann, weil er Menschen mag.

Mein persönliches Highlight war der Pausenfilm: wunderbare Musik, gespielt von hervorragenden Musikerinnen und Musikern, an einigen der schönsten Orte unserer Stadt – im Innenhof des Deutschen Ordens, in der Sala Terrena und in der Belletage der Albertina.
Kein Wunder, dass hunderte Millionen Menschen weltweit Wien als Hauptstadt der Musik sehen wollen. Und ja, das tut auch unserer Wirtschaft gut.

Vielleicht geht von diesem Konzert aber noch ein anderer Impuls aus:
Hauptstadt der Welt zu sein, muss nicht bedeuten, am roten Knopf zu sitzen, der Zerstörung auslösen könnte. Es kann auch heißen, das Schöne, Edle und Wahre zu kultivieren, zu bewahren und behutsam in eine moderne Zeit zu führen.

Wenn es etwas kritisch anzumerken gibt, dann die Esterházy-Schnitte im Bild. Sie hat meine Neujahrsvorsätze bereits am ersten Tag auf eine ernste Probe gestellt.

Die ORF-Gebühr finde ich fair. Sie hat sich für mich schon am 1. Jänner amortisiert. Ein Ticket für zwei zum Neujahrskonzert kostet ein Vielfaches – sofern man überhaupt eines bekäme.


Harald R. Preyer ist Autor und freier Journalist für Zeitgeistiges. Er verfasst regelmäßig Gastkommentare für DIE ZEIT, Hamburg und DIE PRESSE, Wien.
Als christlicher Einsegner und Lektor im Wiener Stephansdom gibt er Impulse zur Schönheit des Lebens durch Liebe und Dankbarkeit.

Alle Fotos sind Screenshots der ORF Übertragung in mehr als 150 Länder der Welt .


Einen ausführlichen Kommentar in der Presse hat Wilhelm Sinkovicz verfasst. Ich habe die Kommentare dazu hier ausgewertet:

Zusammenfassung und Auswertung

(Neujahrskonzert 2026 – „Rock Me Schani Strauß“)

Kernaussage des Artikels
Das Neujahrskonzert 2026 unter Yannick Nézet-Séguin war ein bewusster Balanceakt: äußerlich verspielt, ja karnevalesk, musikalisch jedoch überraschend poetisch, leise und differenziert. Trotz Showmomenten – bis hin zum Gang des Dirigenten ins Publikum beim Radetzkymarsch – blieb der Klang der Wiener Philharmoniker weitgehend frei von Effekthascherei.


1. Inszenierung vs. Musik

  • Inszenierung: Stark präsent, publikumsnah, medienaffin. Traditionelle Hörer:innen dürften irritiert gewesen sein; das Saalpublikum reagierte mit Jubel.
  • Musik: Entgegen der Show wirkte die musikalische Gestaltung dezent, kultiviert, dynamisch fein abgestuft. Auffällig: ein Beginn im Pianissimo, viel Gewicht auf zarte Übergänge und leise Farben.

Bewertung: Die äußere Lautstärke stand im Kontrast zur inneren Zurückhaltung – ein spannungsreiches Nebeneinander.


2. Klangbild und Stil

  • Kaum Brachialität, wenig „auftrumpfendes“ Forte
  • Leise Passagen federleicht, subtil phrasiert
  • Im Forte gelegentlich leichte Klangverdichtung – möglicherweise Ausdruck noch nicht vollendeter Vertrautheit zwischen Dirigent und Orchester

Bewertung: Ein bewusst „unheroischer“ Philharmoniker-Klang – ungewohnt, aber schlüssig.


3. Programmatische Handschrift

  • Walzer-Strategie: Auffällige Walzervermeidung – abgesehen von „Rosen aus dem Süden“ und dem Donauwalzer.
  • Fokus auf Galoppe, Polkas, Märsche – rhythmisch weniger heikel als der große Wiener Walzer.
  • Klare dramaturgische Entscheidungen, die Vergleiche mit legendären Vorgängern (Kleiber, Karajan, Boskovsky) elegant umgehen.

Bewertung: Klug kuratiert, selbstbewusst, ohne Überbietungsanspruch.


4. Repertoire-Erweiterung

  • Werke von Komponistinnen (Florence Price, Josefine Weinlich) als bewusstes Signal
  • Historische Exotismen (Joseph Lanners „Malapou“-Galopp) mit Humor und Reflexion präsentiert
  • Josef Strauß’ „Friedenspalmen“ als ernsthafte, ruhige Schlussbotschaft

Bewertung: Inhaltlich weitblickend, musikalisch unterschiedlich überzeugend, aber konsequent gedacht.


