ein Beitrag für BiM – Bibel im Museum von Harald R. Preyer zum 21. Sonntag im Jahreskreis A
Mt 16,13–20 · Jes 22,19–23 · Röm 11,33–36
Bild 1: Pietro Perugino – Die Schlüsselübergabe an Petrus, Sixtinische Kapelle, Gesamtansicht
„Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“
Es ist vielleicht eine der persönlichsten Fragen, die Jesus überhaupt stellt. Er fragt nicht nach Lehrsätzen. Nicht danach, was man über ihn gehört hat. Zuerst erzählen die Jünger noch, was die anderen sagen: Johannes der Täufer, Elija, Jeremia, ein Prophet.
Doch dann wird es stiller und persönlicher:
„Ihr aber …?“
Petrus antwortet: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“
Und Jesus vertraut gerade diesem Petrus den Schlüssel an.
Peruginos berühmtes Fresko in der Sixtinischen Kapelle macht diesen Augenblick sichtbar. Petrus kniet vor Christus. Er empfängt die Schlüssel nicht als Auszeichnung oder Besitz, sondern als Auftrag.
Detail – Christus übergibt Petrus die Schlüssel
Schon Jahrhunderte zuvor begegnet uns dieses Bild beim Propheten Jesaja:
„Ich werde ihm den Schlüssel des Hauses David auf die Schulter legen. Er wird öffnen und niemand ist da, der schließt; er wird schließen und niemand ist da, der öffnet.“
Der Schlüssel steht für Verantwortung und Vertrauen.
Vielleicht liegt darin auch ein wichtiger Hinweis darauf, was Kirche sein soll. Nicht zuerst Macht. Nicht das Bewahren dessen, was immer schon war. Sondern die Verantwortung, Türen zu öffnen: zu Gott, zur Hoffnung, zur Versöhnung, zum Menschen.
Papst Leo XIV. hat beim Hochfest der Apostel Petrus und Paulus 2025 genau diese Frage Jesu in die Gegenwart gestellt:
Wer ist Jesus Christus heute für uns? Welchen Platz nimmt er in unserem Leben ein?
Eine Antwort darauf kann uns niemand abnehmen.
Paulus führt uns in der zweiten Lesung noch einen Schritt weiter. Selbst nachdem wir geantwortet haben, bleibt Gott größer als unsere Antworten:
„O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege!“
Vielleicht gehören deshalb beide Bewegungen zum Glauben:
den Mut haben, wie Petrus zu antworten – und zugleich staunen können, wie Paulus.
Und so bleibt die Frage dieses Sonntags nicht in Cäsarea Philippi zurück. Sie kommt zu jedem von uns:
Ihr aber – für wen haltet ihr mich?
Pietro Perugino, „Die Schlüsselübergabe an Petrus“, 1481–1482, Fresko, Sixtinische Kapelle, Vatikan. Bildquelle: Wikimedia Commons / gemeinfreies Werk.
ein Beitrag von Thomas Pöll für BiM – Bibel im Museum Wien, 14.8.2026
Ludovico Carracci:Cristo e la Cananea 1594–1595, Öl auf Leinwand, 170 × 225 cm, heute Pinacoteca di Brera, Inv. 96, Saal XXVIII. Das Bild entstand für den Palazzo Sampieri in Bologna und wurde 1811 für Brera erworben. Bild: Wikimedia Commons. Ludovico Carracci, Cristo e la Cananea, Brera.jpg|thumb|180px|Legenda
Das Evangelium
„In jener Zeit zog sich Jesus in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück. Und siehe, eine kanaanäische Frau aus jener Gegend kam zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält. Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Schick sie fort, denn sie schreit hinter uns her! Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Doch sie kam,fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! Er erwiderte:Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen. Da entgegnete sie: Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Es soll dir geschehen, wie du willst. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.“
Carraccis Bild entstand ursprünglich für den Palazzo Sampieri in Bologna. Es gehörte zu einer dreiteiligen Serie der Carracci-Brüder, in der jeweils Christus einer Frau begegnet – also keine unwesentliche Sache und schon gar kein Zufall. Ludovico Carracci malte „Christus und die Kanaaniterin“, Annibale Carracci „Christus und die Samariterin“ und Agostino Carracci „Christus und die Ehebrecherin“.
