ein Beitrag von Thomas Pöll für BiM – Bibel im Museum Wien, 14.8.2026
Ludovico Carracci:Cristo e la Cananea 1594–1595, Öl auf Leinwand, 170 × 225 cm, heute Pinacoteca di Brera, Inv. 96, Saal XXVIII. Das Bild entstand für den Palazzo Sampieri in Bologna und wurde 1811 für Brera erworben. Bild: Wikimedia Commons. Ludovico Carracci, Cristo e la Cananea, Brera.jpg|thumb|180px|Legenda
Das Evangelium
„In jener Zeit zog sich Jesus in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück. Und siehe, eine kanaanäische Frau aus jener Gegend kam zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält. Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Schick sie fort, denn sie schreit hinter uns her! Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Doch sie kam,fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! Er erwiderte:Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen. Da entgegnete sie: Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Es soll dir geschehen, wie du willst. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.“
Carraccis Bild entstand ursprünglich für den Palazzo Sampieri in Bologna. Es gehörte zu einer dreiteiligen Serie der Carracci-Brüder, in der jeweils Christus einer Frau begegnet – also keine unwesentliche Sache und schon gar kein Zufall. Ludovico Carracci malte „Christus und die Kanaaniterin“, Annibale Carracci „Christus und die Samariterin“ und Agostino Carracci „Christus und die Ehebrecherin“.
Am gegenständlichen Bild finde ich vor allem die starke Achse zwischen Jesus und der Frau spannend:
Die Frau ist zwar unten und Jesus steht über ihr. Aber psychologisch ist sie keineswegs klein. Sie schaut ihn an, hält ihm stand, argumentiert weiter. Ihre Beharrlichkeit bringt Bewegung in die Szene.
An dieser Stelle wird ein Buch von Wilhelm Bruners interessant:
Wilhelm Bruners:Wie Jesus glauben lernte (Verlag Herder, 2006)
Das Buch „Wie Jesus glauben lernte“ von Wilhelm Bruners zeichnet die Geschichte Jesu als eine Geschichte auch des Lernens – und so interpretiert er auch die Begegnung Christi mit der kanaanäischen Frau.
Diese steht in der Bibel nämlich zwischen den beiden Brotvermehrungen – der ersten, die sich von den Zahlen her an die 12 Stämme des Volkes Israel richtet, und der zweiten, die die ganze Welt, vertreten durch die sieben Heidenstämme, speist.
Jesus hat also, so Bruners, von der kanaanäischen Frau gelernt, dass nicht nur das eigene Volk zu versorgen sei, sondern auch die anderen – die Sammlung der Völker beginnt genau hier.
Eine Anmerkung: diese Stelle und ihre Positionierung lässt sich sehr schön mit der Parallelstelle im Markus-Evangelium auf dem Markusweg beim Haus der Stille nahe Graz erleben.
Gedanken zum Evangelium
Wir erleben hier keinen netten Jesus und nicht einmal einen kämpferischen, der die Dinge klarstellt, sondern einen einigermaßen schroffen, ja beleidigenden – ehe er völlig überraschend lernt.
Denn die Dinge scheinen klar: Seine Sendung ist es, die Juden „auf Kurs zu bringen“, „zu heilen“.
Aber die Frau bleibt scheinbar unberührt, schießt nicht dagegen und wird persönlich, sondern ist hartnäckig, erkennt Jesu Autorität an und bringt ihre Argumente. Ob Jesus sich mehr von den Argumenten oder von ihrer Hartnäckigkeit und Zuversicht überzeugen lässt, bleibt unklar – vermutlich ist es beides.
Auf jeden Fall öffnet sie damit eine neue Welt. Und eigentlich öffnet sie sie mit einer Bitte nicht für sich selbst, sondern für ihre Tochter.
Fragen, die man sich stellen kann
• Wo sehen in meinem Leben die Dinge zunächst klar aus und ich vertrete sie auch so bis an die Grenze der Unhöflichkeit oder darüber hinaus? • Wie kann ich es schaffen, als Opfer von Herabsetzung die Fassung zu bewahren und mein Anliegen ruhig und beharrlich zu vertreten? • Wie lerne ich immer wieder zu schauen, ob es nicht um etwas Größeres geht, als ich gerade denke? • Was heißt das alles für mich in der gelebten Konsequenz? Wie setze ich es um?
ein Beitrag von Harald R. Preyer für BiM – Bibel im Museum Wien, 11.8.2026
Tiziano Vecellio, Mariä Himmelfahrt (Assunta), 1516–1518, Öl auf Holz, Santa Maria Gloriosa dei Frari, Venedig. Foto: Sailko/Wikimedia Commons, CC BY 3.0.
Fast sieben Meter hoch erhebt sich Tizians „Assunta“ über dem Hochaltar der Basilica di Santa Maria Gloriosa dei Frari in Venedig. Das zwischen 1516 und 1518 entstandene Werk gehört zu den großen Bildern der europäischen Renaissance.
Tizian teilt die Darstellung in drei Ebenen und verbindet sie zugleich durch eine einzige gewaltige Bewegung.
Unten stehen die Apostel. Ihre Füße bleiben auf der Erde, ihre Arme greifen nach oben. Sie staunen über etwas, das ihre bisherige Erfahrung übersteigt.
In der Mitte Maria. Das kräftige Rot ihres Gewandes macht sie zum Mittelpunkt des Bildes. Sie ist keine körperlose Gestalt, die der Welt entschwebt. Sie ist ganz Mensch. Von einer Wolke getragen öffnet sie die Arme und lässt sich in das Licht Gottes hineinziehen.
Oben erscheint Gott Vater im goldenen Himmel.
Die Botschaft des Bildes ist für mich deshalb größer als eine außergewöhnliche Geschichte über Maria:
Maria entkommt nicht der Welt. Der ganze Mensch wird von Gott ins Leben gezogen.
Genau darin liegt die Verbindung zur christlichen Auferstehungshoffnung. Was an Maria vollendet erscheint, ist die Verheißung dessen, was Gott mit uns allen vorhat.
Tizian und die Frari-Kirche
Mit Pater Lino Pellanda OFMConv, Guardian und Pfarrer der Basilica di Santa Maria Gloriosa dei Frari, vor der Assunta im Jubiläumsjahr ihres 500-jährigen Bestehens, Venedig 2018 – im selben Jahr begann die große Restaurierung 2018–2022
Die „Assunta“ wurde nicht für ein Museum gemalt. Sie entstand für den Hochaltar der bedeutenden Franziskanerkirche Santa Maria Gloriosa dei Frari und wurde dort 1518 enthüllt.
Für Tizian wurde diese Kirche zu einem besonderen Ort. Wenige Jahre später schuf er hier mit der Pala Pesaro ein weiteres Hauptwerk. Und auch sein eigenes Lebensende ist mit den Frari verbunden: Seine späte Pietà war ursprünglich für sein Grab bestimmt.
Als Tizian am 27. August 1576 in Venedig starb, wurde er in den Frari bestattet.
2026 jährt sich sein Tod damit zum 450. Mal.
Der 500. Todestag Tizians wird erst 2076 begangen. Ein anderes großes Jubiläum liegt jedoch bereits hinter uns: 2018 waren es genau 500 Jahre seit der Enthüllung der Assunta.
Gerade in diesem Jubiläumsjahr durfte ich gemeinsam mit Pater Lino Pellanda OFMConv, Guardian und Pfarrer der Frari, vor diesem außergewöhnlichen Werk stehen.
