Schlagwort: Hoffnung

  • Weiße Rosen gegen die schwarzen Gedanken der Macht

    Die Berichterstattung über die Konfrontation zwischen Russland und dem Westen überschlägt sich. Ein letztes Aufbäumen des kranken russischen Bären – oder mehr?

    René Magritte, L’Empire des lumières – unten die Dunkelheit, darüber ein heller Himmel. Vielleicht ist genau das unsere Hoffnung: Die Nacht ist wirklich. Aber sie besitzt nicht den ganzen Himmel.

    Ich bin mit einer Belarussin verheiratet. Wir sprechen oft darüber, warum weder in Belarus noch in Russland die Bevölkerung in großer Zahl gegen die diktatorischen Regime auf die Straße geht.

    Die Antworten sind für westeuropäisches Denken teilweise ungewohnt.

    Wer damit rechnen muss, dass schon geringer Widerstand Gefängnis, Lager, Folter oder den Verlust der eigenen Existenz nach sich ziehen kann, braucht außergewöhnlichen Mut, um öffentlich aufzustehen.

    Dazu kommt die historische Erfahrung: Revolutionen und Umstürze haben in Russland zwar Herrscher und Systeme verändert, aber nicht automatisch Freiheit gebracht. Oft wechselten die Namen an der Spitze, während Privilegien, Gewalt und autoritäre Strukturen blieben.

    Und schließlich können Macht und Propaganda ihre eigene Wirklichkeit schaffen. Wer jahrzehntelang von Menschen umgeben ist, die bestätigen, dass das eigene Land immer im Recht und der Gegner immer schuldig sei, muss irgendwann vielleicht nicht einmal mehr bewusst lügen. Er glaubt selbst daran.

    Neu ist das alles nicht.

    Die Geschichte zeigt immer wieder, wie aus Monarchien und Demokratien autoritäre Systeme und Tyranneien entstehen konnten. Auch das Christentum konnte mit seinem radikalen Liebesgebot ein neues Ideal friedlichen Zusammenlebens entwerfen – und dennoch nicht verhindern, dass Menschen Macht missbrauchten. Auch Kirchen selbst waren davon nicht ausgenommen.

    Neben den sichtbaren politischen Institutionen existieren außerdem seit jeher andere Ebenen der Macht: Geheimdienste, Militärs, wirtschaftliche Interessen, persönliche Netzwerke und informelle Machtzentren. Keine geheimnisvolle Weltregierung, sondern Strukturen, ohne die große Politik kaum funktioniert.

    Für diese Welt der Macht sind Tote oft Zahlen, Verluste, Faktoren einer Strategie.

    Aber es sterben keine Parameter.

    Es sterben Menschen.

    Ein Soldat hat Eltern. Eine Frau vielleicht Kinder. Ein getötetes Kind hatte eine Zukunft.

    Genau hier unterscheidet sich das christliche Menschenbild fundamental von der Logik der Macht:

    Für Strategie können Menschen Zahlen sein. Für Gott niemals.

    Was können wir also tun?

    Putin, Trump, Xi oder andere Mächtige werden die meisten von uns nicht beeinflussen können. Aber wir entscheiden jeden Tag darüber, wie wir in unserer eigenen kleinen Welt mit Menschen umgehen.

    Ob wir zuhören. Ob wir versöhnen. Ob wir Macht über andere ausüben oder Verantwortung für andere übernehmen.

    Vielleicht beginnt Frieden immer dort, wo zwei Menschen einander begegnen.

    Und vielleicht können wir noch etwas tun:

    In Gedanken eine weiße Rose pflanzen – vor dem Kreml, vor dem Weißen Haus, vor den Parlamenten Europas, vor den Palästen der Mächtigen.

    Millionen, vielleicht Milliarden weiße Rosen.

    Und vielleicht würde ihr Weiß des Friedens am Ende all die schwarzen Gedanken der Macht überstrahlen.

  • Wenn Gerechtigkeit an ihre Grenze kommt

    Wie weit trägt Gerechtigkeit – und wo beginnt jene innere Freiheit, die nur Vergebung schaffen kann?

