Autor: Thomas Pöll

  • „Und vergib UNS UNSERE Schuld…“

    „Und vergib UNS UNSERE Schuld…“

    Ein Beitrag für BiM – Bibel im Museum von Thomas Pöll

    Mt 18, 21-35

    24. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

    Domenico Fetti: Das Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht
    Entstehung: ca. 1619–1621
    Technik: Ölmalerei
    Standort: Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Galerie-Nr.: 419

    Das Evangelium

    „In jener Zeit trat Petrus zu Jesus und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt?
    Bis zu siebenmal?
    Jesus sagte zu ihm: Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal,
    sondern bis zu siebzigmal siebenmal.

    Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Knechten Rechenschaft zu verlangen. Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war. Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen.

    Da fiel der Knecht vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen. Der Herr des Knechtes hatte Mitleid, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld.

    Als nun der Knecht hinausging, traf er einen Mitknecht,
    der ihm hundert Denare schuldig war.
    Er packte ihn, würgte ihn und sagte: Bezahl, was du schuldig bist!Da fiel der Mitknecht vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen.

    Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe.

    Als die Mitknechte das sahen, waren sie sehr betrübt;
    sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war.

    Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Knecht!
    Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast. Hättest nicht auch du mit deinem Mitknecht Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?

    Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Peinigern,
    bis er die ganze Schuld bezahlt habe.

    Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln,
    wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt.“

    Das Bild

    Das um 1618–1621 entstandene Bild des italienischen Barockmalers Domenico Fetti (ca. 1589 bis 1623) gehört zu einem Zyklus kleinformatiger Gleichnisdarstellungen, den er für Herzog Ferdinando Gonzaga in Mantua schuf. Er verbindet darin den dramatischen Realismus Caravaggios mit der Körperlichkeit von Rubens und der atmosphärischen Farbigkeit der venezianischen Malerei. Fetti versetzt ähnlich Caravaggio die Gleichnisse Jesu in die Welt gewöhnlicher Menschen. Arbeiter, Bauern, Bettler und Schuldner werden zu den Protagonisten. 

    Für das Gleichnis aus Mt 18,23–35 wählt Fetti einen bemerkenswerten Augenblick: Er zeigt nicht den König, der seinem Knecht die ungeheure Schuld von 10.000 Talenten (nach heutigen Maßstäben Milliarden Euro!) erlässt. Ebenso wenig zeigt er dessen spätere Bestrafung. Er malt den Moment dazwischen: Der eben begnadigte Knecht begegnet einem Mitknecht, der ihm hundert Denare (auch noch drei bis vier Monatsgehälter) schuldet, packt ihn und fordert: „Bezahle, was du schuldig bist!“ 

    Die Schuld ist also real. Aber sie steht in keinem Verhältnis zu jener Barmherzigkeit, von der der erste Knecht selbst gerade leben durfte – und generell lebt.

    Dazu passt die Lichtführung. Hell und Dunkel gehen von oben nach unten ineinander über, die Atmosphäre bleibt unruhig und bedrängend. Der Wechsel ins Dunkel lässt sich dabei auch als Bild für das Geschehen des Gleichnisses lesen: Der Knecht kommt aus der Erfahrung einer geradezu grenzenlosen Barmherzigkeit – und geht wieder in „seine“ Welt, in der Schuld eingefordert, Macht ausgeübt und ein anderer Mensch festgehalten wird.

    Hier reicht der kurze Weg dazwischen, damit die Erfahrung der Vergebung ihre Kraft verliert. Bildlich gesprochen: Er kommt aus dem Licht und handelt wieder im Dunkel. 

    Dass Fetti weder Christus noch den König zeigt, verstärkt die Wirkung. Der Betrachter kann den Blick nicht auf eine heilige Gestalt richten. Er muss bei den beiden Männern bleiben.

    Das kleine Format – nur etwa 61 × 44,5 Zentimeter – macht diese Begegnung noch intimer. Fettis Parabelbilder waren keine monumentalen Altarbilder, sondern Bilder für die Betrachtung aus der Nähe. Wer davorsteht, wird fast zum Zeugen der bedrängenden Szene. 