Tizian – Maler eines Jahrhunderts
Tiziano Vecellio wurde wahrscheinlich um 1490 in Pieve di Cadore am Rand der Dolomiten geboren und kam bereits als junger Mensch nach Venedig.
Dort entwickelte er sich zu einem der bedeutendsten Maler seiner Zeit. Kaiser Karl V., König Philipp II. von Spanien, Fürsten, Päpste und bedeutende Familien gehörten zu seinen Auftraggebern.
Vor allem die Farbe wurde zu Tizians großer Sprache. In seinen frühen Bildern leuchtet sie klar und kraftvoll. Im hohen Alter wird seine Malerei immer freier: Formen lösen sich beinahe in Licht und sichtbare Pinselstriche auf.
Kaum ein anderer Künstler lässt uns deshalb so unmittelbar erleben, wie sich die Malerei der Renaissance im Laufe eines langen Lebens verändert.
500 Jahre Assunta – die große Restaurierung
Restaurierung von Tizians „Assunta“, 2018–2022. Giulio Bono und Silvia Bonifacio bei der Arbeit an der Malschicht. Foto: Matteo De Fina / Save Venice, courtesy Ufficio Beni Culturali del Patriarcato di Venezia.
Im Jubiläumsjahr 2018 begann eine umfassende Restaurierung der „Assunta“. Untersuchungen hatten instabile Bereiche der Farbschicht, verfärbte frühere Überzüge und Belastungen des riesigen hölzernen Bildträgers gezeigt.
Besonders erstaunlich: Hinter dem Altarbild installierte Orgelpfeifen hatten die fast sieben Meter hohe Holztafel beim Spielen in Schwingungen versetzt.
Von 2018 bis 2022 wurde das Werk deshalb sorgfältig gesichert und gereinigt. Auch der monumentale Steinrahmen wurde restauriert.
Dabei kamen Tizians Farben, die räumliche Tiefe und die Körperlichkeit der Figuren wieder stärker zum Vorschein.
Gerade Maria wirkt nach der Restaurierung nicht wie eine körperlose Erscheinung. Die Wolken unter ihr besitzen Gewicht und Schatten. Ihr Körper bleibt wirklich.
Und gerade deshalb wird das Wunder umso stärker:
Nicht der Leib wird überwunden. Der Tod wird überwunden.
Fünfhundert Jahre nach seiner Entstehung steht Tizians Bild noch immer dort, wofür es geschaffen wurde: über einem Altar, mitten in einer Kirche, als Teil eines gelebten Glaubens.
Und seine Botschaft ist geblieben:
Der Tod hat nicht das letzte Wort. Der Mensch ist für das Leben bestimmt.
Warum wir den erfolgreichen Film des Jahres (noch einmal) sehen wollen – gemeinsam mit anderen und im großen Format.
Christopher Nolans „The Odyssey“ ist überwältigendes Kino – aber nicht in jeder Hinsicht ein großer Film. Warum man ihn dennoch unbedingt auf analogem 70‑mm-Film sehen sollte. Eine Begegnung mit Norman Shetler im Gartenbaukino.
Ich habe „The Odyssey“ kurz nach dem Kinostart gemeinsam mit meiner Frau im Hollywood Megaplex Gasometer gesehen. In einem Saal mit mehreren hundert Plätzen saßen genau drei Menschen.
Für uns war das luxuriös. Für die Kinobranche wirkte es beunruhigend.
Wenige Tage später erlebte ich bei einem anderen Film in Wien Mitte ein ähnliches Bild: ein großer Saal, kaum zwanzig Besucher. Gehen die Menschen nicht mehr ins Kino? War ich einfach zur falschen Zeit dort? Oder wird Kino zunehmend zu einem besonderen Ereignis, während gewöhnliche Vorstellungen aussterben?
Darüber sprach ich mit Norman Shetler, dem Geschäftsführer des Gartenbaukinos.
Ein Kino, das nicht „retro“ ist
Das Gartenbaukino wurde 1960 eröffnet. Wer an einem heißen Sommertag vom Parkring in das Foyer tritt, empfindet sofort eine angenehme Ruhe. Es wird kühler, dunkler und großzügiger. Das Haus wirkt nicht nostalgisch inszeniert, sondern selbstverständlich.
Shetler besteht auf diesem Unterschied: Das Gartenbaukino sei nicht „retro“, sondern weitgehend original. Er wolle das Haus nicht zur nostalgischen Kulisse machen. Gerade dadurch bewahrt es seine Würde.
Zu seiner heutigen Aufgabe kam er, wie er sagt, „wie die Jungfrau zum Kind“. Er führte eine erfolgreiche Videothek in der Schleifmühlgasse, beschäftigte sich intensiv mit Film, absolvierte einen Kurs für Kinomanagement und lernte sogar selbst das Vorführen. Wirtschaftliche Erfahrung, kulturelles Interesse, Filmwissen und Filmliebe kamen zusammen. Seit mittlerweile 18 Jahren leitet er das Gartenbaukino.
Warum manche Vorstellungen fast leer bleiben
Meine beinahe private Vorstellung im Gasometer überraschte auch ihn. Seine Erklärung ist allerdings weniger dramatisch als meine erste Befürchtung.
Zwischen Filmverleihern und Kinos bestehen genaue Vereinbarungen darüber, wie oft und zu welchen Zeiten ein Film gezeigt werden muss. Ein Kino kann einen großen Film daher nicht ausschließlich am Abend spielen, wenn die Säle voll werden. Auch eine schwach besuchte Vorstellung um 17 Uhr kann Teil der notwendigen Verwertungslogik sein.
Hochsommer, später Nachmittag, dritte oder vierte Spielwoche: Da könne beinahe jeder Film schwach besucht sein.
Das bedeutet aber nicht, dass es der Branche ausgezeichnet geht. Kino wird stärker von einzelnen Großereignissen abhängig. Menschen gehen offenbar seltener einfach „ins Kino“. Sie entscheiden sich bewusster für einen bestimmten Film, eine besondere Technik oder einen außergewöhnlichen Ort.
Genau darin liegt die Chance des Gartenbaukinos.
Ohne Förderung nicht möglich
Ein historischer Einsaalkinosaal mit 736 Plätzen lässt sich nicht wie ein Multiplex betreiben. Das Gartenbaukino erhält derzeit eine jährliche Betriebssubvention der Stadt Wien von 575.000 Euro.
Shetler spricht darüber ohne Umschweife:
„Ohne diese Betriebssubvention wäre es nicht möglich, dieses Kino in dieser Form zu betreiben.“
Dem stehen hohe Miet-, Personal-, Energie- und Erhaltungskosten gegenüber. Für die umfassende Sanierung fehlten schließlich noch 250.000 Euro. Sie wurden durch Crowdfunding aufgebracht. Rund 2.000 Menschen beteiligten sich; etwa 450 Sessel tragen heute den Namen ihrer Patinnen und Paten.
Diese Unterstützung brachte nicht nur Geld. Sie schuf Verbundenheit.
Die jüngste Entwicklung stimmt Shetler zuversichtlich. Mehr als 90.000 regulär gezählte Besuche im Jahr, insgesamt einschließlich Viennale, Premieren und Veranstaltungen wohl rund 150.000 Menschen. Nach schwierigen Jahren könne das Kino derzeit „gut atmen“, Risiken eingehen und neue Ideen verwirklichen.
Ein Film von rund 100 Kilogramm
Christopher Nolan drehte „The Odyssey“ vollständig auf IMAX-70-mm-Film. Dabei läuft der Film horizontal durch die Kamera. Jedes einzelne Bild besitzt eine besonders große Fläche. Das ermöglicht enorme Schärfe, Helligkeit und Detailtreue.
