Emmerich Kálmáns „Das Veilchen vom Montmartre“ im Max-Reinhardt-Foyer der Bühne Baden
Am Ende hätten wir am liebsten mit angestoßen. So nah fühlten Yuliya und ich uns den drei jungen Künstlern und den beiden Sängerinnen in ihrem Pariser Atelier. Cornelia Ertls Inszenierung von „Das Veilchen vom Montmartre“ macht das Max-Reinhardt-Foyer zu einem Ort der Begegnung: Zwischen Bühne und Publikum liegen nur wenige Schritte, und manchmal scheint selbst diese kleine Entfernung zu verschwinden.
Die Premiere war zu Allerheiligen. Dazu passt ein Gedanke, der für mich über diesem Abend steht: Heilig ist, wer sich bemüht, andere so vollkommen wie möglich zu lieben. In dieser Inszenierung scheint am Ende jede Figur auf ihre Weise etwas davon zu zeigen – sogar der Gerichtsvollzieher. Unter Eitelkeit, Rivalität und allerlei Verwicklungen kommt menschliche Zuneigung zum Vorschein.
Kálmáns 1930 uraufgeführte Operette erklingt in einer eigens für Baden geschaffenen Salonfassung. Katrin Schweiger hat die Musik, Juliane Weigel-Krämer den Text bearbeitet. Regisseurin Cornelia Ertl rückt die beiden Frauen und ihre Entwicklung in den Mittelpunkt. Violetta gewinnt das Vertrauen, ihren eigenen Weg zu gehen. Ninon wiederum verändert sich in meiner Wahrnehmung von der arroganten Rivalin zur liebevollen, schwesterlichen Verbündeten. Ivana Zdravkova gibt dieser Figur Temperament und jene Wärme, die ihre Wandlung glaubwürdig macht.
Eine Violetta, die berührt
Mariella Hofbauer hat mich als Violetta begeistert. Ihre Natürlichkeit trägt gerade in diesem kleinen Raum: Hier lässt sich wenig hinter großer Geste verstecken. Jede Regung ist sichtbar, jede Veränderung des Ausdrucks kommt unmittelbar an. Hofbauer macht die Entwicklung vom zurückhaltenden Mädchen zur selbstbewussten jungen Frau mit einer Präsenz erlebbar, die mich ganz für ihre Figur einnahm.
Besonders berührend ist Jens Emmert als Komponist Florimond. Wenn er „Heut Nacht hab’ ich geträumt von dir“ ganz leise und hingebungsvoll singt, nur vom Klavier begleitet, entsteht ein Augenblick großer Innigkeit. Die Musik bekommt Raum, und mit ihr das Gefühl.
Dass Ertl am Ende Violetta und Florimond zusammenfinden lässt, wirkt deshalb folgerichtig. Für mich waren sie längst das eigentliche Liebespaar dieses Abends geworden. Die veränderte Paarbildung erwächst aus der Zuneigung, die auf der Bühne spürbar wird.
Das Salonorchester unter Ioannis Poulakis und die Solisten bilden eine beglückende musikalische Einheit. Besonders entzückend ist der kleine Dialog zwischen Violettas Stimme und dem antwortenden Blasinstrument. Hier wird das Aufeinanderhören selbst zum Vergnügen – ein zartes musikalisches Gespräch, das in dieser Nähe seinen besonderen Reiz entfaltet.

Ein Vorhang öffnet eine zweite Welt
Gerhard Nemecs minimalistisches Bühnenbild passt vollkommen zum Künstleratelier in Montmartre. Der Raum lässt den Figuren Platz und bezieht zugleich das Foyer mit seinen Spiegeln und seiner festlichen Architektur ein.
Ein kleiner Geniestreich gelingt im letzten Akt: Der Erfolg von Florimonds Werk im Pariser Opernhaus wird durch den Applaus hinter jenem Vorhang hörbar, der das Foyer vom breiten Vorraum trennt. Mit einfachsten Mitteln entsteht eine zweite Theaterwelt unmittelbar neben uns. Wir bleiben im Atelier und erleben doch den entscheidenden Augenblick seiner künstlerischen Anerkennung mit. Eine ebenso schlichte wie sinnfällige Lösung.
Max Reinhardt hätte, so stelle ich es mir vor, seine Freude an dieser Nutzung des nach ihm benannten Foyers gehabt. Die Nähe zu den 120 Gästen im ausverkauften Raum verlangt genaues, glaubwürdiges Schauspiel. Schon ein Blick oder eine kleine Bewegung kann die Wirkung einer Figur verändern. Diese Präzision gelingt dem Ensemble ausgezeichnet. Aus dem Zuschauen wird beinahe ein Dabeisein. Tosender Applaus.
Die Leibpfändung des Generals dauerte mir allerdings zu lange. In dieser Szene wollten Witz und Esprit bei mir nicht so recht ankommen. Das fiel gerade deshalb auf, weil Beppo Binder den Gerichtsvollzieher ansonsten so eloquent und sympathisch spielte. Eine Straffung würde der Szene guttun.
Ein zweiter Einwand betrifft die Beleuchtung der Notenpulte. Üblicherweise schauen wir in einen Orchestergraben hinunter, wo die Pultleuchten kaum auffallen. Hier sitzt das Salonorchester auf der Galerie. Beim Hinaufschauen blickten wir direkt in die Leuchten, was besonders in den dunkleren Szenen störte. Eine Abschirmung zum Zuschauerraum könnte helfen, die intime Atmosphäre auch optisch ungetrübt zu genießen.
Was von diesem Abend bleibt
Bei einer kurzen Begegnung nach der Vorstellung wurde mir Mariella Hofbauer auch menschlich sympathisch. Ich erlebte sie als bescheiden, natürlich, herzlich und doch sicher selbstbewußt. Beim gemeinsamen Fotografieren mit meiner Ehefrau Yuliya war diese unkomplizierte Zugewandtheit besonders spürbar. Es war ein schöner persönlicher Nachklang zu einer Bühnenleistung, die mich bereits für sie gewonnen hatte.
Hoffentlich bewahrt die junge Sopranistin ihre auch in Koloraturen glasklare natürlich Stimme und wird nicht vorzeitig in größeren Häusern verheizt. Da entwickelt sich in Baden gerade ein Star mit großem Talent.

Wir besuchten die Vorstellung am 3. November, dem Tag der amerikanischen Zwischenwahlen. Die Unruhe einer bisweilen verrückt erscheinenden Gegenwart machte diesen Abend für mich umso kostbarer. Das Paris der Zwanzigerjahre, in dem Ertl die Geschichte ansiedelt, ließ mich an eine andere Zeit zwischen Aufbruch und Verunsicherung denken. Dass diese Jahre zwischen zwei Weltkriegen lagen, wissen wir im Rückblick. Die Menschen damals suchten, wie wir heute, nach Glück, Anerkennung und Liebe.
Sie gestatten, lieber Max Reinhardt?

Im Max-Reinhardt-Foyer bekam diese Sehnsucht für ein paar Stunden eine beglückende Antwort. Schauspieler, Sänger und Salonorchester verwöhnten Augen und Ohren und schufen eine Nähe, die über den Schlussapplaus hinaus blieb. Ein ganz feiner, besonderer Abend. Und das Gefühl, wir könnten noch ein wenig im Atelier bleiben und gemeinsam auf das Glück anstoßen.
Text und Fotos: Harald Preyer · Besuch der Vorstellung am 3. November 2026

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