    Vielleicht liegt gerade darin Fettis besondere Kunst: Er illustriert das Gleichnis nicht einfach. Er bringt es so nahe, dass die Distanz von zweitausend Jahren verschwindet. Übrig bleiben zwei Menschen, zwei Körper, zwei Paar Hände – und die Frage, ob empfangene Barmherzigkeit tatsächlich das eigene Handeln verändert.

    Und wüssten wir nicht, dass Domenico Fetti ein biblisches Gleichnis illustriert, könnte es eine Szene aus dem Alltag sein – damals und heute.

    Die Vaterunser-Bitte und die Betonung

    Die fünfte Bitte im Vaterunser lautet: „Und vergib uns unsere Schuld – wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“.

    Oft rasseln wir sie einfach beiläufig herunter, wozu auch das „und“ am Anfang beitragen mag, im Sinn von: ach, übrigens. Dazu betonen in der Regel Priester und Volk im Chor: „Und vergib uns unsere SCHULD – wie auch wir vergeben unseren SCHULDIGERN.“ – Ich plädiere da schon länger für eine andere Betonung – und die passt exakt zum gegenständlichen Gleichnis: 

    „Und vergib UNS UNSERE Schuld – wie auch wir vergeben UNSEREN Schuldigern.“

    Wenn man da tief hinein geht, kommt sogar die Vergebung gegenüber UNSEREN Schuldigern zeitlich zuerst (aber das ist nicht Gottes Denken). Maximal ist es ein ständiges Wechselspiel. Dazu kommt: auch WIR werden ja ANDEREN (also nicht „nur“ Gott gegenüber) gegenüber immer wieder schuldig, greifen zu kurz, lieben nicht genug – und all das zumeist ohne böse Absicht. Und schließlich: wir verknüpfen oft Vergebung mit Vergessen und dem Wegschieben jenes Teils der Konsequenzen, die von Handlungen bleiben – egal ob vergeben oder nicht. Und weil wir dann irgendwann draufkommen, dass wir in diesem Sinn gar nicht vergessen können, lassen wir die Vergebung auch gleich mit fallen.

    Fragen, die wir uns stellen können

    • Wie schaffe ich es, dass Gottes Liebe und Barmherzigkeit mir so allgegenwärtig sind, dass ich zumindest nachdenke, ehe ich andere auf einer (tatsächlichen oder geglaubten) Schuld festnagle und ihnen so die Luft zum Atmen nehme?
    • Wie fühle ich selber mich als Beschenkter von Gott, wenn mich ein anderer Schuldner, der gleichzeitig mein Gläubiger ist, angreift?
    • Wie schaffe ich es, Vergebung und Vergessen unter Menschen so zu trennen, dass ich Gott UND der menschlichen Realität gerecht werde?enenKreuz (nicht dem eines anderen) nachzufolgen?

  • „Christus nichts vorziehen“

    „Christus nichts vorziehen“

    Ein Beitrag für BiM – Bibel im Museum

    Mt 16, 21-27

    22. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A


    Ikone des Heiligen Benedikt, geschrieben von Thomas Pöll im August 2026 bei den Benediktinerinnen der Anbetung in Wien unter Anleitung von Sr. Rafaela Kolodziejak OSB

    Das Evangelium

    In jenen Tagen
    begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären,
    er müsse nach Jerusalem gehen
    und von den Ältesten,
    den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten vieles erleiden;
    er werde getötet werden,
    aber am dritten Tag werde er auferstehen.

    Da nahm ihn Petrus beiseite
    und machte ihm Vorwürfe;
    er sagte: Das soll Gott verhüten, Herr!
    Das darf nicht mit dir geschehen!

    Jesus aber wandte sich um
    und sagte zu Petrus: Weg mit dir, Satan,
    geh mir aus den Augen!
    Du willst mich zu Fall bringen;
    denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will,
    sondern was die Menschen wollen.

    Darauf sagte Jesus zu seinen Jüngern:
    Wer mein Jünger sein will,
    der verleugne sich selbst,
    nehme sein Kreuz auf sich
    und folge mir nach.
    Denn wer sein Leben retten will,
    wird es verlieren;
    wer aber sein Leben um meinetwillen verliert,
    wird es gewinnen.

    Das Bild

    Warum eine Ikone des Heiligen Benedikt zu diesem Evangelium?