Eine solche IMAX-Filmkopie kann tatsächlich ungefähr 300 Kilogramm wiegen.
Das Gartenbaukino zeigt eine andere 70‑mm-Fassung. Hier läuft der Film klassisch vertikal durch den Projektor. Bei einer Laufzeit von 172 Minuten wiegt auch diese Kopie noch rund 100 Kilogramm. Wien besitzt keine haushohe IMAX-Leinwand wie Prag. Dafür verfügt das Gartenbaukino über einen historischen Saal, eine 16 Meter breite Leinwand und jahrzehntelang gewachsenes technisches Wissen.
Nolan habe seinen Film nicht ausschließlich für IMAX geschaffen, betont Shetler. Er habe ihn so konzipiert, dass er auf unterschiedlichen Leinwänden und in verschiedenen Formaten bestmöglich wirken kann.
Analog, haptisch, körperlich
„The Odyssey“ beeindruckt besonders dort, wo Nolan Bilder schafft, die nicht bloß gesehen, sondern körperlich empfunden werden.
Beim einäugigen Polyphem erscheinen Menschen winzig. Man sieht beinahe nur den Unterschenkel des Riesen; der übrige Körper scheint den Bildrahmen zu sprengen. Holzmaserungen, Gesichter und Meereswellen erhalten eine ungewöhnliche Präsenz.
Besonders gelungen findet Shetler die Begegnung mit Circe. Die Verwandlung der Männer in Schweine wirkt nicht wie ein glattes digitales Kunststück. Sie ist materiell, organisch und fast greifbar – klassische Filmillusion statt steriler Perfektion.
Darin erkennt er auch einen Grund für die neue Attraktivität des Kinos: die Sehnsucht nach einer Gegenwelt zur permanenten digitalen Berieselung.
Großes analoges Kino sei kollektiv, haptisch und sensorisch. Der Ton fülle den Raum, das Bild überrage den Menschen, und das Publikum erlebe für knapp drei Stunden dieselbe Reise.
Großes Kino – aber auch ein großer Film?
Meine Einschätzung bleibt zwiespältig: „The Odyssey“ ist visuell gewaltig, technisch faszinierend und in seinen besten Szenen überwältigend. Dramaturgisch und sprachlich erreicht Nolan jedoch nicht immer die Tiefe und Leichtigkeit Homers.
Auch Shetler bewundert Nolans Konsequenz, Sorgfalt und Fähigkeit, monumentale Szenen zu inszenieren. Zugleich sieht er Schwächen bei Dialogen, Dramaturgie, Schauspielführung und besonders bei den Frauenfiguren.
Sein schönster Einwand:
„Was ich bei Nolan immer vermisse, ist Joy.“
Alles sei beeindruckend, groß und von enormer Gravitas. Doch Freude, Humor und spielerische Leichtigkeit fehlten. Gerade ältere Abenteuer-, Fantasy- und Sandalenfilme hätten sich diese Freude häufiger erlaubt.
Vielleicht ist „The Odyssey“ deshalb kein vollkommenes Meisterwerk. Aber gerade solche Einwände machen ein gemeinsames Kinoerlebnis interessant. Danach gibt es etwas zu besprechen.
Kino bekommt wieder etwas vom Theater
Im Gartenbaukino beginnt der Film nicht einfach mit dem Druck auf einen Knopf. Wenn eine Ouvertüre vorgesehen ist, bleibt der Vorhang zunächst geschlossen. Im richtigen Moment öffnet er sich. Licht, Ton, Leinwand und Projektion werden zu einer kleinen Inszenierung.
Die englische 70‑mm-Fassung wird auch mit deutschen Untertiteln angeboten. Diese liegen nicht auf der analogen Filmkopie, sondern werden von einer Person über einen digitalen Projektor händisch eingespielt und zeitlich angepasst.
Jede Vorstellung erhält dadurch ein kaum merkliches lebendiges Element. Fast wie im Theater.
Gemeinsam ins Gartenbaukino
„The Odyssey“ läuft ab 28. August 2026 im Gartenbaukino auf analogem 70‑mm-Film – in englischer Originalfassung, teilweise mit deutschen Untertiteln sowie in deutscher Fassung.
Meine Empfehlung: Diesen Film nicht allein auf einem Bildschirm und auch nicht nebenbei ansehen. Gemeinsam ins Kino gehen. Den Vorhang erleben. Das Rattern des Projektors wissen, auch wenn man es nicht hört. Sich von Bild und Ton überwältigen lassen – und danach über Größe, Schwere, Schönheit und die vielleicht fehlende Freude sprechen.
Ich möchte eine der 70‑mm-Vorstellungen gemeinsam mit interessierten Freundinnen und Freunden besuchen.
Wer mitkommen möchte, schreibt mir kurz an harald@preyer.wien.
Heute war es wirklich sehr warm in Wien – 37 Grad am Stephansplatz. Die Menschen glauben, dass mir noch wärmer ist, weil ich so ein weiches Fell habe. Stimmt nicht ganz, weil die Zwischenhaare verliere ich immer im Frühling und deswegen kann die Luft durch.. Meine Freunde mit den ganz kurzen Haaren, die tun mir immer leid. Weil die spüren die Hitze ganz direkt auf ihrem Körper.
Aber heute – das muss ich Euch erzählen – heute habe ich etwas ganz Tolles erlebt. Harry durfte wieder einem lieben Priester helfen. Und Frauchen kommt ja erst am Sonntag. Und bei der Hitze lässt mich Harry nicht gerne alleine zuhause. Also durfte ich ausnahmsweise mitgehen. Und dann war ich in der Sakristei. Das war schön. Es riecht dort so gut und der Boden ist aus kühlem Stein. Und dann hat mich einer von diesen ganz lieben Herren begrüßt, die mit den goldenen Schalen und den Büchern beschäftigt sind. Er hat für mich eine Plastikschüssel geholt – fast wie meine zuhause nur größer. Und dann habe ich viel Wasser bekommen. Oh das war gut und fein.
Und dann haben wir kurz Danke zum lieben Gott gesagt, die freundlichen Männer haben noch ganz lieb mit mir gesprochen und mich gestreichelt und dann habe ich mich in der Ecke auf den kühlen Steinboden gelegt und ganz fein geschlafen. Und als ich aufgewacht bin, war Harry schon wieder da. Das war schön!
Das Foto wurden unter Verwendung eines Originals von Ionuţ Androsca leicht angepasst.
Wenn dieses Gebet eine Bitte ist, dann ist es die Bitte um Liebe.
Nicht um Liebe als flüchtiges Gefühl. Nicht nur darum, geliebt zu werden. Es ist die Bitte, selbst liebesfähig zu werden: mit einem offenen Herzen, einer offenen Hand und der Bereitschaft, sich zu verschenken.
Der Heilige Geist wird hier nicht erklärt. Man erkennt ihn an dem, was durch ihn geschieht: Wo er ist, wird das Herz weit. Wo er wirkt, beginnt der Mensch zu geben, ohne zuvor zu rechnen. Wo er Raum gewinnt, flammt die Liebe auf.
Wir bitten Gott also nicht bloß darum, uns etwas zu schenken. Wir bitten ihn, in uns Wohnung zu nehmen – und uns dadurch zu verwandeln.
Vielleicht ist das die kühnste Bitte, die ein Mensch aussprechen kann:
Nimm mein Herz dir zu eigen. Lass deine Liebe darin leben.
Die Botschaft des Gleichnisses vom Unkraut unter dem Weizen ist keine Drohung, sondern eine Einladung zur Hoffnung. Gottes größte Macht zeigt sich in seiner Geduld.