5. Gesamturteil

Dieses Neujahrskonzert war nicht „das beste aller Zeiten“, aber eines der eigenständigsten der letzten Jahre.
Es war:

  • weniger monumental,
  • weniger „wienerisch“ im nostalgischen Sinn,
  • dafür heutig, transparent, kommunikativ.

Oder zugespitzt formuliert:

Mehr Poesie als Pathos. Mehr Beziehung als Pose.

Dass darüber leidenschaftlich gestritten wird, ist kein Mangel – sondern ein Zeichen von Relevanz.

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Wirklich frei

Kritische Besprechung des Buches „Drauf geschissen!“ von Michael Leister

Harald Preyer, 20.11.2024

Michael Leisters Buch „Drauf geschissen!“ greift die Thematik auf, wie man sich von den Erwartungen und Meinungen anderer befreien kann, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Doch bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass das Werk in großen Teilen an das Erfolgsbuch „The Life-Changing Magic of Not Giving a Fck“* von Sarah Knight erinnert – bis hin zu inhaltlichen Parallelen und strukturellen Übereinstimmungen.

Inhaltliche Parallelen zu Sarah Knight

Leister führt in seinem Buch das Konzept ein, auf unwichtige Dinge „zu scheißen“, um sich auf die wirklich wichtigen Aspekte des Lebens zu konzentrieren. Dieses Grundprinzip ist nahezu identisch mit Knights Ansatz, nur ihre Version betont stärker die bewusste Prioritätensetzung und Entscheidungsfreiheit.

Einige Beispiele aus beiden Büchern:

  • Statussymbole als Fesseln: Leister erwähnt, wie ein Mercedes Cabrio oder andere Statussymbole die Freiheit einschränken können. Sarah Knight behandelt das gleiche Thema in ihrem Buch und hebt hervor, dass solche Entscheidungen oft aus einem Gefühl der Verpflichtung anderen gegenüber getroffen werden.
  • Selbstbewusstsein und eigene Prioritäten: Beide Autoren betonen, wie wichtig es ist, sich von äußeren Erwartungen zu lösen. Knight formuliert dies als „Zero F*cks Given“-Strategie, während Leister ähnliche Formulierungen nutzt, um den gleichen Punkt zu machen.

Stilistische Ähnlichkeiten

Leister verwendet einen provokanten und humorvollen Ton, der stark an Sarah Knights Schreibstil erinnert. Auch die Kapitelstruktur und die Verwendung von konkreten Fallbeispielen zeigen eine deutliche Inspiration durch Knight. So wirken Leisters Ausführungen nicht nur wie eine Übersetzung, sondern auch wie eine weniger tiefgründige Kopie des Originals.

Fehlende Originalität

Während Sarah Knights Buch durch seine klare Struktur und tiefgründige Analysen hervorsticht, bleibt Leisters Werk eher an der Oberfläche. Oft fehlen innovative Ansätze oder neue Perspektiven, die über das hinausgehen, was Knight bereits auf den Punkt gebracht hat. Wer Knights Buch kennt, wird in Leisters Werk wenig Neues finden.

Kritikpunkte

  1. Mangelnde Eigenständigkeit: Der größte Kritikpunkt bleibt die frappierende Ähnlichkeit zu Sarah Knights Buch. Es stellt sich die Frage, ob Leisters Buch mehr als eine Wiederholung für ein deutschsprachiges Publikum ist.
  2. Wiederholungen: Viele Abschnitte wiederholen ähnliche Argumente, ohne zusätzliche Tiefe oder neue Einsichten zu bieten.
  3. Fehlender Tiefgang: Im Vergleich zu Knight bleibt Leisters Werk an vielen Stellen oberflächlich und bietet weniger fundierte Methoden, wie Leser*innen tatsächlich ihre Einstellung ändern können.

Fazit

Drauf geschissen! von Michael Leister liefert einige brauchbare Anregungen, um ein selbstbestimmteres Leben zu führen, leidet jedoch an der mangelnden Eigenständigkeit. Für Leser*innen, die Sarah Knights Buch bereits kennen, bietet Leister kaum Neues – außer einer etwas anderen Verpackung. Wer das Original noch nicht gelesen hat, könnte von Leisters Werk profitieren, sollte jedoch wissen, dass es ein eher schwächeres Derivat eines erfolgreichen Konzeptes ist.

Meine persönliche Empfehlung: Machen Sie eine Inventur über all das, wofür Sie dankbar sein können. Das macht wirklich frei von all dem, was wir vermuten, „haben“ zu müssen, um glücklich zu „sein“. Achtung: Vieles davon könnte bereits selbstverständlich geworden sein.

