Bruno – Der junge Kreisky: Menschlich, widerständig, gewinnend

Nils Arztmann als junger Bruno Kreisky vor einem Publikum im Gerichtssaal

Ein warmherziger Film über einen jungen Mann, der sich nicht abbringen lässt. Harald Sicheritz zeigt Bruno Kreisky sympathisch, einfühlsam und radikal im besten Sinne. Meine Bewertung: 8 von 10.

Nils Arztmann gibt diesem jungen Bruno eine gewinnende Präsenz. Er wirkt überzeugend, weil seine politische Leidenschaft mit menschlicher Zugewandtheit verbunden bleibt. Man versteht, warum Menschen ihm zuhören und Vertrauen fassen – auch über die Grenzen seiner eigenen Herkunft und seines politischen Milieus hinweg.

Wenn der Staat auf seine Bürger schießt

Besonders erschüttert mich die Darstellung der Ereignisse rund um den Justizpalastbrand am 15. Juli 1927. Der junge Kreisky erlebt, wie die Polizei auf Menschen aus der eigenen Bevölkerung schießt. Für mich verdichtet sich darin ein Schlüsselerlebnis seiner politischen Entwicklung: Ein Staat verliert seine moralische Glaubwürdigkeit, wenn er seine Bürger mit Gewalt zum Schweigen bringt. Dass daraus allein und in einem einzigen Augenblick seine spätere Ablehnung jeder Diktatur entstanden sei, wäre allerdings eine zu einfache Erklärung einer langen politischen Biografie.

Einige Szenen sind schwer auszuhalten. Gerade die brutalen Verhöre und Folterdarstellungen machen körperlich spürbar, was politische Verfolgung bedeutet. Die Wärme der Hauptfigur steht damit in einem scharfen Gegensatz zur Kälte der Macht.

Bruno und seine Mitstreiter vor der Sozialistischen Arbeiterjugend
Filmstill aus „Bruno – Der junge Kreisky“. © DOR FILM / Petro Domenigg.

Überzeugung braucht Widerspruch

Der Film lässt mich darüber nachdenken, wie gefährlich Ideologien werden, sobald sie Menschen nur noch einer vermeintlich höheren Wahrheit unterordnen und sich der demokratischen Kontrolle entziehen. Dabei ist historische Unterscheidung nötig: Die autoritäre Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur und die nationalsozialistische Terror- und Vernichtungsherrschaft waren unterschiedliche Regime. Der Übergang von 1938 war kein bloßer Austausch politischer Etiketten. Ihre Unterschiede dürfen ebenso wenig verschwimmen wie die Tatsache, dass beide die parlamentarische Demokratie ausschalteten beziehungsweise unterdrückten.

Politik muss hören, was die Bevölkerung will. Zugleich kann eine Mehrheit allein ein Land nicht sachkundig regieren. Dafür braucht es Wissen, Erfahrung und verantwortliche Institutionen. Daraus folgt für mich keine Geringschätzung der Wähler, sondern ein Anspruch an die Gewählten: Sie müssen Kompetenz mit Zuhören verbinden. Und auch eine Mehrheit bleibt an Grundrechte und den Schutz von Minderheiten gebunden.

Bruno im Gespräch mit einem jungen Mann
Filmstill aus „Bruno – Der junge Kreisky“. © DOR FILM / Petro Domenigg.

Die Kraft, Ablehnung auszuhalten

Bruno muss immer wieder um Zugehörigkeit kämpfen. Die Zurückweisung durch Menschen, deren Ziele er teilt, berührt mich. Ich kann mir vorstellen, dass diese Erfahrungen seine Widerstandskraft stärkten und ihm später halfen, dreizehn Jahre lang, von 1970 bis 1983, Bundeskanzler zu sein. Das ist meine Deutung des Films, keine gesicherte psychologische Erklärung seines Erfolgs.

Wenn ich an den alten Kreisky denke, erinnere ich mich auch an Grant und Ärger. Wer gelernt hat, Enttäuschungen zu überstehen, wird dadurch nicht unverwundbar. Diese spätere Seite gehört zu meinem Blick auf den historischen Politiker; der Film konzentriert sich auf seine Jugend.

Bruno und eine junge Frau am Verkaufsstand
Filmstill aus „Bruno – Der junge Kreisky“. © DOR FILM / Petro Domenigg.

Ein wenig zu viele Flirts

Die vielen Begegnungen mit unterschiedlichen Frauen unterstreichen Brunos Charme und seine Fähigkeit, mit Menschen verschiedener gesellschaftlicher Schichten in Kontakt zu kommen. Für mich hätten es dennoch weniger Liebesepisoden sein dürfen. Nicht jede bringt das politische oder menschliche Porträt weiter.

Pikant und grotesk bleibt mir die Szene im Hotel Orient in Erinnerung: Sinngemäß hätte Bruno, wenn schon eine Verhaftung, lieber eine aus politischen Gründen erlebt als einen Zugriff der Sittenpolizei im Stundenhotel. Das ist eine unbestätigte sinngemäße Wiedergabe meiner Erinnerung an die Filmszene – kein überprüftes Filmzitat und kein belegter historischer Ausspruch Kreiskys.

Mein Fazit: 8 von 10. Ein berührendes, stellenweise verstörendes Porträt eines jungen Menschen, der Haltung entwickelt und Ablehnung aushält. Seine größte Stärke ist die Verbindung von politischer Entschlossenheit und menschlicher Wärme.

Persönliche Filmkritik von Harald R. Preyer. Regie: Harald Sicheritz; Bruno Kreisky: Nils Arztmann.

Filminformationen: DOR FILM. Historische Einordnung: Parlament Österreich: Zeit der Diktaturen.

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