Schlagwort: Hinter den Kulissen

  • Viel Show, wenig Heimspiel

    Was von dieser Fußball-Weltmeisterschaft über die Vereinigten Staaten bleibt

    Am Ende gewann Spanien.

    Im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft besiegte die spanische Mannschaft am Sonntag, dem 19. Juli 2026, Argentinien mit 1:0. Die Vereinigten Staaten, das größte und mächtigste der drei Gastgeberländer, waren zu diesem Zeitpunkt längst nur noch Zuschauer. Sie waren bereits im Achtelfinale mit 1:4 an Belgien gescheitert.

    Das ist sportlich kein Weltuntergang. Auch Gastgeber dürfen verlieren.

    Bemerkenswert war jedoch, was sich rund um dieses Finale abspielte. Erstmals in der Geschichte einer Fußball-Weltmeisterschaft wurde die Pause des Endspiels zur großen Showbühne. Madonna, Shakira, BTS, Justin Bieber, Burna Boy, Coldplay und die Muppets sollten aus fünfzehn Minuten Unterbrechung ein Spektakel nach amerikanischem Vorbild machen.

    Aus dem Weltmeisterschaftsfinale wurde für einen Augenblick ein Super Bowl.

    Die FIFA begründete die Show mit der Idee, Musik, Sport und weltweites gesellschaftliches Engagement miteinander zu verbinden. Geld sollte für Bildungsprojekte gesammelt werden. Das ist ein ehrenwertes Anliegen. Zugleich kritisierten viele Fußballfreunde die Verlängerung und Kommerzialisierung jener Pause, die bisher vor allem den Spielern zur Erholung gedient hatte. Selbst große britische Fernsehsender zeigten zunächst wenig Interesse an der Übertragung.

    Man kann diese Show mögen. Man kann sich von ihr gut unterhalten fühlen.

    Man darf aber auch fragen, wovon sie ablenkte.

    Denn hinter dem Glanz dieser Weltmeisterschaft stand ein Gastgeberland, dessen Selbstbild und Wirklichkeit immer weiter auseinanderdriften.

    Willkommen in Amerika?

    Eine Fußball-Weltmeisterschaft lebt davon, dass Menschen aus aller Welt willkommen sind. Doch gerade daran bestanden in den Monaten vor und während des Turniers Zweifel.

    Einreisebeschränkungen, verschärfte Abschiebepolitik und die Angst vor Kontrollen belasteten die Atmosphäre. Vertreter amerikanischer Gastgeberstädte mussten gleichzeitig Weltoffenheit versprechen und erklären, wie ausländische Besucher vor den Folgen einer zunehmend harten Migrationspolitik geschützt werden sollten. Menschenrechtsorganisationen und politische Beobachter warnten, dass nicht alle Fans ohne Sorge in das Land reisen könnten, das ihnen während der Weltmeisterschaft Gastfreundschaft versprach.

    Sogar das Finale begann verspätet. Aufwendige Zeremonien, zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen wegen der Anwesenheit Donald Trumps und technische Probleme beim Einlass führten zu langen Warteschlangen und Verzögerungen. Die große Inszenierung funktionierte besser auf den Bildschirmen als vor den Stadiontoren.

    Das ist vielleicht ein unbeabsichtigtes Bild für das heutige Amerika.

    Vorne stehen die Stars. Hinten warten die Menschen.

    Ein reiches Land mit armen Sicherheiten

    Die Vereinigten Staaten sind eine wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Weltmacht. Ihre Universitäten, ihre Unternehmen und ihre kreative Energie sind beeindruckend.

    Aber sie sind nicht die Insel der Seeligen, als die sie sich selbst gerne darstellen.

    Bei einer amtlichen Zählung im Jahr 2024 wurden in den USA an einem einzigen Stichtag mehr als 770.000 Menschen ohne gesicherten Wohnraum erfasst – so viele wie nie zuvor seit Beginn dieser Erhebungen.

    Nur 63 Prozent der Erwachsenen gaben 2025 an, eine unerwartete Ausgabe von 400 Dollar unmittelbar aus eigenen Mitteln oder mit einer im nächsten Monat vollständig beglichenen Kreditkarte bezahlen zu können. Mehr als ein Drittel könnte eine solche überschaubare Notlage also nicht ohne Weiteres auffangen.

    Fast zwei Millionen Menschen befinden sich in Gefängnissen, Haftanstalten und anderen Einrichtungen des amerikanischen Strafvollzugs. Rund 465.000 von ihnen werden vor einem Gerichtsverfahren festgehalten und gelten daher rechtlich weiterhin als unschuldig. Viele bleiben in Haft, weil sie eine verlangte Geldkaution nicht aufbringen können.

    Das Land, das die Freiheit wie kein anderes zu seinem Markenzeichen gemacht hat, sperrt einen bemerkenswert großen Teil seiner eigenen Bevölkerung ein.

    Das Land mit einigen der besten Krankenhäuser der Welt garantiert bis heute nicht allen Menschen einen selbstverständlichen Zugang zu medizinischer Versorgung.

