Es gibt Opern, die man immer wieder hören kann und die doch nichts von ihrem Zauber verlieren. Mozarts Zauberflöte gehört zweifellos dazu.

Gemeinsam mit La traviata von Giuseppe Verdi und Carmen von Georges Bizet zählt sie in der Aufführungsdatenbank Operabase zu den drei meistgespielten Opern. Dort sind rund 25.000 Aufführungen der Zauberflöte dokumentiert. Die tatsächliche Zahl seit der Uraufführung am 30. September 1791 in Wien dürfte ungleich höher sein.
Auch an der Volksoper ist sie seit Jahrzehnten ein vertrauter Gast. Allein in der Spielzeit 2024/25 wurde sie hier laut Geschäftsbericht 14 Mal aufgeführt.
Und doch kann sie immer wieder neu berühren.
Lotte de Beer hat eine wunderbare Idee verwirklicht: Sie erzählt die Geschichte als Fantasiewelt eines 14-jährigen Jungen, der sich seine eigenen Bilder von Gut und Böse, von Vater und Mutter, von Liebe und Erwachsenwerden macht.
Das Bühnenbild von Christof Hetzer verwandelt seine Zeichnungen in eine lebendige, zauberhafte Bilderwelt. Landschaften, Wolken und fantastische Gestalten entstehen, verändern sich und verschwinden wieder. Alles wirkt spielerisch, leicht und liebevoll. Und hinter dieser Leichtigkeit stehen die großen Fragen des Lebens: Wem kann ich vertrauen? Wer bin ich? Was ist gut? Und was bedeutet es eigentlich, einen anderen Menschen zu lieben?
Musikalisch war dieser Abend ein besonderes Geschenk.
Zwei Stimmen haben mich zutiefst beeindruckt.
Morris Robinson als Sarastro mit seinem gewaltigen, tiefen Bass, der selbst in den untersten Lagen mit einer geradezu selbstverständlichen Präzision und Ruhe überzeugt. Eine Stimme, die Autorität nicht durch Lautstärke, sondern durch ihre Tiefe und Wärme gewinnt.
Und Anna Simińska als Königin der Nacht, die in schwindelerregenden Höhen jeden Ton mit erstaunlicher Sicherheit und Brillanz trifft. Was für ein Gegensatz! Hier die dunkelsten Tiefen, dort die strahlendsten Höhen menschlicher Stimmen. Und dazwischen Mozarts unvergleichliche Musik.
Einfühlsam, aufmerksam und wunderbar dezent begleitet vom hervorragend eingespielten Orchester der Wiener Volksoper unter Maayan Franco. Man könnte beinahe meinen, dieses Orchester könne die Zauberflöte längst mit geschlossenen Augen spielen. Und doch klang nichts routiniert. Im Gegenteil: frisch, lebendig und voller Freude.
Am Ende dankte ein begeistertes Publikum dem gesamten Ensemble mit langem, herzlichem Applaus. Ein wunderschöner Moment, in dem die Freude der Sängerinnen und Sänger und die Dankbarkeit des Publikums unmittelbar spürbar wurden.
Schon beim Schlussapplaus war deutlich zu erkennen: Publikumsliebling dieser Produktion ist Papageno, der vor allem durch sein überzeugendes Spiel begeistert. Ihm nimmt man die Unflexibilität, die Einfachheit und doch auch die Lebenskunst dieser Rolle ab.
Und dann der Weg hinaus in die Wiener Herbstnacht.

Das Haus am Gürtel ist in diesen Tagen besonders schön. Die beleuchteten Bäume vor der Volksoper, das goldgelbe Laub auf dem Boden, das warme Licht zwischen den Blättern – als hätte die Inszenierung draußen noch eine kleine Fortsetzung gefunden.
Vielleicht ist das überhaupt der schönste Gedanke dieses Abends:
Das reife Laub will dem gereiften Kind den Weg in ein schönes Leben weisen.

So wie der Herbst nicht nur Abschied, sondern auch Schönheit und Erfüllung bedeutet, ist das Erwachsenwerden nicht nur der Verlust kindlicher Unbeschwertheit. Es ist auch der Gewinn von Vertrauen, Freiheit und einer Liebe, die den anderen Menschen wirklich sieht.
Ein herzlicher Dank an Lotte de Beer, das großartige Ensemble, das Orchester und alle Menschen, die uns diesen Abend geschenkt haben.
Was für ein Glück, in einer Stadt zu leben, in der solche Abende möglich sind!

Quellen: Besetzung und Produktionsangaben: Volksoper Wien, 29. Oktober 2026. Aufführungsstatistik: Operabase (abgerufen am 29. Oktober 2026; erfasste Aufführungen, keine historische Gesamtzählung). Volksoper-Zahl: Geschäftsbericht 2024/25, Werkestatistik.
