Es war ein außergewöhnlich heißer Tag in Wien – knapp 40 °C. Da waren die eineinhalb Stunden im klimatisierten Kino zunächst einmal eine wohltuende Abkühlung. Doch auch der Film selbst wirkt kühl. Nicht distanziert, sondern ruhig, respektvoll und zurückhaltend.
Sandra Hüller spielt Ingeborg Bachmann nicht. Sie ist vielmehr ihr respektvolles Double. Sie leiht ihr Stimme, Haltung und Präsenz, ohne den Versuch zu unternehmen, sie nachzuahmen. Gerade das macht für mich den besonderen Reiz dieser Dokumentation aus.
Bei der Szene mit Max Frisch muss ich wohl kurz eingenickt sein – ich habe sie schlicht nicht wahrgenommen. Vielleicht war es die Hitze des Tages, vielleicht die ruhige Erzählweise des Films.
Der Film zeigt nicht nur die außergewöhnliche Intellektualität Ingeborg Bachmanns, sondern auch ihre besondere Schönheit. Beides wird nie ausgestellt, sondern behutsam sichtbar gemacht.
Ich habe mehrmals versucht, Werke von Ingeborg Bachmann zu lesen. Es ist mir jedoch nie gelungen, über längere Zeit bei ihren Texten zu bleiben. Immer wieder fand ich mich in einer Stimmung zwischen Traurigkeit, Empörung, Frustration und einer leisen Todessehnsucht wieder. Vielleicht sagt das ebenso viel über mich wie über ihre Literatur.
Bemerkenswert fand ich das Ende des Films. Er endet nicht mit dem Tod Ingeborg Bachmanns, sondern mit einem Bild ihrer Kindheit – einem stillen, sehr schönen Moment, der den Menschen vor der Ikone zeigt. Dieses Ende hat mir gefallen. Es lässt nicht den Tod das letzte Wort haben, sondern die Erinnerung an einen Augenblick des Lebens.
Eine liebe seit Jahren hochgeschätzte Freundin hat mir noch eine aufmerksame Beobachtung geschenkt: „Im Abspann wird im Bereich der Danksagungen und Rechtenachweise primär einer bestimmten Frau gedankt: Monika Albrecht. Gemeinsam mit Dirk Göttsche ist sie die Herausgeberin des „Todesarten“-Projekt-Nachlasses und der kritischen Editionen von Ingeborg Bachmanns Werken, auf denen der Film (inklusive des im Film von Sandra Hüller rezitierten Romanfragments „Gier“) maßgeblich basiert.“ Danke, mcD.
Ob die Wiener Philharmoniker besser spielen, wenn sie ausschließlich aus ihrer eigenen Tradition heraus musizieren, oder wenn sie von einem internationalen Stardirigenten geprägt werden, mögen andere beurteilen, die von Musik mehr verstehen. Für mich war dieses Konzert erfrischend, beschwingt und sehr in unserer Zeit. Das Neujahrskonzert war heuer anders – und ich fand es wohltuend anders.
Unmittelbar vor dem Konzert zeigte der ORF eine Dokumentation über Yannick Nézet-Séguin. Sie hat mich beeindruckt – vor allem, weil sie ihn und seinen Partner als selbstverständliches, charmantes Musikerpaar porträtierte. Ein Dirigent, den man mögen kann, weil er Menschen mag.
Mein persönliches Highlight war der Pausenfilm: wunderbare Musik, gespielt von hervorragenden Musikerinnen und Musikern, an einigen der schönsten Orte unserer Stadt – im Innenhof des Deutschen Ordens, in der Sala Terrena und in der Belletage der Albertina. Kein Wunder, dass hunderte Millionen Menschen weltweit Wien als Hauptstadt der Musik sehen wollen. Und ja, das tut auch unserer Wirtschaft gut.
Vielleicht geht von diesem Konzert aber noch ein anderer Impuls aus: Hauptstadt der Welt zu sein, muss nicht bedeuten, am roten Knopf zu sitzen, der Zerstörung auslösen könnte. Es kann auch heißen, das Schöne, Edle und Wahre zu kultivieren, zu bewahren und behutsam in eine moderne Zeit zu führen.
Wenn es etwas kritisch anzumerken gibt, dann die Esterházy-Schnitte im Bild. Sie hat meine Neujahrsvorsätze bereits am ersten Tag auf eine ernste Probe gestellt.
