Schlagwort: Kunst

  • Adam, Eva, die Schlange und der Apfel

    … und schon haben wir ein Bild im Kopf, das mit dem Text der Bibel erstaunlich wenig zu tun hat. Es fehlt in den Bildern das Wesentliche – die Liebe Gottes.

    Adam und Eva im Paradies, Kinderzeichnung, Wachsstifte auf Papier, 2025

    „Im Anfang war das Wort …“ – und dann kommt doch gleich die Geschichte von Adam und Eva, der Schlange und dem Apfel.

    Das stimmt von der Idee her. Die Suche beginnt nur an der falschen Stelle – je nach Ausgabe der Bibel einige hundert Seiten zu weit hinten. Denn „Im Anfang war das Wort“ steht nicht am Anfang der Bibel. Es steht am Anfang des Johannesevangeliums.

    Der wirkliche Anfang der Bibel lautet:

    „Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde.“
    (Gen 1,1)

    Dass diese beiden Anfänge so ähnlich klingen, ist kein Zufall. Aber darauf kommen wir später zurück.

    Zunächst bleiben wir ganz am Anfang.

    Die Erschaffung der Welt

    Gott hat die Welt wirkmächtig erschaffen. Das erzählt uns die Bibel gleich zu Beginn – und zwar nicht nur einmal, sondern in zwei unterschiedlichen Schöpfungserzählungen.

    Die erste eröffnet das Buch Genesis. Der Name kommt aus dem Griechischen und bedeutet Ursprung oder Entstehung. Diese Erzählung ist groß, geordnet und geradezu feierlich. Gott formt nicht mit seinen Händen. Er spricht.

    „Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und wirr und Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war.“
    (Gen 1,1–4)

    So geht es weiter. Gott spricht – und es geschieht. Er scheidet Licht und Finsternis, Wasser und Himmel, Meer und trockenes Land. Pflanzen wachsen. Sonne, Mond und Sterne erscheinen. Das Wasser füllt sich mit Lebewesen, der Himmel mit Vögeln, die Erde mit Tieren.

    Und immer wieder heißt es:

    „Gott sah, dass es gut war.“

    Am sechsten Tag erschafft Gott den Menschen. Und hier beginnt bereits die erste Überraschung. Die Bibel spricht nicht von Adam und Eva:

    „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.“
    (Gen 1,27)

    Der Mensch ist das Bild Gottes. Nicht nur der Mann. Nicht nur die Frau. Der Mensch – männlich und weiblich.

    Dann beginnt Kapitel 2. Aber die erste Schöpfungserzählung ist noch nicht zu Ende. Bevor Gott ruht, geschieht noch etwas Wesentliches:

    „Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn.“
    (Gen 2,3)

    Das gefällt mir.

    Das erste große Werk Gottes in der Bibel endet nicht mit einer Vorschrift, nicht mit einer Drohung und nicht mit einer Strafe. Es endet mit einem Segen.

    Erst danach beginnt die Bibel noch einmal von vorn.

    Und plötzlich ist alles anders.

    Und die Bibel beginnt noch einmal von vorn

    Die zweite Schöpfungserzählung klingt völlig anders. Kein großer kosmischer Rhythmus, keine sieben Tage, kein Licht, das von der Finsternis geschieden wird, und keine feierliche Reihenfolge von Pflanzen, Gestirnen, Fischen, Vögeln und Landtieren.

    Stattdessen: Erde, Staub und Atem.

    „Da formte Gott, der HERR, den Menschen, Staub vom Erdboden, und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“
    (Gen 2,7)

    Hier spricht Gott nicht nur. Er formt.

    Und der Mensch heißt noch nicht Adam, jedenfalls nicht so, wie wir heute einen Vornamen verstehen. Im Hebräischen steht ha-adam: der Mensch, der Erdling. Er wird aus adamah, dem Erdboden, geformt.

    Der Erdling kommt von der Erde, und er lebt, weil Gott ihm seinen Lebensatem einhaucht.

    Dann pflanzt Gott einen Garten in Eden und setzt den Menschen hinein. Er darf von allen Bäumen des Gartens essen – mit einer einzigen Ausnahme:

    „Vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn am Tag, da du davon isst, wirst du sterben.“
    (Gen 2,17)

    Noch gibt es keine Frau. Noch gibt es keinen Mann. Es gibt den Menschen.

    Dann sagt Gott etwas, das in der ganzen bisherigen Schöpfungserzählung noch nie gesagt wurde:

    „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist.“
    (Gen 2,18)

    Zum ersten Mal ist etwas nicht gut.

    Gott formt die Tiere und führt sie zum Menschen. Der Mensch gibt ihnen Namen. Aber keines von ihnen ist ihm eine Hilfe, die ihm ebenbürtig ist. Also lässt Gott einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen.

    Nun kommt jene Szene, die wir alle zu kennen glauben: Gott nimmt Adam eine Rippe und macht daraus Eva.

    Aber so einfach ist es nicht.

    Das hebräische Wort zela kann Rippe bedeuten, aber auch Seite oder Flanke. Der Text erzählt jedenfalls etwas viel Tieferes als die Herstellung einer Frau aus einem Ersatzteil des Mannes: Gott nimmt vom Menschen und baut daraus ein Gegenüber.

    Erst jetzt fallen im hebräischen Text die Worte für Mann und Frau, isch und ischa.

    „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau soll sie genannt werden; denn vom Mann ist sie genommen.“
    (Gen 2,23)

    Aus dem einen Menschen werden zwei, die einander gegenüberstehen und doch zusammengehören. Nicht Herr und Dienerin, nicht Original und Kopie, sondern Gegenüber.

    Dann endet diese zweite Schöpfungserzählung mit einem Satz von großer Zärtlichkeit:

    „Beide, der Mensch und seine Frau, waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander.“
    (Gen 2,25)

    Sie haben nichts zu verbergen. Nicht voreinander und, wie sich gleich zeigen wird, auch nicht vor Gott.

    Noch nicht.

    Die Schlange kommt

    „Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der HERR, gemacht hatte.“

    So beginnt Genesis 3. Nicht mit dem Teufel. Nicht mit Satan. Mit einer Schlange.

    Der biblische Text sagt nicht, dass die Schlange der Teufel ist. Diese Deutung entsteht später. Hier gehört sie zunächst zu den Tieren, die Gott geschaffen hat. Und die Schlange beginnt auch nicht mit einer Lüge, sondern mit einer Frage:

    „Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?“
    (Gen 3,1)

    Natürlich hat Gott das nicht gesagt. Im Gegenteil: Gott hatte dem Menschen erlaubt, von allen Bäumen des Gartens zu essen. Nur einen einzigen hatte er ausgenommen. Aber die Frage der Schlange verschiebt etwas. Plötzlich geht es nicht mehr um die Fülle dessen, was der Mensch hat, sondern um das eine, was er nicht haben darf.

    Das ist ein Gedanke, den ich bei P. Johannes Paul Abrahamowicz gefunden habe und der mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht: Die Ursünde beginnt mit einer Verdrehung des Blicks.

    Der ganze Garten ist voller Bäume. Alle sind schön anzusehen und tragen Früchte. In der Mitte des Gartens steht der Baum des Lebens. Doch plötzlich sieht der Mensch nur noch den einen verbotenen Baum. Mehr noch: In der Antwort der Frau wandert dieser Baum sogar in die Mitte des Gartens.

    „Nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben.“
    (Gen 3,3)

    Aber das hatte Gott so nicht gesagt. Nach Genesis 2 steht der Baum des Lebens in der Mitte des Gartens; für den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse wird kein eigener Ort genannt. Und Gott hatte auch nicht gesagt, der Mensch dürfe ihn nicht berühren.

    Das Verbot ist im Kopf des Menschen größer geworden. Der verbotene Baum ist in die Mitte gerückt, und der Baum des Lebens ist aus dem Blick verschwunden.

    Vielleicht ist das die erste große Tragik dieser Geschichte: Der Mensch lebt mitten in der Fülle und schaut auf das, was ihm fehlt. Er ist umgeben vom Leben und sieht nur das Verbot.