  • „Drauf geschissen!: Wie dir endlich egal wird, was die anderen denken“ von Michael Leister: ISBN 978-3-948187-00-2.
  • „The Life-Changing Magic of Not Giving a F*ck: How to Stop Spending Time You Don’t Have with People You Don’t Like Doing Things You Don’t Want to Do“ von Sarah Knight: ISBN 978-0-316-27072-4. 

Kabarett Simpl – Die Bibel

„Wenn wir über das nicht mehr lachen können, was uns jemals heilig war,  dann war es uns nie heilig.“

Wer ins Kabarett Simpel geht, der ist darauf gefasst, dass mit Ironie – teils auch mit Sarkasmus – Glaubenssätze und Weltbilder in Frage gestellt, bestätigt, verhöhnt und verulkt werden. Wenn es dabei um so Unbedeutendes wie die Österreichische Innenpolitik geht, dann ist das charmant und witzig.

Wenn es um die Bibel geht, frage ich mich kritisch gespannt, ob die drei Landsleute in Unterhosen diesem großen Stoff gerecht werden können.

Um es vorweg zu nehmen: Schauspielerisch und vom professionellen Anspruch her, das meist gelesene Buch der Welt drastisch verkürzt und pointiert in knappen zwei Stunden auf die Kabarett-Bühne zu bringen, das gelingt ihnen meisterlich.

Thomas Gassner, Bernhard Wolf und Markus Oberrauch gastieren ab Januar 2016 für neun Abende im Kabarett Simpl in Wien. Und ich wünsche den Dreien viele viele kritische Zuseher.

Inhaltlich habe ich den Abend differenziert erlebt. Eine stehende Schlange in der Genesis kommt nicht gut und sie ist so wenig verführerisch wie ein abgestandenes Glas Bier nach drei Tagen. Adam und Eva so etwas wie Zufälligkeit zu unterstellen, wird dem großen Thema „Begierde“ halt so gar nicht gerecht.

Fast schon ohnmächtig auch ein wild um sich klatschender Dornbusch in der Szene von der Begegnung zwischen Gott und Moses im brennenden Dornbusch. Undifferenziert auch hier das Zitat, das Gott selbst sagen soll. Er sagt: „Ich bin der ich bin da…“ Und damit betont er den Präsens Gottes, seine Gegenwart in unserem Leben hier, heute und jetzt. Das kommt auf der Bühne ganz patschert und falsch rüber.

Am Ende des ersten Aktes die Frage ins Publikum: „Was fehlt Euch noch?“
Ich saß zu weit hinten, um rauszurufen: „Daniel in der Löwengrube. Samuel. Jesaja, das Hohelied – die  Botschaft!“

Neues Testament – zweiter Akt!
Ein Kompliment den Schauspielern, dass keiner von den Dreien Jesus verkörpert hat. Genial auch, das Neue Testament satirisch darzustellen ohne dass Jesus selbst jemals die Bühne betritt. Das zeugt von Bescheidenheit und Demut.

Genial auch die Zeitraffer-Bilder der Passion. Wirklich genial. Die Auferstehung – das zentrale Element des Christentums fehlt völlig. Und damit fehlt die zentrale Botschaft. Wahrscheinlich weil das auch genau jenes Element der Bibel ist, das über jedes Kabarett erhaben ist. Da gibt es nichts zu lachen. Da regiert wohl die kindliche Dankbarkeit.

Ende des Kabaretts mit dem Bekenntnis des ungläubigen Thomas. Dafür habe ich auch gerne einen Zwischenapplaus gegeben. Dem Endapplaus wollte ich nicht zustimmen. Vielleicht auch, weil meine reflektierte Schweizer Kollegin schon den ganzen Abend schweigsam die Darbietung beobachtet hat und dann sehr bescheiden einfach nur meinte: „Witzig und sehr flach, das Ganze…“

Während der Premierenfeier entstand dann noch eine sehr kontroversielle Diskussion zwischen Freunden mit unterschiedlichen Hintergründen: Atheisten, Agnostiker, Gläubigen, reflektiert Toleranten. Gemeinsamer Tenor aller Beteiligten: Anschauen, manchmal klatschen, manchmal BuuuuuH rufen.

Auf einer Sechser Skala:
5,5 für die schauspielerische Leistung
3,5 für die inhaltliche Beschäftigung mit dem Buch der Bücher
6,0 für die Regie
4,0 für das puristische Bühnenbild
5,0 Gesamt