Am gegenständlichen Bild finde ich vor allem die starke Achse zwischen Jesus und der Frau spannend:
Die Frau ist zwar unten und Jesus steht über ihr. Aber psychologisch ist sie keineswegs klein. Sie schaut ihn an, hält ihm stand, argumentiert weiter. Ihre Beharrlichkeit bringt Bewegung in die Szene.
An dieser Stelle wird ein Buch von Wilhelm Bruners interessant:
Wilhelm Bruners:Wie Jesus glauben lernte (Verlag Herder, 2006)
Das Buch „Wie Jesus glauben lernte“ von Wilhelm Bruners zeichnet die Geschichte Jesu als eine Geschichte auch des Lernens – und so interpretiert er auch die Begegnung Christi mit der kanaanäischen Frau.
Diese steht in der Bibel nämlich zwischen den beiden Brotvermehrungen – der ersten, die sich von den Zahlen her an die 12 Stämme des Volkes Israel richtet, und der zweiten, die die ganze Welt, vertreten durch die sieben Heidenstämme, speist.
Jesus hat also, so Bruners, von der kanaanäischen Frau gelernt, dass nicht nur das eigene Volk zu versorgen sei, sondern auch die anderen – die Sammlung der Völker beginnt genau hier.
Eine Anmerkung: diese Stelle und ihre Positionierung lässt sich sehr schön mit der Parallelstelle im Markus-Evangelium auf dem Markusweg beim Haus der Stille nahe Graz erleben.
Gedanken zum Evangelium
Wir erleben hier keinen netten Jesus und nicht einmal einen kämpferischen, der die Dinge klarstellt, sondern einen einigermaßen schroffen, ja beleidigenden – ehe er völlig überraschend lernt.
Denn die Dinge scheinen klar: Seine Sendung ist es, die Juden „auf Kurs zu bringen“, „zu heilen“.
Aber die Frau bleibt scheinbar unberührt, schießt nicht dagegen und wird persönlich, sondern ist hartnäckig, erkennt Jesu Autorität an und bringt ihre Argumente. Ob Jesus sich mehr von den Argumenten oder von ihrer Hartnäckigkeit und Zuversicht überzeugen lässt, bleibt unklar – vermutlich ist es beides.
Auf jeden Fall öffnet sie damit eine neue Welt. Und eigentlich öffnet sie sie mit einer Bitte nicht für sich selbst, sondern für ihre Tochter.
Fragen, die man sich stellen kann
• Wo sehen in meinem Leben die Dinge zunächst klar aus und ich vertrete sie auch so bis an die Grenze der Unhöflichkeit oder darüber hinaus? • Wie kann ich es schaffen, als Opfer von Herabsetzung die Fassung zu bewahren und mein Anliegen ruhig und beharrlich zu vertreten? • Wie lerne ich immer wieder zu schauen, ob es nicht um etwas Größeres geht, als ich gerade denke? • Was heißt das alles für mich in der gelebten Konsequenz? Wie setze ich es um?
Die Bibel liest das Bild. Das Bild liest die Bibel. Und beide lesen unser Leben.
12 Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln.
1 Kön 19, 9-13 – 19. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A
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Mark Rothko (1903-1970) Untitled, 1968 Acryl auf Papier Museum of Modern Art, New York City
Das Bild
Die in der 1. Lesung des Tages beschriebene Szene aus der Geschichte des Propheten Elija ist wohl eine der poetischsten zumindest des gesamten Alten (Ersten) Testaments.
Elija (neben Mose der zweite wichtigste Prophet des Judentums) hat davor in seinem Kampf gegen die falschen Propheten und Götzengläubigen Gott geradezu gezwungen, ihm mit Feuer und Blitz zur Seite zu stehen, damit Jahwes Macht als die größte Macht bewiesen werden würde.
Dann brachte er noch etliche Hundert dieser falschen Propheten um und flüchtete schließlich vor der Rache der Königin Isebel in die Wüste. Auf dem Weg wollte er schon sterben, doch ein Engel bewahrte ihn davor, indem er ihm zu essen gab und Mut zusprach.
So kommt Elija zum Gottesberg Horeb (dem Berg der Zehn Verheißungen, wir nennen sie oft „Gebote“) und versteckte sich in einer Höhle.
Dort fordert ihn Gott auf, herauszukommen und sich „vor den Herrn“ zu stellen.
Es kommen Feuer, Sturm und Erdbeben – und nirgends ist Gott drinnen. Dann kommt „ein leises, sanftes Säuseln“.