    Dann spricht die Schlange den entscheidenden Verdacht aus:

    „Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.“
    (Gen 3,5)

    Jetzt geht es nicht mehr um eine Frucht, sondern um das Bild, das der Mensch von Gott hat. Meint Gott es wirklich gut mit mir, oder enthält er mir etwas vor? Kann ich ihm vertrauen, oder muss ich selbst dafür sorgen, dass mir nichts fehlt?

    JP beschreibt hier ein Grundmuster, das er Ursünde nennt. Sie entsteht im Zusammenspiel von Zweifel, Angst und Begierde. Diese drei Bewegungen haben keine klar festgelegte Reihenfolge; sie greifen ineinander und verstärken einander. Der Zweifel fragt: Hat Gott es wirklich gut mit mir gemeint? Die Begierde sagt: Das will ich haben. Und die Angst steigert sich zu dem Gedanken: Das muss ich haben, sonst fehlt mir etwas.

    Erst dann kommt die Tat.

    „Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und begehrenswert war, um klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß.“
    (Gen 3,6)

    Kein Apfel. Die Bibel spricht nur von einer Frucht.

    Und Eva verführt auch nicht den ahnungslosen Adam, der irgendwo anders im Garten herumsteht. Er ist da. „Bei ihr“, sagt der Text. Sie essen beide.

    Dann geschieht tatsächlich, was die Schlange angekündigt hat:

    „Da gingen beiden die Augen auf.“

    Aber was sehen sie? Nicht die Geheimnisse Gottes, nicht die Ordnung der Welt und nicht Gut und Böse.

    „Sie erkannten, dass sie nackt waren.“

    Vor wenigen Versen waren sie ebenfalls nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander. Jetzt flechten sie Feigenblätter zusammen und machen sich Schurze.

    Was hat sich verändert?

    Nicht ihre Nacktheit. Ihr Blick hat sich verändert: auf sich selbst, aufeinander und auf Gott.

    Als sie Gott im Garten hören, verstecken sie sich. Und Gott ruft:

    „Wo bist du?“
    (Gen 3,9)

    Das ist die erste Frage Gottes an den Menschen nach der Ursünde. Nicht: Was hast du getan? Nicht: Wie konntest du nur? Nicht: Welche Strafe hast du verdient?

    Sondern:

    Wo bist du?

    Der Mensch hat das Vertrauen verloren.

    Und Gott sucht ihn.

    Was hast du getan?

    Auf Gottes Frage „Wo bist du?“ antwortet der Mensch:

    „Ich habe deine Schritte gehört im Garten; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich.“
    (Gen 3,10)

    Zum ersten Mal ist von Furcht die Rede. Der Mensch, der bisher nackt vor Gott und vor seinem Gegenüber leben konnte, hat Angst bekommen. Gott fragt nach:

    „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem ich dir geboten habe, davon nicht zu essen?“
    (Gen 3,11)

    Jetzt wäre der Augenblick, in dem der Mensch sagen könnte: Ja.

    Aber er tut es nicht.

    „Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben. So habe ich gegessen.“
    (Gen 3,12)

    Der Satz ist bemerkenswert. Der Mann beschuldigt nicht nur die Frau, sondern indirekt auch Gott: Die Frau, die du mir beigesellt hast. Noch vor wenigen Versen hatte er über dieses Gegenüber gejubelt: „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch.“ Jetzt ist aus dem Geschenk Gottes eine Schuldige geworden.

    Die Frau macht es nicht viel anders:

    „Die Schlange hat mich getäuscht. So habe ich gegessen.“
    (Gen 3,13)

    Niemand übernimmt Verantwortung. Der Mann zeigt auf die Frau und auf Gott, die Frau zeigt auf die Schlange. Die Gemeinschaft, die eben noch von Vertrauen und unbeschämter Nacktheit geprägt war, beginnt zu zerbrechen.

    Vielleicht liegt auch darin ein wesentlicher Teil der Ursünde. Der Mensch will sein wie Gott, aber er will nicht verantwortlich sein. Er greift nach der Freiheit und schiebt die Verantwortung für die Folgen weiter.

    Strafe – oder Folge?

    Nun spricht Gott zur Schlange, zur Frau und zum Mann. Diese Verse gehören zu den schwierigsten der ganzen Erzählung, weil sie über Jahrhunderte als göttliches Strafurteil gelesen wurden: Die Frau müsse unter Schmerzen gebären und sich dem Mann unterordnen, der Mann müsse unter Mühsal arbeiten, und beide müssten schließlich sterben.

    Aber lohnt es sich, noch einmal genauer hinzusehen?

    Die Schlange wird verflucht. Auch der Ackerboden wird verflucht. Von der Frau und vom Mann aber sagt der Text nicht, dass Gott sie verflucht.

    Das ist ein Unterschied.

    Was Gott beschreibt, sieht vielmehr erschreckend nach jener Welt aus, die wir kennen. Das Verhältnis zwischen Mann und Frau ist von Begehren und Herrschaft bedroht. Die Arbeit, die den Menschen ernähren soll, wird mühsam. Der Boden trägt Dornen und Disteln. Das Leben ist endlich.

    JP nennt das die Unordnung, die als Folge der Ursünde entsteht. Das Gleichgewicht geht verloren: zwischen Mensch und Mensch, zwischen Mann und Frau, zwischen Mensch und Schöpfung und schließlich auch im Menschen selbst. Der Text schreibt die Herrschaft des Mannes über die Frau nicht als göttliche Ordnung vor. Er beschreibt sie als Folge der zerbrochenen Ordnung.

    Die heile Welt des Gartens ist zerbrochen.

    Aber hat Gott sie zerbrochen?

    Oder beschreibt die Erzählung, was geschieht, wenn das Vertrauen verloren geht?

    Ursünde, nicht Erbsünde

    An diesem Punkt wird verständlich, warum JP lieber von Ursünde als von Erbsünde spricht.

    Die Ursünde ist für ihn kein einmaliges Ereignis, das sich irgendwann in grauer Vorzeit ereignet hat und dessen Schuld seither von Generation zu Generation weitergegeben wird. Sie ist der Ursprung jeder Sünde, ein Muster, das sich immer wieder ereignet: Zweifel, Angst und Begierde greifen ineinander, der Mensch verliert das Vertrauen, greift nach dem Leben, als müsse er es selbst an sich reißen, versteckt sich und sucht schließlich einen Schuldigen.

    Natürlich können die Folgen von Sünde weitergegeben und sogar vererbt werden. Kinder können unter dem leiden, was ihre Eltern getan haben. Familien können Verletzungen über Generationen weitertragen. Ganze Gesellschaften können an den Folgen früherer Schuld leiden.

    Aber die Kinder erben nicht die Schuld.

    JP bringt es in seinem Schummelzettel sehr klar auf den Punkt: Vererbt werden können die Folgen der Sünde, nicht die Schuld selbst.

    Adam und Eva sind dann nicht einfach zwei Menschen von damals, deren Fehltritt wir bis heute büßen müssen.

    Sie sind wir.

    Die Geschichte spielt sich jedes Mal neu ab, wenn wir der Liebe Gottes misstrauen. Wenn wir mitten in der Fülle nur noch auf das schauen, was uns fehlt. Wenn aus „Das will ich haben“ ein „Das muss ich haben“ wird. Wenn die Angst uns dazu bringt, nach etwas zu greifen, von dem wir glauben, ohne es nicht leben zu können. Und wenn wir danach einen Menschen suchen, dem wir die Schuld geben können.

    Vielleicht erzählt Genesis 3 deshalb keine ferne Vergangenheit.

    Vielleicht erzählt die Geschichte von heute.

    Und Gott macht Kleider

    Bevor der Mensch den Garten verlässt, geschieht etwas, das in den großen Bildern vom Sündenfall leicht übersehen wird:

    „Gott, der HERR, machte dem Menschen und seiner Frau Gewänder von Fell und bekleidete sie damit.“
    (Gen 3,21)

    Die Menschen hatten sich selbst Schurze aus Feigenblättern gemacht. Sie wollten ihre Nacktheit verbergen, ihre Verletzlichkeit schützen und ihre Scham bedecken.