„Den Weizen in die Scheune, das Unkraut verbrennen, wenn es sich nicht auf dem Weg gewandelt hat…“ – ist mir als Metapher nach der Predigt von Militärerzdekan Dr. Harald Tripp im Wiener Stephansdom zum 16. Sonntag im Jahreskreis am 19. Juli 2026, Orgelmesse, 12:00 Uhr dazu eingefallen.
Transkript, Zusammenfassung und Illustration mit KI durch Harald R. Preyer.
Getreideernte nach dem Evangelium am See Genesaret zur Zeit Jesu. Während das Unkraut ins Feuer geworfen wird, bringen die Erntehelfer den Weizen in die Scheune .
Manche Evangelien klingen auf den ersten Blick bedrohlich. So auch das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen. Jesus spricht vom Gericht, von Gut und Böse und vom Ende der Welt. Doch Militärerzdekan Dr. Harald Tripp zeigte in seiner Predigt im Wiener Stephansdom, dass die eigentliche Botschaft eine andere ist: Nicht das Gericht steht im Mittelpunkt, sondern die unerschöpfliche Geduld Gottes.
Bereits die Lesung aus dem Buch der Weisheit beschreibt einen Gott, dessen Allmacht sich nicht in Strenge, sondern in Liebe zeigt. Gott wartet. Nicht weil ihm das Böse gleichgültig wäre, sondern weil er jeden Menschen liebt und ihm Zeit zur Umkehr schenkt. Seine Geduld ist Ausdruck seiner Barmherzigkeit.
Besonders eindrucksvoll ist der Blick auf den griechischen Urtext des Evangeliums. Als die Knechte das Unkraut sofort ausreißen wollen, antwortet Jesus mit dem Wort „Afete“. Im griechischen Urtext steht das Wort ἄφετε, vom Verb ἀφίημι. Es bedeutet nicht nur „wachsen lassen“, sondern auch „loslassen“ und „vergeben“. Dasselbe Wort hören wir im Vaterunser: „Vergib uns unsere Schuld“ (Mt 6,12). Gott hält den Menschen also nicht an seiner Vergangenheit fest, sondern eröffnet ihm Zukunft.
Das heißt jedoch nicht, dass Gott das Böse verharmlost. Das Unkraut bleibt Unkraut, und das Gericht gehört weiterhin zur Botschaft Jesu. Doch vor dem Gericht steht die Gnade. Gott arbeitet geduldig am Herzen des Menschen und gibt ihn niemals auf. Wie gute Eltern ihre Kinder trotz schwerer Fehler begleiten und ihnen eine neue Chance schenken, so begleitet auch Gott jeden von uns. Er nennt die Sünde beim Namen, aber niemals den Sünder verloren.
Der Kirchenvater Johannes Chrysostomos formulierte dazu einen hoffnungsvollen Gedanken: „Viele von den Unkräutern werden vielleicht noch zu Weizen.“ Gott sieht Möglichkeiten, die unserem Blick verborgen bleiben. Deshalb steht das endgültige Urteil allein ihm zu.
Schließlich erinnert der Apostel Paulus daran, dass wir auf diesem Weg nicht allein sind. Der Heilige Geist nimmt sich unserer Schwachheit an, stärkt uns und führt uns Schritt für Schritt zur Umkehr. Gottes Geduld ist kein passives Warten, sondern sein unermüdliches Wirken in unserem Leben.
So endet das Evangelium nicht mit Angst, sondern mit Hoffnung. Jeder neue Tag ist ein Geschenk der Geduld Gottes – eine neue Gelegenheit, seiner Liebe zu vertrauen, umzukehren und selbst barmherziger mit anderen umzugehen. Denn Gottes größte Macht zeigt sich nicht im Richten, sondern im Retten.
Eine Würdigung zum 100. Geburtstag von Bruder David Steindl-Rast am 12.7.2026.
„Die Wurzel der Freude ist die Dankbarkeit. Nicht die Freude macht uns dankbar. Die Dankbarkeit macht uns froh.“
Foto: Diego Ortiz MUGICA
Kaum ein Satz wird so häufig mit Bruder David Steindl-Rast verbunden wie dieser. Er ist längst zu einer Art Lebensmotto für Millionen Menschen geworden. Und doch erschöpft sich das Lebenswerk dieses außergewöhnlichen Benediktiners keineswegs in einem schönen Zitat. Hinter ihm steht ein Jahrhundert gelebter Geschichte, tiefer Spiritualität und unermüdlicher Suche nach dem, was Menschen wirklich trägt.
Am 12. Juli 2026 vollendete David Steindl-Rast sein hundertstes Lebensjahr. Geboren wurde er am 12. Juli 1926 in Wien als Franz Kuno Steindl. Er erlebte den Nationalsozialismus, den Krieg, den Zusammenbruch Europas, den Wiederaufbau und die Umbrüche der Moderne. Aus diesen Erfahrungen erwuchs keine Bitterkeit, sondern eine Haltung, die sein ganzes weiteres Leben prägen sollte: eine wache Aufmerksamkeit für das Geschenk des Lebens.
Der Krieg als Lehrmeister
Wer Bruder David zuhört, spürt schnell, dass seine Gedanken nicht am Schreibtisch entstanden sind. Immer wieder erzählt er vom letzten Kriegsjahr. Freunde wurden eingezogen und fielen. Niemand rechnete damit, zwanzig Jahre alt zu werden. Jeder Tag konnte der letzte sein.
Gerade diese Erfahrung führte zu einer überraschenden Erkenntnis.
Nicht die Angst blieb.
Sondern eine ungeheure Intensität des Lebens.
Er beschreibt rückblickend, dass seine Generation gerade deshalb so lebendig gewesen sei, weil sie ganz im Augenblick leben musste. Erst nach Kriegsende wurde ihm bewusst, welch kostbares Geschenk diese Haltung gewesen war. Später fand er dafür in der Regel des heiligen Benedikt die Worte:
„Den Tod allezeit vor Augen haben.“
Für viele klingt dieser Satz düster. Für Bruder David wurde er zum Schlüssel für ein erfülltes Leben. Wer seine Endlichkeit nicht verdrängt, entdeckt den unendlichen Wert des gegenwärtigen Augenblicks.
Ein außergewöhnlicher Bildungsweg
Nach dem Krieg studierte David Steindl-Rast zunächst Restaurierung an der Akademie der bildenden Künste Wien sowie Psychologie und Anthropologie an der Universität Wien. 1952 promovierte er zum Dr. phil. in Psychologie. Im selben Jahr folgte er seiner Familie in die Vereinigten Staaten und trat in das neu gegründete Benediktinerkloster Mount Saviour im Bundesstaat New York ein.
Dort begann ein Leben, das Wissenschaft, klösterliche Spiritualität und den Dialog mit anderen Religionen miteinander verbinden sollte.
Später wurde er zu einem der international bekanntesten Benediktiner und zu einer der bedeutendsten Stimmen des interreligiösen Dialogs. Gemeinsam mit Vertretern des Buddhismus, des Judentums, des Islam und anderer Traditionen suchte er nach dem, was Menschen verbindet, ohne die Unterschiede zu verwischen. Für diese Brückenarbeit erhielt er zahlreiche internationale Auszeichnungen, darunter den Martin-Buber-Preis.
Staunen – Beziehung – Dankbarkeit
Wer Dankbarkeit hört, denkt häufig an gute Manieren. Für Bruder David bedeutet sie weit mehr.