    Das hat zunächst praktische Gründe: Der Autor dieses Textes und Schreiber der Ikone befand sich in den acht Tagen inklusive dem 22. Sonntag im Jahreskreis in Klausur bei eben dem Kurs, in dem die Ikone entstand.

    Daher entfiel der übliche Prozess der Annäherung und Auswahl für Bilder zum Evangelium aus der Kunstgeschichte. Die Überlegung war dann kurz: Gibt es eine bestehende Ikone, die die Szene wiedergibt, in der Jesus Petrus so hart angeht?

    Die Antwort: nein. Es gibt etliches mit der Geschichte davor, der Schlüsselübergabe an Petrus mit dem Auftrag, die Kirche Jesu zu bauen – aber nichts (von Rang) mit dieser Perikope, die uns „Normalgläubige“ ja vor allem mit dem Schluss beschäftigt: 

    „Wer mein Jünger sein will,
    der verleugne sich selbst,
    nehme sein Kreuz auf sich
    und folge mir nach.
    Denn wer sein Leben retten will,
    wird es verlieren;
    wer aber sein Leben um meinetwillen verliert,
    wird es gewinnen.

    Ehe ich das Ganze aber ausfallen lasse oder mir etwas Flaches zusammen konstruiere, bleibe ich im Reich der Ikonen und bleibe bei Benedikt, denn:

    Am 30.8. schließt sich inhaltlich mit dem Abschnitt 72 die Regel des Heiligen Benedikt, nach der die Mönche leben und an der auch ich als Oblate von Stift Göttweig mich orientiere (es folgt mit RB 73 noch ein Schlussabschnitt, der alles zusammenfasst, aber RB 72 beendet quasi den Korpus der Regel).

    RB 72 – Der gute Eifer der Mönche

    „Wie es einen bitteren und bösen Eifer gibt, der von Gott trennt und zur Hölle führt, so gibt es den guten Eifer, der von den Sünden trennt, zu Gott und zum ewigen Leben führt.

    Diesen Eifer sollen also die Mönche mit glühender Liebe in die Tat umsetzen, das bedeutet: Sie sollen einander in gegenseitiger Achtung zuvorkommen; ihre körperlichen und charakterlichen Schwächen sollen sie mit unerschöpflicher Geduld ertragen; im gegenseitigen Gehorsam sollen sie miteinander wetteifern; keiner achte auf das eigene Wohl, sondern mehr auf das des anderen; die Bruderliebe sollen sie einander selbstlos erweisen; in Liebe sollen sie Gott fürchten; ihrem Abt seien sie in aufrichtiger und demütiger Liebe zugetan.

    Christus sollen sie überhaupt nichts vorziehen. Er führe uns gemeinsam zum ewigen Leben.“

    Gedanken zu Regel und Evangelium

    Für mich schließt sich ein Kreis zwischen diesem letzten Abschnitt der Benediktsregel und dem Ende des Sonntagsevangeliums.

    Die „Selbstverleugnung“ bekommt hier eine klare „Durchführungsbestimmung“ – wie es überhaupt das Ansinnen und Projekt des Heiligen Benedikt (480-547; 1964 wurde er aufgrund seiner religiös-kulturellen Verdienste und Wirkmacht von Papst Paul VI. zum „Patron Europas“ erklärt) war, die Voraussetzungen zu formulieren, unter denen Gottsuche in Gemeinschaft gut zu praktizieren ist.

    Wer mehr über Benedikt wissen möchte, dem sei die umfangreiche Literatur empfohlen – vor allem die Bücher von Michael Casey und das kleine Büchlein von P. Johannes Paul Abrahamovicz OSB: „Benediktinisches – Ein Blick aus meiner Zelle“ (Eigenverlag, bei Interesse bitte Mail an johannes.paul@stiftgoettweig.at)

    Fragen, die man sich stellen kann

    • Wo schaffe ich es, einem Menschen so zu vertrauen, dass ich sein Wohl über mein eigenes stelle – im Vertrauen, dass er das bei mir genauso macht?
    • Wie sieht das aus: Christus nichts vorziehen?
    • Wie und wann schaffe ich das, wie und wann nicht und warum jeweils?
    • Was kann ich an jedem einzelnen Tag, in jeder Woche usw. tun, um Christus mit meinem eigenenKreuz (nicht dem eines anderen) nachzufolgen?

