Wie Gewalt wächst – und warum wir nicht nur Zuschauer sind
Auf der Grafik ist der Krieg kaum zu sehen. Ein roter Strich, nicht viel breiter als eine Markierung am Rand: Rund 159.000 Menschen starben im Jahr 2023 an Krieg und Terrorismus. Das waren ungefähr 0,3 Prozent der weltweit geschätzten 60 Millionen Todesfälle. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Infektionen beanspruchen auf dem Kreis ein Vielfaches an Fläche. Wer nur auf die Proportionen schaut, könnte deshalb meinen, die Menschheit überschätze den Krieg.
Doch eine Todesursache ist nicht schon deshalb nebensächlich, weil ihr Sektor klein ist. Krankheit, Altern und viele Unfälle gehören zur Verletzlichkeit des Lebens; Krieg ist eine Entscheidung. Er beginnt nicht von selbst, folgt keinem Naturgesetz und braucht, um zu dauern, jeden Tag neue Befehle, Waffen, Rechtfertigungen und Menschen, die mitmachen oder wegsehen. Der schmale rote Strich bezeichnet daher nicht nur eine Zahl. Er markiert den Teil des Sterbens, den Menschen planvoll anderen Menschen zufügen.

Woran Menschen weltweit sterben. Geschätzte Todesfälle 2023 nach zugrunde liegender Ursache. Krieg und Terrorismus sind rot hervorgehoben; die übrigen Ursachen erscheinen in Abstufungen des ZEIT.Linie-Blaus. Quelle: IHME, Global Burden of Disease 2023, aufbereitet von Our World in Data. Die Werte sind modellierte und gerundete Schätzungen.
Die Schwierigkeit des Zählens
Erfasst werden vor allem direkte Todesfälle: Menschen, die durch Beschuss, Bomben, Angriffe, Exekutionen oder andere organisierte Gewalt ums Leben kommen. Wer Monate später an Hunger stirbt, weil Felder vermint sind, wer eine behandelbare Infektion nicht überlebt, weil das Krankenhaus zerstört wurde, oder wer auf der Flucht ertrinkt, erscheint häufig nicht als Kriegstoter. Gerade bei lang dauernden Konflikten können diese indirekten Folgen die unmittelbaren Opferzahlen weit übersteigen.
Auch eine Aufteilung nach „allen beteiligten Parteien“ klingt genauer, als sie tatsächlich wäre. UCDP ordnet einen Todesfall in erster Linie dem Ereignis und dem Ort zu, nicht zuverlässig der Nationalität, dem zivilen oder militärischen Status oder der Kriegspartei des Getöteten. Ein russischer Soldat, der in der Ukraine stirbt, wird in einer ortsbezogenen Statistik der Ukraine zugerechnet. Manche Regierungen veröffentlichen keine eigenen Verluste, andere verbreiten interessengeleitete Angaben; dieselben Toten dürfen nicht mehrfach gezählt werden. Deshalb nennt dieser Beitrag Zehnjahressummen nach Konfliktraum und verzichtet auf scheinpräzise Parteibilanzen. Auch Verletztenzahlen werden nicht addiert, weil sie weltweit noch weniger vergleichbar vorliegen.
Was die Karte zeigt – und was nicht
Die Farben beruhen auf den „best estimates“ direkter Todesfälle durch organisierte Gewalt. Der jüngste vollständig verfügbare Zwölfmonatszeitraum reicht vom 1. August 2025 bis 31. Juli 2026. Ein Land wird nach der Zahl der dort registrierten Todesfälle eingefärbt; die Karte sagt nicht, welcher Seite die Getöteten angehörten. Hellgrau bedeutet: Im Datensatz wurde für diesen Zeitraum kein entsprechender Todesfall erfasst – nicht zwingend, dass es dort keinerlei politische Gewalt gab. Die Angaben für 2026 sind vorläufige UCDP-Candidate-Daten und können nachträglich korrigiert werden.

Kriege und bewaffnete Konflikte weltweit, 1. August 2025 bis 31. Juli 2026. Je dunkler das Rot, desto mehr direkte Todesfälle durch organisierte Gewalt wurden im betreffenden Land erfasst. Beschriftet sind Länder mit besonderes vielen Todesfällen auf Grund von Krieg, Terrorismus oder Anarchie. Grundlage: UCDP GED 26.1 und vorläufige Candidate-Daten bis Juli 2026; eigene Auswertung. Zur Plausibilisierung wurden der ACLED Conflict Index und die Watchlist 2026 sowie der Global Conflict Tracker des Council on Foreign Relations herangezogen. Stand: 29. August 2026.