Sie ist nicht der Ausgangspunkt seines Denkens, sondern dessen Frucht.
Am Anfang stehen das Staunen, die Erfahrung der Verbundenheit und die Einsicht, dass unser Leben Geschenk ist.
Wir haben uns weder erschaffen noch verdient. Wir sind uns selbst gegeben. Gesundheit, Freundschaft, Liebe, Vertrauen, sogar der nächste Atemzug – nichts davon ist selbstverständlich.
Darum formuliert er seinen wohl bekanntesten Gedanken so überraschend:
„Nicht die Freude macht uns dankbar. Die Dankbarkeit macht uns froh.“
Diese Umkehrung verändert den Blick auf das Leben grundlegend. Freude wird nicht länger zur Voraussetzung der Dankbarkeit. Vielmehr öffnet Dankbarkeit den Menschen für jene Freude, die selbst schwierige Zeiten überdauern kann.
Das Geschenk des Jetzt
Ein zweiter Grundgedanke zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk.
Wir begegnen unserem Leben immer im Jetzt.
Vergangenheit begegnet uns als Erinnerung.
Zukunft als Hoffnung oder Sorge.
Beides geschieht im gegenwärtigen Augenblick.
Zeit versteht Bruder David deshalb nicht als Gegner, sondern als Geschenk. Jeder neue Augenblick eröffnet eine neue Möglichkeit, das Leben bewusst anzunehmen. Wird eine Gelegenheit versäumt, schenkt das Leben eine weitere.
Auch sein Verständnis der Ewigkeit entspringt dieser Erfahrung. Ewigkeit ist für ihn nicht eine unendlich lange Zeit. Sie ist das zeitlose Jetzt Gottes, das allem Leben zugrunde liegt und in dem nichts von dem verloren geht, was in Liebe gelebt wurde.
Diese Sichtweise nimmt dem Tod nicht seinen Schmerz.
Aber sie nimmt ihm seine letzte Macht.
Ein Benediktiner mit weitem Herzen
Viele schätzen Bruder David gerade deshalb, weil seine Sprache weit über kirchliche Grenzen hinaus verstanden wird. Er spricht selten in dogmatischen Formeln. Stattdessen beginnt er bei Erfahrungen, die jeder Mensch kennt:
Staunen.
Beziehung.
Vertrauen.
Zugehörigkeit.
Dankbarkeit.
Dabei bleibt er Benediktiner. Seine Spiritualität wurzelt tief in der Regel des heiligen Benedikt und in der Liturgie der Kirche. Zugleich sucht er den Dialog mit anderen Religionen und spirituellen Traditionen.
Innerhalb der katholischen Theologie werden einzelne seiner theologischen Schlussfolgerungen – etwa zum Verhältnis der Religionen, zu bestimmten Aussagen des Credo oder zum Verständnis Christi – durchaus kritisch diskutiert. Seine Spiritualität der Dankbarkeit, der Gegenwart und der Achtsamkeit findet hingegen weit über konfessionelle Grenzen hinaus große Anerkennung.
Rainer Maria Rilke – ein geistiger Weggefährte
Zu den Dichtern, die Bruder David besonders geprägt haben, gehört Rainer Maria Rilke. Viele seiner Gedichte trägt er auswendig vor.
Rilkes Rose, der Weinberg, der uralte Turm oder die „wachsenden Ringe“ werden für ihn zu Bildern einer Spiritualität des Staunens. Gott erscheint nicht als fernes Wesen, sondern als das große Geheimnis, das alles trägt.
Vielleicht erklärt gerade diese Verbindung von Poesie und Glaube die Schönheit seiner Sprache. Sie überzeugt selten durch Argumente allein. Sie lädt ein.
Was bleibt?
Bruder David hat keine neue Ordensgemeinschaft gegründet und keine eigene Kirche ins Leben gerufen. Gemeinsam mit anderen hat er jedoch das internationale Netzwerk A Network for Grateful Living mit aufgebaut, das seine Spiritualität der Dankbarkeit bis heute weiterträgt.
Sein eigentliches Vermächtnis liegt jedoch tiefer.
Er hat unzähligen Menschen geholfen, den Glauben nicht zuerst als System von Antworten, sondern als Einladung zum bewussten Leben zu verstehen.
Als Einsegner begegne ich häufig Menschen am Ende eines Lebens. Fast nie erzählen sie von beruflichen Erfolgen oder materiellem Besitz. Sie erzählen von Begegnungen. Von Liebe. Von gemeinsam verbrachter Zeit.
Vielleicht hätte Bruder David genau darin den Ursprung aller Dankbarkeit gesehen.
Nicht im Außergewöhnlichen.
Sondern im Geschenk des Gewöhnlichen.
Heute, hundert Jahre nach seiner Geburt, erinnert er uns daran, dass das Leben nicht zuerst eine Aufgabe ist, die gelöst werden muss, sondern ein Geschenk, das angenommen werden will.
Vielleicht ist das sein schönstes Vermächtnis:
Heute einmal bewusst innehalten.
Staunen.
Und danken.
Nicht weil alles vollkommen ist.
Sondern weil mitten im Unvollkommenen unendlich viel Geschenk verborgen liegt.
Quellen
ORF Ö1, „Lebenskunst – Dem Leben vertrauen. Zum 100. Geburtstag von David Steindl-Rast“, Gestaltung und Moderation: Mag. Johannes Kaup, Erstausstrahlung 12. Juli 2026. Grundlage dieser Würdigung war das vollständige Sendungsmanuskript.
David Steindl-Rast: Ich bin durch dich so ich.
David Steindl-Rast: 99 Namen Gottes.
David Steindl-Rast, Alexandra Kreuzeder: Herzwerk.
Am 3. Juni habe ich diese Seerose im Stephansdom fotografiert. Damals wusste ich noch nicht, warum sie mich so berührt.
Heute lese ich im Sufi-Almanach: „Beklage nicht die Vergangenheit, sorge dich nicht um die Zukunft, sondern versuche, das Beste aus dem Heute zu machen.“ Sofort denke ich an Jesu Worte:
„Schaut die Lilien auf dem Feld an … Selbst Salomo war in all seiner Herrlichkeit nicht gekleidet wie eine von ihnen.“ (Mt 6,28–29)
Die Blume sorgt sich nicht um morgen. Sie öffnet sich einfach dem Licht.
Und dann entdecke ich noch etwas: Ein Blütenblatt fällt leicht aus der vollkommenen Ordnung heraus. Vielleicht ist gerade das ihre besondere Schönheit. Nicht makellos. Sondern echt.
Vielleicht liegt darin eine leise Botschaft Gottes:
Zwischen perfekt sein und geliebt sein liegt ein großer Unterschied.
Die Lilie muss nicht vollkommen sein. Sie ist schön, weil sie ist.
Vielleicht dürfen auch wir heute einfach sein – im Vertrauen darauf, von Gott geliebt zu sein.
Dieses Werk von Hieronymus Bosch, Die sieben Todsünden und die vier letzten Dinge (um 1500), gehört zu den eindrucksvollsten moralisch-theologischen Bildprogrammen der europäischen Kunstgeschichte.
