Acht Atemzüge der Prozessarchitektur

Ein Planungs-Prozess in Gruppen ist vergleichbar einer Folge von Atemzügen, die wieder Teil eines größeren Atemzuges sind. Das Einatmen entspricht dabei der Phase des Öffnens, das Ausatmen der Phase des Schließens und Focusierens.

acht Atemzüge

  1. AUFRUF „Call“
  2. KLÄREN (PURPOSE, Sinn&Zweck)
  3. EINLADEN (Design)
  4. TREFFEN
  5. ERNTEN – SINN UND BEDEUTUNG GEBEN
  6. HANDELN
  7. REFLEKTIEREN und LERNEN
  8. DAS GANZE ZUSAMMENHALTEN

1. Atemzug: AUFRUF „Call“
▪ Das Thema zur Sprache bringen.
Wir konnten feststellen, dass es immer einen „Caller“ (Initiator bzw. Initiatorin) gibt, eine Person, die ein Anliegen hat bzw. als erstes eine wichtige Frage aufwirft. Es kann aber auch eine Person sein, die ein Problem zu lösen oder sich einer Herausforderung zu stellen hat. Daher ist es wichtig, den „Need“ (die Störung, die Not, der Anlass) zu beachten. Manchmal gibt es auch mehrere „Caller“. Diese suchen sich ProzessbegleiterInnen, die sie bzw. ihn als „Gastgeber“ bzw. „Gastgeberin“(Hosts) unterstützen.
▪ sinnvoll ist es, das Chaos zu fokusieren – Unsicherheiten und auch Ängste zuzulassen – sich der Herausforderung zu stellen
▪ langsam und bedacht – zu schnelles voranschreiten soll vermieden werden!
▪ es sollte sich immer die Frage gestellt werden: Um was geht es hier wirklich? Was wäre, wenn einige von uns gemeinsam versuchen würden, der tatsächlichen Fragestellung (der Herausforderung), die daraus für unsere Gemeinschaft entsteht, auf den Grund zu gehen?

Wenn der Initiator bzw. die Initiatorin damit einverstanden ist, diesen Prozess zu starten, folgt der Übergang in die zweite Phase.

2. Atemzug: KLÄREN (PURPOSE, Sinn&Zweck)
▪ Schaffung einer gemeinsamen Basis: InitiatorIn und GastgeberIn versuchen eine gemeinsame Klarheit über den Sinn und Zweck des Anliegens herzustellen. Erste Prinzipien werden artikuliert.
▪ sinnvolle Handlung: Auseinandersetzung und Engagement
▪ Vermeidung von Unterstellungen und Mutmaßungen!
▪ Frage: Wie kommen wir vom Erkennen der Herausforderung zum tieferen Verständnis? (Von NEED zu PURPOSE)? Was genau ist der Sinn & Zweck? Sichtbarmachen des Wertes der Herausforderung für die Gruppe.
Diese Phase ist dann zu Ende wenn Sinn und Zweck genau definiert sind – wenn Klarheit herrscht.

3. Atemzug: EINLADEN (Design)
▪ Form und Struktur geben: Gestaltungs- und Einladungsprozess
▪ Sinnvolle Handlung: wiederholtes Sicherstellen, dass das Design und die Einladung dem Sinn und Zweck der Sache dienen
▪ Keine zu komplexe Designgestaltung (Anpassung an den Sinn & Zweck)
▪ Frage: Wer sind die wesentlichen „Stakeholder“ (InteressensvertreterInnen)? Wie sprechen wir diese an? Wie laden wir sie ein, damit sie auch wirklich kommen und mitmachen? Wie schaffen wir es, unsere Erwartungen bzgl. der Teilnahme bestimmter Personen (von denen wir glauben dass sie unbedingt dabei sein müssen) loszulassen?

Das Design des Treffens wurde vorbereitet. Eine größere Anzahl von Stakeholdern wurde eingeladen. Ein guter Raum wurde gefunden und gestaltet. Es ist Zeit sich zu treffen!

