Kategorie: Kultur und Kunst

Inspirierende Bilder · Gute Unterhaltung · Feine Kulinarik

  • Todsünden und letzte Dinge

    Dieses Werk von Hieronymus Bosch, Die sieben Todsünden und die vier letzten Dinge (um 1500), gehört zu den eindrucksvollsten moralisch-theologischen Bildprogrammen der europäischen Kunstgeschichte.

    Auf den ersten Blick erinnert das Gemälde an ein gewaltiges Auge. Tatsächlich ist dies die zentrale Bildidee: Die Welt wird vom Blick Gottes durchdrungen. Im strahlenden Mittelpunkt erscheint Christus als der auferstandene Weltenrichter. Er erhebt seine rechte Hand zum Segen und zeigt zugleich die Wundmale seines Leidens. Um ihn breitet sich ein goldener Strahlenkranz aus, der das gesamte Bild zusammenhält. Darunter steht in lateinischer Sprache: „Cave, cave, Deus videt“ – „Hüte dich, hüte dich, Gott sieht.“

    Um dieses göttliche Auge entfaltet sich wie ein Rad des menschlichen Lebens die Darstellung der sieben Todsünden. Jede Szene zeigt keine außergewöhnlichen Verbrechen, sondern alltägliche Situationen: Stolz, Geiz, Wollust, Neid, Völlerei, Zorn und Trägheit erscheinen mitten im gewöhnlichen Leben. Bosch verzichtet auf abstrakte Symbole und erzählt stattdessen kleine Geschichten voller feiner Beobachtungen. Menschen streiten, prahlen, genießen maßlos, betrügen oder verschlafen ihre Berufung. Gerade diese Nähe zum Alltag macht die Darstellung bis heute so eindringlich.

    Die kreisförmige Anordnung lässt den Eindruck entstehen, als drehe sich das menschliche Leben unaufhörlich um dieselben Versuchungen. Jede Sünde scheint aus der vorhergehenden hervorzuwachsen. Das Auge Gottes in der Mitte bleibt dabei unbewegt – ruhig, wachsam und zugleich barmherzig.

    In den vier Ecken des Bildes befinden sich runde Medaillons mit den vier letzten Dingen des Menschen: links oben der Tod, rechts oben das Jüngste Gericht, links unten die Hölle und rechts unten die Herrlichkeit des Himmels. Sie bilden den äußeren Rahmen der menschlichen Existenz. Das tägliche Handeln erhält dadurch eine ewige Perspektive: Das Leben ist nicht bedeutungslos, sondern mündet in eine endgültige Begegnung mit Gott.

    Über und unter dem Hauptbild verlaufen Spruchbänder mit Bibelzitaten aus dem Buch Deuteronomium. Sie mahnen den Menschen, Weisheit zu suchen und sich nicht der Torheit hinzugeben. Das gesamte Gemälde wird dadurch zu einer großen Meditation über Freiheit und Verantwortung.

    Bosch malt keine Welt der Hoffnungslosigkeit. Sein Blick ist zwar unerbittlich ehrlich, aber nicht zynisch. Im Mittelpunkt steht nicht die Sünde, sondern Christus. Nicht das Böse beherrscht das Bild, sondern der auferstandene Herr, dessen Licht bis in die dunkelsten Winkel des menschlichen Lebens reicht. Gerade deshalb wirkt das Gemälde weniger wie eine Drohung als wie eine Einladung zur Umkehr – zu einem Leben, das sich nicht um die eigenen Begierden dreht, sondern um Gott, der den Menschen sieht, kennt und liebt.

    Hieronymus Bosch (um 1450–1516), eigentlich Jheronimus van Aken, zählt zu den bedeutendsten Malern der niederländischen Spätgotik und der frühen Renaissance. Er wurde in ’s-Hertogenbosch (Den Bosch) geboren und verbrachte dort nahezu sein gesamtes Leben. Bosch entstammte einer Malerfamilie und schloss sich 1488 der angesehenen Illustren Liebfrauenbruderschaft an, einer religiösen Gemeinschaft, deren Mitglieder aus den führenden Kreisen der Stadt stammten. Über sein persönliches Leben ist nur wenig bekannt, doch seine Werke machten ihn bereits zu Lebzeiten weit über seine Heimat hinaus berühmt. Seine Auftraggeber fanden sich im Hochadel und im Klerus; später wurde insbesondere König Philipp II. von Spanien zu einem der bedeutendsten Sammler seiner Gemälde.

    Bosch verband eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe mit einer einzigartigen Bildsprache. In seinen Gemälden verschmelzen Alltag, Symbolik und fantastische Wesen zu tiefgründigen Erzählungen über das menschliche Leben. Bis heute geben seine Bilder der Kunstgeschichte Rätsel auf und laden immer wieder zu neuen Deutungen ein. Viele Kunsthistoriker sehen in seinem Werk vor allem eine eindringliche Mahnung, das eigene Leben im Licht des Evangeliums zu betrachten – nicht aus Angst, sondern im Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.