    Das Land mit einigen der reichsten Menschen der Menschheitsgeschichte kennt Lehrer mit mehreren Arbeitsstellen, Veteranen ohne Wohnung und Familien, bei denen eine Erkrankung zur finanziellen Katastrophe werden kann.

    All das begann nicht mit Donald Trump.

    Aber unter Donald Trump hat sich die Bereitschaft verstärkt, diese Widersprüche nicht zu lösen, sondern mit neuen Konflikten zu überdecken.

    Immer ein neuer Schauplatz

    Trump versteht es, die Aufmerksamkeit zu lenken.

    Heute ist es Grönland. Morgen die NATO. Dann ein Verbündeter, ein politischer Gegner, eine Universität, ein Gericht, eine Zeitung, ein Einwanderer oder ein ausländischer Staatschef.

    Der Schauplatz wechselt, ehe das alte Problem gelöst ist.

    Darin liegt eine politische Methode: Wer täglich einen neuen Konflikt eröffnet, zwingt die Öffentlichkeit, täglich auf ein neues Thema zu reagieren. Die große Erregung ersetzt die nachhaltige Arbeit. Bewegung sieht dann aus wie Führung, Lautstärke wie Entschlossenheit und die rasche Abfolge von Krisen wie politische Tatkraft.

    Doch die grundlegenden Aufgaben bleiben liegen.

    Wie sollen Gesundheitsversorgung und Bildung finanziert werden?

    Wie kann Wohnen wieder leistbar werden?

    Wie lässt sich die politische Spaltung überwinden?

    Wie können Migration und Grenzschutz zugleich wirksam und menschenwürdig gestaltet werden?

    Wie können Kriege beendet werden, ohne ständig neue Drohungen, Fronten und Abhängigkeiten zu schaffen?

    Eine Regierung beweist ihre Stärke nicht dadurch, dass sie täglich ein neues Ziel ihrer Empörung findet. Sie beweist sie dadurch, dass sie schwierige Probleme geduldig löst.

    Genau daran fehlt es.

    Nicht nur im eigenen Land, sondern zunehmend auch in der Weltpolitik. Trump verspricht schnelle Lösungen, wo es nur mühsame Wege gibt. Er erklärt Konflikte für beendet, während sie weiterwirken. Er droht, fordert, beleidigt und verkündet. Aber zwischen Ankündigung und tragfähigem Frieden liegt ein weiter Weg.

    Die NATO war da

    Besonders befremdlich ist Trumps wiederholter Vorwurf, die NATO sei nicht für Amerika da gewesen.

    Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 geschah etwas, das es zuvor und seither kein zweites Mal gab: Die NATO rief den Bündnisfall nach Artikel 5 aus – zugunsten der Vereinigten Staaten.

    Europäische, kanadische und andere verbündete Soldaten gingen gemeinsam mit den Amerikanern nach Afghanistan. Menschen aus vielen Ländern kämpften, wurden verwundet und starben in einem Krieg, der als Reaktion auf einen Angriff gegen die USA begonnen hatte.

    Auch Australien war dabei, obwohl es der NATO gar nicht angehört.

    Man kann den Afghanistan-Einsatz heute kritisch beurteilen. Man muss sogar fragen, was nach zwanzig Jahren Krieg erreicht und was zerstört wurde.

    Aber man kann nicht ernsthaft behaupten, die Verbündeten seien nicht gekommen, als Amerika sie brauchte.

    Sie kamen.

    Die Pausenshow als Bild

    Vielleicht war die Pausenshow des Finales gar nicht dazu gedacht, über etwas hinwegzutäuschen.

    Vielleicht war sie einfach Unterhaltung.

    Und doch bleibt sie als Sinnbild dieser Weltmeisterschaft: Während auf dem Rasen das Wort „Love“ erschien, während Weltstars sangen und die Kameras über ein funkelndes Stadion glitten, lagen die Widersprüche des Gastgeberlandes nur wenige Kilometer entfernt.

    Obdachlosigkeit und Reichtum.

    Freiheitsrhetorik und Masseninhaftierung.

    Weltoffenheit und Einreiseangst.

    Bündnistreue und Verachtung der Verbündeten.

    Friedensversprechen und immer neue Drohkulissen.

    Große Show und ungelöste Wirklichkeit.

    Die Vereinigten Staaten bleiben ein faszinierendes Land. Sie haben Europa nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend unterstützt, Demokratie verteidigt, wissenschaftlichen Fortschritt ermöglicht und Millionen Menschen Hoffnung auf ein freieres Leben gegeben.

    Gerade deshalb darf man mehr von ihnen erwarten.

    Und gerade deshalb ist Kritik kein Antiamerikanismus.

    Freundschaft bedeutet nicht, zu allem zu schweigen. Freundschaft darf auch sagen: Seht zuerst in den eigenen Garten, bevor ihr anderen Ländern erklärt, wie schlecht sie geführt werden.

    Spanien wurde am Sonntag Fußball-Weltmeister.

    Amerika blieb die große Bühne.

    Doch die Welt hat an diesem Abend nicht nur auf die Bühne gesehen. Sie hat auch wahrgenommen, was hinter den Kulissen liegt.