Kategorie: Kritiken

  • Arielle in Baden: Ein Wiedersehen mit einem Haus, das Nähe kann

    Ein sehr persönlicher Rückblick auf die deutschsprachige Erstaufführung von „Disney Arielle, die Meerjungfrau“ an der BÜHNE BADEN am 9. Oktober 2026 von Yuliya und Harald R. Preyer

    Arielle und ihre Schwestern, © Lalo Jodlbauer/Bühne Baden.

    Trotz Geisterfahrerwarnung auf der S1 waren wir pünktlich in Baden. Eigentlich sogar überpünktlich. Dafür gab es gleich drei Gründe.

    Überpünktlich

    Erstens wollten wir nach mehr als zwölf Jahren endlich wieder dieses Haus besuchen. Und nachsehen, ob vor dem Bühneneingang noch immer Schauspieler oder Musiker stehen, die vor Beginn eine letzte Zigarette rauchen und vielleicht ein paar Eindrücke von der Probenarbeit mit uns teilen. Zigaretten wurden keine mehr geraucht, dafür Terea. Die Publikumsnähe aber ist geblieben.

    Zweitens schenkte uns der liebe Gott einen Parkplatz unmittelbar bei der Badener Stadtpfarrkirche. Dort wirkt seit 2016 unser ehemaliger Pfarrer aus dem 14. Wiener Gemeindebezirk: mein lieber, hochgeschätzter Freund Msgr. Clemens Abrahamowicz, Stadtpfarrer und Dechant in Baden. Ein Parkplatz bei seiner Kirche – das durfte ich an diesem Abend durchaus als kleine himmlische Aufmerksamkeit verbuchen.

    Und drittens hatten wir mit unserer üblichen Fahrzeit von Simmering zur Volksoper gerechnet. Baden ist aber, wie wir zu unserer Freude feststellten, von Haus zu Haus ungefähr zehn Minuten näher.

    Ankommen und willkommen sein

    Vor dem Haupteingang ließ ich Yuliya stilvoll und gentlemanlike aussteigen. Ein paar VIPs in den Wagen vor uns hatten es vorgemacht. Ich wollte einen Parkplatz suchen und dann nachkommen. Die Suche führte mich nur um die Ecke, an die Rückseite der Pfarrkirche. Drei Minuten später war auch ich beim Theater.

    Yuliya hatte die Tickets bereits in Händen und strahlte.

    Mir war sofort klar, warum.

    Mit Yuliya im Zuschauerraum: Vorfreude auf unser Wiedersehen mit der Bühne Baden. Foto: privat.

    Dieses Haus hat kaiserliches Flair. Es atmet noch den Geist von Kaiser Franz Joseph. Sein sechzigjähriges Regierungsjubiläum im Jahr 1908 gab den Anlass für die ursprünglich vorgesehene Bezeichnung „Kaiser-Franz-Joseph-Jubiläums-Stadttheater“. Gebaut wurde 1908/09, eröffnet am 2. Oktober 1909. Die Pläne stammen von Ferdinand Fellner und Hermann Helmer, deren Theaterarchitektur uns bereits aus Graz, Budapest und Prag vertraut ist.

    Aber an diesem Abend waren es ebenso die Menschen, die uns das Ankommen leicht machten.

    Nach meinem Eindruck kommt ein großer Teil des Publikums aus Baden und Umgebung. Unter die Premierenbesucher mischen sich charmant und bunt Angehörige der Künstler und langjährige Freunde des Hauses aus Wien. Man begegnet einander, begrüßt sich, bleibt für ein Gespräch stehen.

    Man liebt die BÜHNE BADEN. Und man kennt sich.

    Das war für mich schon der erste Unterschied zu den großen Häusern in Wien. Nach mehr als zwölf Jahren fühlte sich dieser Besuch erstaunlich vertraut an. Noch bevor sich der Vorhang für „Arielle“ hob, hatte uns das Haus wieder für sich gewonnen.

    Tief drunter im Meer und dann oben

    19.30 Uhr. Der schwere rote Brokatvorhang öffnet sich. Seine kaiserlichen Bordüren schimmern im farbigen Licht – und wir sitzen plötzlich vor einem riesigen Aquarium.

    Wow.

    Mein Herz möchte sofort Bühnenbildapplaus spenden. Momme Hinrichs hat eine geniale Lösung für diese Geschichte gefunden: Auf einer aufgeräumten, übersichtlichen Bühne werden zwei Welten sichtbar. Unter Wasser liegt das Reich König Tritons, darüber die Welt der Menschen. Diese beiden Welten auseinanderzuhalten und zugleich ihre Begegnung möglich zu machen, ist die große Aufgabe des Abends. Schon das Bühnenbild erzählt davon.

    Anna Rosa Döller als Arielle, Ramesh Nair als Sebastian
    © Lalo Jodlbauer/Bühne Baden.

    Im Pressetext beschreibt Regisseur Andreas Gergen diese beiden Welten als bewusste Gegensätze: Die Unterwasserwelt ist verspielt, farbenfroh und von Revue- und Burlesque-Elementen geprägt. Am Hof von Prinz Erik bestimmen gesellschaftliche Normen und formale Eleganz das Leben. Projektionen, die Mittel des „schwarzen Theaters“ und eine vielseitige Treppenkonstruktion lassen die unterschiedlichen Schauplätze entstehen.

    Für mich zieht sich diese Polarität als roter Faden durch den Abend.

    Das Herz öffnet sich – Liebe in Freiheit

    König Triton glaubt, seine Frau durch die Menschen verloren zu haben. In der wunderbaren Stimme seiner jüngsten Tochter Arielle hört er etwas von ihr wieder. Anna Rosa Döllers Gesang wird so für ihn zur liebevollen, tröstenden Erinnerung.