  • „Frau, dein Glaube ist groß“ – auch Jesus lernt


    Mt 15, 21-28

    20. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

    ein Beitrag von Thomas Pöll für BiM – Bibel im Museum
    Wien, 14.8.2026

    Ludovico Carracci: Cristo e la Cananea 1594–1595,
    Öl auf Leinwand, 170 × 225 cm, heute Pinacoteca di Brera, Inv. 96, Saal XXVIII. Das Bild entstand für den Palazzo Sampieri in Bologna und wurde 1811 für Brera erworben.
    Bild: Wikimedia Commons. Ludovico Carracci, Cristo e la Cananea, Brera.jpg|thumb|180px|Legenda

    Das Evangelium

    „In jener Zeit zog sich Jesus in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück. Und siehe, eine kanaanäische Frau aus jener Gegend kam zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.
    Jesus aber gab ihr keine Antwort.
    Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Schick sie fort, denn sie schreit hinter uns her!
    Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.
    Doch sie kam,fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir!
    Er erwiderte:Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen
    und den kleinen Hunden vorzuwerfen.
    Da entgegnete sie: Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde
    essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.
    Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß.
    Es soll dir geschehen, wie du willst. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.“

    Carraccis Bild entstand ursprünglich für den Palazzo Sampieri in Bologna. Es gehörte zu einer dreiteiligen Serie der Carracci-Brüder, in der jeweils Christus einer Frau begegnet – also keine unwesentliche Sache und schon gar kein Zufall.
    Ludovico Carracci malte „Christus und die Kanaaniterin“, Annibale Carracci „Christus und die Samariterin“ und Agostino Carracci „Christus und die Ehebrecherin“.

    Am gegenständlichen Bild finde ich vor allem die starke Achse zwischen Jesus und der Frau spannend:

    Die Frau ist zwar unten und Jesus steht über ihr. Aber psychologisch ist sie keineswegs klein. Sie schaut ihn an, hält ihm stand, argumentiert weiter. Ihre Beharrlichkeit bringt Bewegung in die Szene.

    An dieser Stelle wird ein Buch von Wilhelm Bruners interessant:

    Wilhelm Bruners: Wie Jesus glauben lernte (Verlag Herder, 2006)

    Das Buch „Wie Jesus glauben lernte“ von Wilhelm Bruners zeichnet die Geschichte Jesu als eine Geschichte auch des Lernens – und so interpretiert er auch die Begegnung Christi mit der kanaanäischen Frau.

    Diese steht in der Bibel nämlich zwischen den beiden Brotvermehrungen – der ersten, die sich von den Zahlen her an die 12 Stämme des Volkes Israel richtet, und der zweiten, die die ganze Welt, vertreten durch die sieben Heidenstämme, speist.

    Jesus hat also, so Bruners, von der kanaanäischen Frau gelernt, dass nicht nur das eigene Volk zu versorgen sei, sondern auch die anderen – die Sammlung der Völker beginnt genau hier.

    Eine Anmerkung: diese Stelle und ihre Positionierung lässt sich sehr schön mit der Parallelstelle im Markus-Evangelium auf dem Markusweg beim Haus der Stille nahe Graz erleben.

    Gedanken zum Evangelium

    Wir erleben hier keinen netten Jesus und nicht einmal einen kämpferischen, der die Dinge klarstellt, sondern einen einigermaßen schroffen, ja beleidigenden – ehe er völlig überraschend lernt.

    Denn die Dinge scheinen klar: Seine Sendung ist es, die Juden „auf Kurs zu bringen“, „zu heilen“.

    Aber die Frau bleibt scheinbar unberührt, schießt nicht dagegen und wird persönlich, sondern ist hartnäckig, erkennt Jesu Autorität an und bringt ihre Argumente. Ob Jesus sich mehr von den Argumenten oder von ihrer Hartnäckigkeit und Zuversicht überzeugen lässt, bleibt unklar – vermutlich ist es beides.

    Auf jeden Fall öffnet sie damit eine neue Welt. Und eigentlich öffnet sie sie mit einer Bitte nicht für sich selbst, sondern für ihre Tochter.