    Nun bekleidet Gott sie.

    Das ist eine erstaunliche Geste. Gott nimmt ihnen die Folgen ihres Handelns nicht ab. Er setzt sie auch nicht einfach wieder an den Anfang zurück. Der Garten ist verloren. Das Leben außerhalb Edens wird mühsam und endlich sein.

    Aber Gott schickt den Menschen nicht nackt hinaus.

    Er sieht seine Scham und bedeckt sie. Er sieht seine Verletzlichkeit und schützt sie. Der Mensch muss den Garten verlassen, aber Gott hört nicht auf, sich um ihn zu kümmern.

    Vielleicht ist das der Satz, mit dem wir die Geschichte vom sogenannten Sündenfall neu lesen können:

    Der Mensch verliert das Paradies, aber nicht Gott.

    Und vielleicht sollten wir uns jetzt ansehen, warum wir trotzdem ein ganz anderes Bild im Kopf haben.

    Und woher kommt nun unser Bild vom Sündenfall?

    Wir haben Genesis 3 gelesen. Wir haben eine Schlange gesehen, aber keinen Teufel. Eine Frucht, aber keinen Apfel. Einen Mann, der bei der Frau steht, aber keine Frau, die einen ahnungslosen Mann verführt. Wir haben einen Menschen gesehen, der das Vertrauen verliert, sich schämt und versteckt, und einen Gott, der ihn sucht und ihm am Ende Kleider macht.

    Warum haben wir trotzdem ein so anderes Bild im Kopf?

    Vielleicht deshalb, weil die meisten Menschen Genesis 3 viel seltener gelesen haben, als sie den Sündenfall gesehen haben.

    Seit Jahrhunderten erzählen Künstler diese Geschichte. Ihre Bilder hängen in Kirchen und Museen, stehen in Bibeln und Schulbüchern und wurden millionenfach reproduziert. Sie haben unser kollektives Gedächtnis geprägt. Dabei illustrieren sie den biblischen Text nicht einfach. Sie wählen aus, verdichten, dramatisieren und deuten. Manchmal fügen sie etwas hinzu, das gar nicht in der Bibel steht.

    Drei der berühmtesten Darstellungen zeigen das besonders deutlich.

    Albrecht Dürer: Der Augenblick vor der Tat

    Albrecht Dürers Kupferstich Adam und Eva aus dem Jahr 1504 gehört zu den berühmtesten Darstellungen des Sündenfalls überhaupt.

    Albrecht Dürer, Adam und Eva, 1504, Kupferstich. The Metropolitan Museum of Art, New York, Fletcher Fund, 1919.

    Wir sehen einen vollkommenen Mann und eine vollkommen schöne Frau. Beide stehen nackt im Paradies. Zwischen ihnen wächst der Baum, um den sich die Schlange windet. Eva hält bereits die Frucht in der Hand, Adam streckt seine Hand nach einer weiteren Frucht aus.

    Dürer zeigt den Augenblick unmittelbar vor dem Essen.

    Auf den ersten Blick scheint das ganz nahe am biblischen Text zu sein. Aber dann beginnt das Bild, unsere Vorstellung zu verändern.

    Die Schlange ist viel stärker ins Zentrum gerückt als in Genesis. Sie wird zur sichtbaren Macht der Versuchung. Eva steht ihr näher als Adam und empfängt die Frucht unmittelbar von ihr. Dadurch entsteht der Eindruck, die eigentliche Verführung geschehe zwischen Schlange und Frau, während Adam erst im nächsten Schritt hineingezogen werde.

    Genesis erzählt es nüchterner. Die Frau nimmt von der Frucht und isst; dann gibt sie ihrem Mann, der bei ihr ist, und auch er isst.

    Dürer macht aus diesem knappen Satz eine Szene. Und eine Szene braucht Rollen.

    Die Schlange wird zur Verführerin. Eva wird zur Verführten. Adam wird zum Nächsten in der Kette.

    Genau darin liegt die Macht der Kunst. Sie zeigt nicht etwas Falsches im einfachen Sinn. Aber sie entscheidet, was wir sehen – und damit auch, was wir später erinnern.

    Noch etwas ist bemerkenswert: Dürer füllt das Paradies mit Symbolen. Tiere, Pflanzen und Bäume erzählen eine ganze Welt theologischer und philosophischer Deutungen. Der biblische Text wird zu einem hochkomplexen Bildprogramm.

    Aus wenigen Versen ist eine ganze Welt geworden.

    Michelangelo: Ursache und Strafe in einem Bild

    Noch mächtiger hat Michelangelos Darstellung an der Decke der Sixtinischen Kapelle unser Bild vom Sündenfall geprägt.

    Michelangelo Buonarroti, Sündenfall und Vertreibung aus dem Paradies, um 1510, Fresko, Decke der Sixtinischen Kapelle. Vatikanische Museen, Vatikanstadt.

    Michelangelo tut etwas, das die Bibel nicht tut: Er zeigt zwei verschiedene Zeitpunkte gleichzeitig.

    Links sehen wir den Sündenfall. Die Schlange windet sich um den Baum und reicht Eva die Frucht. Adam greift selbst nach dem Baum. Rechts werden beide aus dem Paradies vertrieben. Ein Engel bedroht sie mit erhobenem Schwert.

    Der Baum steht in der Mitte und trennt die beiden Szenen.

    Links die Tat. Rechts die Strafe.

    Die Vatikanischen Museen beschreiben selbst, dass Michelangelo zwei im biblischen Text deutlich getrennte Momente zusammenführt und damit Ursache und Wirkung gleichzeitig zeigt.

    Das ist künstlerisch genial. Aber es verändert unsere Wahrnehmung der Geschichte.

    Zwischen dem Essen und der Vertreibung geschieht in Genesis nämlich sehr viel. Die Menschen erkennen ihre Nacktheit. Sie machen sich Schurze. Sie hören Gott. Sie verstecken sich. Gott sucht sie und fragt: „Wo bist du?“ Es kommt zum Gespräch, zu den Beschuldigungen und zur Beschreibung der Folgen. Schließlich macht Gott den Menschen Kleider und bekleidet sie.

    Bei Michelangelo verschwindet all das.

    Übrig bleibt eine gewaltige Bewegung:

    Sünde – Strafe.

    Und wieder wird die Schlange verändert. Michelangelo gibt ihr einen menschlichen Oberkörper und einen weiblichen Kopf. Davon steht nichts in Genesis. Die Schlange wird zu einem Mischwesen und rückt damit näher an spätere Vorstellungen des Dämonischen.

    Das Bild ist nicht „falsch“. Es ist eine theologische Interpretation.

    Aber wenn wir diese Interpretation oft genug sehen, beginnen wir zu glauben, wir hätten sie in der Bibel gelesen.

    Lucas Cranach: Die ganze Geschichte auf einmal

    Lucas Cranach der Ältere geht in seinem Gemälde Paradies aus dem Jahr 1530 noch einen Schritt weiter. Das Bild hängt heute im Kunsthistorischen Museum in Wien.

    Lucas Cranach d. Ä., Paradies, 1530. Kunsthistorisches Museum Wien · © KHM-Museumsverband

    (Im Februar 2024 durfte ich dieses Bild in einer ganz kleinen Runde im KHM ausführlicher studieren. Ich habe anschließend alle Details vergrößert und die Texte der Genesis bei den Szenen hinterlegt.)

    Cranach zeigt nicht einen einzigen Augenblick. Er zeigt die ganze Geschichte gleichzeitig.

    Im selben Garten begegnen uns Adam und Eva mehrfach. Wir sehen die Erschaffung Adams, die Erschaffung Evas, Gottes Verbot, den Sündenfall, die Entdeckung des Geschehenen und schließlich die Vertreibung aus dem Paradies.

    Die Zeit wird aufgehoben. Aus der Erzählung wird eine Landschaft, durch die unser Blick wandert.

    Das ist wunderschön und didaktisch äußerst wirkungsvoll. Ein Mensch, der die Geschichte nicht lesen kann, kann sie im Bild sehen.