    Andreas Lichtenberger gibt diesem Meeresmonarchen einen machtvollen, donnernden Auftritt. Doch unter der königlichen Autorität wohnt ein weiches Herz, das nach Gerechtigkeit sucht. Seine Angst um die Tochter ist verständlich. Nur macht sie ihn zunächst unfähig, jene andere Welt zu sehen, nach der Arielle sich sehnt.

    Für mich liegt hier der eigentliche Kern der Geschichte: Triton kann die Grenze zwischen den beiden Reichen erst überwinden, wenn er sein Herz für die andere Welt öffnet. Und wenn er seiner Tochter zutraut, dort ihren eigenen Weg zu finden.

    Anna Rosa Döller und Andreas Lichtenberger als Tochter und Vater zwischen Sehnsucht und Sorge.
    © Lalo Jodlbauer/Bühne Baden.

    Die Handlung in drei Sätzen: Arielle rettet Prinz Erik nach einem Schiffbruch vor dem Ertrinken und verliebt sich in ihn, während er nach seiner Retterin sucht. Um ihm in die Menschenwelt folgen zu können, tauscht sie bei der Meerhexe Ursula ihre Stimme gegen menschliche Gestalt und gerät damit in einen gefährlichen Handel. Am Ende finden die Liebenden zueinander – und Triton muss erkennen, dass wahre Liebe auch Loslassen und Vertrauen bedeutet.

    Ein Happy End, wie wir es von Disney erwarten. Mich beschäftigt daran besonders der Vater und die Erkenntnis, zu der ihn diese Geschichte führt.

    Geliebte Stars – touchable

    Natürlich wird auch herzlich gelacht. In der königlichen Küche der Menschen komponiert Beppo Binder als Chef Louis mit viel sprachlicher und kulinarischer Fantasie ein Menü, das ich irgendwo zwischen Escargots und Tartare ansiedeln würde. Das Publikum genießt seine Komik. Man spürt wieder: Hier kennt und liebt man seine Stars.

    Das gilt ebenso für Ramesh Nair als Sebastian, die Krabbe im Dienst König Tritons. Mit viel Humor und einer beneidenswerten Bühnenpräsenz macht er sich zum Publikumsliebling. Auch Michael Duregger als Grimsby, der Vormund und Berater des Prinzen, scheint hier bestens vertrauten Boden zu betreten. Die Zuneigung im Saal ist spürbar.

    In der Pause gelingt mir vor dem Bühneneingang ein Selfie mit ihm. Solche kleinen Begegnungen gehören für mich zu diesem Theaterabend dazu. Die Nähe, die wir vor Beginn gesucht hatten, ist tatsächlich geblieben.

    In der Pause mit Michael Duregger, der als Grimsby auf der Bühne steht. Foto: privat.

    Musikalisch fällt mir auf, wie selbstverständlich die technische Verstärkung eingesetzt wird. Die Mikrofone sind kaum sichtbar. Im Orchestergraben entdecke ich zwei große elektronische Orgeln, die sich in den Klang des Orchesters einfügen. Für mein Ohr tut beides dem Stück gut.

    Unter der musikalischen Leitung von Victor Petrov entsteht jener volle Musicalklang, der mich an die vertraute Disney-Filmwelt erinnert und zugleich auf dieser Bühne ganz unmittelbar wirkt. Alan Menkens Musik mit den Liedtexten von Howard Ashman und Glenn Slater entfaltet ihre Wirkung auch auf Deutsch. Die Übersetzung stammt von Nina Schneider, zusätzliche deutsche Songtexte von Frank Lenart.

    Im Londoner West End oder am Broadway?

    Diese deutschsprachige Erstaufführung klingt für mich so professionell, dass ich zwischendurch völlig vergesse, wo wir sitzen.

    Es könnte ebenso gut Broadway sein. Oder das Londoner West End.

    Und dann freue ich mich darüber, dass es Baden ist.

    Gespielt, gesungen und musiziert wird mit viel Liebe und Nähe zum Publikum. Am meisten beeindruckt mich Anna Rosa Döller als Arielle. Besonders in den Szenen, in denen sie ihre wunderbare Stimme nicht einsetzen darf.

    Gerade da zeigt sich ihre Kunst im Spiel. Mit Gestik und Mimik bleibt sie für uns völlig verständlich. Wir erleben ihre Sehnsucht, ihre Unsicherheit und ihre Zuneigung, ohne dass sie dafür einen Ton braucht.

    Prinz Erik, gespielt von Timotheus Hollweg, drückt es sinngemäß so aus: Auch ohne ihre Stimme gehört zu haben, hat er in ihr jene erkannt, nach der er gesucht hat. Unter all den königlichen Frauen, die um seine Hand werben, findet er Arielle.

    Das berührt mich. Eine verinnerlichte Stimme kann offenbar auch dann erkennbar bleiben, wenn sie verstummt.

    Grimsby, sein Vormund und mein Selfiepartner Michael Duregger, ist schließlich auch in dynastischer Hinsicht beruhigt: Arielle stammt aus königlichem Haus. Sie ist immerhin die Tochter des Königs der Meere. Die Liebe hat ihren Weg gefunden, und die höfische Ordnung darf aufatmen.

    Schlussapplaus bei der Premiere am 9. Oktober 2026. Foto: privat.

    Zum Schluss steht der Saal. Standing Ovations für einen Abend, der so viel Freude gemacht hat. Unser kleines Video hält den Applaus fest und schwenkt von der Bühne ins ausverkaufte Haus.

    Standing Ovations und ein Blick ins ausverkaufte Stadttheater. Video: privat.

    Nach der Premiere: Arielle mit ihrem Prinzen. Foto privat.

    Auf der Rückfahrt summt Yuliya glücklich und dankbar einige der Ohrwurmmelodien nach. Dann sagt sie zu mir: „Das Stück werden die Kinder lieben – die kleinen und die großen.“

    Baden ist zurück auf unserem Bühnenkalender. Es hat sich wieder in unsere Herzen gesungen.

