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  • Arielle in Baden: Ein Wiedersehen mit einem Haus, das Nähe kann

    Ein sehr persönlicher Rückblick auf die deutschsprachige Erstaufführung von „Disney Arielle, die Meerjungfrau“ an der BÜHNE BADEN am 9. Oktober 2026 von Yuliya und Harald R. Preyer

    Arielle und ihre Schwestern, © Lalo Jodlbauer/Bühne Baden.

    Trotz Geisterfahrerwarnung auf der S1 waren wir pünktlich in Baden. Eigentlich sogar überpünktlich. Dafür gab es gleich drei Gründe.

    Überpünktlich

    Erstens wollten wir nach mehr als zwölf Jahren endlich wieder dieses Haus besuchen. Und nachsehen, ob vor dem Bühneneingang noch immer Schauspieler oder Musiker stehen, die vor Beginn eine letzte Zigarette rauchen und vielleicht ein paar Eindrücke von der Probenarbeit mit uns teilen. Zigaretten wurden keine mehr geraucht, dafür Terea. Die Publikumsnähe aber ist geblieben.

    Zweitens schenkte uns der liebe Gott einen Parkplatz unmittelbar bei der Badener Stadtpfarrkirche. Dort wirkt seit 2016 unser ehemaliger Pfarrer aus dem 14. Wiener Gemeindebezirk: mein lieber, hochgeschätzter Freund Msgr. Clemens Abrahamowicz, Stadtpfarrer und Dechant in Baden. Ein Parkplatz bei seiner Kirche – das durfte ich an diesem Abend durchaus als kleine himmlische Aufmerksamkeit verbuchen.

    Und drittens hatten wir mit unserer üblichen Fahrzeit von Simmering zur Volksoper gerechnet. Baden ist aber, wie wir zu unserer Freude feststellten, von Haus zu Haus ungefähr zehn Minuten näher.

    Ankommen und willkommen sein

    Vor dem Haupteingang ließ ich Yuliya stilvoll und gentlemanlike aussteigen. Ein paar VIPs in den Wagen vor uns hatten es vorgemacht. Ich wollte einen Parkplatz suchen und dann nachkommen. Die Suche führte mich nur um die Ecke, an die Rückseite der Pfarrkirche. Drei Minuten später war auch ich beim Theater.

    Yuliya hatte die Tickets bereits in Händen und strahlte.

    Mir war sofort klar, warum.

    Mit Yuliya im Zuschauerraum: Vorfreude auf unser Wiedersehen mit der Bühne Baden. Foto: privat.

    Dieses Haus hat kaiserliches Flair. Es atmet noch den Geist von Kaiser Franz Joseph. Sein sechzigjähriges Regierungsjubiläum im Jahr 1908 gab den Anlass für die ursprünglich vorgesehene Bezeichnung „Kaiser-Franz-Joseph-Jubiläums-Stadttheater“. Gebaut wurde 1908/09, eröffnet am 2. Oktober 1909. Die Pläne stammen von Ferdinand Fellner und Hermann Helmer, deren Theaterarchitektur uns bereits aus Graz, Budapest und Prag vertraut ist.

    Aber an diesem Abend waren es ebenso die Menschen, die uns das Ankommen leicht machten.

    Nach meinem Eindruck kommt ein großer Teil des Publikums aus Baden und Umgebung. Unter die Premierenbesucher mischen sich charmant und bunt Angehörige der Künstler und langjährige Freunde des Hauses aus Wien. Man begegnet einander, begrüßt sich, bleibt für ein Gespräch stehen.

    Man liebt die BÜHNE BADEN. Und man kennt sich.

    Das war für mich schon der erste Unterschied zu den großen Häusern in Wien. Nach mehr als zwölf Jahren fühlte sich dieser Besuch erstaunlich vertraut an. Noch bevor sich der Vorhang für „Arielle“ hob, hatte uns das Haus wieder für sich gewonnen.

    Tief drunter im Meer und dann oben

    19.30 Uhr. Der schwere rote Brokatvorhang öffnet sich. Seine kaiserlichen Bordüren schimmern im farbigen Licht – und wir sitzen plötzlich vor einem riesigen Aquarium.

    Wow.