Auf den ersten Blick erinnert das Gemälde an ein gewaltiges Auge. Tatsächlich ist dies die zentrale Bildidee: Die Welt wird vom Blick Gottes durchdrungen. Im strahlenden Mittelpunkt erscheint Christus als der auferstandene Weltenrichter. Er erhebt seine rechte Hand zum Segen und zeigt zugleich die Wundmale seines Leidens. Um ihn breitet sich ein goldener Strahlenkranz aus, der das gesamte Bild zusammenhält. Darunter steht in lateinischer Sprache: „Cave, cave, Deus videt“ – „Hüte dich, hüte dich, Gott sieht.“
Um dieses göttliche Auge entfaltet sich wie ein Rad des menschlichen Lebens die Darstellung der sieben Todsünden. Jede Szene zeigt keine außergewöhnlichen Verbrechen, sondern alltägliche Situationen: Stolz, Geiz, Wollust, Neid, Völlerei, Zorn und Trägheit erscheinen mitten im gewöhnlichen Leben. Bosch verzichtet auf abstrakte Symbole und erzählt stattdessen kleine Geschichten voller feiner Beobachtungen. Menschen streiten, prahlen, genießen maßlos, betrügen oder verschlafen ihre Berufung. Gerade diese Nähe zum Alltag macht die Darstellung bis heute so eindringlich.
Die kreisförmige Anordnung lässt den Eindruck entstehen, als drehe sich das menschliche Leben unaufhörlich um dieselben Versuchungen. Jede Sünde scheint aus der vorhergehenden hervorzuwachsen. Das Auge Gottes in der Mitte bleibt dabei unbewegt – ruhig, wachsam und zugleich barmherzig.
In den vier Ecken des Bildes befinden sich runde Medaillons mit den vier letzten Dingen des Menschen: links oben der Tod, rechts oben das Jüngste Gericht, links unten die Hölle und rechts unten die Herrlichkeit des Himmels. Sie bilden den äußeren Rahmen der menschlichen Existenz. Das tägliche Handeln erhält dadurch eine ewige Perspektive: Das Leben ist nicht bedeutungslos, sondern mündet in eine endgültige Begegnung mit Gott.
Über und unter dem Hauptbild verlaufen Spruchbänder mit Bibelzitaten aus dem Buch Deuteronomium. Sie mahnen den Menschen, Weisheit zu suchen und sich nicht der Torheit hinzugeben. Das gesamte Gemälde wird dadurch zu einer großen Meditation über Freiheit und Verantwortung.
Bosch malt keine Welt der Hoffnungslosigkeit. Sein Blick ist zwar unerbittlich ehrlich, aber nicht zynisch. Im Mittelpunkt steht nicht die Sünde, sondern Christus. Nicht das Böse beherrscht das Bild, sondern der auferstandene Herr, dessen Licht bis in die dunkelsten Winkel des menschlichen Lebens reicht. Gerade deshalb wirkt das Gemälde weniger wie eine Drohung als wie eine Einladung zur Umkehr – zu einem Leben, das sich nicht um die eigenen Begierden dreht, sondern um Gott, der den Menschen sieht, kennt und liebt.
Hieronymus Bosch (um 1450–1516), eigentlich Jheronimus van Aken, zählt zu den bedeutendsten Malern der niederländischen Spätgotik und der frühen Renaissance. Er wurde in ’s-Hertogenbosch (Den Bosch) geboren und verbrachte dort nahezu sein gesamtes Leben. Bosch entstammte einer Malerfamilie und schloss sich 1488 der angesehenen Illustren Liebfrauenbruderschaft an, einer religiösen Gemeinschaft, deren Mitglieder aus den führenden Kreisen der Stadt stammten. Über sein persönliches Leben ist nur wenig bekannt, doch seine Werke machten ihn bereits zu Lebzeiten weit über seine Heimat hinaus berühmt. Seine Auftraggeber fanden sich im Hochadel und im Klerus; später wurde insbesondere König Philipp II. von Spanien zu einem der bedeutendsten Sammler seiner Gemälde.
Bosch verband eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe mit einer einzigartigen Bildsprache. In seinen Gemälden verschmelzen Alltag, Symbolik und fantastische Wesen zu tiefgründigen Erzählungen über das menschliche Leben. Bis heute geben seine Bilder der Kunstgeschichte Rätsel auf und laden immer wieder zu neuen Deutungen ein. Viele Kunsthistoriker sehen in seinem Werk vor allem eine eindringliche Mahnung, das eigene Leben im Licht des Evangeliums zu betrachten – nicht aus Angst, sondern im Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.
Würde ein im Leben stehender Mensch sich elf Jahre lang jeweils für fünf Tage in eine Benediktinerabtei begeben, um dort die Bibel so detailliert zu studieren, dass nach diesen 55 Tagen erst 172 von 2722 Seiten gelesen sind? Oder anders formuliert: Wir haben erst sechs Prozent der Bibel gelesen – von Genesis 1,1 bis Exodus 40,38. Das sind die ersten 50 plus 40, also 90 Kapitel der Bibel.
Unser lieber Kollege Roland hat ausgerechnet, dass wir ungefähr 165 Jahre brauchen, wenn wir in dem Tempo weitermachen.
Rund vier Stunden am Tag lesen wir gemeinsam und sprechen über das Gelesene. Wir lesen im Kreis. Im Uhrzeigersinn. Jedes Mitglied unserer Gruppe liest einen Vers. Und da gibt es Verse, die über viele Zeilen gehen und andere, die nur wenige Wörter haben. Das Wort kommt also einmal lange nicht mehr und dann schnell wieder zu mir zurück. Wenn es der Text gerade anbietet, halten wir an. Und dann reden wir über das Gelesene – kreuz und quer – aber nicht durcheinander. Wir fragen scheinbar vom Hundertsten ins Tausendste oder manchmal einfach nur: „Wie könnte das gemeint sein?“
Für mich macht einen guten Teil der Schönheit dieser Tage unsere Gruppe aus. Wir sind nie mehr als 12 Personen und ich kann mich nicht erinnern, dass wir einmal weniger als acht waren. Berufe, Titel und Auszeichnungen geben wir an der Pforte ab. Wir nennen einander bei unseren Vornamen und wir sprechen über ein Buch, das im Alltag selten Thema ist. Wir lesen und hören „Gottes Wort im Menschenwort“.
Um 06:45 feiern wir mit den Mönchen die Heilige Messe in der Krypta der Stiftskirche. Hörbar ist unser leiser Gesang – a cappella ohne Orgel oder Begleitung. Hörbar sind die Gebete, die Texte der Lesung und des Evangeliums. Sichtbar sind die Mönche, der Zelebrant – in dieser Woche P. Johannes Paul – und seine mitfeiernden Mitbrüder, einige wenige Gäste und wir. Spürbar sind die Architektur der Krypta in ihrer jahrhundertealten Schönheit, das knarrende Chorgestühl, die hohe Energie im Raum. Wunderbar ist die Anwesenheit Gottes unter uns – in der gewandelten Hostie aber auch in den Herzen der Mitfeiernden. Da ist ein Strahlen.
Um 07:30 wartet das Frühstück auf uns. Wir gehen von der Kirche die 100 Meter hinunter zum Exerzitienhaus. Im Untergeschoss hat Asmira bereits liebevoll für uns das Frühstück hergerichtet. Jeder von uns hat seine Serviette, seinen Sitzplatz, seine Tischgemeinschaft. Das Refektorium ist ein großer Raum für rund 24 Personen mit einer großen Säule in der Mitte, einer gewölbten Decke und Fenstern hinaus in den Wald und hinunter in die Wachau. Das Exerzitienhaus wurde in den Hang gebaut. Der Eingang liegt ebenerdig neben dem Gästeparkplatz. In der Mitte des Erdgeschosses ist der Vortragsraum mit der gleichen Architektur wie das Refektorium genau einen Stock darunter. Beide Räume sind lichtdurchflutet und geben den Blick in die Weite frei. Im Westen sieht man die Spitze der Kirche von Dürnstein, gegenüber Stein und im Osten Krems.