Ende der Szene.
Warum dazu dieses Bild aus dem 20. Jahrhundert und keine klassische, ältere Darstellung der Szene? Nun, ganz einfach: es gibt da nicht wirklich viel und schon gar nichts Befriedigendes. Von Elija wurden schon viele Bilder angefertigt, aber die meisten zeigen ihn in der Wüste oder (zB als Ikonen) eine Zusammenschau verschiedenster Ereignisse aus seinem Leben. Eine Ausnahme ist eine Illustration von Julius Schnorr von Carolsfeld, einem deutschen Maler der Romantik. Es entstand für sein monumentales Werk „Die Bibel in Bildern“ (veröffentlicht 1860), das Generationen von Bibellesern visuell geprägt hat.
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Doch auch in diesem Bild herrscht mehr Verwirrung als Säuseln.
Daher also Mark Rothko, ein fast beliebiges Werk, das Raum und Zeit lässt, sich das Säuseln vorzustellen, wenn man Donner und Beben erwartet hatte.
Gedanken und Fragen
Eine Geschichte, die an Spannung und Action schwer zu übertreffen ist, nimm mit einem Satz eine völlig überraschende Wendung. Die Hauptperson hat mit allem gerechnet, nur nicht damit.
Man kann sich fragen:
• Wo schätze ich Gott (oder auch Menschen) völlig anders ein, als sie sich am Ende zeigen? • Was steigt in mir empor, wenn ich Rothkos Bild meditiere oder mir sanftes, leises Säuseln vorstelle? Was ändert sich in meiner Wahrnehmung von Gott und Welt? • Wann war ich das letzte Mal so RICHTIG überrascht? War das positiv oder negativ? Wie hat es sich angefühlt? • Wenn ich mich in den Propheten Elija versetze – wie geht es mir in diesem Augenblick?
Fest der Verklärung des Herrn, 6. August 2026 Lesungen: 2 Petr 1,16–19 · Ps 97 · Mt 17,1–9BiM – Bibel im Museum
Raffael, eigentlich Raffaello Sanzio, „Die Verklärung Christi“, um 1516–1520, Öl auf Holz, 410 × 279 cm, Pinacoteca Vaticana, Vatikanstadt. Das Gemälde verbindet die Verklärung Jesu auf dem Berg mit der Not der Menschen und der Heilung eines leidenden Jungen nach der Rückkehr Jesu. Foto: Alvesgaspar/Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
„Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören.“
Petrus, Jakobus und Johannes erleben einen Augenblick, der sich jeder gewöhnlichen Beschreibung entzieht. Jesus führt sie auf einen hohen Berg. Vor ihren Augen verändert sich sein Aussehen. Sein Gesicht leuchtet wie die Sonne, seine Kleider werden weiß wie das Licht. Mose und Elija erscheinen und sprechen mit ihm.
Für einen kurzen Moment sehen die Jünger, wer Jesus in Wahrheit ist. Der Mann, mit dem sie durch Galiläa gezogen sind, ist nicht nur Lehrer und Freund. In ihm leuchtet die Herrlichkeit Gottes auf.
Petrus möchte diesen Augenblick festhalten:
„Herr, es ist gut, dass wir hier sind.“
Er will drei Hütten bauen – eine für Jesus, eine für Mose und eine für Elija. Es ist der verständliche Wunsch, einen vollkommenen Moment zu bewahren. Doch noch während Petrus spricht, überschattet sie eine leuchtende Wolke. Aus ihr erklingt die Stimme:
„Dieser ist mein geliebter Sohn … auf ihn sollt ihr hören.“
Die Jünger werfen sich zu Boden. Das Licht, das sie eben noch angezogen hat, erfüllt sie nun mit Furcht. Da kommt Jesus zu ihnen, berührt sie und sagt:
„Steht auf und fürchtet euch nicht!“
Raffael und die Zeit der Hochrenaissance
Raffael, eigentlich Raffaello Sanzio, lebte von 1483 bis 1520 und gehört neben Leonardo da Vinci und Michelangelo zu den bedeutendsten Künstlern der italienischen Hochrenaissance.
Er wirkte vor allem in Rom im Umfeld der Päpste Julius II. und Leo X. Es war eine Zeit, in der Kunst, Wissenschaft und die Wiederentdeckung der antiken Kultur eine außergewöhnliche Blüte erlebten.