    Und es ist näher als die Volksoper.


    Weitere Vorstellungstermine

    10., 17., 24., 30. & 31. Oktober 2026

    6., 7., 18., 19. & 20. November 2026

    9., 13., 14., 15., 20., 21., 22., 28. & 30. April 2027


    Besucht: Premiere am 9. Oktober 2026, Stadttheater Baden. Inszenierung: Andreas Gergen. Musikalische Leitung: Victor Petrov. Bühne: Momme Hinrichs. Kostüme: Aleksandra Kica. Choreografie: Francesc Abós.

    Produktionsinformationen und weitere Termine: Bühne Baden – Disney Arielle, die Meerjungfrau. Baugeschichte: Die Spielstätten der Bühne Baden.

  • Heimkehr ist eine Frage des Charakters

    Christopher Nolans „The Odyssey“ überwältigt mit Bildern, Lärm und Monstern. Seine eigentliche Frage aber ist eine alte: Was bleibt von einem Menschen, wenn er alles verloren hat – außer der Möglichkeit, das Richtige zu tun?

    Dieser Artikel verrät wesentliche Teile der Handlung und das Ende des Films.

    Es gibt Filme, die man verlässt und deren Handlung man anschließend nacherzählt. Und es gibt Filme, die noch lange nach dem Abspann Fragen stellen. Christopher Nolans The Odyssey gehört zur zweiten Kategorie.

    Natürlich ist da zunächst das Spektakel: das tosende Meer, die gewaltigen Landschaften, der Kyklop Polyphem mit seiner erschreckenden Körperlichkeit. Circes Verwandlung der Krieger in Schweine ist optisch brillant und zugleich ausgesprochen unappetitlich. Die menschlichen Körper scheinen ihre vertraute Ordnung zu verlieren. Aus Männern werden Kreaturen, in denen Gier, Maßlosigkeit und Entwürdigung sichtbar geworden sind.

    Der Film ist stellenweise so laut, dass man ihn nicht nur hört, sondern im Körper spürt. Das Dröhnen, die Musik, das Krachen und Brüllen sind keine Begleitung mehr. Sie werden selbst zum Ereignis. Man kann das überwältigend finden; man darf es auch übertrieben finden. Nolan möchte offenbar nicht, dass wir Odysseus’ Welt aus sicherer Entfernung betrachten. Wir sollen in sie hineingeraten.

    Und doch sind es am Ende nicht diese großen Szenen, die am stärksten nachwirken.

    Was bleibt, ist eine leise Frage:

    Wie bewahrt ein Mensch seinen Charakter, wenn das Leben ihn immer wieder versucht, verbittert, feige, grausam oder gleichgültig zu werden?

    Yuliya und ich haben den Film deshalb als eine Erzählung über Tugend verstanden. Unsere gemeinsame Kernaussage nach dem Kinobesuch lautete:

    Es ist wichtig, Tugend zu bewahren.

    Das klingt zunächst beinahe altmodisch. In unserer Zeit spricht man eher von Selbstverwirklichung, Effizienz, Authentizität oder Resilienz. Das Wort Tugend erinnert an Schulbücher und moralische Ermahnungen. Dabei bezeichnete das griechische Wort aretḗ nicht bloß ein anständiges Verhalten. Gemeint war die menschliche Vortrefflichkeit: die Fähigkeit, in einer konkreten Situation klug, mutig, maßvoll, gerecht und treu zu handeln.

    Nicht, weil es einfach ist.

    Sondern gerade dann, wenn das Falsche leichter wäre.

    Die Monster im Menschen

    Odysseus begegnet auf seiner Reise Ungeheuern, Zauberinnen und Naturgewalten. Doch die eigentlichen Prüfungen tragen auch in Nolans Film menschliche Züge. Es sind Feigheit und Verrat, Gier und Machtstreben, Selbstüberschätzung und die Versuchung, Verantwortung auf andere abzuwälzen.

    Polyphem ist furchterregend. Aber er ist nicht das einzige Monster.

    Die Männer, die von Circe in Schweine verwandelt werden, verlieren ihre Menschlichkeit nicht erst im Augenblick des Zaubers. Die äußere Verwandlung macht sichtbar, was in ihrem Verhalten bereits angelegt ist. Der Film zeigt die Verwandlung nicht als märchenhaften Effekt, sondern als körperliche Erniedrigung. Gerade deshalb ist sie so schwer anzusehen.

    Das Gegenbild dazu ist Odysseus’ Ringen um Selbstbeherrschung. Auch er ist keineswegs ein makelloser Held. Er ist von Krieg und Verlust gezeichnet, zu Gewalt fähig und nicht frei von Hochmut. Tugend bedeutet hier nicht moralische Reinheit. Sie bedeutet, trotz eigener Schuld die Fähigkeit zur richtigen Entscheidung nicht völlig preiszugeben.

    Der gute Mensch ist nicht derjenige, der nie versagt.

    Es ist derjenige, der sich vom Versagen nicht endgültig bestimmen lässt.

    Das Los im Rachen

    Zu den stärksten neu eingeführten Bildern des Films gehört jenes Los, das Odysseus einem der Freier in den Rachen stopft. Ein kleiner Gegenstand wird zum Zeichen eines ganzen Lebens.

    Ein Los steht zunächst für das, was einem zufällt. Es kann Auftrag, Schicksal oder Verantwortung bedeuten. Wer sein Los annimmt, übernimmt den Teil des Lebens, der ihm zugemutet wird. Wer es anderen zuschiebt, versucht sich dem eigenen Anteil zu entziehen.

    Am Ende kann der Freier diesem Los nicht mehr entkommen. Odysseus zwingt ihn, es buchstäblich zu schlucken.