    Aber auch Cranach muss Entscheidungen treffen. Er muss zeigen, wie die Frucht aussieht, wie die Schlange aussieht, wo der Baum steht und wie die einzelnen Personen zueinander angeordnet sind. Jeder Pinselstrich beantwortet Fragen, die der biblische Text offenlässt.

    Und genau deshalb sind diese Bilder für unseren Blick auf Genesis so wichtig.

    Dürer symbolisiert.

    Michelangelo dramatisiert.

    Cranach erzählt nach.

    Alle drei schaffen große Kunst. Keiner von ihnen will uns täuschen. Aber alle drei tun etwas, das wir beim Lesen der Bibel leicht vergessen: Sie zeigen uns nicht einfach den Text.

    Sie zeigen uns ihre Deutung des Textes.

    Was die Kunst der Bibel hinzugefügt hat

    Wenn wir nach diesen Bildern zu Genesis 3 zurückkehren, merken wir, wie viel sich in unserem Kopf angesammelt hat.

    Der Apfel steht nicht in der Bibel.

    Die Schlange wird nicht Satan oder Teufel genannt.

    Sie hat keinen weiblichen Oberkörper.

    Eva ist nicht allein mit der Schlange.

    Adam steht nicht ahnungslos abseits.

    Sexualität ist nicht die Sünde.

    Nacktheit ist nicht die Sünde.

    Die Herrschaft des Mannes über die Frau wird nicht als ursprüngliche Schöpfungsordnung erzählt, sondern erscheint erst in der zerbrochenen Welt nach dem Verlust des Vertrauens.

    Und vor allem: Die Geschichte besteht nicht nur aus Versuchung, Sünde und Strafe.

    Dazwischen steht eine Frage:

    „Wo bist du?“

    Und am Ende steht ein Gott, der dem Menschen Kleider macht.

    Vielleicht ist das die größte Überraschung dieser ganzen Reise. Die Kunst hat uns den Augenblick der Tat immer wieder gezeigt. Sie hat die Frucht, die Schlange, die Scham und die Vertreibung sichtbar gemacht.

    Aber die leise Bewegung Gottes ist viel schwerer zu malen.

    Der Mensch versteckt sich.

    Gott sucht ihn.

    Der Mensch bedeckt sich notdürftig.

    Gott bekleidet ihn.

    Der Mensch verliert den Garten.

    Aber Gott verliert den Menschen nicht.

    Und nun können wir zu jenem anderen Anfang zurückkehren, mit dem wir diesen Artikel begonnen haben.

    „Im Anfang war das Wort …“

    Im Anfang war das Wort

    Mit diesem Satz haben wir begonnen.

    „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“
    (Joh 1,1)

    Nun wissen wir, dass dies nicht der erste Satz der Bibel ist. Der erste Satz lautet:

    „Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde.“
    (Gen 1,1)

    Dass Johannes sein Evangelium fast mit denselben Worten beginnt, ist kein Zufall. Er führt uns bewusst zurück an den Anfang. Aber er erzählt nicht einfach noch einmal von der ersten Schöpfung. Er erzählt von einem neuen Anfang.

    Genesis erzählt von Gott, der spricht – und die Welt entsteht.

    Johannes erzählt, dass dieses Wort selbst in die Welt kommt.

    „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“
    (Joh 1,14)

    Vielleicht liegt darin die Antwort auf die ganze Geschichte, die wir gelesen haben.

    In Genesis verliert der Mensch das Vertrauen. Er greift nach dem Leben, als müsste er es Gott entreißen. Seine Augen gehen auf, und plötzlich sieht er sich selbst, sein Gegenüber und Gott anders. Er schämt sich. Er bekommt Angst. Er versteckt sich.

    Gott fragt:

    „Wo bist du?“
    (Gen 3,9)

    Die ganze weitere Geschichte der Bibel könnte man als die Geschichte dieser Suche lesen. Gott gibt den Menschen nicht auf. Er spricht zu Abraham. Er hört das Schreien seines Volkes. Er führt es aus der Sklaverei. Er schickt Propheten. Immer wieder sucht er den Menschen.

    Und dann kommt er selbst.

    Nicht als Macht, der sich niemand entziehen kann. Nicht als Richter, vor dem der Mensch aus seinem Versteck gezwungen wird. Gott kommt als Mensch.

    „Und das Wort ist Fleisch geworden.“

    Vielleicht ist das die radikalste Antwort Gottes auf die Ursünde. Der Mensch misstraut Gott – und Gott vertraut sich dem Menschen an. Der Mensch greift nach dem Göttlichen – und Gott wird Mensch. Der Mensch versteckt sich – und Gott kommt dorthin, wo der Mensch ist.

    Fra Angelico hat diesen Augenblick um 1440 in seinem Kloster San Marco in Florenz gemalt.

    Fra Angelico, Verkündigung, um 1440–1445, Fresko. Museo di San Marco, Florenz

    (Das Fresko befindet sich im oberen Korridor des ehemaligen Dominikanerkonvents San Marco; Hochauflösende gemeinfreie Bilddatei ansehen)

    Seine Verkündigung ist kein lautes Bild. Der Engel stürzt nicht vom Himmel, Maria weicht nicht erschrocken zurück. Beide begegnen einander in einem stillen Raum. Sie neigen sich einander zu. Die Arme sind vor der Brust gekreuzt. Nichts scheint erzwungen.

    Der Anfang der neuen Schöpfung geschieht in einer Begegnung.

    Und in einer Zustimmung.

    Maria hört das Wort und vertraut.

    Wo der Mensch im Garten Eden an der Güte Gottes zweifelt, sagt sie:

    „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast.“
    (Lk 1,38)

    Hier müssen wir vorsichtig sein. Maria ist nicht einfach die „bessere Eva“, und die Geschichte Jesu ist keine simple Umkehrung von Genesis 3. Aber die alte christliche Tradition hat diese Verbindung nicht ohne Grund gesehen: Dort wächst aus dem Misstrauen die Angst. Hier öffnet Vertrauen einen neuen Anfang.

    Das Wort wird Fleisch.

    Gott kommt nicht, um den Menschen für immer aus dem Garten auszusperren.

    Er kommt, um bei ihm zu wohnen.

    Vielleicht haben wir deshalb mit dem falschen Anfang begonnen und sind am Ende doch beim richtigen angekommen.

    „Im Anfang war das Wort …“

    Der Mensch versteckt sich.

    Gott sucht ihn.

    Und am Ende bleibt er bei ihm – bei uns.

  • Ein Rundgang durch die Albertina Klosterneuburg

    Zwischen Erwin Wurm und Elena Koneff, zwischen Styx und Cremeschnitten: ein persönlicher Streifzug durch die Sammlung Essl – mit Respekt, Skepsis und Staunen.

    Klosterneuburg, 11.10.2025, Harald R. Preyer

    Ich stehe am Eingang der Albertina Klosterneuburg. Es ist einer dieser Orte, an denen die Gegenwart so still und selbstverständlich in Erscheinung tritt, dass man fast vergisst, wie jung sie ist. Der Raum – großzügig, kühl, klar – empfängt meine Frau Yuliya und mich mit einer Offenheit, die keine Schwellenangst kennt. Yuliya geht ein paar Schritte voraus, bleibt stehen und lächelt. Draußen stehen Pferde in ihren Koppeln und scheinen amüsiert und zufrieden zu warten. Worauf? 

    Dahinter gibt der wolkenverhangene Himmel für wenige Minuten den Blick auf die Kuppel von Stift Klosterneuburg frei. Das Licht ist diffus – ideal für Portraits.

    Es ist unser erster Besuch hier. Und wir spüren sofort etwas Besonderes. Als ob Architektur und Haltung ineinandergreifen. Weil dieser Ort aus einer Entscheidung heraus entstanden ist, die Mut und Verantwortung zugleich bedeutet – aus dem Willen einer Unternehmerfamilie, Kunst nicht zu besitzen, sondern weiterzugeben.


