Krieg als Werkzeug gegen Gott und die Liebe
Beim Lesen der vielen klugen Interviews über die Hintergründe der weltweiten Krisen drängt sich mir eine Frage immer stärker auf. Noch wird sie, so scheint mir, zu leise gestellt:
Lässt sich Krieg allein an den Gesichtern festmachen, die wir mit ihm verbinden? An Alexander dem Großen, der ab 334 v. Chr. das Perserreich eroberte; an Papst Innozenz III., der zum Albigenserkreuzzug aufrief, der 1209 gegen die Katharer in Südfrankreich begann; an Napoleon Bonaparte, der 1812 in Russland einmarschierte; oder an Adolf Hitler, der 1939 mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg in Europa entfesselte?
Und heute: an Wladimir Putin, unter dessen Führung Russland 2014 die Krim militärisch besetzte und völkerrechtswidrig annektierte und 2022 den großangelegten Angriff auf die Ukraine begann; an Benjamin Netanjahu, unter dessen Regierung Israel im Juni 2025 den Iran angriff; und an Donald Trump, der mit der Bombardierung iranischer Atomanlagen in diesen Krieg eintrat und im Februar 2026 gemeinsam mit Netanjahu einen erneuten Krieg gegen den Iran eröffnete?
Die historischen Umstände, das Ausmaß der Gewalt und die jeweilige Verantwortung unterscheiden sich. Diese Namen stehen nicht für gleichartige Verbrechen. Aber sie stehen für Entscheidungen, militärische Gewalt gegen andere einzusetzen und sie mit politischen, religiösen oder sicherheitspolitischen Zielen zu rechtfertigen. Die persönliche Verantwortung darf nicht hinter allgemeinen Erklärungen verschwinden. Doch reichen die Namen der Verantwortlichen aus, um zu verstehen, warum Menschen immer wieder Krieg führen?
Wirkt hinter ihnen nicht auch die menschliche Hybris: jene Selbstüberhebung, die den eigenen Willen zum höchsten Maßstab macht und dafür bereit ist, das Leben anderer zu opfern? Beginnt dort ein Krieg gegen die Liebe — und damit gegen Gott?
Wenn das Nein des anderen nicht mehr zählt
Ein Unterschied ist noch kein Konflikt. Und ein Konflikt muss kein Krieg werden. Entscheidend ist, wie wir mit dem anderen und seinen Ansprüchen umgehen.
„Ich will etwas, das mir nicht gehört.“ Dieser Wunsch kann zu einer friedlichen Vereinbarung führen. Der andere ist bereit, mir etwas zu überlassen; wir verständigen uns auf einen fairen Preis und schließen einen Vertrag. So entstehen Kauf, Miete oder Pacht. Beide Seiten können zustimmen. Beide dürfen Nein sagen.
Gefährlich wird es dort, wo dieses Nein nicht mehr gilt. Wo aus einem Wunsch ein vermeintliches Recht wird und aus dem anderen ein Hindernis, das beseitigt werden soll. Bedrohung, Angst, Eitelkeit und verletzte Ehre können den Konflikt verschärfen. Macht soll dann erzwingen, was Verständigung nicht erreicht hat.
Nicht jeder Krieg folgt diesem Muster. Auch Ideologien, Hass und das Streben nach Vorherrschaft treiben Menschen zur Gewalt. Und wer sich gegen einen Angriff verteidigt, trägt nicht dieselbe Verantwortung wie derjenige, der ihn begonnen hat. Doch die entscheidende Frage bleibt: Wird der andere noch als Mensch anerkannt, dessen Leben und Würde ebenso zählen wie die eigenen?
Verrohung beginnt im Umgang miteinander
Im Gespräch mit Florian Illies in der ZEIT beschreibt der Historiker Karl Schlögel einen Bruch, der sich nicht allein auf Schlachtfeldern zeigt. Auf die Frage nach den Ereignissen, die für ihn einen solchen Einschnitt bedeuteten, nennt er zunächst die Besetzung der Krim 2014 und die russische Invasion 2022. Dann sagt er:
„Ein Einschlag war für mich aber auch die demonstrative Demütigung Selenskyjs im Oval Office durch Trump und seine Getreuen. Für mich war das die Aufkündigung all dessen, was man von den Traditionen der amerikanischen Republik kannte, ihren Manieren, ihren Ritualen, ihrer diplomatischen Kultur.“
Für mich beschreibt das eine Verrohung im Auftreten der amerikanischen Staatsführung. Der Vertreter eines angegriffenen Landes wird öffentlich herabgesetzt. Zuhören, Respekt und diplomatische Formen verlieren ihren Wert, sobald der Mächtigere glaubt, sie nicht mehr nötig zu haben.
Solche Formen sind keine bloße Verzierung der Politik. Sie können helfen, Konflikte auszuhalten, ohne den anderen zu erniedrigen. Wo die Demütigung zur Demonstration von Stärke wird, gerät etwas Grundlegendes ins Rutschen: die Anerkennung des Gegenübers als gleichwürdiger Mensch.
