Brotvermehrung

BiM zum 18. Sonntag im Jahreskreis A

John August Swanson (1938–2021)
Loaves and FishesBrote und Fische, 2003
Serigrafie in 54 Farben auf archivfestem Baumwollpapier
Bildmaß 61 × 91,4 cm, Auflage 250 Exemplare
John August Swanson Studio, Los Angeles

Die Serigrafie entstand aus einer ersten Acrylfassung von 1986. Swanson überarbeitete die Komposition 2003 grundlegend und fertigte für die 54 Farbschichten jeweils eine eigene Schablone an.


Impuls

Harald R. Preyer, 1.8.2026

Das Bild ist übervoll – und doch wirkt es nicht bedrängend. Menschen sitzen, stehen, tragen, reichen weiter, hören zu und schauen einander an. Niemand bleibt bloß Teil einer anonymen Menge. Jeder Mensch besitzt ein Gesicht, ein Gewand, eine Geschichte.

Vielleicht beginnt das Wunder genau dort.

Die Jünger sehen fünftausend Menschen und rechnen nach: Es reicht nicht. Jesus sieht dieselben Menschen und empfindet Mitleid. Er fragt nicht zuerst, was fehlt. Er nimmt, was da ist: fünf Brote, zwei Fische und die Bereitschaft eines Menschen, das Wenige aus der Hand zu geben.

Swanson malt nicht einen einsamen Wundertäter, der Nahrung vom Himmel fallen lässt. Das Brot erscheint mitten in einer Gemeinschaft. Es wird getragen, empfangen und weitergegeben. Die Fülle Gottes gelangt durch menschliche Hände zu den Menschen.

Jesaja lädt alle Durstigen ein, ohne Geld zu kommen und zu essen. Paulus versichert, dass uns auch Hunger, Bedrängnis und Tod nicht von der Liebe Gottes trennen können. Im Evangelium wird diese Liebe leibhaftig: Menschen werden gesehen, berührt und satt. Die drei Schrifttexte des Sonntags sprechen von einer Liebe, die nicht nur tröstet, sondern nährt.

Welche kleine Gabe halte ich für zu gering – obwohl sie in den Händen Christi Nahrung für andere werden könnte?


Bildbeschreibung

Eine weite Landschaft öffnet sich unter einem intensiv blauen Himmel. Rechts liegt ein See, dahinter ziehen sich grüne Hügel und helle Wolken bis zum Horizont. Eine kleine gelbe Sonne leuchtet über der Landschaft.

Fast die gesamte Bildfläche wird von Menschen eingenommen. Im oberen Zentrum steht Christus, umgeben von seinen Begleitern. Er erscheint nicht überlebensgroß und wird nicht durch einen monumentalen Thron hervorgehoben. Man muss ihn inmitten der vielen Menschen beinahe suchen.

Die Menge besteht aus Frauen, Männern und zahlreichen Kindern. Einige stehen eng beieinander, andere sitzen auf dem Boden. Menschen halten Körbe, Gefäße, Brote und Fische. An verschiedenen Stellen wird Nahrung gereicht und entgegengenommen. Das Geschehen besitzt kein einziges Zentrum: Das Wunder breitet sich über das ganze Bild aus.

Besonders auffällig sind die vielfarbigen, reich gemusterten Gewänder. Kein Kleid gleicht dem anderen. Streifen, geometrische Ornamente und leuchtende Farbfelder verwandeln die Menge in ein großes Gewebe. Swanson ließ sich dabei von Webern und Färbern aus Zentralamerika, Mexiko sowie Teilen Afrikas und Indiens inspirieren.

Die Serigrafie ist bis an die Grenzen mit Einzelheiten gefüllt. Dennoch zerfällt die Szene nicht. Hände, Blicke, Körbe und Gewänder verbinden die Menschen miteinander. Die eigentliche Bewegung des Bildes ist deshalb nicht die Vermehrung eines Gegenstandes, sondern die Entstehung von Gemeinschaft.


Biografie des Künstlers

John August Swanson wurde am 11. Januar 1938 in Kalifornien geboren und starb am 23. September 2021 in Los Angeles. Seine Mutter stammte aus Mexiko, sein Vater aus Schweden; beide waren Einwanderer. Die Erzähltraditionen seiner Familie, der katholische Glaube seiner Mutter und die Erfahrungen einer von Armut geprägten Kindheit wurden zu wichtigen Quellen seiner Kunst.