    Ich kenne Martin Essl, den Sohn der Sammler Karl-Heinz und Agnes Essl. Ihm verdankte Wien im heurigen Frühjahr (2025) das Fest „75 Jahre EU“ im Stephansdom. Heute stehe ich in jenem Raum, der sein Elternhaus der Kunst ist. Nicht im privaten Sinn, sondern im übertragenen: als Ort des Vertrauens in das Menschliche.
    Ich empfinde große Dankbarkeit, dass Menschen wie die Essls oder der Bauunternehmer Hans Peter Haselsteiner Kunst nicht nur als Kapital betrachten, sondern als Vermächtnis. Und auch Dank gegenüber den vielen, die dieses Projekt tragen.  Den Museumsmanagerinnen, den Politikern, den Steuerzahlern, die es am Ende mitfinanzieren. Es ist leicht, sich über öffentliche Kulturförderung zu empören; aber wer hier durch die Räume geht, spürt, dass es sich lohnt.

    Was ist überhaupt Kunst?
    Wo beginnt sie? Und wo endet sie?

    Diese Fragen begleiten mich seit Jahren. Als Betrachter, nicht als Kritiker. Vielleicht ist Kunst dort, wo jemand das Sichtbare so ernst nimmt, dass es über sich hinausweist. Manchmal ist sie groß, manchmal klein, manchmal so unauffällig, dass man sie fast übersieht.

    Ich bin kein unkritischer Bewunderer der Gegenwartskunst. Zu oft sehe ich darin bloß Geste und Ironie, Konzept statt Berührung. Aber wenn man sich auf die Werke einlässt, wenn man stehen bleibt und sieht, beginnt etwas zu wirken. Dann wird die sperrigste Form zu einer Einladung. Und plötzlich merkt man, dass diese Kunst vielleicht gar nicht gefallen will. Sondern etwas anderes tut: Sie weckt Bewusstsein.

    Die Begegnungen mit den ersten Werken

    Wir gehen in den Ausstellungsbereich und betreten den ersten Saal. Es ist still, nur das gedämpfte Knirschen der Schritte auf dem Betonboden. Wenig Besucher sind heute hier. Zeitweise sind wir mit den Künstlern allein. An der Wand hängen die glänzenden Karosserien von Andy Warhol – Rennwagen, abstrahiert zu Symbolen des Tempos, der Reproduktion, der Sehnsucht nach Geschwindigkeit. Ich bleibe davor stehen und denke: Das ist doch kein Bild eines Autos, sondern eines Zeitalters.

    Warhols „Mercedes-Benz Formel Rennwagen W125“ ist ein Memento mori aus Chrom und Farbe. Geschwindigkeit vergeht, Ruhm vergeht, aber das Bild bleibt. Vielleicht ist das sein Trost: Dass auch das Flüchtige einen Ort in der Ewigkeit finden kann.


    Andy Warhol, „Mercedes-Benz Formel Rennwagen W125“, 1987 rechts im Hintergrund und andere seiner bekannten Werke. Acryl und Siebdruck auf Leinwand.

    Im nächsten Raum wie eine Antwort auf Warhols Kühle, hängt Robert Indianas „Classic Love“. Die vier Buchstaben sind so vertraut, dass ich sie fast übersehe. In dieser farbigen Wolle steckt eine Zärtlichkeit, die nichts Ironisches mehr hat. Sie ist handgemacht – eine textile Meditation über das, was bleibt, wenn alle Trends verflogen sind.
    Ich bleibe lange davor stehen. Liebe als Muster, nicht als Pose. Vielleicht ist das schon der Unterschied zwischen Kitsch und Kunst: Dass das eine gefallen will, während das andere still bleibt und wartet, bis man bereit ist.


    Robert Indiana, „Classic Love“, 1995. Wolle.

    Ein paar Schritte weiter das Werk von Ida Szigethy. Ein Blick aus einem Rolls-Royce auf eine Wand, dahinter nichts als Dunkel. „Ohne Ausweg“, steht auf dem Schild. Ich spüre, wie sich der Raum verändert: Diese Malerei ist kein Luxusobjekt, sondern eine Beichte. Das glänzende Holzlenkrad wird zum Symbol jener Freiheit, die sich selbst überfordert.

    Was vor dem Autoradio auf den ersten Blick so aussieht wie ein Stöckel von Yuliya’s braunen Schuhen, ist bei näherer Betrachtung der Daumen der rechten Hand der Pilotin, die gerade einen neuen Sender eingestellt hat.


    Ida Szigethy, „Ohne Ausweg“, 1978/79. Öl auf Leinwand.

    Ich denke an all die Fahrerinnen und Fahrer, die glauben, sie könnten das Leben steuern – bis sie begreifen, dass der Tunnel kein Irrtum, sondern Teil der Strecke ist. Szigethy malt diesen Moment ohne Pathos, aber mit der Klarheit einer Frau, die sich selbst nichts vormacht.

    Taaffe, Diop, Wurm – Über das Ornament, das Absurde und das Menschliche.

    Vor einem der größten Werke des Raumes bleibe ich wie gebannt stehen: ein farbig pulsierender Strudel, eine Spirale, die mich in sich hineinzieht. Es könnte auch der Blick in den gezogenen Lauf eines teuren Luftdruckgewehres sein. Philip Taaffes Unit of Direction aus dem Jahr 2003.

    Rot, Blau, Gelb – Primärfarben wie Signale – kreisen in präziser Geometrie um ein winziges Zentrum, das zugleich wie ein Auge und wie ein Versprechen wirkt.
    Ich lese die Tafel daneben. Taaffe, so erfahre ich, hat sich jahrelang mit Ornamentformen aus verschiedenen Kulturen beschäftigt – von römischen Mosaiken über islamische Arabesken bis zu fernöstlichen Mandalas.

    Je länger ich schaue, desto mehr erkenne ich: Diese Spirale ist kein Ornament, sondern eine Bewegung des Geistes. Sie zieht mich in etwas hinein, das weder rational noch dekorativ ist – ein Sog, der mich an das Denken selbst erinnert: Immer kreisend, suchend, niemals still.

    Es ist faszinierend, wie Taaffe das Meditative der Form mit der Strenge der Mathematik verbindet. Sein Werk hat etwas zutiefst Spirituelles, auch wenn es das nie behauptet.

    Vielleicht liegt die Kraft moderner Kunst gerade darin, dass sie sich nicht festlegt. Sie lässt Raum für Zweifel – und genau dort, im Zweifel, beginnt Erkenntnis.

    Philip Taaffe, Unit of Direction, 2003. Mischtechnik auf Leinwand, Albertina Klosterneuburg – Sammlung Essl.

    Nach der ornamentalen Strenge von Taaffe trete ich in einen Raum, der fast körperlich vibriert. Alexandre Diop, 1995 in Paris geboren, arbeitet mit allem, was die Welt ihm gibt: Metall, Latex, Leder, Holz, Zeitungen, Nägel, Stoffe. Seine Assemblagen sind keine Collagen im klassischen Sinn – sie sind Verdichtungen von Leben.

    Ich lese seine Worte: „Ich muss von der Realität ausgehen, um eine neue zu erschaffen.“ Das ist kein Konzept, sondern eine Lebenshaltung. Vor seinem großen Werk – eine wuchernde Komposition aus Figuren, Stoffen, Farben, Gewalt und Zärtlichkeit – spüre ich die ganze Unruhe dieser Zeit. Diop lässt nichts unberührt: Rassismus, Kolonialgeschichte, männliche Macht, Spiritualität. Alles ist ineinander verflochten. Es ist, als würde die Leinwand atmen, kämpfen, schwitzen.
    Diese Kunst ist nicht schön im klassischen Sinn. Aber sie ist wahrhaftig.

    Alexandre Diop, „Ohne Titel“, um 2022. Assemblage aus Stoffen, Metall, Papier und Farbe. Albertina Klosterneuburg – Sammlung Essl.

