Mein Freund Barry – mehr als ein Familienfilm mit Hundeliebe

„Mein Freund Barry“ – ein Film über Wachstum durch Beziehung

Schweizer Bergwelt, Großartige Kulisse, Bernhardiner zum Verlieben – aber auch Weisheit und Philosophie fein in eine leise schöne Story verpackt.

Es sind oft die stillen Filme, die länger nachwirken. Mein Freund Barry, ein Schweizer Film von Markus Welter, gehört dazu. Er erzählt die Geschichte einer Beziehung zwischen dem Berhardiner Barry und dem Waisenkind Georg aus der Zeit um 1800, während der Napoleonischen Kriege – und findet darin eine überraschende Aktualität.

Der etwa zwölfjährige Georg (eindringlich gespielt von Paco von Wyss) ist mit seinem älteren Bruder auf der Flucht. Auf dem Weg über den Großen St. Bernhardpass bleibt er erschöpft zurück und wird im Hospiz eines Klosters aufgenommen. Der Bruder zieht weiter – Georg bleibt. Es ist der Beginn einer Entwicklung, die weniger durch äußere Ereignisse als durch Beziehungen geprägt ist.

Das im Film gezeigte Hospiz ist keine exakte historische Abbildung, doch man kann sich gut vorstellen, dass es damals so ausgesehen hat. Die Lebensbedingungen wirken real: karg, streng, vom Rhythmus der Natur bestimmt. Gedreht wurde unter anderem am Simplonpass und im Tessin – Landschaften, die nicht nur Kulisse sind, sondern eine eigene erzählerische Kraft entfalten. Die Alpen erscheinen hier in ihrer ganzen Ambivalenz: als Bedrohung und als Schönheit zugleich.

Im Wirtschaftsbetrieb des Klosters entdeckt Georg eine Bernhardinerhündin mit ihrem Wurf. Einer der Welpen ist schwach, bereits aufgegeben. Georg nimmt ihn heimlich an sich – und rettet ihn. Barry würde ohne ihn sterben. Diese erste Bewegung – Leben entsteht durch Zuwendung – trägt den gesamten Film.

Doch sie bleibt nicht einseitig. Georg selbst wird aufgepäppelt: durch Resi (Alma Büchenbacher), die ihm nicht nur körperlich hilft, sondern ihn innerlich öffnet. Sie bringt ihm das Lesen bei. Der Retter wird selbst gerettet – leise, fast unmerklich.

Die eigentliche Spannung entsteht im Kloster. Georg wird von den älteren Novizen schikaniert, besonders von Celestin (Mael Gallati), dem Sohn eines wohlhabenden Gönners. Seine Arroganz ist jedoch weniger Überheblichkeit als verletzte Unsicherheit. In einem bemerkenswert ehrlichen Moment sagt er zu Georg: „Seit du da bist, leuchten alle hier.“ Es ist ein Satz, der Bewunderung und Verlust zugleich ausdrückt – und in dem unausgesprochen mitschwingt: Und mich sieht niemand mehr.

Der Film vertraut darauf, dass sich Menschen verändern können. Nicht durch Strenge, sondern durch Beziehung. Als Georg und Celestin in den Bergen von einer Lawine überrascht werden, ist es Georgs Mut, der beide rettet. Aus dem Gegner wird ein Verbündeter. Aus Neid wird Anerkennung.

Eine der stärksten Szenen spielt sich jedoch nicht im Schnee, sondern im Inneren des Klosters ab. Georg widerspricht dem Prior Anselm (Ulrich Tukur). Nicht trotzig, sondern aus Überzeugung:

„Die Natur hat nicht immer recht. Manchmal dürfen wir dem Schwachen aus Liebe auch beistehen.“

Der Prior gibt ihm recht. Es ist ein stiller, fast unspektakulärer Moment – und doch der geistige Mittelpunkt des Films. Hier wird deutlich: Ordnung ist nicht das Gegenteil von Liebe. Sie wird durch sie erst erfüllt.

Nicht alles hält dieses Niveau. Einzelne Szenen – etwa eine überzeichnete Passage im Eis – wirken zu spektakulär und brechen die ansonsten ruhige Erzählweise. Man kann sie als symbolische Verdichtung lesen, als Andeutung eines Heilungsprozesses. Doch sie bleiben stilistisch fremd.

Und dennoch: Mein Freund Barry ist ein Film, der sich nicht anbiedert. Er vertraut auf Langsamkeit, auf Präsenz, auf Gesichter. Die beiden jungen Hauptdarsteller tragen ihn mit einer bemerkenswerten Klarheit: unaufdringlich, wach, stellenweise von einer fast schwer erklärbaren inneren Helligkeit.

Am Ende bleibt keine große Botschaft, sondern eine leise Gewissheit:

Dass Rettung nicht aus Stärke entsteht.
Sondern aus Beziehung.

Urteil: 8 von 10.