Die „Verklärung Christi“ entstand in Raffaels letzten Lebensjahren. Sie verbindet die ausgewogene Schönheit der Renaissance bereits mit einer dramatischen Bewegung und starken Hell-Dunkel-Kontrasten, die auf die spätere Kunst des Barock vorausweisen.
Raffaels letzte Botschaft
Raffaels „Verklärung Christi“ ist eines seiner gewaltigsten Werke. Es blieb bei seinem frühen Tod im Jahr 1520 sein letztes großes Gemälde und kann deshalb auch als eine Art künstlerisches und geistliches Vermächtnis verstanden werden.
Das Bild ist in zwei Welten geteilt.
Oben herrschen Licht, Ruhe und Klarheit. Christus schwebt in einem hellen Glanz. Seine Arme sind geöffnet. Neben ihm erscheinen Mose und Elija. Unter ihnen liegen Petrus, Jakobus und Johannes geblendet und überwältigt auf dem Boden.
Unten dagegen scheint die Welt auseinanderzubrechen. Menschen drängen durcheinander. Hände weisen in verschiedene Richtungen. Gesichter zeigen Angst, Ratlosigkeit und Verzweiflung. Im Mittelpunkt steht ein kranker Junge, den seine Familie zu den Jüngern gebracht hat. Doch die Jünger können ihm nicht helfen.
Raffael verbindet damit zwei Ereignisse, die im Matthäusevangelium unmittelbar aufeinanderfolgen: die Verklärung Jesu auf dem Berg und die Heilung des leidenden Jungen nach der Rückkehr Jesu.
Das Gemälde zeigt nicht zwei voneinander getrennte Geschichten. Es zeigt eine einzige Bewegung:
vom Licht in die Not, vom Berg hinunter zu den Menschen.
Der Weg führt wieder hinunter
Die Verklärung ist kein religiöser Fluchtpunkt. Jesus bleibt nicht auf dem Berg. Er baut keine Hütte für sich und seine engsten Freunde. Er führt die Jünger wieder hinunter – dorthin, wo Menschen leiden, wo Familien um Hilfe rufen und wo selbst die Glaubenden oft nicht mehr weiterwissen.
Das Licht auf dem Berg beseitigt die Dunkelheit nicht mit einem Schlag. Aber es verändert jene, die es gesehen haben.
Petrus erinnert sich noch viele Jahre später an dieses Erlebnis. In der heutigen Lesung betont er:
„Wir sind nicht klug ausgedachten Geschichten gefolgt.“
Er war Augenzeuge. Er hat die Stimme gehört. Er hat für einen Augenblick die Herrlichkeit Christi gesehen. Diese Erinnerung wird für ihn zu einem Licht, „das an einem finsteren Ort scheint“.
Glaube bedeutet nicht, dass es keine finsteren Orte mehr gibt. Glaube bedeutet, dass in der Finsternis ein Licht leuchtet, das nicht aus ihr selbst stammt.
Der 6. August
Der Festtag der Verklärung trägt seit 1945 auch den Schatten von Hiroshima. Am 6. August 1945 zeigte sich nicht das verwandelnde Licht Gottes, sondern ein von Menschen geschaffenes Licht der Vernichtung.
Raffaels Bild erhält dadurch eine erschütternde Aktualität: oben Christus im Licht der göttlichen Herrlichkeit, unten die leidende und zerrissene Menschheit.
Christus ruft seine Jünger nicht dazu auf, das Licht für sich zu behalten. Wer etwas von Gottes Herrlichkeit erfahren hat, soll damit in die bedrohte Welt zurückkehren – nicht als Besitzer der Wahrheit, sondern als Träger von Hoffnung.
Vielleicht ist das die Aufgabe dieses Festes: einen Menschen zu berühren, der sich fürchtet, und mit Christus zu sagen:
„Steh auf. Fürchte dich nicht.“
Frage zum Bild
Welches Licht habe ich empfangen, das ich heute in die Dunkelheit eines anderen Menschen tragen kann?
John August Swanson (1938–2021) Loaves and Fishes – Brote und Fische, 2003 Serigrafie in 54 Farben auf archivfestem Baumwollpapier Bildmaß 61 × 91,4 cm, Auflage 250 Exemplare John August Swanson Studio, Los Angeles
Die Serigrafie entstand aus einer ersten Acrylfassung von 1986. Swanson überarbeitete die Komposition 2003 grundlegend und fertigte für die 54 Farbschichten jeweils eine eigene Schablone an.