    Ein paar Räume weiter: Erwin Wurm.
    Fünf Figuren stehen da, elegant und grotesk zugleich. Köpfe gibt es keine, die Körper enden abrupt in eckigen Blöcken. Anzüge, Stiefel, Kleider – makellos.
    Ich muss lächeln. Wurm nimmt die modische Oberfläche ernst genug, um sie zu sprengen. Seine Box People sind Karikaturen unserer Gesellschaft: Zu perfekt, zu eckig, zu sehr auf Form und Status fixiert.

    Ich frage mich, ob das Lachen über diese Figuren befreiend ist – oder beschämend. Wurm zeigt uns, wie sehr wir selbst in unseren Hüllen gefangen sind.
    Und doch: Es steckt Zärtlichkeit darin. Seine Figuren sind verletzlich, obwohl sie so starr wirken. Vielleicht liegt darin die Pointe seines Werkes – dass hinter dem Absurden das zutiefst Menschliche aufscheint.

    Erwin Wurm, „Box People“, um 2015. Textil, Holz, Schuhe, gemischte Materialien. Albertina Klosterneuburg – Sammlung Essl.

    Nach Wurm wird es stiller. Kälter. Ich trete in den Raum von Bruno Gironcoli – und plötzlich besteht die Luft aus Metall. Vor mir liegt eine Figur, silbern, glatt, monumental: Daphne, 2002. Kein klassischer Akt, keine anmutige Verwandlung, sondern ein hybrides Wesen zwischen Mensch und Maschine, Opfer und Schöpfer.
    Gironcoli sagte, er wolle den Menschen in all seinen „Abgründen und Zwanghaftigkeiten“ zeigen. Das tut er.

    Diese Gestalt, halb liegend, halb aufgerichtet, mit geschlossenen Augen und einer Antenne aus dem Kopf, wirkt wie eine Kreuzung aus Mythos und Labor.
    Ich kann nicht sagen, ob sie schläft oder träumt – oder ob sie längst aufgehört hat, beides zu tun.

    In der makellosen Aluminiumhaut steckt etwas Unheimliches. Der Körper scheint gefroren in seiner eigenen Idee. Und doch liegt in dieser Kälte eine seltsame Würde.
    Vielleicht ist das Gironcolis Beitrag zur großen Frage, was Kunst mit uns macht: Sie zwingt uns, auszuhalten, was wir sonst verdrängen würden.

    Bruno Gironcoli, Daphne, 2002. Aluminium, Albertina Klosterneuburg – Sammlung Dagmar und Manfred Chobot.

    Dann ein unförmiger, fleischfarbener Körper, irgendwo zwischen Figur und Masse. Die Oberfläche scheint lebendig und zugleich wie verbrannt, durchzogen von schwarzen Adern, an manchen Stellen mit leuchtend rotem Acryl aufgerissen.
    Der Titel: Eva Beresin, In Ekstase verweilen (2023).

    Es ist eine Skulptur aus 3D-Druck und Acrylfarbe – eine groteske, fast komische Form, die an das Ungeformte im Menschen erinnert. Ich lese: „Familiensammlung Haselsteiner“ – und muss lächeln. Selbst in der Ekstase, so scheint es, bleibt in Österreich die Kunst ordentlich dokumentiert. Doch hinter der Ironie steckt etwas sehr Ernstes. Beresins Figur ist verletzlich, erschöpft, sinnlich, vielleicht erlöst.
    Sie ruht in sich – oder in dem, was von ihr geblieben ist. Diese Arbeit, geschaffen von einer ungarisch-österreichischen Künstlerin, die seit Jahrzehnten mit Körperbildern ringt, scheint mir ein Kommentar zur Gegenwart zu sein:

    Wir haben uns digitalisiert, perfektioniert, multipliziert. Und doch bleibt das Fleisch, die Form, die Sehnsucht nach Berührung.

    Eva Beresin, In Ekstase verweilen, 2023. Acryl auf 3D-Druck, PLA. Albertina Klosterneuburg – Familien­sammlung Haselsteiner.

    Ein paar Schritte weiter begegne ich einem anderen Gegenpol zur Materialfülle: Elena Koneff, geboren 1939 in Moskau, emigrierte 1979 nach Wien. Ihre Arbeiten sind monochrom schwarz, gewebt aus Kordeln, Gummi, Sisal und Harz. Die Serie Black Relief (1978) wirkt wie ein Dialog zwischen Textil und Kosmos.

    Knoten, Schlingen, Fasern: Alles scheint sich in einer stillen Gravitation zu bewegen, als würde die Materie selbst über die Schwerkraft des Lebens nachdenken.
    Ich empfinde große Ruhe vor diesen Werken. Nach all der expressiven Lautstärke der Gegenwartskunst ist Koneffs Schwarz fast eine Gebetshaltung.
    Ihre Reliefs erinnern an Wunden, die zu Ornamenten geworden sind – an Verbindungen, die reißen und sich wieder schließen.

    Vielleicht ist das, was mich so berührt, die Demut dieser Kunst: Kein Lärm, kein Anspruch, nur ein leises Atmen im Raum.

    Elena Koneff, Schwarzes Relief, 1978. Kordel, Gummi, Sisal, Farbe, Harz. Albertina Klosterneuburg.

    Und dann, fast als stilles Echo auf Koneffs schwarze Reliefs, sehe ich Werke von Soli Kiani, geboren 1981 im Iran.

    Schwarz, Weiß, Seile – eine Sprache der Gegensätze. Kiani arbeitet mit denselben Materialien, die im Iran bei Hinrichtungen verwendet werden. Sie verwandelt sie in etwas anderes: In Sinnbilder von Befreiung, in poetische Widerstände gegen das Verstummen.

    Ihre Arbeiten sind kraftvoll, aber nicht laut. Sie erzählen von weiblicher Identität zwischen Tradition und Moderne, Religion und Säkularität, Schuld und Stolz.
    Was mich besonders bewegt: In dieser Schwere liegt etwas zutiefst Versöhnliches.
    Weil Kiani nichts zerstören will. Sie will verwandeln. In den Seilen, die sie zu Skulpturen knüpft, verdichtet sich die Spannung des Lebens. Jeder Knoten ist zugleich Fessel und Verbindung.

    Als ich mich umdrehe, sehe ich Yuliya vor diesen Figuren stehen – in sanftem Rosa, die Hand auf der Tasche, still, aufmerksam. Ein schöner Moment: Zwei Frauen, die sich nicht kennen, und doch etwas Gemeinsames teilen – das stille Wissen, dass Freiheit immer eine innere Bewegung bleibt.

    Soli Kiani, Installation aus der Serie „Black Line“, um 2020. Seile, Stoff, Harz. Albertina Klosterneuburg.

    Hinter den Seilfiguren von Soli Kiani erkenne ich an der Wand noch einmal ein rundes, fast mandalaartiges Werk von Elena Koneff. Ein schwarzes Relief aus Kordeln und Gummi, das wie ein stiller Planet im Hintergrund ruht.
    Dieses Werk scheint die Szene zu umarmen: Die Bewegung der Stricke bei Kiani antwortet auf die geordnete Ruhe Koneffs.

    Das Schwarz beider Arbeiten ist kein Nichts, sondern ein Speicher von Bedeutung.  Ein Stoff, der Licht verschluckt, um Tiefe zu erzeugen.

    Elena Koneff, „schwarzer Schild“ (mein Titel), Kordel, Gummi, Sisal, Farbe, Harz. Albertina Klosterneuburg

    Ausklang

    Draußen, zwischen den Ausstellungsräumen, stehen wir vor einer silbernen Abdeckung aus Metall. Darauf in schwarzen Lettern: STYX. Zuerst halte ich es für eine Wasserleitung, dann für ein Kunstwerk. Doch ein Mitarbeiter erklärt uns: „Das ist die Abdeckung eines Kunstwerks – ‚Welle‘. Die Firma, die sie gefertigt hat, heißt Styx.“ Ein schöner Zufall: Der Name erinnert an den Fluss, der Leben und Tod trennt – und verbindet.

    Hier oben, zwischen Glas, Beton und Rasen, fließt er als Kunstwerk weiter. Still, metallisch, aber voller Bedeutung. Oder vielleicht ist die Welle einfach eine zärtliche Geste an eine Frau, die sich hier Blumen wünschte.