    Mein Herz möchte sofort Bühnenbildapplaus spenden. Momme Hinrichs hat eine geniale Lösung für diese Geschichte gefunden: Auf einer aufgeräumten, übersichtlichen Bühne werden zwei Welten sichtbar. Unter Wasser liegt das Reich König Tritons, darüber die Welt der Menschen. Diese beiden Welten auseinanderzuhalten und zugleich ihre Begegnung möglich zu machen, ist die große Aufgabe des Abends. Schon das Bühnenbild erzählt davon.

    Anna Rosa Döller als Arielle, Ramesh Nair als Sebastian
    © Lalo Jodlbauer/Bühne Baden.

    Im Pressetext beschreibt Regisseur Andreas Gergen diese beiden Welten als bewusste Gegensätze: Die Unterwasserwelt ist verspielt, farbenfroh und von Revue- und Burlesque-Elementen geprägt. Am Hof von Prinz Erik bestimmen gesellschaftliche Normen und formale Eleganz das Leben. Projektionen, die Mittel des „schwarzen Theaters“ und eine vielseitige Treppenkonstruktion lassen die unterschiedlichen Schauplätze entstehen.

    Für mich zieht sich diese Polarität als roter Faden durch den Abend.

    Das Herz öffnet sich – Liebe in Freiheit

    König Triton glaubt, seine Frau durch die Menschen verloren zu haben. In der wunderbaren Stimme seiner jüngsten Tochter Arielle hört er etwas von ihr wieder. Anna Rosa Döllers Gesang wird so für ihn zur liebevollen, tröstenden Erinnerung.

    Andreas Lichtenberger gibt diesem Meeresmonarchen einen machtvollen, donnernden Auftritt. Doch unter der königlichen Autorität wohnt ein weiches Herz, das nach Gerechtigkeit sucht. Seine Angst um die Tochter ist verständlich. Nur macht sie ihn zunächst unfähig, jene andere Welt zu sehen, nach der Arielle sich sehnt.

    Für mich liegt hier der eigentliche Kern der Geschichte: Triton kann die Grenze zwischen den beiden Reichen erst überwinden, wenn er sein Herz für die andere Welt öffnet. Und wenn er seiner Tochter zutraut, dort ihren eigenen Weg zu finden.

    Anna Rosa Döller und Andreas Lichtenberger als Tochter und Vater zwischen Sehnsucht und Sorge.
    © Lalo Jodlbauer/Bühne Baden.

    Die Handlung in drei Sätzen: Arielle rettet Prinz Erik nach einem Schiffbruch vor dem Ertrinken und verliebt sich in ihn, während er nach seiner Retterin sucht. Um ihm in die Menschenwelt folgen zu können, tauscht sie bei der Meerhexe Ursula ihre Stimme gegen menschliche Gestalt und gerät damit in einen gefährlichen Handel. Am Ende finden die Liebenden zueinander – und Triton muss erkennen, dass wahre Liebe auch Loslassen und Vertrauen bedeutet.

    Ein Happy End, wie wir es von Disney erwarten. Mich beschäftigt daran besonders der Vater und die Erkenntnis, zu der ihn diese Geschichte führt.

    Geliebte Stars – touchable

    Natürlich wird auch herzlich gelacht. In der königlichen Küche der Menschen komponiert Beppo Binder als Chef Louis mit viel sprachlicher und kulinarischer Fantasie ein Menü, das ich irgendwo zwischen Escargots und Tartare ansiedeln würde. Das Publikum genießt seine Komik. Man spürt wieder: Hier kennt und liebt man seine Stars.

    Das gilt ebenso für Ramesh Nair als Sebastian, die Krabbe im Dienst König Tritons. Mit viel Humor und einer beneidenswerten Bühnenpräsenz macht er sich zum Publikumsliebling. Auch Michael Duregger als Grimsby, der Vormund und Berater des Prinzen, scheint hier bestens vertrauten Boden zu betreten. Die Zuneigung im Saal ist spürbar.

    In der Pause gelingt mir vor dem Bühneneingang ein Selfie mit ihm. Solche kleinen Begegnungen gehören für mich zu diesem Theaterabend dazu. Die Nähe, die wir vor Beginn gesucht hatten, ist tatsächlich geblieben.