Impuls
Harald R. Preyer, 1.8.2026
Das Bild ist übervoll – und doch wirkt es nicht bedrängend. Menschen sitzen, stehen, tragen, reichen weiter, hören zu und schauen einander an. Niemand bleibt bloß Teil einer anonymen Menge. Jeder Mensch besitzt ein Gesicht, ein Gewand, eine Geschichte.
Vielleicht beginnt das Wunder genau dort.
Die Jünger sehen fünftausend Menschen und rechnen nach: Es reicht nicht. Jesus sieht dieselben Menschen und empfindet Mitleid. Er fragt nicht zuerst, was fehlt. Er nimmt, was da ist: fünf Brote, zwei Fische und die Bereitschaft eines Menschen, das Wenige aus der Hand zu geben.
Swanson malt nicht einen einsamen Wundertäter, der Nahrung vom Himmel fallen lässt. Das Brot erscheint mitten in einer Gemeinschaft. Es wird getragen, empfangen und weitergegeben. Die Fülle Gottes gelangt durch menschliche Hände zu den Menschen.
Jesaja lädt alle Durstigen ein, ohne Geld zu kommen und zu essen. Paulus versichert, dass uns auch Hunger, Bedrängnis und Tod nicht von der Liebe Gottes trennen können. Im Evangelium wird diese Liebe leibhaftig: Menschen werden gesehen, berührt und satt. Die drei Schrifttexte des Sonntags sprechen von einer Liebe, die nicht nur tröstet, sondern nährt.
Welche kleine Gabe halte ich für zu gering – obwohl sie in den Händen Christi Nahrung für andere werden könnte?
Bildbeschreibung
Eine weite Landschaft öffnet sich unter einem intensiv blauen Himmel. Rechts liegt ein See, dahinter ziehen sich grüne Hügel und helle Wolken bis zum Horizont. Eine kleine gelbe Sonne leuchtet über der Landschaft.
Fast die gesamte Bildfläche wird von Menschen eingenommen. Im oberen Zentrum steht Christus, umgeben von seinen Begleitern. Er erscheint nicht überlebensgroß und wird nicht durch einen monumentalen Thron hervorgehoben. Man muss ihn inmitten der vielen Menschen beinahe suchen.
Die Menge besteht aus Frauen, Männern und zahlreichen Kindern. Einige stehen eng beieinander, andere sitzen auf dem Boden. Menschen halten Körbe, Gefäße, Brote und Fische. An verschiedenen Stellen wird Nahrung gereicht und entgegengenommen. Das Geschehen besitzt kein einziges Zentrum: Das Wunder breitet sich über das ganze Bild aus.
Besonders auffällig sind die vielfarbigen, reich gemusterten Gewänder. Kein Kleid gleicht dem anderen. Streifen, geometrische Ornamente und leuchtende Farbfelder verwandeln die Menge in ein großes Gewebe. Swanson ließ sich dabei von Webern und Färbern aus Zentralamerika, Mexiko sowie Teilen Afrikas und Indiens inspirieren.
Die Serigrafie ist bis an die Grenzen mit Einzelheiten gefüllt. Dennoch zerfällt die Szene nicht. Hände, Blicke, Körbe und Gewänder verbinden die Menschen miteinander. Die eigentliche Bewegung des Bildes ist deshalb nicht die Vermehrung eines Gegenstandes, sondern die Entstehung von Gemeinschaft.
Biografie des Künstlers
John August Swanson wurde am 11. Januar 1938 in Kalifornien geboren und starb am 23. September 2021 in Los Angeles. Seine Mutter stammte aus Mexiko, sein Vater aus Schweden; beide waren Einwanderer. Die Erzähltraditionen seiner Familie, der katholische Glaube seiner Mutter und die Erfahrungen einer von Armut geprägten Kindheit wurden zu wichtigen Quellen seiner Kunst.
Swanson studierte zunächst nicht Kunst. Er beschäftigte sich mit Medizin, Spanisch, Wirtschaft und Anthropologie und engagierte sich in der Friedens- und Bürgerrechtsbewegung. Während seiner Zeit an der University of California unterstützte er die Gewerkschaft United Farm Workers, die sich für die Rechte meist mexikanischer und philippinischer Landarbeiter einsetzte.