    Abdeckung der „Welle“ – gebaut von Firma Styx im Atrium der Albertina Klosterneuburg.

    Danach folgen wir dem Duft von Kaffee. Oben, beim Café neben den Ausstellungsräumen, stehen sie in der Vitrine: Rosa und gelbe Cremeschnitten, so weich und leicht wie ein ironischer Nachsatz der Kunst.

    Wir teilen keine, weil ich Yuliya noch ein spätes, gutes Mittagessen zaubern werde. Aber wir lachen, weil diese süße Kreation für uns im Moment auch Kunst ist. Alles, was eben noch schwer war – Gewalt, Schmerz, Verwandlung – löst sich auf in Süße und Staubzucker.

    Cremeschnitten im Café der Albertina Klosterneuburg.

    Bevor wir gehen, halten wir noch inne. Eine Wand voller Bücher mit der Aufschrift Kunst der Gegenwart – in kräftigem Rot, als wollte sie sagen: Das Heute zählt. Wir sehen uns an, lächeln. Ja. Das tut es.

    Harald und Yuliya Preyer vor der Bücherwand „Kunst der Gegenwart“.

    Und dann, unten nach dem Ausgang, das letzte Foto. Das Licht ist weicher geworden, die Luft still.Yuliya lehnt sich an mich, die Wiesen leuchten hinter uns, als hätten sie alles gehört. Die Pferde sind noch in ihren Koppeln.

    Wir denken an Michaelina Wautier gestern im KHM, an Wurm, Diop, Gironcoli, Beresin, Koneff, Kiani heute hier – und an all das, was sie gemeinsam verbindet: Mut, Genialität und Menschlichkeit.

    Wir fühlen uns bestätigt: Die größte Gegenwartskunst bleibt die Liebe.

    Harald und Yuliya Preyer vor der Albertina Klosterneuburg im warmen späten Nachmittagslicht des Herbstes.


    Kurzbeschreibung

    Ein persönlicher Rundgang durch die Ausstellung DE SCULPTURA in der Albertina Klosterneuburg. Harald Preyer begegnet Werken von Wurm, Gironcoli, Koneff und anderen – mit Wertschätzung, kritischer Distanz und offenem Herzen. Eine Einladung, Kunst als Spiegel des Lebens zu sehen.

    Text und Fotos: Harald R. Preyer

  • El Greco und die Hl. Martina

    Am 30. Jänner feiert die römisch katholische Kirche den Gedenktag der Hl. Martina. In El Grecos Gemälde „Die Jungfrau Maria mit den hll. Agnes und Martina“ ist sie eine Nebendarstellerin.  

    Diese frühchristliche Märtyrerin ist ein Symbol unerschütterlichen Glaubens und strahlender Sanftmut, die selbst das Wilde zähmen konnte. El Greco hat in seinem Gemälde „Die Jungfrau Maria mit den hll. Agnes und Martina“ diese Aspekte in einer Weise verewigt, die Kunst und Spiritualität meisterhaft vereint. Das Bild ist in hoher Auflösung (38 MB) hier gespeichert und kann heruntergeladen und gezoomt werden, um die Details genau zu betrachten.

    Maria mit Kind und die hll. Martina und Agnes (zwischen 1597 und 1599)
    Gemälde von El Greco (* um 1541 in Candia auf Kreta; † 7. April 1614 in Toledo); eigentlich Domínikos Theotokópoulos
    National Gallery of Art, Washington, D.C.

    Martina und die gezähmte Wildheit des Glaubens

    Die Legende von Martina erzählt, wie sie während der Christenverfolgung unter Kaiser Alexander Severus in eine Arena geworfen wurde, um von wilden Tieren zerfleischt zu werden. Doch die Löwen, die eigentlich ihren Tod besiegeln sollten, legten sich sanft zu ihren Füßen. Die Märtyrerin beeindruckte sie durch ihre furchtlose Glaubensüberzeugung und die innere Ruhe, die aus ihrer tiefen Verbindung zu Gott entsprang. Diese außergewöhnliche Szene ist nicht nur ein Motiv von Stärke, sondern auch von friedlicher Überwindung des Bedrohlichen.

    El Greco greift dieses Attribut auf und platziert den Löwen zu Martinas Füßen, als wäre er ein treuer Begleiter. Der Löwe blickt gelassen, fast andächtig, und lenkt den Fokus auf die spirituelle Kraft der Heiligen. Es ist weniger eine Zurschaustellung von Macht als ein Zeugnis für die transformierende Kraft des Glaubens, die selbst das Wilde in ein Symbol der Harmonie verwandeln kann.

    El Grecos technische Brillanz: Der Ausdruck des Glaubens

    El Grecos Gemälde überzeugt nicht nur durch seine Komposition, sondern auch durch seine subtile Technik. In der hohen Auflösung des Bildes lassen sich die Details studieren, die den besonderen Reiz seiner Kunst ausmachen. Seine lockeren, fast impressionistisch wirkenden Pinselstriche geben den Stoffen und Figuren eine Lebendigkeit, die aus der Distanz eine transzendente Wirkung entfaltet. Besonders Martinas gelber Umhang, der fast wie fließendes Gold erscheint, strahlt eine Wärme aus, die ihre innere Stärke unterstreicht.

    Die Balance zwischen kühlen und warmen Farben in der Komposition spiegelt das Thema des Gemäldes wider: die Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen Göttlichkeit und Menschlichkeit. Martinas Löwe, mit feinen Strichen modelliert, fügt sich dabei als integraler Bestandteil der Geschichte ein. El Greco inszeniert ihn nicht als gefährliches Tier, sondern als Verkörperung der gezähmten Wildheit – ein stiller Beweis für die Kraft der Sanftmut.

    Details und Symbolik in El Grecos Werk

    Die ikonografische Stärke des Gemäldes zeigt sich auch in den übrigen Figuren und Details. Maria, zentral platziert, repräsentiert die Verbindung zu Christus, während Agnes mit ihrem Lamm die Reinheit und das Opfer symbolisiert. Martinas Rolle als Märtyrerin wird durch ihre gelassene Haltung und den ruhigen Blick unterstrichen. Der Löwe an ihrer Seite ist nicht nur ein Attribut, sondern auch ein Hinweis darauf, wie Glaube und Liebe das Potenzial haben, Angst und Gewalt zu überwinden.

    Die Engel im oberen Teil des Bildes verstärken diese Botschaft. Ihre sanften Gesten und aufrichtigen Blicke schaffen eine Atmosphäre des Friedens, die den Betrachter dazu einlädt, über die transformative Kraft des Glaubens nachzudenken.

    El Greco: Ein Meister zwischen den Welten

    El Greco (1541–1614) war ein Künstler, der über die Grenzen seiner Zeit hinaus wirkte. Seine Werke vereinen Einflüsse der venezianischen Schule mit der expressiven Kraft des Manierismus und der spirituellen Tiefe byzantinischer Ikonografie. In „Die Jungfrau Maria mit den hll. Agnes und Martina“ zeigt er seine Fähigkeit, das Göttliche und das Menschliche in einer harmonischen Komposition zu verbinden.

    Dieses Gemälde ist mehr als eine Darstellung von Heiligen. Es ist eine Reflexion über die Macht des Glaubens und die Möglichkeit, durch innere Überzeugung und Sanftmut sogar das Wilde zu zähmen. Martina erinnert uns daran, dass wahre Stärke nicht in Gewalt liegt, sondern in der Fähigkeit, Liebe und Frieden auszustrahlen.

  • Hermann’s Vernissage

    22.11.2024 Heute habe ich Yuliya und Harry zu einer Vernissage mitgenommen. Hermanns Hund hat uns eingeladen. Der ist schon erwachsen so wie ich bald und er wohnt im Wald in einem tollen Haus und sein Herrchen macht was ganz Tolles. Habe ich vorher noch nie gesehen. Der macht Bilder aus Gold! Die haben dann auch ohne Licht geleuchtet. Ganz gespenstisch war das.