Die Nordfassade des Exerzitienhauses bildet mit der Südwand der Foresterie (des Gästehauses) und einer dicken Festungsmauer im Westen einen offenen Innenhof mit Rasen und Sträuchern an den Wänden. Im „Dürnsteiner Eck“ stehen zwei große Holztische mit schweren Gusseisengestellen, zwei Bänken und ein paar Sesseln. Meistens sitzen wir dort im Freien und ganz selten hat uns der Wind, noch seltener der Regen in das geräumige Kursleiterzimmer im Osten des Innenhofs vertrieben.
An sehr heißen Tagen mit viel Sonne stellen wir am Morgen die Sitzgruppe in den Schatten der Foresterie und am Nachmittag in den Schutz des Exerzitienhauses. Nur die Sportlichen unter uns tragen die schweren Sessel alleine. Bänke und Tische brauchen jedenfalls immer mindestens zwei von uns für die Verschiebung um ein paar Meter – ein willkommenes, zum Ritual gewordenes Gemeinschaftserlebnis.
In Göttweig könnte ich meine Uhr und mein Handy an der Pforte abgeben. Die Gebetszeiten hören wir am rechtzeitigen Glockenläuten und Mobiltelefone sind hier gleich überflüssig wie Fernseher. Beim Läuten der Glocken unterbrechen die Mönche ihre Arbeit und kommen zum Chorgebet. Auch vom entlegensten Punkt der Abtei sind sie damit pünktlich und haben noch Zeit, in Stille einen Angelus zu beten. Ich bin da weniger geübt. Deshalb stelle ich mir den Wecker 15 Minuten vorher und genieße es, zu früh in der Kirche zu sein und die Gedanken schweifen zu lassen. Das Chorgebet ordnet sie dann wieder und führt zurück zur Mitte.
Nach zwei Stunden gemeinsamen Vertiefens in die Bibel bleibt noch eine dreiviertel Stunde für Telefonate, Zeitung, Mails oder einfach zum Reflektieren und Schreiben. Dann wird es Zeit, zur Mittagshore in der Pfarrkirche hinaufzugehen. Dort könnte man mitlesen. Neue vereinfachte Bücher liegen für uns Gäste bereit und der QR-Code im Tagesplan führt zu einer Homepage, die genau weiß, welche Seiten aufzuschlagen sind. Ich genieße es eher, dem Choralgesang zu lauschen, die Stimmung zu spüren und mich in Gedanken zu verlieren und wieder zu sammeln. „Herunter kommen“ nennen das hier die meisten Gäste.
Nach einer halben Stunde so gegen 12:30 sind wir alle wieder im Refektorium. Wir warten, bis jeder an seinem Platz steht. Dann liest Pater Christian ein kurzes Mittagsgebet aus dem braunen Heftchen vor, das ich seit meinem ersten Besuch 2010 kenne.
Gegessen wird schweigend und achtsam. „Kannst Du mir bitte den Wasserkrug reichen?“ – das geht mit einer dezenten Handbewegung und einem dankbaren Lächeln schneller und aufmerksamer als mit gesprochenen Worten. Wir sind heuer zehn Personen – fünf Frauen und fünf Männer. Die andere Gruppe „Schweige- und Einzelexerzitien“ hat 14 Teilnehmer. Das Refektorium bietet bequem Platz für 26 Menschen an fünf Tischen. In aller Ruhe warten wir bei leiser Barockmusik, bis die Kollegin vor mir ihren Salat genommen hat. Auch vor der Suppenschüssel stehen gerade drei Freunde und einige holen sich bereits das Hauptgericht – heute geschmorte Hühnerkeulen mit Reis und Gemüse. Achtsamkeit greift Raum. Aufmerksamkeit formt Gemeinschaft. Stille tut gut.
Einige von uns lassen sich Zeit beim Essen. Andere sind schneller und stehen früher auf. Das Gehen bleibt fast lautlos. Jeder will dem anderen spürbar guttun.
Jetzt ist eine gute Zeit für eine Siesta. Ab 14:00 gibt es dann Kaffee und Kuchen oder Obst für alle, die das wollen.
Der Nachmittag ist frei. Die Gedanken sind es auch. Eine kurze Wanderung hinüber in das ursprüngliche erste Göttweig nach St. Georg auf den Hügel im Osten der Abtei mit einem wunderbaren Blick zurück. Oder Baden in der Donau, ein Spaziergang durch die Weinberge, ein Bummel durch die Altstadt von Krems, der Besuch einer Ausstellung in Stift Dürnstein oder einfach nur die Ruhe in Göttweig genießen, lesen, schreiben, denken, danken, bitten und beten. Alle machen, was ihnen guttut.
Ich habe in den letzten Tagen die Stille im Zimmer bei offenen Fenstern genossen und an dieser Homepage gearbeitet – einfach, weil mir das Spaß macht. Morgen treffe ich Freunde in Dürnstein. Um 17:45 werde ich wieder hier sein. Denn um 18:00 möchte ich bei der Vesper mitbeten. Der Rhythmus, die Texte, die Stimmung, das Erleben von Gemeinschaft im Wechsel mit dem Alleinsein – das hat Kraft und tut mir gut.
Nach dem einfachen Abendessen treffen wir uns um 19:30 zur zweiten Bibelrunde des Tages. Dieser Programmpunkt heißt „offene Fragen“. Es gibt keine erkennbare Gesprächsstruktur und doch herrscht Ordnung. Jeder ist interessiert an den Fragen der anderen und an den Antworten von P. Johannes Paul, den Gedanken von Brigitte, Marianne und Thomas. Wenn es passt, trinken wir dann gemeinsam ein Gläschen Wein. Auch das hat seine unvereinbarte Ordnung und ergibt sich. Wasser ist genauso fein wie Wein, Tee oder Café. Im Zentrum steht der Austausch in der Gemeinschaft – niveauvoll, pointiert, mit gutem Witz und Charme. Und wer in sein Zimmer vorausgehen will, tut das einfach – mit dem guten Gefühl, dass nicht über die Abwesenden gesprochen wird, sondern eher über Gott und die Welt…
Elf Jahre, zwei Bücher
Am Sonntagabend begann JP mit einem Rückblick. Seit 2015 lesen wir gemeinsam die großen Erzählungen der Tora: von der Schöpfung über Kain und Abel, Noach und Babel zu Abraham, Isaak, Rebekka, Jakob, Esau und Josef. Seit drei Jahren begleiten wir Mose und das Volk Israel – vom Auszug aus Ägypten bis zum Sinai. Im vergangenen Jahr waren wir schließlich dort angekommen, wo Mose in einer Vision erfährt, wie die Wohnung Gottes aussehen soll. Elf Jahre stille Bibeltage, wenige Bücher der Bibel. Auch das ist eine Form von Langsamkeit.
Das Beste, das sie damals hatten
In diesem Jahr lesen wir weiter. Die letzten Kapitel des Buches Exodus. Und wieder sind es Texte, über die man beim gewöhnlichen Bibellesen leicht hinwegliest.
Da wird gesammelt, gebaut und gearbeitet. Akazienholz wird zugeschnitten und mit Gold überzogen. Gold wird zu dünnen Blechen geschlagen und in feinste Fäden geschnitten. Edelsteine werden geschliffen und mit Namen graviert. Flachs wird zu feinstem Byssus verarbeitet, Garne werden gefärbt, gesponnen, gezwirnt, gewebt und zu kostbaren Gewändern vernäht.
Was hier beschrieben wird, ist keine primitive Welt.