1967 besuchte er Kurse bei der Ordensfrau und Künstlerin Corita Kent am Immaculate Heart College. Von ihr lernte er, dass Druckgrafik, Farbe, Glaube und gesellschaftliches Engagement miteinander verbunden werden können. Seine spätere Bildsprache vereinte lateinamerikanische Volkskunst, mexikanische Wandmalerei, mittelalterliche Miniaturen, islamische Ornamentik und russische Ikonen.
Swanson malte biblische Geschichten, Prozessionen, Konzerte, Zirkusszenen und alltägliche Arbeit. Seine Bilder erzählen unmittelbar, sind zugleich aber mit unzähligen Einzelheiten, Farbschichten und Nebenhandlungen erfüllt. Seine Serigrafien entstanden in einem aufwendigen Verfahren mit bis zu 89 einzeln gedruckten Farben.
Werke Swansons befinden sich unter anderem in Sammlungen des Smithsonian, des Art Institute of Chicago, der Tate, des Victoria and Albert Museum, der Bibliothèque nationale de France und der Vatikanischen Museen.
Gesellschaftlicher Kontext
Swanson begann die erste Fassung von Loaves and Fishes bereits 1986. Damals beschäftigte ihn nicht nur die biblische Erzählung. Er wollte ausdrücklich Menschen ehren, die seit Generationen in Dörfern und kleinen Gemeinschaften leben und das Land bearbeiten. Die farbigen Stoffmuster verweisen deshalb nicht auf das Palästina zur Zeit Jesu, sondern auf gegenwärtige indigene und ländliche Kulturen verschiedener Erdteile.
Das ist eine bewusste Abkehr von der europäischen Tradition, biblische Personen überwiegend weiß und in antiken oder historisierenden Gewändern darzustellen. Swansons Menge ist global. Die Menschen sehen nicht gleich aus, aber sie gehören zusammen. Verschiedenheit wird nicht überwunden, sondern zum sichtbaren Reichtum der Gemeinschaft.
Seine persönliche Nähe zu Landarbeitern war nicht nur ästhetisch. Swanson hatte sich für die United Farm Workers engagiert und schuf Kunst für Frieden, Menschenrechte, gerechte Löhne, Migranten und gegen Hunger. Für ihn war Kunst keine Flucht aus gesellschaftlichen Konflikten. Er bezeichnete sie vielmehr als seine wichtigste soziale Handlung.
Auch Loaves and Fishes erzählt deshalb nicht nur von einem vergangenen Wunder. Das Bild stellt eine gegenwärtige Frage: Warum hungern Menschen, obwohl die Erde genug hervorbringt? Swanson verschiebt den Blick vom Besitz zum Weitergeben. Nicht die Knappheit bestimmt das Bild, sondern eine Gemeinschaft, in der Nahrung zirkuliert und jeder Mensch Würde besitzt.
Quellen
John August Swanson Studio: Werkangaben, Entstehungsgeschichte, Technik und Gedanken des Künstlers zu Loaves and Fishes.
John August Swanson Studio: Offizielle Biografie, künstlerische Einflüsse und Sammlungen.
National Catholic Reporter: Würdigung seines Lebens, seiner Herkunft, seines Glaubens und seines Einsatzes für Frieden und soziale Gerechtigkeit.
Schenkt Ihr ihnen…
Impuls von P. Johannes Paul Abrahamowicz, OSB
Hingehen und sich beschenken lassen
Zusammenfassung der Predigt von Domkurat Prof. Dr. Thomas Möllenbeck zum 18. Sonntag im Jahreskreis mit Plaud KI.
Relativ wenig können wir aus eigener Kraft tun, um Gott zu gefallen, die Werke Gottes zu vollenden oder sein Reich auszubreiten. Denn das Entscheidende muss von Gott kommen. Er ist es, der handelt, verwandelt und vollendet.
Schon die erste Lesung stellt die Frage, warum Menschen für etwas arbeiten und bezahlen, das sie letztlich nicht nährt und nicht satt macht. Was wir selbst erwirtschaften und herstellen können, führt uns nicht automatisch zu dem, was wir in der Tiefe wirklich brauchen. Gott lädt uns deshalb ein:
Kommt und kauft ohne Geld. Kommt und esst.