    Da hat dann ein ganz lieber Mann gesprochen. Zu dem haben alle Pater gesagt, aber der hat gar nicht so ein langes Kleid an wie die anderen Mönche, die ich kennengelernt habe. Jedenfalls hat er ganz toll gesprochen. Ich habe nicht gleich alles verstanden. Aber dann habe ich den Kopf schief gelegt. Er hat dann zu mir gesagt: „Teddy Dir geht es gut. Du wirst mit ganz viel Liebe erzogen. Alles Gute!“ Habe ich lieb gefunden. Werde ich meinem Freund, dem Künstler Hund erzählen.

    Und ich wünsche dann seinem Herrchen, dass viele rote Punkte auf die Goldbilder geklebt werden. Da habe ich zugeschaut. Das macht sie einfach farbenfroh, finde ich. Und ich habe auch gemerkt, dass der Mann, der auch auf der Bühne gestanden ist und der dann das Buffet eröffnet hat, dass der sich auch immer gefreut hat, wenn er einen roten Punkt drauf geklebt hat. Der hat also auch meinen Geschmack.

    https://www.hermannstaudinger.at/de

  • Ist ChatGPT der „bessere“ Künstler? 

    Kann KI Kunst schaffen? Gespräche mit Künstlern, Galeristen, Betrachtern anlässlich der ART VIENNA in der Schönbrunner Orangerie und ein Besuch bei Hermann Staudinger auf der Rieglerhütte.

    Wien, 17.9.2023, Harald Preyer

    „Die Frage könnte verstören und von den Ausstellern als Provokation verstanden werden“, warnen mich Kollegen im Vorfeld meines Besuches der Art Vienna. „Genau das will ich ja“ denke ich mir: Eine Pro-Vocation – ein „Für-Etwas-Rufen“. Es könnten Streitgespräche werden, oder auch Versuche einer Annäherung. Dabei habe ich mir den Titel nur geliehen. Das war der Arbeitstitel einer Abgeordneten zum Nationalrat für ein Gespräch mit Freunden im Palais Epstein in der letzten Woche. Dort meinte denn auch sinngemäß der nach 23 Jahren abtretende Rektor der Angewandten Gerald Bast: „Im Idealfall kann Künstliche Intelligenz Künstlern den Rücken freihalten und einfache Routineaufgaben für sie erledigen, damit sie Zeit für das Wesentliche, für Fantasie und Inspiration haben.“

    Vor einem Bild im vorletzten Raum in der tropisch warmen Orangerie steht verzückt eine junge Frau als würde sie gerade in einen Ozean aus Kobaltblau mit orangem Farbklecks eintauchen.

    Gottfried Mairwöger, Réunion, 1998,
    Öl auf Leinen, 150 x 130 cm

    „Was macht das Bild mit Ihnen?“ frage ich sie leise, weil ich sie nicht aus ihrer Trance wecken wollte. „Oh. Es liebt mich. Ich liebe es. Ich bin grad weit weg und nah dran. Spüren Sie es auch? Das ist der Fluchtpunkt der Sehnsucht, der Hoffnungsstrahl aus dem Jenseits, das Ziel meiner Träume. Meine Sehnsucht hat ein Zuhause.“ Da ist ein Funke übergesprungen, wie ein Künstler später an diesem Nachmittag sagen wird.

    „Es muss doch nicht alles immer perfekt sein. Menschen machen halt auch Fehler. Das macht sie ja gerade menschlich. Und das ist der Unterschied zwischen Mensch und Maschine“, meint eine Kunsthändlerin, der ich die Titelfrage stelle. „Künstliche Intelligenz ist ja schon uralt. Sie gibt es im Web seit wir die Möglichkeit haben, auf das Wissen der Welt von unserem Computer zuzugreifen. Das ermöglicht uns vergleichende Betrachtung von Gedanken, Konzepten und Kunstwerken zu einem Stichwort. Wir können aus viel Ähnlichem unser Eigenes schaffen und damit andere konfrontieren. Das ist Kunst“, erklärt mir eine Universitätsdozentin, die auch mit Kunst handelt.

    „Der Betrachter kann unsere Installation betreten, Teil des Raumes werden. Wir schaffen mit unterschiedlichen Programmen neue Wirklichkeiten, die wir zu einer kompletten Webseite zusammenfügen. Die ganze Seite verkaufen wir dann an den Sammler. Er kann die URL in seiner Kommunikation nutzen und damit seinen Freunden und Kunden den Schlüssel zu neuen Räumen öffnen“ schwärmt ein Kunsthändler aus Oberösterreich, der in Wien eine Galerie betreibt. Ich betrete auf meinem Handy einen dieser Kunsträume und lausche der beschwörenden Göttin aus einer anderen Welt mit ihrem „Appell an die Menschlichkeit“. Ihr Gesicht erinnert mich an einen Fantasy-Film. Ihre Gedanken haben eine Ordnung und Klarheit, die mich beeindrucken. „Alles mit Künstlicher Intelligenz zusammengefunden“ meint der Schöpfer der Seite stolz.

    Nach etwas mehr als zwei Stunden und intensiven Interviews mit unterschiedlichsten Menschen freue ich mich an diesem strahlenden warmen September Nachmittag auf den kühlen Wald. Wir wollen noch Hermann Staudinger, einen lieben Freund und seit mehr als 30 Jahren Künstler, in seinem Haus nahe der Rieglerhütte besuchen. Er hat selbst am Freitag ein Bild zur Eröffnung der Messe ausgestellt. Im angenehm entspannten fokussierten Gespräch erzählt er mir zwei Geschichten, die sein Leben beeinflusst haben.

     

    Hermann Staudinger, Im Auer-Welsbach-Park in Wien, Baum-Bild in Gold

    Bei einer Ausstellung in New York betrachtete er ein Bild mit einem schwarzen Quadrat, ein „Black Painting“ von Ad Reinhardt. „Da hat sich wieder einmal einer am Schwarzen Quadrat von Kasimir Malewitsch versucht, dachte ich mir am Anfang. Dann habe ich genauer hingesehen. Es waren in Wirklichkeit mehrere Quadrate mit unterschiedlichen Nuancen von Schwarz. Schwarz mit einem zarten Blau, mit rot. Das Bild hatte eine Tiefe, wie ich sie noch nie gesehen habe.“ In Paris im Louvre musste ihm seine charmante Frau Elke versprechen, dass sie nicht die Mona Lisa besuchen würden. Nach einem langen Tag blieb ihnen am Ende noch eine Stunde übrig und sie waren gerade nahe bei Leonardo da Vinci. Es lag also doch nahe, noch einen kurzen Blick auf das wahrscheinlich berühmteste Bild der Welt zu werfen, an dem der Künstler ja sein ganzes Leben lange gearbeitet haben soll. „Die junge Frau hat mir direkt ins Herz geschaut. Sie hat mich berührt wie kein Bild vorher und nachher.“

    Mona Lisa (La Gioconda), Leonardo da Vinci, 1503–1506, Musée du Louvre, Paris

    Liegt das am zarten Lächeln mit geschlossenem Mund? Sind es die nicht ausgeführten Umrisse (sfumato)? Oder hat der Meister der italienischen Renaissance sein Vermächtnis in das Bild gelegt und das Rezept dazu in sein Grab mitgenommen? Bei Leonardos Tod, im Jahr 1519, befand sich das Bild jedenfalls in seinem Besitz, wurde also niemals dem Auftraggeber abgeliefert. Bei Hermann ist in beiden Fällen ein Funke übergesprungen, der ihn spüren ließ, was er nie vorher empfunden hat. Ist es das? Ist dieser Funke das, was Kunst von Handwerk unterscheidet?

    „Kann man diesen Funken vermessen, mathematisch beschreiben?“ wollte der sympathische Linzer Architekt wissen, der seit Beginn unseres Gespräches Zigarre rauchend an der Ecke des Tisches saß und nichts sagte, nur interessiert zuhörte. „Wenn man es nämlich nicht als Algorithmus beschreiben kann, dann wird Künstliche Intelligenz es nicht erschaffen können“, zitierte er stolz seinen Nachzügler, der an der Universität Informatik studiert.