Der kleine rote Sektor
Der rote Anteil an allen Todesfällen ist klein, und gerade darin liegt eine verstörende Wahrheit. Die Menschheit hat es geschafft, das Leben vieler Menschen zu verlängern: Kinder überleben häufiger ihre ersten Jahre, Infektionen werden behandelbar, selbst schwere Krankheiten verlieren in wohlhabenden Gesellschaften einen Teil ihres Schreckens. Zwei Drittel aller Todesfälle ereignen sich heute bei Menschen ab 60 Jahren. In einer Welt, in der viele ein hohes Alter erreichen, wirkt jeder gewaltsam abgebrochene Lebenslauf umso weniger wie ein unabwendbares Schicksal.
Die beiden Tortengrafiken beruhen auf verschiedenen Modellen. Die Ursachenstatistik des IHME schätzt rund 60 Millionen Todesfälle, die Altersstatistik der Vereinten Nationen rund 61,7 Millionen. Solche Abweichungen entstehen aus unterschiedlichen Datenquellen, Schätzverfahren und Revisionen. Die Grafiken dürfen daher nicht Ziffer für Ziffer miteinander verrechnet werden. Gemeinsam zeigen sie jedoch eine robuste Größenordnung: Die meisten Menschen sterben an Krankheiten und die meisten erst im höheren Alter; Krieg entreißt Menschen einem Leben, dessen Dauer nicht feststand, dessen Ende aber absichtlich herbeigeführt wurde.

In welchem Alter Menschen weltweit sterben. Geschätzte Todesfälle 2023 nach Altersdekaden; Diese Zahlen werden von den Vereinte Nationen veröffentlicht. Die Berechnungsmethode weicht von der ersten Datenquelle in der vorigen Grafik ab. World Population Prospects 2024, aufbereitet von Our World in Data. Die fünfjährigen UN-Gruppen wurden zu Dekaden zusammengefasst; Werte gerundet.
Wo beginnt Gewalt?
Die Suche nach dem Ursprung der Gewalt führt leicht zu einer bequemen Erzählung: Am Anfang steht ein böser Gedanke, am Ende der Krieg, und dazwischen liegt eine Treppe aus Lüge, Betrug, Diebstahl, Raub und Mord. Etwas daran ist wahr. Große Verbrechen brauchen eine Vorgeschichte. Menschen müssen abgewertet, Tatsachen verdreht, Mitgefühl betäubt und Verantwortung verteilt werden, bevor massenhafte Gewalt möglich wird. Aber die Treppe ist kein Naturgesetz. Wer nörgelt, wird nicht zwangsläufig zum Mörder; wer zornig ist, ist noch kein Gewalttäter. Gedanken, Gefühle und Taten dürfen nicht moralisch ineinander geschoben werden.
Gerade deshalb lohnt die Unterscheidung. Das „Murren“, vor dem die Regel des heiligen Benedikt so eindringlich warnt, meint mehr als eine berechtigte Klage. Es ist der leise Widerstand, der Gemeinschaft von innen zersetzt: Man sagt nicht offen, was einen bedrückt, sondern nährt im Verborgenen die Überzeugung, die anderen seien schuld und man selbst komme zu kurz. Das Wienerische Nörgeln ist oft harmloser – eine Mischung aus Scharfsinn, Selbstschutz und sozialem Ritual. Es kann Druck ablassen und Nähe schaffen. Doch auch Nörgeln kippt, wenn der Witz nur noch auf Kosten anderer funktioniert, wenn aus Kritik Verachtung und aus Verachtung Gleichgültigkeit wird.
Vom Murren zum Völkermord? Keine Zwangsläufigkeit, aber erkennbare Schwellen
Unbehagen: Murren und Nörgeln können ein Missverhältnis anzeigen. Sie werden gefährlich, wenn Dankbarkeit verschwindet und aus „Es fehlt etwas“ der Satz „Mir steht mehr zu als dir“ wird.
Abwertung: Schlechtreden, vorschnelles Urteilen und Verleumdung reduzieren einen Menschen auf einen Fehler oder eine Gruppenzugehörigkeit. Aus dem Gegenüber wird „so einer“.
Täuschung und Aneignung: Lüge verbiegt die Wahrheit; Betrug schafft durch falsche Tatsachen einen Vorteil; Diebstahl nimmt, was einem anderen gehört. Aus dem inneren Anspruch wird eine äußere Tat.
Zwang und Verletzung: Raub verbindet Aneignung mit Gewalt oder ihrer Drohung. Körperliche Gewalt macht den anderen zum Mittel des eigenen Willens.
Tötung und Mord: Tötung ist der Oberbegriff für das Verursachen eines Todes und kann rechtlich sehr verschieden bewertet werden. Mord bezeichnet eine vorsätzliche, besonders schwerwiegende Form rechtswidriger Tötung; die juristische Definition unterscheidet sich von Land zu Land.
Krieg und Kriegsverbrechen: Krieg ist organisierte bewaffnete Gewalt zwischen politischen Akteuren, nicht einfach „Mord in großer Zahl“. Auch im Krieg gilt das humanitäre Völkerrecht. Kriegsverbrechen sind schwere Verstöße gegen dieses Mindestmaß an Schutz, etwa gezielte Angriffe auf Zivilisten, Folter oder Geiselnahme.