    Das ist brutal. Es ist aber nicht bloß ein grausamer Einfall für eine Kampfszene. Darin liegt eine Form poetischer Gerechtigkeit:

    Was du nicht tragen wolltest, daran gehst du nun zugrunde.

    Der Film macht aus einem abstrakten moralischen Zusammenhang ein körperliches Bild. Der Mann erstickt gewissermaßen an seiner verleugneten Verantwortung.

    Das ist nicht subtil. Aber es ist wirkungsvoll.

    Der Sohn rettet den Vater

    Noch eindrucksvoller ist ein anderer Augenblick im Kampf gegen die letzten Freier. Odysseus scheint seine entscheidende Waffe zu fehlen. Im letzten Moment erkennt Telemachos vom Obergeschoss aus, was zu tun ist, und wirft sie seinem Vater hinunter.

    Dramaturgisch ist das ein beinahe klassischer Rettungsmoment. Symbolisch aber geschieht viel mehr.

    Telemachos ist nicht länger bloß der Sohn eines berühmten Mannes. Er wartet nicht mehr darauf, dass der Vater die Ordnung wiederherstellt und ihm erklärt, welchen Platz er darin einnehmen darf. Er sieht, entscheidet und handelt.

    Der Sohn wird zum Mitstreiter.

    Mehr noch: Für einen Augenblick rettet nicht der große Odysseus seinen Sohn. Der Sohn rettet den Vater.

    Diese Umkehr bereitet das überraschende Ende des Films vor. Telemachos wird König von Ithaka. Odysseus nimmt den Thron nicht wieder dauerhaft für sich in Anspruch. Gemeinsam mit Penelope wird er verbannt und segelt gegen Westen.

    Damit entfernt sich Nolan weit von Homer. In der antiken Odyssee bleibt Odysseus König. Nach dem Blutbad an den Freiern droht ein neuer Kreislauf der Rache; erst das Eingreifen Athenes ermöglicht einen Frieden und die Wiederherstellung der politischen Ordnung.

    Nolans Film erzählt eine andere Pointe.

    Vielleicht besteht Größe nicht darin, die Macht zurückzugewinnen.

    Vielleicht besteht sie darin, zu erkennen, wann man sie weitergeben muss.

    Telemachos wird nicht allein deshalb König, weil er der Sohn des Königs ist. Der Waffenwurf ist sein stiller Befähigungsnachweis. Er hat im entscheidenden Moment gezeigt, dass er Verantwortung übernehmen kann. Die Krone erscheint deshalb nicht bloß als Erbe, sondern als Aufgabe.

    Das verlorene Bett

    Eine der schönsten Szenen Homers fehlt allerdings.

    Im antiken Epos erkennt Penelope den heimgekehrten Odysseus nicht sofort vorbehaltlos an. Sie prüft ihn. Sie befiehlt, ihr gemeinsames Ehebett aus dem Schlafgemach zu tragen. Odysseus reagiert empört: Das sei unmöglich. Er selbst habe das Bett um den Stamm eines lebenden Olivenbaums gebaut.

    Nur die beiden kennen dieses Geheimnis.

    Das Bett ist deshalb weit mehr als ein Erkennungszeichen. Es ist eines der stärksten Symbole der Weltliteratur: eine Ehe, die in lebendigem Holz verwurzelt ist. Das gemeinsame Leben kann nicht einfach verschoben werden. Es besitzt einen verborgenen Mittelpunkt, den nur die beiden Eheleute kennen.

    Im Film übernimmt offenbar die goldene Nadel diese Funktion. Auch sie ist ein intimes Zeichen, an dem Penelope Odysseus erkennen kann. Filmisch funktioniert das rasch und unmittelbar: Ein Gegenstand, ein Blick, ein Erinnern.

    Und doch geht etwas verloren.

    Das homerische Bett erzählt nicht nur, dass Penelope ihren Mann erkennt. Es erzählt, was ihre Ehe ist. Es macht Penelope außerdem zur ebenbürtigen Partnerin des listenreichen Odysseus. Sie glaubt nicht einfach, was sie sehen möchte. Sie stellt ihren eigenen klugen Test.

    Die goldene Nadel ist ein Erkennungszeichen.

    Das Bett ist eine ganze Theologie der Ehe.

    Penelope ist die Heimat

    Nolans verändertes Ende gewinnt dennoch eine eigene Kraft. Odysseus kehrt nach Ithaka zurück, aber er bleibt nicht auf dem Thron. Er bricht mit Penelope erneut auf und segelt in den Westen.

    Dadurch verändert sich die Bedeutung der Heimkehr.

    Ithaka ist nicht mehr ausschließlich ein geografischer Ort. Der Palast ist nicht das letzte Ziel, ebenso wenig die wiedergewonnene Herrschaft. Vielleicht lautet die radikalere Einsicht:

    Nicht Ithaka ist seine Heimat. Penelope ist seine Heimat.

    Nach all den Irrfahrten besteht Odysseus’ Vollendung nicht darin, wieder dort anzukommen, wo er einst aufgebrochen ist. Er kann nicht einfach in sein früheres Leben zurückkehren. Der Krieg, der Verlust seiner Gefährten und die Begegnungen auf dem Meer haben ihn verändert.

    Er kehrt heim – und muss dennoch weiterziehen.

    Das ist vielleicht moderner als Homers Ende. Menschen können nach Krieg, Gewalt und jahrzehntelanger Abwesenheit an ihren Herkunftsort zurückkehren, ohne dort wieder die Menschen zu werden, die sie früher waren. Eine äußere Heimkehr hebt die innere Entfremdung nicht auf.

    Odysseus und Penelope gewinnen einander wieder. Aber sie gewinnen nicht einfach ihr altes Leben zurück.

    Sie müssen ein neues beginnen.

    Was würde Homer sagen?

    Würde Homer sich angesichts dieser Eingriffe im Grab umdrehen oder applaudieren?

    Vermutlich beides.