Schlögel verbindet diese Beobachtung mit den territorialen Ansprüchen Trumps. Über dessen Wunsch, Grönland zu annektieren, und Putins Plan zur Unterwerfung der Ukraine sagt er:
„Trump bestärkt Putin in dem Gefühl, dass der Bruch des Völkerrechts und der Einsatz militärischer Gewalt legitime Formen gegenwärtiger Außenpolitik sind.“
Seine zugespitzte Schlussfolgerung lautet:
„Putin und Trump sind Brüder im Geiste.“
Mich beschäftigt daran die Haltung, die Schlögel beschreibt: Der eigene Machtanspruch soll bestimmen, was anderen zusteht. Das Recht des anderen wird zur Verhandlungsmasse. Seine Zustimmung erscheint entbehrlich.
Wenn Menschen zu Zahlen werden
Auch die Sprache kann diese Entwicklung unterstützen. Wer einen Krieg rechtfertigen will, nennt ihn vielleicht „Sonderoperation“, „Befreiungsfeldzug“ oder „Kreuzzug“. Solche Worte können Gewalt verschleiern und ihr einen höheren Sinn verleihen. Für die Menschen, deren Häuser zerstört werden und deren Angehörige sterben, ändert die Bezeichnung nichts.
Die heutigen Technologien verschärfen die Gefahr durch die Distanz, die sie ermöglichen. Auch der unmittelbare Kampf war und ist grausam. Doch wenn zwischen Entscheidung und Zerstörung Bildschirme, Befehlsketten und große Entfernungen liegen, kann das Leiden der Betroffenen aus dem Blick geraten.
Ein Mensch wird zum Ziel. Eine Familie zur Zahl. Ein bewohntes Haus zu einem Punkt auf einer Karte. Wer den Befehl gibt, muss den Blick der Menschen nicht sehen, deren Leben er zerstört.
Diese Distanz ist technisch, räumlich und moralisch. Sie erleichtert es, Folgen auszublenden und Verantwortung weiterzureichen.
Darunter leiden besonders jene, die den Krieg weder begonnen noch gewollt haben. Menschen, die friedlich leben möchten, geraten unter Beschuss, weil sie in einem bestimmten Gebiet wohnen. Ihre Staatsangehörigkeit macht sie jedoch nicht zu Schuldigen und nicht zu rechtmäßigen Zielen. Auch dort, wo Regierungen gewählt werden, trägt die Bevölkerung keine pauschale Schuld, die Gewalt gegen sie erlauben würde.
Das humanitäre Völkerrecht soll Menschen schützen, die nicht oder nicht mehr an den Kämpfen teilnehmen. Dass es solche Regeln gibt, zeigt eine mühsam errungene Einsicht: Auch im Krieg darf nicht alles erlaubt sein. Kein politisches Ziel hebt die Würde eines Menschen auf.
Die Liebe setzt der Macht eine Grenze
Für mich führt diese Einsicht zurück zur Liebe. Liebe zeigt sich darin, dass ich dem anderen ein eigenes Lebensrecht zugestehe. Dass seine Angst mich berührt. Dass sein Nein Gewicht hat. Dass seine Kinder ebenso schutzwürdig sind wie meine.
Liebe kann Widerstand verlangen: den Schutz der Bedrohten, das klare Benennen des Unrechts und die Begrenzung von Gewalt. Sie verlangt keine Wehrlosigkeit. Aber sie widerspricht der Vorstellung, Menschen dürften für die eigenen Ziele beliebig benutzt und geopfert werden.
Vielleicht beginnt der Krieg gegen Gott genau dort: wo ein Mensch sich selbst an Gottes Stelle setzt und glaubt, über den Wert und das Lebensrecht anderer verfügen zu dürfen. Besonders erschreckend wird es, wenn dafür auch noch Gottes Name gebraucht wird. Ein religiös begründeter Machtanspruch wird nicht dadurch liebevoll, dass er sich heilig nennt.
Schlögels Interview endet dennoch mit Hoffnung. Er erinnert daran, dass Europa sich aus scheinbar ausweglosen Situationen wieder aufgerichtet hat, und sagt:
„Europa ist kein Museum.“
Diese Hoffnung spricht mich an. Unsere Erfahrungen mit Krieg und Unrecht dürfen nicht bloß aufbewahrt werden. Sie müssen in unserem Handeln wirksam werden: im Schutz der Bedrohten, in verlässlichen Beziehungen, in der Bereitschaft zur Verständigung und im Mut, der Gewalt Grenzen zu setzen.
Vielleicht beginnt Frieden dort, wo der andere wieder einen Namen bekommt, ein Gesicht und eine Geschichte. Wo wir ihm zuhören und seine Würde auch dann achten, wenn unsere Interessen einander widersprechen.
Die Liebe löst nicht jeden Konflikt. Aber sie setzt unserem Willen zur Macht eine Grenze.
Zitate: Karl Schlögel im Gespräch mit Florian Illies, „Die Erde wird neu vermessen“, DIE ZEIT Nr. 05/2026, aktualisiert am 28. Januar 2026.