Die Kunst der Begrenzung

Fünf Machtzentren, Fünf Religionen und der gemeinsame Wunsch nach einem Leben in Fülle. Was Staaten und Religionen über Stabilität, Frieden und Fülle lernen können – wenn sie eine Vision für die Menschheit haben.

Gedanken von Harald R. Preyer
Wien, am 8.1.2026


Die Thesen von Herfried Münkler: Warum Fünf stabiler sind als Drei

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler beschreibt eine Welt, die sich von der Idee kooperativer Globalordnung entfernt und zu imperialer Machtpolitik zurückkehrt. Sein zentraler Befund ist nüchtern: Drei konkurrierende Großmächte sind instabil. Sie erzeugen fast zwangsläufig die „Zwei-gegen-eins“-Konstellation – eine Struktur, die Präventivkriege, Eskalation und Angst begünstigt. Vier Akteure wiederum neigen zur Blockbildung und Erstarrung.

Erst fünf Machtzentren schaffen ein bewegliches Gleichgewicht. Pentarchien erlauben wechselnde Koalitionen, verhindern dauerhafte Fronten und erzeugen ein „atmendes System“. Historisch verweist Münkler auf das europäische 19. Jahrhundert – das „Konzert der Mächte“ – sowie auf institutionelle Versuche wie den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Ergänzt wird das Argument durch spieltheoretische Einsichten: Fünf Akteure bieten genügend Kombinationsmöglichkeiten, um Berechenbarkeit und Flexibilität zugleich zu sichern.

Münkler ist Realist. Seine Theorie verspricht keinen Frieden aus Einsicht, sondern Stabilität aus Begrenzung. Moral ersetzt er nicht, aber er rechnet nicht mit ihr.


Die Übertragung auf Religionen: Eine spirituelle Pentarchie

Was macht diese politische Einsicht für Religionen interessant? Auch religiöse Traditionen strukturieren Weltdeutung, Ethik und Gemeinschaft. Betrachtet man sie nicht als Wahrheitsmonopole, sondern als zivilisatorische Räume, lässt sich ebenfalls eine Fünferstruktur erkennen:

Christentum – global verbreitet, institutionell geprägt, plural in sich.
Islam – eng verwoben mit Recht, Alltag und politischer Ordnung.
Hinduismus – kosmische Ordnung, kulturell tief, kaum missionarisch.
Buddhismus und ostasiatische Weisheitstraditionen – leise, aber prägend durch Maß, Harmonie und Bildung.
Die säkulare Welt – postreligiös, nicht wertfrei, sondern von religiösen Erbschaften getragen.

Keine dieser Traditionen ist klein genug, um marginalisiert zu werden. Keine ist groß genug, um alle anderen zu absorbieren. Wie in der politischen Pentarchie entsteht Stabilität nicht aus Wahrheitssieg, sondern aus gegenseitiger Begrenzung.


Die Unterschiede: Macht, Wahrheit und Korrektiv

Hier trennen sich Politik und Religion entscheidend.

Politische Macht fragt nach Durchsetzung. Sie operiert mit Zwang, Interessen und Ressourcen. Religiöse Traditionen – in ihren reifen Formen – wissen um eine Wahrheit, die größer ist als jede Institution. Gerade darin liegt ihr inneres Korrektiv: Gott, Dharma, das Eine oder das Leere entziehen sich menschlicher Verfügbarkeit.

Problematisch wird es dort, wo diese Differenz verschwindet. Wenn politische Herrscher Absolutheitsansprüche formulieren, handeln sie funktional religiös – jedoch ohne Transzendenz. Wahrheit wird personalisiert, Kritik delegitimiert, Geschichte sakralisiert. Macht kennt dann kein Maß mehr.

Umgekehrt scheitern Religionen dort, wo sie sich selbst absolut setzen, politische Macht an sich ziehen und ihre eigene Vorläufigkeit vergessen. Dann werden sie ideologisch – und gefährlich.


Was Staaten und Religionen voneinander lernen können

Wenn Prosperität, Frieden und Fülle mehr sein sollen als Schlagworte, braucht die Welt eine neue Lernbewegung – jenseits von Naivität und Zynismus.

Was Staaten von Religionen lernen können:

  • die Fähigkeit zur Selbstrelativierung
  • das Wissen um Grenzen von Macht
  • die Einsicht, dass Sinn nicht erzwingbar ist

Was Religionen von Staaten lernen können:

  • institutionelle Klarheit
  • Verfahren zur Konfliktbegrenzung
  • die Anerkennung von Pluralität als Normalzustand

Beide eint eine gemeinsame Aufgabe: den Absolutheitsanspruch zu zähmen – politisch wie spirituell. Stabilität entsteht nicht dort, wo einer alles bestimmt, sondern wo viele einander begrenzen.

Nicht Wahrheit gefährdet den Frieden, sondern der Glaube, sie allein zu besitzen.
Nicht Macht zerstört die Ordnung, sondern Macht ohne Maß.

Die Kunst der kommenden Weltordnung – politisch wie religiös – wird daher eine alte sein: die Kunst der Begrenzung.

Veröffentlicht von

Harald R. Preyer

systemischer Coach | geistlicher Begleiter | christlicher Begräbnisleiter

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