    Der Bewahrer des überlieferten Textes müsste den Kopf schütteln. Das fehlende Olivenbett, Telemachos als neuer König, die Verbannung und die Fahrt in den Westen greifen tief in die Architektur der antiken Erzählung ein.

    Der Dichter Homer könnte dagegen Gefallen daran finden.

    Die griechischen Mythen waren nie unveränderliche Museumsstücke. Sie wurden erzählt, variiert, verdichtet und aus neuen Blickwinkeln betrachtet. Schon die antiken Tragödiendichter übernahmen bekannte Stoffe und verwandelten sie. Die Treue zum Mythos bestand nicht immer in der buchstabengetreuen Wiederholung, sondern darin, seine tragenden Fragen für ein neues Publikum lebendig zu halten.

    Nolan erzählt nicht Homers Verse nach.

    Er führt mit Homer ein Gespräch.

    Manchmal widerspricht er ihm. Manchmal vereinfacht er. Manchmal findet er ein starkes neues Bild, manchmal ersetzt er ein unübertreffliches altes durch ein schwächeres.

    Aber er bewahrt die zentrale Frage:

    Welcher Mensch kehrt aus all diesen Prüfungen zurück?

    Nicht: Wer hat das Monster besiegt?

    Nicht: Wer hat den Thron gewonnen?

    Sondern: Was hat der Mensch auf seiner Reise aus sich gemacht?

    Ein Film für das große Format

    Dass The Odyssey wie ein Werk für die große Leinwand wirkt, ist kein Zufall. Nach Angaben der offiziellen Filmhomepage wurde jeder einzelne Bildkader mit IMAX-Filmkameras aufgenommen. Der Film ist damit der erste abendfüllende Spielfilm, der vollständig in diesem Verfahren gedreht wurde.

    Sein größtes Vorführformat heißt korrekt IMAX 70mm Film oder 15/70 IMAX. Die Zahl 15 bezeichnet die fünfzehn Perforationslöcher eines einzelnen Bildes. Anders als bei gewöhnlichem 70-mm-Film läuft das Material horizontal durch den Projektor. Dadurch entsteht eine außergewöhnlich große Bildfläche. In dafür eingerichteten Sälen kann das fast quadratische IMAX-Bildformat von 1,43:1 vollständig sichtbar werden.

    „Super-IMAX“ wäre dafür zwar eine anschauliche, aber keine offizielle Bezeichnung.

    Ein Kino, das The Odyssey in diesem analogen IMAX-70-mm-Format zeigen kann, gibt es in Österreich leider nicht. Die nächstgelegene bestätigte Spielstätte ist das Cinema City IMAX im Palác Flora in Prag. Es gehört zu den sehr wenigen europäischen Kinos, die Nolans Film als 15/70-IMAX-Filmkopie projizieren können.

    Prag wäre also die Reise zum technisch größtmöglichen Bild.

    Doch auch Wien bietet eine besondere Gelegenheit.

    Noch einmal aufbrechen

    Das Gartenbaukino zeigt The Odyssey ab 28. August 2026 als analoge 70-mm-Filmkopie. Vorgesehen sind Vorstellungen in englischer Originalfassung, in englischer Originalfassung mit deutschen Untertiteln und in deutscher Synchronfassung. Für den 28., 29. und 31. August sowie für den 2. und 3. September sind Vorstellungen in der englischen Originalfassung ohne deutsche Untertitel angekündigt.

    Das ist kein IMAX 70mm. Der Film läuft im Gartenbaukino im klassischen 70-mm-Format mit fünf Perforationslöchern pro Bild, nicht im horizontal geführten 15/70-IMAX-Format. Trotzdem ist die Initiative bemerkenswert. In einer weitgehend digitalisierten Kinolandschaft eine analoge 70-mm-Kopie zu beschaffen, einzurichten und vorzuführen, ist mehr als nostalgische Liebhaberei.

    Es erinnert daran, dass Kino nicht nur aus einer Datei und einem Inhalt besteht.

    Zum Kino gehören Material, Licht, Projektor, Leinwand, Raum und ein Publikum, das sich zur selben Zeit derselben Geschichte aussetzt.

    Ich werde den Film deshalb im Gartenbaukino noch einmal ansehen – diesmal in der englischen Originalfassung und ohne deutsche Untertitel.

    Nicht, weil ich glaube, ihn beim ersten Mal nicht verstanden zu haben.

    Sondern weil gute Kunst selten beim ersten Sehen alles preisgibt.

    Beim zweiten Mal werde ich weniger darauf achten müssen, was geschieht. Ich kann genauer wahrnehmen, wie der Film seine Motive vorbereitet: das Los, die goldene Nadel, die Entwicklung des Telemachos, die Blicke Penelopes und jenen Augenblick, in dem aus der Rückkehr eines Königs der Abschied eines Mannes wird.

    Vielleicht ist das die eigentliche Wirkung dieses Films.

    Er erschöpft sich nicht im ersten Sehen. Er lädt dazu ein, noch einmal aufzubrechen – wie Odysseus selbst.

    Nicht jede Reise erreicht beim ersten Aufbruch ihr Ziel.

    Das wusste schon Homer.


