Schlagwort: Literaturgeschichte

  • Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war (2026)

    Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war (2026)

    Es war ein außergewöhnlich heißer Tag in Wien – knapp 40 °C. Da waren die eineinhalb Stunden im klimatisierten Kino zunächst einmal eine wohltuende Abkühlung. Doch auch der Film selbst wirkt kühl. Nicht distanziert, sondern ruhig, respektvoll und zurückhaltend.

    Sandra Hüller spielt Ingeborg Bachmann nicht. Sie ist vielmehr ihr respektvolles Double. Sie leiht ihr Stimme, Haltung und Präsenz, ohne den Versuch zu unternehmen, sie nachzuahmen. Gerade das macht für mich den besonderen Reiz dieser Dokumentation aus.

    Bei der Szene mit Max Frisch muss ich wohl kurz eingenickt sein – ich habe sie schlicht nicht wahrgenommen. Vielleicht war es die Hitze des Tages, vielleicht die ruhige Erzählweise des Films.

    Der Film zeigt nicht nur die außergewöhnliche Intellektualität Ingeborg Bachmanns, sondern auch ihre besondere Schönheit. Beides wird nie ausgestellt, sondern behutsam sichtbar gemacht.

    Ich habe mehrmals versucht, Werke von Ingeborg Bachmann zu lesen. Es ist mir jedoch nie gelungen, über längere Zeit bei ihren Texten zu bleiben. Immer wieder fand ich mich in einer Stimmung zwischen Traurigkeit, Empörung, Frustration und einer leisen Todessehnsucht wieder. Vielleicht sagt das ebenso viel über mich wie über ihre Literatur.

    Bemerkenswert fand ich das Ende des Films. Er endet nicht mit dem Tod Ingeborg Bachmanns, sondern mit einem Bild ihrer Kindheit – einem stillen, sehr schönen Moment, der den Menschen vor der Ikone zeigt. Dieses Ende hat mir gefallen. Es lässt nicht den Tod das letzte Wort haben, sondern die Erinnerung an einen Augenblick des Lebens.


    Eine liebe seit Jahren hochgeschätzte Freundin hat mir noch eine aufmerksame Beobachtung geschenkt: „Im Abspann wird im Bereich der Danksagungen und Rechtenachweise primär einer bestimmten Frau gedankt: Monika Albrecht. Gemeinsam mit Dirk Göttsche ist sie die Herausgeberin des „Todesarten“-Projekt-Nachlasses und der kritischen Editionen von Ingeborg Bachmanns Werken, auf denen der Film (inklusive des im Film von Sandra Hüller rezitierten Romanfragments „Gier“) maßgeblich basiert.“ Danke, mcD.

  • Lösch mir die Augen aus

    Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehen,
    wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
    und ohne Füße kann ich zu dir gehen,
    und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.

    Brich mir die Arme ab: ich fasse dich
    wie mit dem Herzen, wie mit einer Hand,
    halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
    und wirfst du mein Hirn in Brand,
    so werd ich dich auf meinem Blute tragen.

    Rainer Maria Rilke (1897)


    Lou Andreas-Salomé
    Foto Atelier Elvira, um 1897

    Rainer Maria Rilke, Foto um 1900

    2. Interpretation nach Sandra Richter

    Dieses Gedicht gehört zu den radikalsten Liebesgedichten des jungen Rainer Maria Rilke.
    Es entstand 1897 – in einer Lebensphase, in der Rilke leidenschaftlich mit der Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé verbunden war.

    Die Literaturwissenschaftlerin Sandra Richter deutet dieses Gedicht in einem Beitrag des Österreichischen Rundfunks nicht primär als romantischen Text, sondern als Ausdruck einer existenziellen Abhängigkeit.
    Alles Körperliche kann verloren gehen – doch das Du bleibt.
    Nicht als Idee, sondern als körperlich empfundene Notwendigkeit.

    Der biografische Hintergrund verschärft die Lesart:
    Während eines gemeinsamen Sommers wandte sich Lou Andreas-Salomé einem russischen Intellektuellen zu, der für ihre schriftstellerische Laufbahn Bedeutung hatte. Rilke wurde räumlich getrennt und emotional marginalisiert. Aus dieser Erfahrung der Verlassenheit heraus entstand ein Gedicht, das nicht idealisiert, sondern überlebt.

    Nach Richter markiert dieser Text zugleich den Übergang vom schwärmerischen Liebhaber zum werdenden Autor der Moderne.
    Hier beginnt jenes Schreiben, das später nicht mehr tröstet, sondern trägt.


    Quelle

    Österreichischer Rundfunk, Ö1, Sendung „Gedanken für den Tag“ (Lesung & Gespräch), mit Interpretation von Sandra Richter.