  • Carmen, meine erste große Opernliebe

    Ein Abend beim Wiener Opernsommer am Heumarkt

    Begonnen hat alles mit dieser kleinen grünen Schleife.

    Die Karten für Carmen beim Wiener Opernsommer waren ein Weihnachtsgeschenk von Gudrun. Viele Monate später saßen wir nun zu dritt am Wiener Heumarkt: Gudrun, Yuliya und ich – unter einem dramatischen Sommerhimmel, vor einer Bühne voller spanischer Farben, großer Stimmen und einer Musik, die mich beinahe mein ganzes Leben begleitet.

    Meine große Liebe zu Carmen begann, als ich 16 Jahre alt war. Unser Musikprofessor gehörte zu jenen Lehrern, die einem jungen Menschen etwas fürs Leben schenken können. Er brachte uns Bizets Oper über Wochen intensiv nahe. Wir lasen gemeinsam das Libretto, studierten die Partitur, hörten einzelne Instrumentalstimmen, Arien, Duette und Chöre und lernten die musikalischen Motive kennen.

    Am Ende besuchten wir als ganze Klasse Carmen im Tiroler Landestheater.

    Es war die erste Oper meines Lebens, auf die ich wirklich vorbereitet war. Ich saß nicht einfach im Zuschauerraum und ließ Musik auf mich einströmen. Ich konnte hören, was geschah. Ich erkannte Motive wieder, verstand Zusammenhänge und wartete auf Arien und Chöre, die mir bereits vertraut waren.

    Vielleicht ist genau das der Grund, warum Carmen bis heute meine Lieblingsoper geblieben ist.

    Ich habe sie inzwischen mehr als dreißig Mal erlebt – in großen Opernhäusern und unter freiem Himmel, traditionell und modern inszeniert. Ich kann also vergleichen.

    Und die Carmen des Wiener Opernsommers 2026 gehört für mich zu den besonders gelungenen Begegnungen mit diesem Werk.

  • Parsifal – Hörbegleiter

    https://oe1.orf.at/programm/20260627/835759/Richard-Wagner-Parsifal

    Opernabend – Wiener Festwochen 2026

    Richard Wagner: „Parsifal“
    Mit Russell Thomas (Parsifal), Dshamilja Kaiser (Kundry / Stimme aus der Höhe), Albert Dohmen (Gurnemanz), Kartal Karagedik (Amfortas), Werner Van Mechelen (Klingsor), Kurt Rydl (Titurel), u.a..
    Arnold Schönberg Chor, Gumpoldskirchner Spatzen, ORF Radio-Symphonieorchester Wien; Dirigentin: Yi-Chen Lin
    (aufgenommen im Juni 2026 in der Halle E des Wiener Museumsquartiers im Rahmen der Wiener Festwochen, in 5.1 Surround Sound)

    Opernabend – Wiener Festwochen 2026

    Richard Wagners letztes, nur wenige Monate vor seinem Tod uraufgeführtes Musikdrama, das Bühnenweihfestspiel Parsifal – es ist nicht nur ein Werk gewaltiger Dimensionen, sondern auch bemerkenswert in der Entstehungsgeschichte. Die Ursprünge zu diesem Werk gehen nämlich zurück bis ins Jahr 1845. Wagner hat damals den Prosaentwurf zu seiner romantischen Oper Lohengrin vollendet – und bei der Beschäftigung mit diesem Sujet war er mit der Parsifal-Thematik in Berührung gekommen.

    Das erste Resultat aus der Beschäftigung mit Wolfram von Eschenbachs Parzival war zwar Lohengrin, aber auch bei seiner Beschäftigung mit Tristan und Isolde wollte Wagner das Sujet wieder aufgreifen; im dritten Aufzug, wenn Tristan krank darnieder liegt, wollte der Komponist Parzival auftreten lassen – eine Idee, die er dann wieder verworfen hat, aber das Thema hatte sich bei ihm festgesetzt. 1857 will Wagner laut seinen eigenen Lebenserinnerungen eines Morgens bei Sonnenschein erwacht sein. „Das Gärtchen war ergrünt, die Vögel sangen. Hiervon erfüllt sagte ich mir plötzlich, dass heute ja Karfreitag sei und entsann mich, wie bedeutungsvoll mir diese Mahnung schon einmal in Wolfram von Eschenbachs Parzival aufgefallen war. Von dem Karfreitagsgedanken aus konzipierte ich schnell ein ganzes Drama, in drei Akten, welches ich sofort flüchtig skizzierte.“ Soweit Wagner im Zitat – allerdings stimmen diese Erinnerungen nicht ganz. Wagner bezog sein „Asyl“, auf das sich das Zitat bezieht, erst 18 Tage nach dem Karfreitag des Jahres 1857 – und die erste genannte Skizze ist nicht dokumentiert. Der erste vorhandene Entwurf entstand 1865, die Dichtung war 1877 vollendet, die Orchesterskizze 1879 und die gesamte Partitur schließlich 1882 – wobei auch hier gemogelt wurde, denn der Schlußeintrag der Partitur wurde auf den Geburtstag von Ehefrau Cosima Wagner rückdatiert.