    Weiterführende Links

    🎬 Offizielle Filmhomepage – The Odyssey
    Trailer, Hintergrundinformationen und Erläuterungen zu den verschiedenen Filmformaten.
    The Odyssey – Official Website

    🎥 IMAX – The Odyssey
    Informationen über die vollständig mit IMAX-Filmkameras gedrehte Produktion sowie die weltweiten IMAX-70-mm-Spielstätten.
    IMAX – The Odyssey

    🎞️ Gartenbaukino Wien – The Odyssey in 70 mm
    Vorstellungen ab 28. August 2026 in der analogen 70-mm-Filmkopie.
    Gartenbaukino – The Odyssey (70 mm)

    🏛️ Gartenbaukino – Reihe „The Bigger Picture“
    Informationen zur traditionsreichen 70-mm-Reihe des Gartenbaukinos und weiteren analogen Filmvorführungen.
    The Bigger Picture – Gartenbaukino

    📍 Cinema City IMAX Prag
    Die nächstgelegene Spielstätte, in der The Odyssey im originalen IMAX 70mm (15/70) gezeigt wird.
    IMAX – Liste der 70-mm-Kinos


    Persönliche Anmerkung:
    Diesen Artikel habe ich nach meinem ersten Kinobesuch geschrieben. Ich freue mich bereits auf eine zweite Vorführung Ende August im Wiener Gartenbaukino – diesmal in der englischen Originalfassung auf analogem 70-mm-Film. Manche Filme erschließen sich nicht vollständig beim ersten Sehen. The Odyssey gehört für mich zu ihnen.

  • Carmen, meine erste große Opernliebe

    Ein Abend beim Wiener Opernsommer am Heumarkt

    Begonnen hat alles mit dieser kleinen grünen Schleife.

    Die Karten für Carmen beim Wiener Opernsommer waren ein Weihnachtsgeschenk von Gudrun. Viele Monate später saßen wir nun zu dritt am Wiener Heumarkt: Gudrun, Yuliya und ich – unter einem dramatischen Sommerhimmel, vor einer Bühne voller spanischer Farben, großer Stimmen und einer Musik, die mich beinahe mein ganzes Leben begleitet.

    Meine große Liebe zu Carmen begann, als ich 16 Jahre alt war. Unser Musikprofessor gehörte zu jenen Lehrern, die einem jungen Menschen etwas fürs Leben schenken können. Er brachte uns Bizets Oper über Wochen intensiv nahe. Wir lasen gemeinsam das Libretto, studierten die Partitur, hörten einzelne Instrumentalstimmen, Arien, Duette und Chöre und lernten die musikalischen Motive kennen.

    Am Ende besuchten wir als ganze Klasse Carmen im Tiroler Landestheater.

    Es war die erste Oper meines Lebens, auf die ich wirklich vorbereitet war. Ich saß nicht einfach im Zuschauerraum und ließ Musik auf mich einströmen. Ich konnte hören, was geschah. Ich erkannte Motive wieder, verstand Zusammenhänge und wartete auf Arien und Chöre, die mir bereits vertraut waren.

    Vielleicht ist genau das der Grund, warum Carmen bis heute meine Lieblingsoper geblieben ist.

    Ich habe sie inzwischen mehr als dreißig Mal erlebt – in großen Opernhäusern und unter freiem Himmel, traditionell und modern inszeniert. Ich kann also vergleichen.

    Und die Carmen des Wiener Opernsommers 2026 gehört für mich zu den besonders gelungenen Begegnungen mit diesem Werk.

  • Neujahrskonzert 2026

    Ein Kommentar von Harald R. Preyer
    Wien, 4.1.2026

    Ob die Wiener Philharmoniker besser spielen, wenn sie ausschließlich aus ihrer eigenen Tradition heraus musizieren, oder wenn sie von einem internationalen Stardirigenten geprägt werden, mögen andere beurteilen, die von Musik mehr verstehen. Für mich war dieses Konzert erfrischend, beschwingt und sehr in unserer Zeit. Das Neujahrskonzert war heuer anders – und ich fand es wohltuend anders.

    Unmittelbar vor dem Konzert zeigte der ORF eine Dokumentation über Yannick Nézet-Séguin. Sie hat mich beeindruckt – vor allem, weil sie ihn und seinen Partner als selbstverständliches, charmantes Musikerpaar porträtierte. Ein Dirigent, den man mögen kann, weil er Menschen mag.

    Mein persönliches Highlight war der Pausenfilm: wunderbare Musik, gespielt von hervorragenden Musikerinnen und Musikern, an einigen der schönsten Orte unserer Stadt – im Innenhof des Deutschen Ordens, in der Sala Terrena und in der Belletage der Albertina.
    Kein Wunder, dass hunderte Millionen Menschen weltweit Wien als Hauptstadt der Musik sehen wollen. Und ja, das tut auch unserer Wirtschaft gut.

    Vielleicht geht von diesem Konzert aber noch ein anderer Impuls aus:
    Hauptstadt der Welt zu sein, muss nicht bedeuten, am roten Knopf zu sitzen, der Zerstörung auslösen könnte. Es kann auch heißen, das Schöne, Edle und Wahre zu kultivieren, zu bewahren und behutsam in eine moderne Zeit zu führen.

    Wenn es etwas kritisch anzumerken gibt, dann die Esterházy-Schnitte im Bild. Sie hat meine Neujahrsvorsätze bereits am ersten Tag auf eine ernste Probe gestellt.

    Die ORF-Gebühr finde ich fair. Sie hat sich für mich schon am 1. Jänner amortisiert. Ein Ticket für zwei zum Neujahrskonzert kostet ein Vielfaches – sofern man überhaupt eines bekäme.


    Harald R. Preyer ist Autor und freier Journalist für Zeitgeistiges. Er verfasst regelmäßig Gastkommentare für DIE ZEIT, Hamburg und DIE PRESSE, Wien.
    Als christlicher Einsegner und Lektor im Wiener Stephansdom gibt er Impulse zur Schönheit des Lebens durch Liebe und Dankbarkeit.

    Alle Fotos sind Screenshots der ORF Übertragung in mehr als 150 Länder der Welt .


    Einen ausführlichen Kommentar in der Presse hat Wilhelm Sinkovicz verfasst. Ich habe die Kommentare dazu hier ausgewertet:

    Zusammenfassung und Auswertung

    (Neujahrskonzert 2026 – „Rock Me Schani Strauß“)

    Kernaussage des Artikels
    Das Neujahrskonzert 2026 unter Yannick Nézet-Séguin war ein bewusster Balanceakt: äußerlich verspielt, ja karnevalesk, musikalisch jedoch überraschend poetisch, leise und differenziert. Trotz Showmomenten – bis hin zum Gang des Dirigenten ins Publikum beim Radetzkymarsch – blieb der Klang der Wiener Philharmoniker weitgehend frei von Effekthascherei.