Als die Bundeslade gebaut wird, beherrschen Menschen das Feuer seit Hunderttausenden Jahren. Sie malen seit Zehntausenden Jahren Bilder, betreiben seit Jahrtausenden Landwirtschaft und haben längst gelernt, Metalle zu gewinnen und zu bearbeiten. Sie schreiben, bauen große Städte und schaffen Kunstwerke von erstaunlicher Präzision.
Die Bundeslade steht nicht am Anfang der menschlichen Kulturgeschichte. Sie entsteht in einer Welt, die bereits auf einem ungeheuren Schatz weitergegebenen Wissens aufbaut.
Für die Wohnung Gottes kommt zusammen, was Menschen bis dahin gelernt hatten, aus den Dingen dieser Welt zu machen.
Vom Feuer zur KI. Als die letzten Kapitel des Exodus entstehen, sind viele grundlegende Kulturtechniken der Menschheit bereits seit Jahrtausenden bekannt. Die Bundeslade verbindet einige der anspruchsvollsten von ihnen: Holzverarbeitung, Metallkunst, Textilherstellung und die Bearbeitung von Edelsteinen.
Nach der Abrechnung am Ende des Buches Exodus wurden für das Heiligtum ungefähr eine Tonne Gold und 3,4 Tonnen Silber verwendet. Zum heutigen Materialwert im Juli 2026 wären das rund 115 bis 120 Millionen Euro in Gold und weitere 5,5 bis 6 Millionen Euro in Silber.
Das Silber hatte vor allem Gewicht im wörtlichen Sinn: Aus hundert Talenten wurden hundert massive Sockel für das Heiligtum und den Vorhang gegossen – ein Talent Silber für jeden einzelnen Sockel.
Das Silber erzählt noch eine andere Geschichte. 603.550 Männer ab zwanzig Jahren wurden gezählt. Auf jeden von ihnen entfiel ein halber Schekel – der Reiche nicht mehr, der Arme nicht weniger.
So kamen mehr als drei Tonnen Silber zusammen. Nicht durch die Großzügigkeit einiger weniger, sondern durch den gleichen Beitrag von Hunderttausenden.
Die Wohnung Gottes wurde von allen getragen.
Aus einer Pflanze wird ein kostbarer Stoff
Ganz anders als Gold und Silber beginnt der nächste kostbare Werkstoff mit etwas höchst Unscheinbarem: einer Pflanze.
Immer wieder verlangt der Text „gezwirnten Byssus“. Daraus werden die kostbaren inneren Zeltbahnen gefertigt, der Vorhang vor dem Allerheiligsten und die Vorhänge an den Eingängen. Auch in den Gewändern des Hohenpriesters begegnet er uns wieder: im Efod und in der Brusttasche, verbunden mit blauem und rotem Purpur, Karmesin – und sogar mit feinen Goldfäden. Andere priesterliche Kleidungsstücke bestehen ganz aus diesem feinen Gewebe.
Byssus war feinstes Leinen aus Flachs. Und bis aus der unscheinbaren Pflanze ein solcher Stoff wurde, war es ein weiter Weg.
Der Flachs wurde geerntet – genauer: möglichst mit der Wurzel aus dem Boden gerauft, damit die Fasern ihre volle Länge behielten. Samenkapseln und Blätter wurden entfernt. Dann ließ man die Stängel kontrolliert durch Feuchtigkeit und Mikroorganismen anrotten. Bei diesem sogenannten Rösten lösen sich jene Pflanzenstoffe, die die langen Fasern mit dem holzigen Inneren des Stängels verbinden.
Danach wurde der Flachs getrocknet und gebrochen. Die zertrümmerten Holzteilchen mussten herausgeschlagen und abgeschabt werden. Schließlich zog man die Faserbündel durch kammartige Werkzeuge, bis nur noch lange, feine und möglichst parallel liegende Fasern übrig blieben.
Erst jetzt begann die eigentliche Textilarbeit.
Aus den lockeren Fasern wurde ein möglichst dünner und gleichmäßiger Faden gesponnen. Für den im Exodus ausdrücklich verlangten gezwirnten Byssus genügte aber selbst das noch nicht: Mehrere bereits gesponnene feine Fäden wurden noch einmal kontrolliert miteinander verdreht. Erst danach konnten sie auf dem Webstuhl zu einem dichten, feinen Gewebe verarbeitet werden.
Vom Feld bis zum fertigen Stoff waren also zahlreiche Arbeitsschritte notwendig:
Zwirnen und Weben von Leinen, Ägypten, um 1900 v. Chr. Frauen verarbeiten Leinenfäden und weben Stoff auf einem Bodenwebstuhl. Darstellung aus dem Grab des Khnumhotep II in Beni Hasan; Faksimile von Norman de Garis Davies, 1931. Metropolitan Museum of Art, New York.
Je feiner und gleichmäßiger der fertige Stoff sein sollte, desto größer waren das Können, die Sorgfalt und vor allem die Zeit, die in ihm steckten.
Gold war schon kostbar, bevor der Mensch es berührte. Flachs wurde erst durch menschliche Arbeit kostbar.
Und was ist mit der Muschelseide?
Bis heute hält sich ein hartnäckiges Missverständnis: Byssus sei ein kostbarer Stoff aus den feinen Fäden bestimmter Muscheln gewesen – sogenannte Muschelseide.
Mit dem Byssus des Exodus hat das nichts zu tun.
Der biblische Byssus war feinstes Leinen aus pflanzlichen Fasern. Die Verwirrung entstand erst viel später durch die Geschichte des Wortes. Felicitas Maeder hat diese Entwicklung genau untersucht: In den antiken Quellen bezeichneten byssos und byssus feine pflanzliche Textilien. Erst im 16. Jahrhundert wurde das alte Wort auch auf den Faserbart von Muscheln übertragen.
Der französische Naturforscher Guillaume Rondelet unterschied 1555 ausdrücklich zwischen einem Byssus vom Land und einem Byssus aus dem Meer. Von da an begann sich die neue zoologische Bedeutung auszubreiten.
Die Richtung der Namensgebung war also genau umgekehrt, als man heute leicht vermutet:
Nicht der biblische Byssus wurde nach der Muschel benannt. Die Muschelfaser wurde rund 2.000 Jahre später nach dem alten kostbaren Textil benannt.
Quelle: Felicitas Maeder, „Byssus und Muschelseide. Ein sprachliches Problem und seine Folgen“, 2016.
Und vieles wäre noch zu entdecken
Vieles wäre noch interessant.
Wie wurden die Edelsteine geschliffen und graviert – ohne moderne Werkzeuge? Warum finden wir unter all den kostbaren Steinen keine funkelnden Brillanten? Wie gewann man das tiefe Blau, den Purpur und das Karmesin? Wie schnitt man Gold in so feine Streifen, dass man es gemeinsam mit Garn verweben konnte? Wie viele Menschen arbeiteten an all dem? Und wie lange?
Aber für heuer reicht es.
Denn vielleicht haben wir etwas Wesentliches verstanden.
Die Menschen gaben Gold, Silber, Bronze, Edelsteine und kostbare Stoffe. Doch das Wertvollste, das sie wirklich selbst schenken konnten, war ihre Zeit.
Sie nahmen, was wertvoll war, und machten daraus mit ihrem Können, ihrer Sorgfalt und ihrer Geduld etwas noch Wertvolleres – für das Wertvollste, das sie hatten:
für Gott.
Und deshalb nehmen auch wir uns gerne Zeit.
55 Tage, um zwei von 73 Büchern der Bibel zu lesen.