    In der Pause mit Michael Duregger, der als Grimsby auf der Bühne steht. Foto: privat.

    Musikalisch fällt mir auf, wie selbstverständlich die technische Verstärkung eingesetzt wird. Die Mikrofone sind kaum sichtbar. Im Orchestergraben entdecke ich zwei große elektronische Orgeln, die sich in den Klang des Orchesters einfügen. Für mein Ohr tut beides dem Stück gut.

    Unter der musikalischen Leitung von Victor Petrov entsteht jener volle Musicalklang, der mich an die vertraute Disney-Filmwelt erinnert und zugleich auf dieser Bühne ganz unmittelbar wirkt. Alan Menkens Musik mit den Liedtexten von Howard Ashman und Glenn Slater entfaltet ihre Wirkung auch auf Deutsch. Die Übersetzung stammt von Nina Schneider, zusätzliche deutsche Songtexte von Frank Lenart.

    Im Londoner West End oder am Broadway?

    Diese deutschsprachige Erstaufführung klingt für mich so professionell, dass ich zwischendurch völlig vergesse, wo wir sitzen.

    Es könnte ebenso gut Broadway sein. Oder das Londoner West End.

    Und dann freue ich mich darüber, dass es Baden ist.

    Gespielt, gesungen und musiziert wird mit viel Liebe und Nähe zum Publikum. Am meisten beeindruckt mich Anna Rosa Döller als Arielle. Besonders in den Szenen, in denen sie ihre wunderbare Stimme nicht einsetzen darf.

    Gerade da zeigt sich ihre Kunst im Spiel. Mit Gestik und Mimik bleibt sie für uns völlig verständlich. Wir erleben ihre Sehnsucht, ihre Unsicherheit und ihre Zuneigung, ohne dass sie dafür einen Ton braucht.

    Prinz Erik, gespielt von Timotheus Hollweg, drückt es sinngemäß so aus: Auch ohne ihre Stimme gehört zu haben, hat er in ihr jene erkannt, nach der er gesucht hat. Unter all den königlichen Frauen, die um seine Hand werben, findet er Arielle.

    Das berührt mich. Eine verinnerlichte Stimme kann offenbar auch dann erkennbar bleiben, wenn sie verstummt.

    Grimsby, sein Vormund und mein Selfiepartner Michael Duregger, ist schließlich auch in dynastischer Hinsicht beruhigt: Arielle stammt aus königlichem Haus. Sie ist immerhin die Tochter des Königs der Meere. Die Liebe hat ihren Weg gefunden, und die höfische Ordnung darf aufatmen.

    Schlussapplaus bei der Premiere am 9. Oktober 2026. Foto: privat.

    Zum Schluss steht der Saal. Standing Ovations für einen Abend, der so viel Freude gemacht hat. Unser kleines Video hält den Applaus fest und schwenkt von der Bühne ins ausverkaufte Haus.

    Standing Ovations und ein Blick ins ausverkaufte Stadttheater. Video: privat.

    Nach der Premiere: Arielle mit ihrem Prinzen. Foto privat.

    Auf der Rückfahrt summt Yuliya glücklich und dankbar einige der Ohrwurmmelodien nach. Dann sagt sie zu mir: „Das Stück werden die Kinder lieben – die kleinen und die großen.“

    Baden ist zurück auf unserem Bühnenkalender. Es hat sich wieder in unsere Herzen gesungen.

    Und es ist näher als die Volksoper.


    Weitere Vorstellungstermine

    10., 17., 24., 30. & 31. Oktober 2026

    6., 7., 18., 19. & 20. November 2026

    9., 13., 14., 15., 20., 21., 22., 28. & 30. April 2027


    Besucht: Premiere am 9. Oktober 2026, Stadttheater Baden. Inszenierung: Andreas Gergen. Musikalische Leitung: Victor Petrov. Bühne: Momme Hinrichs. Kostüme: Aleksandra Kica. Choreografie: Francesc Abós.

    Produktionsinformationen und weitere Termine: Bühne Baden – Disney Arielle, die Meerjungfrau. Baugeschichte: Die Spielstätten der Bühne Baden.