    1. Inszenierung vs. Musik

    • Inszenierung: Stark präsent, publikumsnah, medienaffin. Traditionelle Hörer:innen dürften irritiert gewesen sein; das Saalpublikum reagierte mit Jubel.
    • Musik: Entgegen der Show wirkte die musikalische Gestaltung dezent, kultiviert, dynamisch fein abgestuft. Auffällig: ein Beginn im Pianissimo, viel Gewicht auf zarte Übergänge und leise Farben.

    Bewertung: Die äußere Lautstärke stand im Kontrast zur inneren Zurückhaltung – ein spannungsreiches Nebeneinander.


    2. Klangbild und Stil

    • Kaum Brachialität, wenig „auftrumpfendes“ Forte
    • Leise Passagen federleicht, subtil phrasiert
    • Im Forte gelegentlich leichte Klangverdichtung – möglicherweise Ausdruck noch nicht vollendeter Vertrautheit zwischen Dirigent und Orchester

    Bewertung: Ein bewusst „unheroischer“ Philharmoniker-Klang – ungewohnt, aber schlüssig.


    3. Programmatische Handschrift

    • Walzer-Strategie: Auffällige Walzervermeidung – abgesehen von „Rosen aus dem Süden“ und dem Donauwalzer.
    • Fokus auf Galoppe, Polkas, Märsche – rhythmisch weniger heikel als der große Wiener Walzer.
    • Klare dramaturgische Entscheidungen, die Vergleiche mit legendären Vorgängern (Kleiber, Karajan, Boskovsky) elegant umgehen.

    Bewertung: Klug kuratiert, selbstbewusst, ohne Überbietungsanspruch.


    4. Repertoire-Erweiterung

    • Werke von Komponistinnen (Florence Price, Josefine Weinlich) als bewusstes Signal
    • Historische Exotismen (Joseph Lanners „Malapou“-Galopp) mit Humor und Reflexion präsentiert
    • Josef Strauß’ „Friedenspalmen“ als ernsthafte, ruhige Schlussbotschaft

    Bewertung: Inhaltlich weitblickend, musikalisch unterschiedlich überzeugend, aber konsequent gedacht.


    5. Gesamturteil

    Dieses Neujahrskonzert war nicht „das beste aller Zeiten“, aber eines der eigenständigsten der letzten Jahre.
    Es war:

    • weniger monumental,
    • weniger „wienerisch“ im nostalgischen Sinn,
    • dafür heutig, transparent, kommunikativ.

    Oder zugespitzt formuliert:

    Mehr Poesie als Pathos. Mehr Beziehung als Pose.

    Dass darüber leidenschaftlich gestritten wird, ist kein Mangel – sondern ein Zeichen von Relevanz.

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  • Wirklich frei

    Kritische Besprechung des Buches „Drauf geschissen!“ von Michael Leister

    Harald Preyer, 20.11.2024

    Michael Leisters Buch „Drauf geschissen!“ greift die Thematik auf, wie man sich von den Erwartungen und Meinungen anderer befreien kann, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Doch bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass das Werk in großen Teilen an das Erfolgsbuch „The Life-Changing Magic of Not Giving a Fck“* von Sarah Knight erinnert – bis hin zu inhaltlichen Parallelen und strukturellen Übereinstimmungen.

    Inhaltliche Parallelen zu Sarah Knight

    Leister führt in seinem Buch das Konzept ein, auf unwichtige Dinge „zu scheißen“, um sich auf die wirklich wichtigen Aspekte des Lebens zu konzentrieren. Dieses Grundprinzip ist nahezu identisch mit Knights Ansatz, nur ihre Version betont stärker die bewusste Prioritätensetzung und Entscheidungsfreiheit.

    Einige Beispiele aus beiden Büchern:

    • Statussymbole als Fesseln: Leister erwähnt, wie ein Mercedes Cabrio oder andere Statussymbole die Freiheit einschränken können. Sarah Knight behandelt das gleiche Thema in ihrem Buch und hebt hervor, dass solche Entscheidungen oft aus einem Gefühl der Verpflichtung anderen gegenüber getroffen werden.
    • Selbstbewusstsein und eigene Prioritäten: Beide Autoren betonen, wie wichtig es ist, sich von äußeren Erwartungen zu lösen. Knight formuliert dies als „Zero F*cks Given“-Strategie, während Leister ähnliche Formulierungen nutzt, um den gleichen Punkt zu machen.

    Stilistische Ähnlichkeiten

    Leister verwendet einen provokanten und humorvollen Ton, der stark an Sarah Knights Schreibstil erinnert. Auch die Kapitelstruktur und die Verwendung von konkreten Fallbeispielen zeigen eine deutliche Inspiration durch Knight. So wirken Leisters Ausführungen nicht nur wie eine Übersetzung, sondern auch wie eine weniger tiefgründige Kopie des Originals.

    Fehlende Originalität

    Während Sarah Knights Buch durch seine klare Struktur und tiefgründige Analysen hervorsticht, bleibt Leisters Werk eher an der Oberfläche. Oft fehlen innovative Ansätze oder neue Perspektiven, die über das hinausgehen, was Knight bereits auf den Punkt gebracht hat. Wer Knights Buch kennt, wird in Leisters Werk wenig Neues finden.

