Tizian und die Assunta – Der Mensch ist für das Leben bestimmt

Mariä Aufnahme in den Himmel, 15.8. A

ein Beitrag von Harald R. Preyer für BiM – Bibel im Museum
Wien, 11.8.2026

Tiziano Vecellio, Mariä Himmelfahrt (Assunta), 1516–1518,
Öl auf Holz, Santa Maria Gloriosa dei Frari, Venedig.
Foto: Sailko/Wikimedia Commons, CC BY 3.0.

Fast sieben Meter hoch erhebt sich Tizians „Assunta“ über dem Hochaltar der Basilica di Santa Maria Gloriosa dei Frari in Venedig. Das zwischen 1516 und 1518 entstandene Werk gehört zu den großen Bildern der europäischen Renaissance.

Tizian teilt die Darstellung in drei Ebenen und verbindet sie zugleich durch eine einzige gewaltige Bewegung.

Unten stehen die Apostel. Ihre Füße bleiben auf der Erde, ihre Arme greifen nach oben. Sie staunen über etwas, das ihre bisherige Erfahrung übersteigt.

In der Mitte Maria. Das kräftige Rot ihres Gewandes macht sie zum Mittelpunkt des Bildes. Sie ist keine körperlose Gestalt, die der Welt entschwebt. Sie ist ganz Mensch. Von einer Wolke getragen öffnet sie die Arme und lässt sich in das Licht Gottes hineinziehen.

Oben erscheint Gott Vater im goldenen Himmel.

Die Botschaft des Bildes ist für mich deshalb größer als eine außergewöhnliche Geschichte über Maria:

Maria entkommt nicht der Welt.
Der ganze Mensch wird von Gott ins Leben gezogen.

Genau darin liegt die Verbindung zur christlichen Auferstehungshoffnung. Was an Maria vollendet erscheint, ist die Verheißung dessen, was Gott mit uns allen vorhat.

Tizian und die Frari-Kirche

Mit Pater Lino Pellanda OFMConv, Guardian und Pfarrer der Basilica di Santa Maria Gloriosa dei Frari, vor der Assunta im Jubiläumsjahr ihres 500-jährigen Bestehens, Venedig 2018 – im selben Jahr begann die große Restaurierung 2018–2022

Die „Assunta“ wurde nicht für ein Museum gemalt. Sie entstand für den Hochaltar der bedeutenden Franziskanerkirche Santa Maria Gloriosa dei Frari und wurde dort 1518 enthüllt.

Für Tizian wurde diese Kirche zu einem besonderen Ort. Wenige Jahre später schuf er hier mit der Pala Pesaro ein weiteres Hauptwerk. Und auch sein eigenes Lebensende ist mit den Frari verbunden: Seine späte Pietà war ursprünglich für sein Grab bestimmt.

Als Tizian am 27. August 1576 in Venedig starb, wurde er in den Frari bestattet.

2026 jährt sich sein Tod damit zum 450. Mal.

Der 500. Todestag Tizians wird erst 2076 begangen. Ein anderes großes Jubiläum liegt jedoch bereits hinter uns: 2018 waren es genau 500 Jahre seit der Enthüllung der Assunta.

Gerade in diesem Jubiläumsjahr durfte ich gemeinsam mit Pater Lino Pellanda OFMConv, Guardian und Pfarrer der Frari, vor diesem außergewöhnlichen Werk stehen.

Tizian – Maler eines Jahrhunderts

Tiziano Vecellio wurde wahrscheinlich um 1490 in Pieve di Cadore am Rand der Dolomiten geboren und kam bereits als junger Mensch nach Venedig.

Dort entwickelte er sich zu einem der bedeutendsten Maler seiner Zeit. Kaiser Karl V., König Philipp II. von Spanien, Fürsten, Päpste und bedeutende Familien gehörten zu seinen Auftraggebern.

Vor allem die Farbe wurde zu Tizians großer Sprache. In seinen frühen Bildern leuchtet sie klar und kraftvoll. Im hohen Alter wird seine Malerei immer freier: Formen lösen sich beinahe in Licht und sichtbare Pinselstriche auf.

Kaum ein anderer Künstler lässt uns deshalb so unmittelbar erleben, wie sich die Malerei der Renaissance im Laufe eines langen Lebens verändert.

500 Jahre Assunta – die große Restaurierung

Restaurierung von Tizians „Assunta“, 2018–2022. Giulio Bono und Silvia Bonifacio bei der Arbeit an der Malschicht.
Foto: Matteo De Fina / Save Venice, courtesy Ufficio Beni Culturali del Patriarcato di Venezia.

Im Jubiläumsjahr 2018 begann eine umfassende Restaurierung der „Assunta“. Untersuchungen hatten instabile Bereiche der Farbschicht, verfärbte frühere Überzüge und Belastungen des riesigen hölzernen Bildträgers gezeigt.

Besonders erstaunlich: Hinter dem Altarbild installierte Orgelpfeifen hatten die fast sieben Meter hohe Holztafel beim Spielen in Schwingungen versetzt.

Von 2018 bis 2022 wurde das Werk deshalb sorgfältig gesichert und gereinigt. Auch der monumentale Steinrahmen wurde restauriert.

Dabei kamen Tizians Farben, die räumliche Tiefe und die Körperlichkeit der Figuren wieder stärker zum Vorschein.

Gerade Maria wirkt nach der Restaurierung nicht wie eine körperlose Erscheinung. Die Wolken unter ihr besitzen Gewicht und Schatten. Ihr Körper bleibt wirklich.

Und gerade deshalb wird das Wunder umso stärker:

Nicht der Leib wird überwunden.
Der Tod wird überwunden.

Fünfhundert Jahre nach seiner Entstehung steht Tizians Bild noch immer dort, wofür es geschaffen wurde: über einem Altar, mitten in einer Kirche, als Teil eines gelebten Glaubens.

Und seine Botschaft ist geblieben:

Der Tod hat nicht das letzte Wort.
Der Mensch ist für das Leben bestimmt.

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