Das klingt zunächst widersprüchlich. Kaufen, ohne bezahlen zu können – wie soll das gehen? Gemeint ist: Wir sollen kommen und unsere Bedürftigkeit eingestehen. Wir dürfen sagen:
Herr, ich brauche dich. Ich kann mir deine Liebe nicht verdienen. Ich kann dich nicht kaufen. Aber ich bin hier und bitte dich: Schenke dich mir.
Auch im Evangelium wird deutlich, wie wenig die Menschen aus eigener Kraft vermögen. Vor Jesus stehen fünftausend Männer und dazu ihre Frauen und Kinder. Die Jünger haben nur fünf Brote und zwei Fische. Das kann niemals reichen.
Doch Jesus schickt die Menschen nicht weg. Er sagt auch nicht zu den Jüngern: Ihr könnt nichts, also schaut einfach zu. Vielmehr fordert er sie auf:
Bringt mir her, was ihr habt.
Das Wenige wird nicht verachtet. Es wird Jesus übergeben. Er nimmt die Brote, spricht den Segen, bricht sie und gibt sie den Jüngern. Diese reichen sie an die Menschen weiter. Aus fünf Broten und zwei Fischen wird genug Nahrung für Tausende – und am Ende bleibt sogar noch etwas übrig.
Darin zeigt sich auch das Geheimnis der Eucharistie. Wir bringen Brot und Wein zum Altar: einfache Gaben, Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit. Zugleich bringen wir uns selbst mit – unsere Sorgen und Hoffnungen, unseren Dank, unsere Pläne, unser Versagen und alles, was wir sind.
Wir können uns nicht selbst so verwandeln, dass wir Gott gefallen. Doch der Heilige Geist kann das, was wir bringen, verwandeln. Er kann uns Christus ähnlich machen, jenem Sohn, von dem der Vater sagt:
An ihm habe ich Gefallen gefunden.
Unser Anteil besteht daher nicht darin, alles selbst herstellen oder vollbringen zu müssen. Unser Anteil ist, hinzugehen, unsere leeren Hände zu öffnen und uns beschenken zu lassen. Wir dürfen das Wenige bringen, das wir haben. Christus nimmt es, verwandelt es und gibt es uns zurück, damit wir es an andere weitergeben.
Auch Paulus sagt: Nichts kann uns von der Liebe Gottes trennen – weder Bedrängnis noch Hunger, weder Gefahr noch Tod. Wir überwinden all das nicht aus eigener Kraft, sondern durch Christus, der uns geliebt hat.
Hingehen müssen wir selbst. Wir müssen unsere Bedürftigkeit eingestehen, das Wenige bringen, das wir haben, und unsere Hände öffnen.
Beschenken dürfen wir uns von Jesus Christus lassen.
Aus fünf Broten und zwei Fischen wird genug Nahrung für fünftausend Männer und ihre Familien. Aus unserem kleinen Beitrag kann Gott etwas machen, das viele Menschen nährt. Nicht weil wir so viel vermögen, sondern weil wir das Wenige, das wir haben, Christus anvertrauen.
Hinweis
Am lustvollsten an unserer Vorbereitung ist die Auswahl wirklich nur eines Bildes aus der Fülle der Möglichkeiten.
Beim Studium der Texte ist uns aufgefallen, dass das Evangelium mit einem ganz anderen Gedanken beginnt. Es ist der letzte Satz des Evangeliums, das am Samstag gelesen wurde, den Enthauptung Johannes des Täufers.
13 als Jesus hörte, dass Johannes enthauptet worden war,
Thomas Pöll hat dazu ein Meisterwerk gefunden und kommentiert.
Ideen und Bilder sind uns herzlich willkommen. Wir prüfen jede einzelne und antworten. Am einfachsten als Kommentar hier.
BiM – Bibel im Museum eine Idee von Thomas Pöll und Harald Preyer August 2026
Die Bibel liest das Bild. Das Bild liest die Bibel. Und beide lesen unser Leben.
Lose Gedanken
zur 1. Lesung
Ohne Geld kaufen – das ist Dienstahl oder Betrug oder Liebe, aber dann wäre es nicht „kaufen“, sondern beschenkt werden
Wozu mit Geld bezahlen, wenn das Wichtigste kostenlos ist? Was ist das Wichitgste?
zur 2. Lesung
War heute Thema beim Bibel-Grill von Alexandra Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, weil er selbst die Liebe ist. Und er ist allmächtig.