    Nach einer intensiven Auseinandersetzung mit den Texten des heutigen 2. Adventsonntags – Jesajas Vision eines gerechten Friedens und der Ruf des Johannes zur Umkehr – haben Yuliya, Teddy und ich zuhause die neue Verfilmung des Grafen von Monte Christo gesehen. Eine Geschichte, die seit 1844 von Vergeltung erzählt – und doch in ihren entscheidenden Momenten von etwas Größerem spricht.

    Der Film hält sich erstaunlich genau an den Roman von Alexandre Dumas und zeigt die Wandlung Edmond Dantès’ mit einer Eindringlichkeit, die uns beide tief bewegt hat. Zunächst dominiert der Zorn: ein unschuldig Verurteilter, beraubt von Freiheit, Liebe und Würde. Seine Rache ist brillant konstruiert und erschreckend wirksam. Und doch wird in dieser Verfilmung deutlicher als in vielen früheren: Jeder seiner Schritte in Richtung Vergeltung kostet ihn ein Stück seines Herzens.

    Gerade deshalb sind die drei stillen Szenen so stark, in denen der Graf das Schwert senkt. Wenn er im Duell bewusst daneben schießt. Wenn er seinen größten Feind im entscheidenden Augenblick verschont. Wenn er Haydée und Albert – zwei jungen Menschen – ein Leben jenseits seiner eigenen Verletzungen ermöglicht. In diesen Momenten wendet sich die Geschichte: vom Ausgleich der Schuld hin zur Möglichkeit eines neuen Anfangs.

    Hier begegnen sich Film und Advent. Jesaja beschreibt einen kommenden Frieden, der nicht aus Vergeltung wächst, sondern aus einem Geist der Weisheit, Einsicht und Gerechtigkeit. Johannes ruft zur Umkehr – zur inneren Bewegung vom verletzten Ich zum offenen Herzen.

    Gerechtigkeit ordnet die Welt.
    Doch nur Vergebung erfüllt den Menschen.

    Für Yuliya und mich war diese Verfilmung nicht nur ein großartiger Filmabend, sondern fast eine adventliche Meditation über das, was heilt: nicht der Sieg über andere, sondern die Versöhnung mit dem eigenen Leben.

    Stichworte
    Advent, Monte Christo, Vergebung, Gerechtigkeit, Dumas, Filmreflexion, Hoffnung

    Summary
    Am 2. Adventssonntag zeigt die neue Verfilmung des Grafen von Monte Christo, wie Rache an ihre Grenze stößt und Vergebung zur inneren Freiheit führt. Eine adventliche Betrachtung über Gerechtigkeit, Heilung und Menschwerdung.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Graf_von_Monte_Christo_(2024)

  • Lied vom Regenbogenkreuz

    Altarkreuz der Dormitio-Abteikirche auf dem Zionsberg in Jerusalem auf dem Kreuz vom Sinai
    Fotos: Kerstin Rehberg-Schroth


    Unsere Hoffnung gründet in der Liebe,
    die Gott im Bund uns Menschen zugesagt.
    Vor unsren Augen steht der Regenbogen,
    Treue von Gott für Noah und für uns.


    Herr, deine Liebe ist uns Kraft zu leben.
    Sie schenkt uns weiten Raum
    und gibt uns ein Zuhaus.


    Unsere Sehnsucht gründet in der Treue,
    die Gott im Bund uns Menschen zugesagt.
    Zwölfzahl der Stämme, Enden eines Kreuzes,
    Israels Bund, im Sinai verbürgt.


    Herr, deine Liebe ist uns Kraft zu leben.
    Sie schenkt uns weiten Raum
    und gibt uns ein Zuhaus.


    Herr, unser Friede gründet in der Botschaft,
    die Gott im Bund uns Menschen zugesagt.
    Balken des Kreuzes, Auferstehung Christi,
    Zeichen der Liebe, die Versöhnung schenkt.


    Herr, deine Liebe ist uns Kraft zu leben.
    Sie schenkt uns weiten Raum
    und gibt uns ein Zuhaus.


    Lied vom Regenbogenkreuz (Dormitio Jerusalem)
    Verfasserschaft unbekannt