Schlagwort: Leben im Jetzt

  • Der Mönch, der uns das Staunen zurückgab

    Eine Würdigung zum 100. Geburtstag von Bruder David Steindl-Rast am 12.7.2026.

    „Die Wurzel der Freude ist die Dankbarkeit. Nicht die Freude macht uns dankbar. Die Dankbarkeit macht uns froh.“

    Foto: Diego Ortiz MUGICA

    Kaum ein Satz wird so häufig mit Bruder David Steindl-Rast verbunden wie dieser. Er ist längst zu einer Art Lebensmotto für Millionen Menschen geworden. Und doch erschöpft sich das Lebenswerk dieses außergewöhnlichen Benediktiners keineswegs in einem schönen Zitat. Hinter ihm steht ein Jahrhundert gelebter Geschichte, tiefer Spiritualität und unermüdlicher Suche nach dem, was Menschen wirklich trägt.

    Am 12. Juli 2026 vollendete David Steindl-Rast sein hundertstes Lebensjahr. Geboren wurde er am 12. Juli 1926 in Wien als Franz Kuno Steindl. Er erlebte den Nationalsozialismus, den Krieg, den Zusammenbruch Europas, den Wiederaufbau und die Umbrüche der Moderne. Aus diesen Erfahrungen erwuchs keine Bitterkeit, sondern eine Haltung, die sein ganzes weiteres Leben prägen sollte: eine wache Aufmerksamkeit für das Geschenk des Lebens.

    Der Krieg als Lehrmeister

    Wer Bruder David zuhört, spürt schnell, dass seine Gedanken nicht am Schreibtisch entstanden sind. Immer wieder erzählt er vom letzten Kriegsjahr. Freunde wurden eingezogen und fielen. Niemand rechnete damit, zwanzig Jahre alt zu werden. Jeder Tag konnte der letzte sein.

    Gerade diese Erfahrung führte zu einer überraschenden Erkenntnis.

    Nicht die Angst blieb.

    Sondern eine ungeheure Intensität des Lebens.

    Er beschreibt rückblickend, dass seine Generation gerade deshalb so lebendig gewesen sei, weil sie ganz im Augenblick leben musste. Erst nach Kriegsende wurde ihm bewusst, welch kostbares Geschenk diese Haltung gewesen war. Später fand er dafür in der Regel des heiligen Benedikt die Worte:

    „Den Tod allezeit vor Augen haben.“

    Für viele klingt dieser Satz düster. Für Bruder David wurde er zum Schlüssel für ein erfülltes Leben. Wer seine Endlichkeit nicht verdrängt, entdeckt den unendlichen Wert des gegenwärtigen Augenblicks.

    Ein außergewöhnlicher Bildungsweg

    Nach dem Krieg studierte David Steindl-Rast zunächst Restaurierung an der Akademie der bildenden Künste Wien sowie Psychologie und Anthropologie an der Universität Wien. 1952 promovierte er zum Dr. phil. in Psychologie. Im selben Jahr folgte er seiner Familie in die Vereinigten Staaten und trat in das neu gegründete Benediktinerkloster Mount Saviour im Bundesstaat New York ein.

    Dort begann ein Leben, das Wissenschaft, klösterliche Spiritualität und den Dialog mit anderen Religionen miteinander verbinden sollte.

    Später wurde er zu einem der international bekanntesten Benediktiner und zu einer der bedeutendsten Stimmen des interreligiösen Dialogs. Gemeinsam mit Vertretern des Buddhismus, des Judentums, des Islam und anderer Traditionen suchte er nach dem, was Menschen verbindet, ohne die Unterschiede zu verwischen. Für diese Brückenarbeit erhielt er zahlreiche internationale Auszeichnungen, darunter den Martin-Buber-Preis.

    Staunen – Beziehung – Dankbarkeit

    Wer Dankbarkeit hört, denkt häufig an gute Manieren. Für Bruder David bedeutet sie weit mehr.

    Sie ist nicht der Ausgangspunkt seines Denkens, sondern dessen Frucht.

    Am Anfang stehen das Staunen, die Erfahrung der Verbundenheit und die Einsicht, dass unser Leben Geschenk ist.

    Wir haben uns weder erschaffen noch verdient. Wir sind uns selbst gegeben. Gesundheit, Freundschaft, Liebe, Vertrauen, sogar der nächste Atemzug – nichts davon ist selbstverständlich.

    Darum formuliert er seinen wohl bekanntesten Gedanken so überraschend:

    „Nicht die Freude macht uns dankbar. Die Dankbarkeit macht uns froh.“

    Diese Umkehrung verändert den Blick auf das Leben grundlegend. Freude wird nicht länger zur Voraussetzung der Dankbarkeit. Vielmehr öffnet Dankbarkeit den Menschen für jene Freude, die selbst schwierige Zeiten überdauern kann.

    Das Geschenk des Jetzt

    Ein zweiter Grundgedanke zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk.