4. Atemzug: TREFFEN
▪ Meeting: Gespräche, gegenseitiger Austausch
▪ sinnvolle Handlung: unsere Aufgabe besteht darin, Gastgeber zu sein – zum einen für die Gruppe zum anderen für den Sinn & Zweck des Anliegens sowie für weitere auftauchende Fragen
▪ machen sie das nicht im Alleingang!
▪ Frage: Wie kann ich am besten als „Container“ (Instrument/Gefäß) dienen, damit kollektive Weisheit entstehen kann?
▪ und dem Ganzen gemeinsam einen Sinn geben.
Wenn die Veranstaltung vorbei ist, finden die Stakeholder einen gemeinsamen Sinn & Zweck und beginnen kreativ zusammenzuarbeiten. An diesem Punkt ist es wichtig zu „ernten“. Die wichtigsten Erkenntnisse und Einsichten sollten festgehalten und so dokumentiert werden, dass sie Sinn machen.

5. Atemzug: ERNTEN – SINN UND BEDEUTUNG GEBEN
▪ Vorgehensweise: Kollektive Sinnstiftung
▪ Initiatoren & Kernteam & Ernte-Team ernten die Früchte der Veranstaltung; sie treffen notwendige, weise Entscheidungen, um in allen Richtungen gut weiterzukommen

▪ sinnvolle Handlung: verschiedene Perspektiven helfen das zu erkennen, was eine einzelne Person nicht erkennen kann
▪ Frage: Welche tieferen Muster können wir jetzt erkennen? Wie beeinflussen diese unsere geplanten Aktivitäten? Welche Organisationsformen würden dazu passen? Was werden wir tun, um diese Aktionen zu verwirklichen und ihnen Bestand zu verleihen? Was haben wir entschieden?
Hier können tiefere Muster im System erkannt werden. Ein vielschichtiges Verständnis wird ermöglicht und neue Ideen können wachsen.

6. Atemzug: HANDELN
▪ Umsetzung: die im Rahmen der Gespräche/Ernte erarbeiteten sinnvollen Handlungen in die Tat umsetzen. Follow up (Nachbearbeitung), Weiterlernen und in der Praxis anwenden
▪ Weise Handlung: immer wieder zum Sinn & Zweck zurückkommen; dieser wird keine Gestalt annehmen, wenn er aus den Augen verloren wird.
▪ Frage: Wie ermöglichen bzw. erhalten wir die Selbstorganisation?
An diesem Punkt kann Gemeinschaft entstehen. Eine gewisse Verbundenheit der Stakeholder und weises Handeln sind die Resultate.

7. Atemzug: REFLEKTIEREN und LERNEN
▪ Praxis: Sammeln der Erkenntnisse/des Gelernten & Reflexion, Erfahrung wird zu Weisheit
▪ sinnvolle Handlung: einen Reflexionstermin einplanen
▪ Reflexion im Kernteam sowie mit den Kernstakeholdern
▪ Frage: Was haben wir gelernt? Konnten wir in Bezug auf die gestellte Herausforderung und den Sinn & Zweck Resultate erzielen? Was sind die nächsten langfristigen Schritte? etc.
Neue Fragestellungen kommen auf…

8. Atemzug: DAS GANZE ZUSAMMENHALTEN
Den roten Faden des sich entfaltenden Prozesses sollte mit dem tieferen Sinn, (der allen Aktivitäten zu Grunde liegt; dem großen Ganzen) in Verbindung gebraucht werden – besonders wichtig für das Kernteam.

Die Adlerperspektive einnehmen und aus dieser Perspektive den Raum für das Ganze halten. Sich aller 7 Atemzüge bewusst sein, sich auf das langfristige Ziel ausrichten und auf die Weisheit der Umsetzung, auf die weiteren Aktivitäten der Gemeinschaft, der Praktizierenden sowie dem Wohlergehen aller im System achten.
Grundlegende Rhythmen
Obwohl wir den Prozess Schritt für Schritt beschrieben haben, handelt es sich doch eher um einen zyklischen und keinen linearen Verlauf. Die Sinnfindung (bei der Ernte), die Reflexion in Bezug auf Sinn & Zweck und die darauf basierende Umsetzung nächster weiser Schritte ergeben sich während des ganzen Prozesses.
Auch viele andere Aspekte unserer Praxis basieren auf bzw. unterstützen das Modell der 8 Atemzüge. Es gibt viele verschiedene Fragen und Geschichten, die während jedem einzelnen Teil des Prozesses aufkommen, die verwendet bzw. gesammelt werden können. Geerntet werden kann im Laufe oder auch nach jedem Atemzug. Es gibt verschiedene Organisationsmodelle an die der chaordische Pfad angepasst werden muss.

Quelle: AoH Handbuch, HdB, 2014

Veröffentlicht von

Harald R. Preyer

Unternehmer mit Tiroler Wurzeln Einfühlsamer Begleiter von Persönlichkeiten

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