Die ORF-Gebühr finde ich fair. Sie hat sich für mich schon am 1. Jänner amortisiert. Ein Ticket für zwei zum Neujahrskonzert kostet ein Vielfaches – sofern man überhaupt eines bekäme.
Harald R. Preyer ist Autor und freier Journalist für Zeitgeistiges. Er verfasst regelmäßig Gastkommentare für DIE ZEIT, Hamburg und DIE PRESSE, Wien. Als christlicher Einsegner und Lektor im Wiener Stephansdom gibt er Impulse zur Schönheit des Lebens durch Liebe und Dankbarkeit.
Alle Fotos sind Screenshots der ORF Übertragung in mehr als 150 Länder der Welt .
Einen ausführlichen Kommentar in der Presse hat Wilhelm Sinkovicz verfasst. Ich habe die Kommentare dazu hier ausgewertet:
Zusammenfassung und Auswertung
(Neujahrskonzert 2026 – „Rock Me Schani Strauß“)
Kernaussage des Artikels Das Neujahrskonzert 2026 unter Yannick Nézet-Séguin war ein bewusster Balanceakt: äußerlich verspielt, ja karnevalesk, musikalisch jedoch überraschend poetisch, leise und differenziert. Trotz Showmomenten – bis hin zum Gang des Dirigenten ins Publikum beim Radetzkymarsch – blieb der Klang der Wiener Philharmoniker weitgehend frei von Effekthascherei.
1. Inszenierung vs. Musik
Inszenierung: Stark präsent, publikumsnah, medienaffin. Traditionelle Hörer:innen dürften irritiert gewesen sein; das Saalpublikum reagierte mit Jubel.
Musik: Entgegen der Show wirkte die musikalische Gestaltung dezent, kultiviert, dynamisch fein abgestuft. Auffällig: ein Beginn im Pianissimo, viel Gewicht auf zarte Übergänge und leise Farben.
Bewertung: Die äußere Lautstärke stand im Kontrast zur inneren Zurückhaltung – ein spannungsreiches Nebeneinander.
2. Klangbild und Stil
Kaum Brachialität, wenig „auftrumpfendes“ Forte
Leise Passagen federleicht, subtil phrasiert
Im Forte gelegentlich leichte Klangverdichtung – möglicherweise Ausdruck noch nicht vollendeter Vertrautheit zwischen Dirigent und Orchester
Bewertung: Ein bewusst „unheroischer“ Philharmoniker-Klang – ungewohnt, aber schlüssig.
3. Programmatische Handschrift
Walzer-Strategie: Auffällige Walzervermeidung – abgesehen von „Rosen aus dem Süden“ und dem Donauwalzer.
Fokus auf Galoppe, Polkas, Märsche – rhythmisch weniger heikel als der große Wiener Walzer.
Klare dramaturgische Entscheidungen, die Vergleiche mit legendären Vorgängern (Kleiber, Karajan, Boskovsky) elegant umgehen.
Bewertung: Klug kuratiert, selbstbewusst, ohne Überbietungsanspruch.
4. Repertoire-Erweiterung
Werke von Komponistinnen (Florence Price, Josefine Weinlich) als bewusstes Signal
Historische Exotismen (Joseph Lanners „Malapou“-Galopp) mit Humor und Reflexion präsentiert
Josef Strauß’ „Friedenspalmen“ als ernsthafte, ruhige Schlussbotschaft
Bewertung: Inhaltlich weitblickend, musikalisch unterschiedlich überzeugend, aber konsequent gedacht.
5. Gesamturteil
Dieses Neujahrskonzert war nicht „das beste aller Zeiten“, aber eines der eigenständigsten der letzten Jahre. Es war:
weniger monumental,
weniger „wienerisch“ im nostalgischen Sinn,
dafür heutig, transparent, kommunikativ.
Oder zugespitzt formuliert:
Mehr Poesie als Pathos. Mehr Beziehung als Pose.
Dass darüber leidenschaftlich gestritten wird, ist kein Mangel – sondern ein Zeichen von Relevanz.
Der Cappuccino ist ein Statement. Die Melange – eine Einladung. Ersterer schäumt auf, letztere schwingt nach. Beides Kaffee – aber nur einer versteht Wien.