Swanson studierte zunächst nicht Kunst. Er beschäftigte sich mit Medizin, Spanisch, Wirtschaft und Anthropologie und engagierte sich in der Friedens- und Bürgerrechtsbewegung. Während seiner Zeit an der University of California unterstützte er die Gewerkschaft United Farm Workers, die sich für die Rechte meist mexikanischer und philippinischer Landarbeiter einsetzte.

1967 besuchte er Kurse bei der Ordensfrau und Künstlerin Corita Kent am Immaculate Heart College. Von ihr lernte er, dass Druckgrafik, Farbe, Glaube und gesellschaftliches Engagement miteinander verbunden werden können. Seine spätere Bildsprache vereinte lateinamerikanische Volkskunst, mexikanische Wandmalerei, mittelalterliche Miniaturen, islamische Ornamentik und russische Ikonen.

Swanson malte biblische Geschichten, Prozessionen, Konzerte, Zirkusszenen und alltägliche Arbeit. Seine Bilder erzählen unmittelbar, sind zugleich aber mit unzähligen Einzelheiten, Farbschichten und Nebenhandlungen erfüllt. Seine Serigrafien entstanden in einem aufwendigen Verfahren mit bis zu 89 einzeln gedruckten Farben.

Werke Swansons befinden sich unter anderem in Sammlungen des Smithsonian, des Art Institute of Chicago, der Tate, des Victoria and Albert Museum, der Bibliothèque nationale de France und der Vatikanischen Museen.


Gesellschaftlicher Kontext

Swanson begann die erste Fassung von Loaves and Fishes bereits 1986. Damals beschäftigte ihn nicht nur die biblische Erzählung. Er wollte ausdrücklich Menschen ehren, die seit Generationen in Dörfern und kleinen Gemeinschaften leben und das Land bearbeiten. Die farbigen Stoffmuster verweisen deshalb nicht auf das Palästina zur Zeit Jesu, sondern auf gegenwärtige indigene und ländliche Kulturen verschiedener Erdteile.

Das ist eine bewusste Abkehr von der europäischen Tradition, biblische Personen überwiegend weiß und in antiken oder historisierenden Gewändern darzustellen. Swansons Menge ist global. Die Menschen sehen nicht gleich aus, aber sie gehören zusammen. Verschiedenheit wird nicht überwunden, sondern zum sichtbaren Reichtum der Gemeinschaft.

Seine persönliche Nähe zu Landarbeitern war nicht nur ästhetisch. Swanson hatte sich für die United Farm Workers engagiert und schuf Kunst für Frieden, Menschenrechte, gerechte Löhne, Migranten und gegen Hunger. Für ihn war Kunst keine Flucht aus gesellschaftlichen Konflikten. Er bezeichnete sie vielmehr als seine wichtigste soziale Handlung.

Auch Loaves and Fishes erzählt deshalb nicht nur von einem vergangenen Wunder. Das Bild stellt eine gegenwärtige Frage: Warum hungern Menschen, obwohl die Erde genug hervorbringt? Swanson verschiebt den Blick vom Besitz zum Weitergeben. Nicht die Knappheit bestimmt das Bild, sondern eine Gemeinschaft, in der Nahrung zirkuliert und jeder Mensch Würde besitzt.


Quellen

John August Swanson Studio: Werkangaben, Entstehungsgeschichte, Technik und Gedanken des Künstlers zu Loaves and Fishes.

John August Swanson Studio: Offizielle Biografie, künstlerische Einflüsse und Sammlungen.

Pitts Theology Library, Emory University: Biografie, politisches Engagement, Drucktechnik, soziale Themen und institutionelle Sammlungen.

National Catholic Reporter: Würdigung seines Lebens, seiner Herkunft, seines Glaubens und seines Einsatzes für Frieden und soziale Gerechtigkeit.


Schenkt Ihr ihnen…

Impuls von P. Johannes Paul Abrahamowicz, OSB


Hingehen und sich beschenken lassen

Zusammenfassung der Predigt von Domkurat Prof. Dr. Thomas Möllenbeck zum 18. Sonntag im Jahreskreis mit Plaud KI.

Relativ wenig können wir aus eigener Kraft tun, um Gott zu gefallen, die Werke Gottes zu vollenden oder sein Reich auszubreiten. Denn das Entscheidende muss von Gott kommen. Er ist es, der handelt, verwandelt und vollendet.