Was nur passieren kann: Ein anderer lässt sich nicht darauf ein, dass Gott ihn liebt. Wenn wir uns nämlich darauf einlassen, wird das teuer für uns. Denn dann werden wir mit Liebe antworten.
zum Evangelium
Wahrscheinlich werden die Leser die Brotvermehrung hören.
Der erste Satz ist aber ein ganz anderer: Jesus erfährt, dass sein Freund und Vorreiter geköpft wiurde. Er würde lieber alleine sein und fährt mit dem Boot weg.
Dann hat er Erbarmen und dann erst kommt die Speisung.
Es beginnt also mit einer Todesnachricht und endet mit einem Wunder.
Bilder
Idee Thomas: Die Enthauptung Johannes des Täufers (Caravaggio)
Von Michelangelo Merisi da Caravaggio – St John’s Co-Cathedral, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=79669709
Fragen zum Bild
Wer ist die ältere Frau, die sich die Hände vor das Gesicht hält? Vielleicht die Mutter von Johannes? Das wäre dann Elisabeth: „Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn…?“
Ist die junge Frau mit der Schüssel Salome, die so wunderbar getanzt hat?
Nicht Salome, sondern der abgeschlagene Kopf des Täufers ist hier Hauptgegenstand, und als solcher ins Bildzentrum gerückt. Die brutale Dramatik wird damit in eine symmetrische Anordnung gezwängt. Unbarmherzig erscheinen die Menschen und Objekte von idealer, gesuchter Schönheit in feinsten, fröhlichen Farbkombinationen, der grausamen Handlung gleichsam zum Hohn. Diese „unheimliche“ Mischung von Naturalismus und Idealismus in der Kunst von Solarios Lehrer Leonardo mag sich für Themen dieser Art besonders geeignet haben.
Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571–1610) Die Enthauptung Johannes des Täufers, 1608 Öl auf Leinwand, 361 × 520 cm Oratorium der St. John’s Co-Cathedral, Valletta, Malta
Bildbeschreibung
Thomas Pöll, 1.8.2026
Dieses Bild von Caravaggio ist im Original 5,20 mal 3,60 m groß und hängt allein an einer Wand einer Krypta (siehe genaue Beschreibung) in Valletta auf Malta. An der Wand gegenüber hängt der heilige Hieronymus, ebenfalls von Caravaggio gemalt, der die Vulgate, die erste einheitliche lateinische Bibelübersetzung aus dem Hebräischen bzw. Griechischen erarbeitet hat.
Sonst nichts.
Dazwischen stehen wir und beobachten eine Szene, wie sie erschreckender schwer sein kann. Der Scharfrichter (der so gar nicht uniformiert und „beamtet“ aussieht, vielleicht ist er einfach irgendein beauftragter Diener oder ähnliches) drückt den getöteten (eher in den Hals gestochenen als enthaupteten) Johannes zu Boden und wir wissen aus der Bibel (Hieronymus auf der anderen Seite!), dass die flache Schüssel (das „Tablett“) links noch eine große Rolle spielen wird. Denn auf ihr soll das Haupt des Täufers Salome, der Tochter von Herodes und Herodias, auf deren unbedacht zugestandenen Wunsch hin gebracht werden.
Der Mann, der zusieht, ist wesentlich „besser“ angezogen, wirkt fast wie verirrt in dem Bild. Warum es zwei FRAUEN sind, die da noch zuschauen bzw. die Schüssel bereit halten? Auch das wirkt auf mich deplatziert, konstruiert.
Impuls
Das einzig wirklich Wahrscheinliche an der Szene sind die beiden Männer hinter Gittern, die von rechts zusehen. Aber es bleibt die Brutalität der Aktion und das Wissen, was passieren kann, wenn Durchlavieren zum untragbaren Widerspruch wird. Denn Herodes hatte den Täufer durchaus als Gesprächspartner geschätzt, der Herodias jedoch war er ein Dorn im Auge, weil er ihre Ehe mit Herodes anprangerte, schließlich war sie seine Schwägerin. Herodes kam mit seiner Taktik nicht durch, dass sich das alles schon irgendwie ausgeht.
Man kann sich fragen:
• Kenne ich solche Situationen? • Hätte ich an Herodes’ Stelle den Mumm aufgebracht, der ganzen unwürdigen Intrige ein Ende zu setzen und mir an die Brust zu klopfen und zu sagen: ich hab’s verbockt? • Hat es ihm später jemand gesagt (wie der Prophet Natan König David)? • Wie würde ich dann reagieren?