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  • The Odyssey on 70

    KINO · WIEN

    Warum wir den erfolgreichen Film des Jahres (noch einmal) sehen wollen – gemeinsam mit anderen und im großen Format.

    Christopher Nolans „The Odyssey“ ist überwältigendes Kino – aber nicht in jeder Hinsicht ein großer Film. Warum man ihn dennoch unbedingt auf analogem 70‑mm-Film sehen sollte. Eine Begegnung mit Norman Shetler im Gartenbaukino.

    Der große Saal des Gartenbaukinos: 736 Plätze, ein historischer Vorhang und eine 16 Meter breite Leinwand. Ab 28. August wird Christopher Nolans „The Odyssey“ hier auf analogem 70‑mm-Film gezeigt. Foto: © Christopher Mavric

    Ich habe „The Odyssey“ kurz nach dem Kinostart gemeinsam mit meiner Frau im Hollywood Megaplex Gasometer gesehen. In einem Saal mit mehreren hundert Plätzen saßen genau drei Menschen.

    Für uns war das luxuriös. Für die Kinobranche wirkte es beunruhigend.

    Wenige Tage später erlebte ich bei einem anderen Film in Wien Mitte ein ähnliches Bild: ein großer Saal, kaum zwanzig Besucher. Gehen die Menschen nicht mehr ins Kino? War ich einfach zur falschen Zeit dort? Oder wird Kino zunehmend zu einem besonderen Ereignis, während gewöhnliche Vorstellungen aussterben?

    Darüber sprach ich mit Norman Shetler, dem Geschäftsführer des Gartenbaukinos.

    Ein Kino, das nicht „retro“ ist

    Das Gartenbaukino wurde 1960 eröffnet. Wer an einem heißen Sommertag vom Parkring in das Foyer tritt, empfindet sofort eine angenehme Ruhe. Es wird kühler, dunkler und großzügiger. Das Haus wirkt nicht nostalgisch inszeniert, sondern selbstverständlich.

    Shetler besteht auf diesem Unterschied: Das Gartenbaukino sei nicht „retro“, sondern weitgehend original. Er wolle das Haus nicht zur nostalgischen Kulisse machen. Gerade dadurch bewahrt es seine Würde.

    Zu seiner heutigen Aufgabe kam er, wie er sagt, „wie die Jungfrau zum Kind“. Er führte eine erfolgreiche Videothek in der Schleifmühlgasse, beschäftigte sich intensiv mit Film, absolvierte einen Kurs für Kinomanagement und lernte sogar selbst das Vorführen. Wirtschaftliche Erfahrung, kulturelles Interesse, Filmwissen und Filmliebe kamen zusammen. Seit mittlerweile 18 Jahren leitet er das Gartenbaukino.

    Warum manche Vorstellungen fast leer bleiben

    Meine beinahe private Vorstellung im Gasometer überraschte auch ihn. Seine Erklärung ist allerdings weniger dramatisch als meine erste Befürchtung.

    Zwischen Filmverleihern und Kinos bestehen genaue Vereinbarungen darüber, wie oft und zu welchen Zeiten ein Film gezeigt werden muss. Ein Kino kann einen großen Film daher nicht ausschließlich am Abend spielen, wenn die Säle voll werden. Auch eine schwach besuchte Vorstellung um 17 Uhr kann Teil der notwendigen Verwertungslogik sein.

    Hochsommer, später Nachmittag, dritte oder vierte Spielwoche: Da könne beinahe jeder Film schwach besucht sein.

    Das bedeutet aber nicht, dass es der Branche ausgezeichnet geht. Kino wird stärker von einzelnen Großereignissen abhängig. Menschen gehen offenbar seltener einfach „ins Kino“. Sie entscheiden sich bewusster für einen bestimmten Film, eine besondere Technik oder einen außergewöhnlichen Ort.

    Genau darin liegt die Chance des Gartenbaukinos.

    Ohne Förderung nicht möglich

    Ein historischer Einsaalkinosaal mit 736 Plätzen lässt sich nicht wie ein Multiplex betreiben. Das Gartenbaukino erhält derzeit eine jährliche Betriebssubvention der Stadt Wien von 575.000 Euro.

    Shetler spricht darüber ohne Umschweife:

    „Ohne diese Betriebssubvention wäre es nicht möglich, dieses Kino in dieser Form zu betreiben.“

    Dem stehen hohe Miet-, Personal-, Energie- und Erhaltungskosten gegenüber. Für die umfassende Sanierung fehlten schließlich noch 250.000 Euro. Sie wurden durch Crowdfunding aufgebracht. Rund 2.000 Menschen beteiligten sich; etwa 450 Sessel tragen heute den Namen ihrer Patinnen und Paten.

    Diese Unterstützung brachte nicht nur Geld. Sie schuf Verbundenheit.

    Die jüngste Entwicklung stimmt Shetler zuversichtlich. Mehr als 90.000 regulär gezählte Besuche im Jahr, insgesamt einschließlich Viennale, Premieren und Veranstaltungen wohl rund 150.000 Menschen. Nach schwierigen Jahren könne das Kino derzeit „gut atmen“, Risiken eingehen und neue Ideen verwirklichen.