    Die Uraufführung des Bühnenweihfestspiels Parsifal ging am 26. Juli 1882 bei den damals zweiten Bayreuther Festspielen über die Bühne; wäre es nach dem Wunsch des Komponisten und seiner Erben gegangen, hätte das Werk ausschließlich in Wagners Festspielhaus auf dem „grünen Hügel“ von Bayreuth zur Aufführung kommen sollen. Die Metropolitan Opera von New York ignorierte jedoch diese Wünsche und brachte Parsifal schon 1903 heraus. Andere große Bühnen warteten bis zum Ablauf der „Schutzfrist“ im Jahr 1913- unter anderem die Wiener Hofoper, in der Parsifal erstmals im Jänner 1914 erklang.

    In einer 2025 erarbeiteten, viel diskutierten Produktion der deutschen Regisseurin Susanne Kennedy gemeinsam mit dem bildenden Künstler Markus Selg für die Oper in Gent wird Parsifal in diesem Juni bei den Wiener Festwochen präsentiert; Yi-Chen Lin leitet dabei das ORF Radio-Symphonieorchester Wien.

    Text: Michael Blees

    Das vollständige Libretto in Deutsch:
    https://opera-guide.ch/operas/parsifal/libretto/de/

    Als Referenz empfohlen

    🎧 Daniel Barenboim – Richard Wagner: Parsifal (Berliner Philharmoniker, 1991)

    Spotify:
    Parsifal – Daniel Barenboim (Gesamtaufnahme)

    Alternativ gibt es auch eine gekürzte Highlights-Version:

    Parsifal – Highlights (Barenboim)

    Besetzung dieser Referenzaufnahme

    • Parsifal: Siegfried Jerusalem
    • Kundry: Waltraud Meier
    • Gurnemanz: Kurt Moll
    • Amfortas: José van Dam
    • Klingsor: Günter von Kannen
    • Dirigent: Daniel Barenboim
    • Orchester: Berliner Philharmoniker
  • Die Bachmann mit dem Peter vergleichen – darf man denn das?

    Hier Ingeborg Bachmann, eine der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Dort Peter Alexander, Sänger, Schauspieler und der wohl größte Entertainer, den Österreich hervorgebracht hat.

    Die eine findet man im Literaturkanon. Den anderen in den Familienalben, den Plattenschränken und den Erinnerungen an den Samstagabend.

    Und doch drängt sich der Vergleich auf.

    Nicht zuletzt deshalb, weil sie fast gleich alt waren. Ingeborg Bachmann wurde am 25. Juni 1926 geboren, Peter Alexander nur fünf Tage später, am 30. Juni. Beide wuchsen im selben Land auf, erlebten Krieg und Wiederaufbau und wurden zu Symbolfiguren ihrer Zeit.

    Nur ihre Bühne war eine andere.

    Bachmann suchte nach den richtigen Worten für eine verletzte Welt. Sie schrieb über Wahrheit, Liebe, Macht und Einsamkeit. Ihre Texte sind oft anspruchsvoll, manchmal sperrig und bis heute Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.

    Peter Alexander wollte die Welt nicht erklären. Er wollte sie für einen Augenblick leichter machen. Mit Musik, Humor und Charme schenkte er Millionen Menschen unbeschwerte Stunden. Das war keine kleine Kunst, sondern große Unterhaltung.

    Merkwürdig eigentlich, dass wir Literatur so oft höher bewerten als Unterhaltung.

    Denn beide verlangten ihrem Publikum etwas ab.

    Bei Bachmann war es Konzentration.

    Bei Peter Alexander Offenheit für Freude.

    Beide arbeiteten mit höchster Disziplin. Beide waren Perfektionisten. Keiner von ihnen überließ seinen Erfolg dem Zufall.

    Auch wirtschaftlich verliefen ihre Lebenswege unterschiedlich. Bachmann konnte von ihrer Literatur leben – eine bemerkenswerte Leistung, reich machte sie das jedoch nicht. Peter Alexander hingegen wurde zu einem der erfolgreichsten Unterhaltungskünstler Europas. Filme, Schallplatten und Fernsehen machten ihn auch finanziell außerordentlich erfolgreich.

    Wer von beiden war der größere Künstler?

    Vielleicht ist das die falsche Frage.

    Die eine hinterließ Bücher, die auch fünfzig Jahre nach ihrem Tod noch gelesen und diskutiert werden.

    Der andere hinterließ Lieder und Fernsehmomente, die Generationen von Menschen mit einem Lächeln verbinden.

    Kunst muss nicht immer dieselbe Aufgabe erfüllen. Sie kann uns helfen, die Welt besser zu verstehen und sie (trotzdem) besser auszuhalten.

    Ich liebe beide. Nur dass ich ihn immer gleich verstand und sie mir heute noch Rätsel aufgibt.