Eine Hoffnung, die älter ist als das Christentum
„Stark wie der Tod ist die Liebe, die Leidenschaft ist hart wie die Unterwelt. Ihre Gluten sind Feuergluten, gewaltige Flammen. Auch mächtige Wasser können die Liebe nicht löschen; auch Ströme schwemmen sie nicht weg. Böte einer für die Liebe den ganzen Reichtum seines Hauses, nur verachten würde man ihn.“
Die Bibel, Hohelied 8,6–7 – Altes Testament, vermutlich 5.–3. Jahrhundert v. Chr.
Schon Jahrhunderte vor Christus besingen Menschen die Liebe als eine Macht, die sich weder kaufen noch erzwingen, weder durch gewaltige Wasser auslöschen noch durch unüberwindlich scheinende Widerstände vernichten lässt.
Das Hohelied spricht ursprünglich von der leidenschaftlichen Liebe zwischen zwei Menschen. Es beschreibt keine abstrakte Tugend, sondern eine tiefe menschliche Erfahrung: Wer wirklich liebt, entdeckt eine Kraft, die über den Augenblick hinausreicht.
„Stark wie der Tod ist die Liebe.“
Der Tod erscheint uns als endgültige Macht. Das Hohelied stellt ihm die Liebe gegenüber – nicht als schwaches Gefühl, sondern als eine Kraft von vergleichbarer Unbedingtheit.
Vergil: Alles besiegt die Liebe
Wenige Jahrzehnte vor Christi Geburt, um 38 v. Chr., schreibt der römische Dichter Vergil:
„Omnia vincit Amor: et nos cedamus Amori.“
„Alles besiegt die Liebe; so wollen auch wir uns der Liebe beugen.“
Vergil (70–19 v. Chr.), Bucolica (Hirtengedichte), 10. Ekloge, Vers 69; um 38 v. Chr.
Vergil widmet dieses Gedicht seinem Freund Cornelius Gallus, der unter einer unglücklichen Liebe leidet.
Ursprünglich beschreibt der Vers deshalb nicht den triumphalen Sieg einer glücklichen Liebe, sondern ihre unwiderstehliche Macht – auch dort, wo sie Sehnsucht, Enttäuschung und Schmerz hervorruft.
Die Liebe lässt sich nicht befehlen. Sie ergreift den Menschen. Und manchmal ist sie stärker als seine Vernunft.
Christus: Die Liebe besiegt den Tod
Mit Jesus Christus erhält der Gedanke eine neue, entscheidende Dimension.
Christus spricht nicht nur von der Liebe. Er lebt sie, auch dort, wo sie ihn das Leben kostet. Er vergibt, wo andere verurteilen. Er liebt, wo andere hassen. Und er bleibt dieser Liebe selbst am Kreuz treu.
Durch seine Auferstehung überwindet Christus den Tod.
Der Apostel Paulus schreibt:
„Die Liebe hört niemals auf.“
1 Korinther 13,8 – um 54/55 n. Chr.
Und an anderer Stelle:
„Verschlungen ist der Tod vom Sieg.“
1 Korinther 15,54 – um 54/55 n. Chr.
Damit wird aus der uralten menschlichen Hoffnung eine zentrale Botschaft des christlichen Glaubens: Der Tod hat nicht das letzte Wort.
AMOR VINCIT – Die Liebe siegt
Wenn ich als Einsegner am Sarg eines verstorbenen Menschen stehe, begegnen mir diese drei großen Gedanken der Menschheitsgeschichte.
Das Hohelied sagt: Die Liebe ist stark wie der Tod.
Vergil sagt: Die Liebe besiegt alles.
Der christliche Glaube verkündet: In Christus hat die Liebe sogar den Tod überwunden.
Wir können den Tod eines geliebten Menschen nicht ungeschehen machen. Wir können den Schmerz der Hinterbliebenen nicht einfach wegnehmen. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass die Liebe, die Menschen miteinander verbunden hat, nicht sinnlos geworden ist.
Die Erinnerung bleibt. Die Dankbarkeit bleibt. Die Liebe bleibt.
Und als Christen dürfen wir noch einen Schritt weitergehen: Wir hoffen auf ein Wiedersehen in der Gegenwart Gottes.
AMOR VINCIT.
Die Liebe siegt.
Harald R. Preyer
Christlicher Einsegner
preyer.wien
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