    Kritikpunkte

    1. Mangelnde Eigenständigkeit: Der größte Kritikpunkt bleibt die frappierende Ähnlichkeit zu Sarah Knights Buch. Es stellt sich die Frage, ob Leisters Buch mehr als eine Wiederholung für ein deutschsprachiges Publikum ist.
    2. Wiederholungen: Viele Abschnitte wiederholen ähnliche Argumente, ohne zusätzliche Tiefe oder neue Einsichten zu bieten.
    3. Fehlender Tiefgang: Im Vergleich zu Knight bleibt Leisters Werk an vielen Stellen oberflächlich und bietet weniger fundierte Methoden, wie Leser*innen tatsächlich ihre Einstellung ändern können.

    Fazit

    Drauf geschissen! von Michael Leister liefert einige brauchbare Anregungen, um ein selbstbestimmteres Leben zu führen, leidet jedoch an der mangelnden Eigenständigkeit. Für Leser*innen, die Sarah Knights Buch bereits kennen, bietet Leister kaum Neues – außer einer etwas anderen Verpackung. Wer das Original noch nicht gelesen hat, könnte von Leisters Werk profitieren, sollte jedoch wissen, dass es ein eher schwächeres Derivat eines erfolgreichen Konzeptes ist.

    Meine persönliche Empfehlung: Machen Sie eine Inventur über all das, wofür Sie dankbar sein können. Das macht wirklich frei von all dem, was wir vermuten, „haben“ zu müssen, um glücklich zu „sein“. Achtung: Vieles davon könnte bereits selbstverständlich geworden sein.

    • „Drauf geschissen!: Wie dir endlich egal wird, was die anderen denken“ von Michael Leister: ISBN 978-3-948187-00-2.
    • „The Life-Changing Magic of Not Giving a F*ck: How to Stop Spending Time You Don’t Have with People You Don’t Like Doing Things You Don’t Want to Do“ von Sarah Knight: ISBN 978-0-316-27072-4. 

  • Kabarett Simpl – Die Bibel

    Kabarett Simpl – Die Bibel

    „Wenn wir über das nicht mehr lachen können, was uns jemals heilig war,  dann war es uns nie heilig.“

    Wer ins Kabarett Simpel geht, der ist darauf gefasst, dass mit Ironie – teils auch mit Sarkasmus – Glaubenssätze und Weltbilder in Frage gestellt, bestätigt, verhöhnt und verulkt werden. Wenn es dabei um so Unbedeutendes wie die Österreichische Innenpolitik geht, dann ist das charmant und witzig.

    Wenn es um die Bibel geht, frage ich mich kritisch gespannt, ob die drei Landsleute in Unterhosen diesem großen Stoff gerecht werden können.

    Um es vorweg zu nehmen: Schauspielerisch und vom professionellen Anspruch her, das meist gelesene Buch der Welt drastisch verkürzt und pointiert in knappen zwei Stunden auf die Kabarett-Bühne zu bringen, das gelingt ihnen meisterlich.

    Thomas Gassner, Bernhard Wolf und Markus Oberrauch gastieren ab Januar 2016 für neun Abende im Kabarett Simpl in Wien. Und ich wünsche den Dreien viele viele kritische Zuseher.

    Inhaltlich habe ich den Abend differenziert erlebt. Eine stehende Schlange in der Genesis kommt nicht gut und sie ist so wenig verführerisch wie ein abgestandenes Glas Bier nach drei Tagen. Adam und Eva so etwas wie Zufälligkeit zu unterstellen, wird dem großen Thema „Begierde“ halt so gar nicht gerecht.

    Fast schon ohnmächtig auch ein wild um sich klatschender Dornbusch in der Szene von der Begegnung zwischen Gott und Moses im brennenden Dornbusch. Undifferenziert auch hier das Zitat, das Gott selbst sagen soll. Er sagt: „Ich bin der ich bin da…“ Und damit betont er den Präsens Gottes, seine Gegenwart in unserem Leben hier, heute und jetzt. Das kommt auf der Bühne ganz patschert und falsch rüber.

    Am Ende des ersten Aktes die Frage ins Publikum: „Was fehlt Euch noch?“
    Ich saß zu weit hinten, um rauszurufen: „Daniel in der Löwengrube. Samuel. Jesaja, das Hohelied – die  Botschaft!“

    Neues Testament – zweiter Akt!
    Ein Kompliment den Schauspielern, dass keiner von den Dreien Jesus verkörpert hat. Genial auch, das Neue Testament satirisch darzustellen ohne dass Jesus selbst jemals die Bühne betritt. Das zeugt von Bescheidenheit und Demut.

    Genial auch die Zeitraffer-Bilder der Passion. Wirklich genial. Die Auferstehung – das zentrale Element des Christentums fehlt völlig. Und damit fehlt die zentrale Botschaft. Wahrscheinlich weil das auch genau jenes Element der Bibel ist, das über jedes Kabarett erhaben ist. Da gibt es nichts zu lachen. Da regiert wohl die kindliche Dankbarkeit.

    Ende des Kabaretts mit dem Bekenntnis des ungläubigen Thomas. Dafür habe ich auch gerne einen Zwischenapplaus gegeben. Dem Endapplaus wollte ich nicht zustimmen. Vielleicht auch, weil meine reflektierte Schweizer Kollegin schon den ganzen Abend schweigsam die Darbietung beobachtet hat und dann sehr bescheiden einfach nur meinte: „Witzig und sehr flach, das Ganze…“

    Während der Premierenfeier entstand dann noch eine sehr kontroversielle Diskussion zwischen Freunden mit unterschiedlichen Hintergründen: Atheisten, Agnostiker, Gläubigen, reflektiert Toleranten. Gemeinsamer Tenor aller Beteiligten: Anschauen, manchmal klatschen, manchmal BuuuuuH rufen.

    Auf einer Sechser Skala:
    5,5 für die schauspielerische Leistung
    3,5 für die inhaltliche Beschäftigung mit dem Buch der Bücher
    6,0 für die Regie
    4,0 für das puristische Bühnenbild
    5,0 Gesamt