    Ein Film von rund 100 Kilogramm

    Christopher Nolan drehte „The Odyssey“ vollständig auf IMAX-70-mm-Film. Dabei läuft der Film horizontal durch die Kamera. Jedes einzelne Bild besitzt eine besonders große Fläche. Das ermöglicht enorme Schärfe, Helligkeit und Detailtreue.

    Eine solche IMAX-Filmkopie kann tatsächlich ungefähr 300 Kilogramm wiegen.

    Das Gartenbaukino zeigt eine andere 70‑mm-Fassung. Hier läuft der Film klassisch vertikal durch den Projektor. Bei einer Laufzeit von 172 Minuten wiegt auch diese Kopie noch rund 100 Kilogramm. Wien besitzt keine haushohe IMAX-Leinwand wie Prag. Dafür verfügt das Gartenbaukino über einen historischen Saal, eine 16 Meter breite Leinwand und jahrzehntelang gewachsenes technisches Wissen.

    Nolan habe seinen Film nicht ausschließlich für IMAX geschaffen, betont Shetler. Er habe ihn so konzipiert, dass er auf unterschiedlichen Leinwänden und in verschiedenen Formaten bestmöglich wirken kann.

    Analog, haptisch, körperlich

    „The Odyssey“ beeindruckt besonders dort, wo Nolan Bilder schafft, die nicht bloß gesehen, sondern körperlich empfunden werden.

    Beim einäugigen Polyphem erscheinen Menschen winzig. Man sieht beinahe nur den Unterschenkel des Riesen; der übrige Körper scheint den Bildrahmen zu sprengen. Holzmaserungen, Gesichter und Meereswellen erhalten eine ungewöhnliche Präsenz.

    Besonders gelungen findet Shetler die Begegnung mit Circe. Die Verwandlung der Männer in Schweine wirkt nicht wie ein glattes digitales Kunststück. Sie ist materiell, organisch und fast greifbar – klassische Filmillusion statt steriler Perfektion.

    Darin erkennt er auch einen Grund für die neue Attraktivität des Kinos: die Sehnsucht nach einer Gegenwelt zur permanenten digitalen Berieselung.

    Großes analoges Kino sei kollektiv, haptisch und sensorisch. Der Ton fülle den Raum, das Bild überrage den Menschen, und das Publikum erlebe für knapp drei Stunden dieselbe Reise.

    Großes Kino – aber auch ein großer Film?

    Meine Einschätzung bleibt zwiespältig: „The Odyssey“ ist visuell gewaltig, technisch faszinierend und in seinen besten Szenen überwältigend. Dramaturgisch und sprachlich erreicht Nolan jedoch nicht immer die Tiefe und Leichtigkeit Homers.

    Auch Shetler bewundert Nolans Konsequenz, Sorgfalt und Fähigkeit, monumentale Szenen zu inszenieren. Zugleich sieht er Schwächen bei Dialogen, Dramaturgie, Schauspielführung und besonders bei den Frauenfiguren.

    Sein schönster Einwand:

    „Was ich bei Nolan immer vermisse, ist Joy.“

    Alles sei beeindruckend, groß und von enormer Gravitas. Doch Freude, Humor und spielerische Leichtigkeit fehlten. Gerade ältere Abenteuer-, Fantasy- und Sandalenfilme hätten sich diese Freude häufiger erlaubt.

    Vielleicht ist „The Odyssey“ deshalb kein vollkommenes Meisterwerk. Aber gerade solche Einwände machen ein gemeinsames Kinoerlebnis interessant. Danach gibt es etwas zu besprechen.

    Kino bekommt wieder etwas vom Theater

    Im Gartenbaukino beginnt der Film nicht einfach mit dem Druck auf einen Knopf. Wenn eine Ouvertüre vorgesehen ist, bleibt der Vorhang zunächst geschlossen. Im richtigen Moment öffnet er sich. Licht, Ton, Leinwand und Projektion werden zu einer kleinen Inszenierung.

    Die englische 70‑mm-Fassung wird auch mit deutschen Untertiteln angeboten. Diese liegen nicht auf der analogen Filmkopie, sondern werden von einer Person über einen digitalen Projektor händisch eingespielt und zeitlich angepasst.

    Jede Vorstellung erhält dadurch ein kaum merkliches lebendiges Element. Fast wie im Theater.

    Gemeinsam ins Gartenbaukino

    „The Odyssey“ läuft ab 28. August 2026 im Gartenbaukino auf analogem 70‑mm-Film – in englischer Originalfassung, teilweise mit deutschen Untertiteln sowie in deutscher Fassung.

    Meine Empfehlung: Diesen Film nicht allein auf einem Bildschirm und auch nicht nebenbei ansehen. Gemeinsam ins Kino gehen. Den Vorhang erleben. Das Rattern des Projektors wissen, auch wenn man es nicht hört. Sich von Bild und Ton überwältigen lassen – und danach über Größe, Schwere, Schönheit und die vielleicht fehlende Freude sprechen.

    Ich möchte eine der 70‑mm-Vorstellungen gemeinsam mit interessierten Freundinnen und Freunden besuchen.

    Wer mitkommen möchte, schreibt mir kurz an harald@preyer.wien.

    Programm und Termine im Gartenbaukino