Schon die erste Lesung stellt die Frage, warum Menschen für etwas arbeiten und bezahlen, das sie letztlich nicht nährt und nicht satt macht. Was wir selbst erwirtschaften und herstellen können, führt uns nicht automatisch zu dem, was wir in der Tiefe wirklich brauchen. Gott lädt uns deshalb ein:

Kommt und kauft ohne Geld.
Kommt und esst.

Das klingt zunächst widersprüchlich. Kaufen, ohne bezahlen zu können – wie soll das gehen? Gemeint ist: Wir sollen kommen und unsere Bedürftigkeit eingestehen. Wir dürfen sagen:

Herr, ich brauche dich.
Ich kann mir deine Liebe nicht verdienen.
Ich kann dich nicht kaufen.
Aber ich bin hier und bitte dich: Schenke dich mir.

Auch im Evangelium wird deutlich, wie wenig die Menschen aus eigener Kraft vermögen. Vor Jesus stehen fünftausend Männer und dazu ihre Frauen und Kinder. Die Jünger haben nur fünf Brote und zwei Fische. Das kann niemals reichen.

Doch Jesus schickt die Menschen nicht weg. Er sagt auch nicht zu den Jüngern: Ihr könnt nichts, also schaut einfach zu. Vielmehr fordert er sie auf:

Bringt mir her, was ihr habt.

Das Wenige wird nicht verachtet. Es wird Jesus übergeben. Er nimmt die Brote, spricht den Segen, bricht sie und gibt sie den Jüngern. Diese reichen sie an die Menschen weiter. Aus fünf Broten und zwei Fischen wird genug Nahrung für Tausende – und am Ende bleibt sogar noch etwas übrig.

Darin zeigt sich auch das Geheimnis der Eucharistie. Wir bringen Brot und Wein zum Altar: einfache Gaben, Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit. Zugleich bringen wir uns selbst mit – unsere Sorgen und Hoffnungen, unseren Dank, unsere Pläne, unser Versagen und alles, was wir sind.

Wir können uns nicht selbst so verwandeln, dass wir Gott gefallen. Doch der Heilige Geist kann das, was wir bringen, verwandeln. Er kann uns Christus ähnlich machen, jenem Sohn, von dem der Vater sagt:

An ihm habe ich Gefallen gefunden.

Unser Anteil besteht daher nicht darin, alles selbst herstellen oder vollbringen zu müssen. Unser Anteil ist, hinzugehen, unsere leeren Hände zu öffnen und uns beschenken zu lassen. Wir dürfen das Wenige bringen, das wir haben. Christus nimmt es, verwandelt es und gibt es uns zurück, damit wir es an andere weitergeben.

Auch Paulus sagt: Nichts kann uns von der Liebe Gottes trennen – weder Bedrängnis noch Hunger, weder Gefahr noch Tod. Wir überwinden all das nicht aus eigener Kraft, sondern durch Christus, der uns geliebt hat.

Hingehen müssen wir selbst.
Wir müssen unsere Bedürftigkeit eingestehen, das Wenige bringen, das wir haben, und unsere Hände öffnen.

Beschenken dürfen wir uns von Jesus Christus lassen.

Aus fünf Broten und zwei Fischen wird genug Nahrung für fünftausend Männer und ihre Familien. Aus unserem kleinen Beitrag kann Gott etwas machen, das viele Menschen nährt. Nicht weil wir so viel vermögen, sondern weil wir das Wenige, das wir haben, Christus anvertrauen.

Hinweis

Am lustvollsten an unserer Vorbereitung ist die Auswahl wirklich nur eines Bildes aus der Fülle der Möglichkeiten.

Beim Studium der Texte ist uns aufgefallen, dass das Evangelium mit einem ganz anderen Gedanken beginnt. Es ist der letzte Satz des Evangeliums, das am Samstag gelesen wurde, den Enthauptung Johannes des Täufers.

13 als Jesus hörte, dass Johannes enthauptet worden war,

Thomas Pöll hat dazu ein Meisterwerk gefunden und kommentiert.

Ideen und Bilder sind uns herzlich willkommen. Wir prüfen jede einzelne und antworten. Am einfachsten als Kommentar hier.

BiM – Bibel im Museum
eine Idee von Thomas Pöll und Harald Preyer
August 2026

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