    Fragen, die man sich stellen kann

    • Wo sehen in meinem Leben die Dinge zunächst klar aus und ich vertrete sie auch so bis an die Grenze der Unhöflichkeit oder darüber hinaus?
    • Wie kann ich es schaffen, als Opfer von Herabsetzung die Fassung zu bewahren und mein Anliegen ruhig und beharrlich zu vertreten?
    • Wie lerne ich immer wieder zu schauen, ob es nicht um etwas Größeres geht, als ich gerade denke?
    • Was heißt das alles für mich in der gelebten Konsequenz? Wie setze ich es um?

  • Ein leises Säuseln

    Thomas Pöll, 9.8.2026

    Die Bibel liest das Bild. Das Bild liest die Bibel. Und beide lesen unser Leben.

    12 Nach dem Beben kam ein Feuer.
    Doch der Herr war nicht im Feuer.
    Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln.

    1 Kön 19, 9-13 – 19. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A

    Mark Rothko (1903-1970)
    Untitled, 1968
    Acryl auf Papier
    Museum of Modern Art, New York City

    Das Bild

    Die in der 1. Lesung des Tages beschriebene Szene aus der Geschichte des Propheten Elija ist wohl eine der poetischsten zumindest des gesamten Alten (Ersten) Testaments.

    Elija (neben Mose der zweite wichtigste Prophet des Judentums) hat davor in seinem Kampf gegen die falschen Propheten und Götzengläubigen Gott geradezu gezwungen, ihm mit Feuer und Blitz zur Seite zu stehen, damit Jahwes Macht als die größte Macht bewiesen werden würde.

    Dann brachte er noch etliche Hundert dieser falschen Propheten um und flüchtete schließlich vor der Rache der Königin Isebel in die Wüste. Auf dem Weg wollte er schon sterben, doch ein Engel bewahrte ihn davor, indem er ihm zu essen gab und Mut zusprach.

    So kommt Elija zum Gottesberg Horeb (dem Berg der Zehn Verheißungen, wir nennen sie oft „Gebote“) und versteckte sich in einer Höhle.

    Dort fordert ihn Gott auf, herauszukommen und sich „vor den Herrn“ zu stellen.

    Es kommen Feuer, Sturm und Erdbeben – und nirgends ist Gott drinnen. Dann kommt „ein leises, sanftes Säuseln“.

    Ende der Szene.

    Warum dazu dieses Bild aus dem 20. Jahrhundert und keine klassische, ältere Darstellung der Szene? Nun, ganz einfach: es gibt da nicht wirklich viel und schon gar nichts Befriedigendes. Von Elija wurden schon viele Bilder angefertigt, aber die meisten zeigen ihn in der Wüste oder (zB als Ikonen) eine Zusammenschau verschiedenster Ereignisse aus seinem Leben. Eine Ausnahme ist eine Illustration von Julius Schnorr von Carolsfeld, einem deutschen Maler der Romantik. Es entstand für sein monumentales Werk „Die Bibel in Bildern“ (veröffentlicht 1860), das Generationen von Bibellesern visuell geprägt hat.

     

    Screenshot

    Doch auch in diesem Bild herrscht mehr Verwirrung als Säuseln.

     

    Daher also Mark Rothko, ein fast beliebiges Werk, das Raum und Zeit lässt, sich das Säuseln vorzustellen, wenn man Donner und Beben erwartet hatte.

    Gedanken und Fragen

    Eine Geschichte, die an Spannung und Action schwer zu übertreffen ist, nimm mit einem Satz eine völlig überraschende Wendung. Die Hauptperson hat mit allem gerechnet, nur nicht damit.

    Man kann sich fragen:

    • Wo schätze ich Gott (oder auch Menschen) völlig anders ein, als sie sich am Ende zeigen?
    • Was steigt in mir empor, wenn ich Rothkos Bild meditiere oder mir sanftes, leises Säuseln vorstelle? Was ändert sich in meiner Wahrnehmung von Gott und Welt?
    • Wann war ich das letzte Mal so RICHTIG überrascht? War das positiv oder negativ? Wie hat es sich angefühlt?
    • Wenn ich mich in den Propheten Elija versetze – wie geht es mir in diesem Augenblick?