Ein leises Säuseln

Thomas Pöll, 9.8.2026

Die Bibel liest das Bild. Das Bild liest die Bibel. Und beide lesen unser Leben.

12 Nach dem Beben kam ein Feuer.
Doch der Herr war nicht im Feuer.
Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln.

1 Kön 19, 9-13 – 19. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

Mark Rothko (1903-1970)
Untitled, 1968
Acryl auf Papier
Museum of Modern Art, New York City

Das Bild

Die in der 1. Lesung des Tages beschriebene Szene aus der Geschichte des Propheten Elija ist wohl eine der poetischsten zumindest des gesamten Alten (Ersten) Testaments.

Elija (neben Mose der zweite wichtigste Prophet des Judentums) hat davor in seinem Kampf gegen die falschen Propheten und Götzengläubigen Gott geradezu gezwungen, ihm mit Feuer und Blitz zur Seite zu stehen, damit Jahwes Macht als die größte Macht bewiesen werden würde.

Dann brachte er noch etliche Hundert dieser falschen Propheten um und flüchtete schließlich vor der Rache der Königin Isebel in die Wüste. Auf dem Weg wollte er schon sterben, doch ein Engel bewahrte ihn davor, indem er ihm zu essen gab und Mut zusprach.

So kommt Elija zum Gottesberg Horeb (dem Berg der Zehn Verheißungen, wir nennen sie oft „Gebote“) und versteckte sich in einer Höhle.

Dort fordert ihn Gott auf, herauszukommen und sich „vor den Herrn“ zu stellen.

Es kommen Feuer, Sturm und Erdbeben – und nirgends ist Gott drinnen. Dann kommt „ein leises, sanftes Säuseln“.

Ende der Szene.

Warum dazu dieses Bild aus dem 20. Jahrhundert und keine klassische, ältere Darstellung der Szene? Nun, ganz einfach: es gibt da nicht wirklich viel und schon gar nichts Befriedigendes. Von Elija wurden schon viele Bilder angefertigt, aber die meisten zeigen ihn in der Wüste oder (zB als Ikonen) eine Zusammenschau verschiedenster Ereignisse aus seinem Leben. Eine Ausnahme ist eine Illustration von Julius Schnorr von Carolsfeld, einem deutschen Maler der Romantik. Es entstand für sein monumentales Werk „Die Bibel in Bildern“ (veröffentlicht 1860), das Generationen von Bibellesern visuell geprägt hat.

 

Screenshot

Doch auch in diesem Bild herrscht mehr Verwirrung als Säuseln.

 

Daher also Mark Rothko, ein fast beliebiges Werk, das Raum und Zeit lässt, sich das Säuseln vorzustellen, wenn man Donner und Beben erwartet hatte.

Gedanken und Fragen

Eine Geschichte, die an Spannung und Action schwer zu übertreffen ist, nimm mit einem Satz eine völlig überraschende Wendung. Die Hauptperson hat mit allem gerechnet, nur nicht damit.

Man kann sich fragen:

• Wo schätze ich Gott (oder auch Menschen) völlig anders ein, als sie sich am Ende zeigen?
• Was steigt in mir empor, wenn ich Rothkos Bild meditiere oder mir sanftes, leises Säuseln vorstelle? Was ändert sich in meiner Wahrnehmung von Gott und Welt?
• Wann war ich das letzte Mal so RICHTIG überrascht? War das positiv oder negativ? Wie hat es sich angefühlt?
• Wenn ich mich in den Propheten Elija versetze – wie geht es mir in diesem Augenblick?

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