    Wir begegnen unserem Leben immer im Jetzt.

    Vergangenheit begegnet uns als Erinnerung.

    Zukunft als Hoffnung oder Sorge.

    Beides geschieht im gegenwärtigen Augenblick.

    Zeit versteht Bruder David deshalb nicht als Gegner, sondern als Geschenk. Jeder neue Augenblick eröffnet eine neue Möglichkeit, das Leben bewusst anzunehmen. Wird eine Gelegenheit versäumt, schenkt das Leben eine weitere.

    Auch sein Verständnis der Ewigkeit entspringt dieser Erfahrung. Ewigkeit ist für ihn nicht eine unendlich lange Zeit. Sie ist das zeitlose Jetzt Gottes, das allem Leben zugrunde liegt und in dem nichts von dem verloren geht, was in Liebe gelebt wurde.

    Diese Sichtweise nimmt dem Tod nicht seinen Schmerz.

    Aber sie nimmt ihm seine letzte Macht.

    Ein Benediktiner mit weitem Herzen

    Viele schätzen Bruder David gerade deshalb, weil seine Sprache weit über kirchliche Grenzen hinaus verstanden wird. Er spricht selten in dogmatischen Formeln. Stattdessen beginnt er bei Erfahrungen, die jeder Mensch kennt:

    Staunen.

    Beziehung.

    Vertrauen.

    Zugehörigkeit.

    Dankbarkeit.

    Dabei bleibt er Benediktiner. Seine Spiritualität wurzelt tief in der Regel des heiligen Benedikt und in der Liturgie der Kirche. Zugleich sucht er den Dialog mit anderen Religionen und spirituellen Traditionen.

    Innerhalb der katholischen Theologie werden einzelne seiner theologischen Schlussfolgerungen – etwa zum Verhältnis der Religionen, zu bestimmten Aussagen des Credo oder zum Verständnis Christi – durchaus kritisch diskutiert. Seine Spiritualität der Dankbarkeit, der Gegenwart und der Achtsamkeit findet hingegen weit über konfessionelle Grenzen hinaus große Anerkennung.

    Rainer Maria Rilke – ein geistiger Weggefährte

    Zu den Dichtern, die Bruder David besonders geprägt haben, gehört Rainer Maria Rilke. Viele seiner Gedichte trägt er auswendig vor.

    Rilkes Rose, der Weinberg, der uralte Turm oder die „wachsenden Ringe“ werden für ihn zu Bildern einer Spiritualität des Staunens. Gott erscheint nicht als fernes Wesen, sondern als das große Geheimnis, das alles trägt.

    Vielleicht erklärt gerade diese Verbindung von Poesie und Glaube die Schönheit seiner Sprache. Sie überzeugt selten durch Argumente allein. Sie lädt ein.

    Was bleibt?

    Bruder David hat keine neue Ordensgemeinschaft gegründet und keine eigene Kirche ins Leben gerufen. Gemeinsam mit anderen hat er jedoch das internationale Netzwerk A Network for Grateful Living mit aufgebaut, das seine Spiritualität der Dankbarkeit bis heute weiterträgt.

    Sein eigentliches Vermächtnis liegt jedoch tiefer.

    Er hat unzähligen Menschen geholfen, den Glauben nicht zuerst als System von Antworten, sondern als Einladung zum bewussten Leben zu verstehen.

    Als Einsegner begegne ich häufig Menschen am Ende eines Lebens. Fast nie erzählen sie von beruflichen Erfolgen oder materiellem Besitz. Sie erzählen von Begegnungen. Von Liebe. Von gemeinsam verbrachter Zeit.

    Vielleicht hätte Bruder David genau darin den Ursprung aller Dankbarkeit gesehen.

    Nicht im Außergewöhnlichen.

    Sondern im Geschenk des Gewöhnlichen.

    Heute, hundert Jahre nach seiner Geburt, erinnert er uns daran, dass das Leben nicht zuerst eine Aufgabe ist, die gelöst werden muss, sondern ein Geschenk, das angenommen werden will.

    Vielleicht ist das sein schönstes Vermächtnis:

    Heute einmal bewusst innehalten.

    Staunen.

    Und danken.

    Nicht weil alles vollkommen ist.

    Sondern weil mitten im Unvollkommenen unendlich viel Geschenk verborgen liegt.


    Quellen

    • ORF Ö1, „Lebenskunst – Dem Leben vertrauen. Zum 100. Geburtstag von David Steindl-Rast“, Gestaltung und Moderation: Mag. Johannes Kaup, Erstausstrahlung 12. Juli 2026. Grundlage dieser Würdigung war das vollständige Sendungsmanuskript.
    • David Steindl-Rast: Ich bin durch dich so ich.
    • David Steindl-Rast: 99 Namen Gottes.
    • David Steindl-Rast, Alexandra Kreuzeder: Herzwerk.
    • Bibliothek David Steindl-Rast.
    • Regula Benedicti (Benediktsregel), Kapitel 4.