Völkermord: Entscheidend ist nicht allein die Zahl der Toten, sondern die nachweisbare Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören. Gerade weil dieser Begriff so schwer wiegt, darf er weder verharmlost noch als bloßes Synonym für massenhafte Grausamkeit gebraucht werden.
Das gefährliche „Nicht genug“
„Non satis“ – nicht genug. In diesen zwei Worten liegt eine starke Deutung menschlicher Eskalation. Nicht, weil jede Unzufriedenheit schlecht wäre. Ohne die Erfahrung, dass etwas nicht genügt, gäbe es keinen Protest gegen Armut, keine Reform ungerechter Verhältnisse und keinen Aufbruch aus Unterdrückung. Gefährlich wird das „Nicht genug“, wenn es sich vom Sinn für Gerechtigkeit löst und in Anspruchsdenken verwandelt: Ich will nicht, dass alle genug haben; ich will haben, was die anderen haben. Und schließlich: Ich glaube, es stehe mir zu, es ihnen zu nehmen.
Die eigentliche Gegenkraft ist deshalb nicht bloße Zufriedenheit, die jedes Unrecht hinnimmt. Es ist Dankbarkeit ohne Selbsttäuschung: die Fähigkeit, das Empfangene wahrzunehmen, ohne das Fehlende zu leugnen; die Bereitschaft, für Gerechtigkeit zu kämpfen, ohne den anderen zum Feind seiner eigenen Existenz zu machen. Herzensbildung wäre dann weder sentimentaler Schmuck noch Ersatz für Wissen. Sie wäre die eingeübte Fähigkeit, sich vom Leid eines anderen betreffen zu lassen – gerade dann, wenn dieser andere fern ist, fremd wirkt oder zur gegnerischen Seite gehört.
In christlicher Sprache ist der Mensch nicht dazu bestimmt, dem Menschen ein Wolf zu sein. Er ist Ebenbild Gottes und zur Liebe gerufen. Das ist keine empirische Behauptung, wonach Menschen von Natur aus immer gut handelten. Es ist eine Zumutung an unser Selbstbild: Kein Mensch geht in seiner Schuld, seiner Angst oder seiner Gruppenzugehörigkeit auf. Das Böse lässt sich dann als fehlgeleitete Liebe verstehen – als Liebe zur eigenen Macht, Sicherheit oder Nation, die den Wert des anderen nicht mehr anerkennt. Glaube nimmt die Verantwortung nicht ab; er verschärft sie.
Für Eltern und Erziehende folgt daraus keine falsche Wahl zwischen Leistung und Liebe. Kinder brauchen Wissen, Können, Grenzen und die Chance, ihren Weg zu machen. Doch Karriere ohne Beziehungssicherheit kann keinen inneren Kompass ersetzen. Wer erlebt hat, dass Stärke nicht Demütigung bedeutet, dass Fehler nicht den Liebesentzug nach sich ziehen und dass Konflikte ohne Vernichtung des anderen ausgetragen werden können, lernt etwas politisch Kostbares: Macht muss nicht grausam sein.
Wenn die Entfernung wächst
Krieg entsteht selten nur, weil „wenige wollen, was viele besitzen“. Um Territorium, Sicherheit, Herrschaft, Rohstoffe, Identität und historische Ansprüche können sich reale Konflikte bilden. Doch die These trifft einen wunden Punkt: Diejenigen, die einen Krieg beschließen, erleben seine körperliche Wahrheit meist nicht. Die Entfernung zwischen Entscheidung und Wirkung erleichtert das Töten. Wer Koordinaten sieht, muss kein Gesicht sehen; wer einen Einsatz freigibt, hört den Einschlag nicht.
Drohnen sind nicht automatisch autonome Waffen. Viele werden ferngesteuert, und auch automatisierte Systeme können unter menschlicher Kontrolle stehen. Mit wachsender Autonomie droht jedoch eine neue Verdünnung der Verantwortung: Der Entwickler verweist auf den Befehlshaber, der Befehlshaber auf das System, der Bediener auf die Zielerkennung. Aus einer Gewissensentscheidung wird ein Arbeitsablauf. Die Vereinten Nationen fordern deshalb, Entscheidungen über Leben und Tod nicht Maschinen zu überlassen und letale Systeme ohne menschliche Kontrolle völkerrechtlich zu verbieten. Der Satz vom „Infanteristen am Schlachtfeld, der dem KI-Nutzer in der Hängematte weicht“, ist zugespitzt; seine Warnung bleibt berechtigt. Technische Distanz darf moralische Nähe nicht aufheben. (Vereinte Nationen)
Auch die Vorstellung, Friedensfähigkeit ließe sich eines Tages gentechnisch einbauen, führt in die Irre. Es gibt kein einzelnes Gen für Frieden, und moralisches Handeln entsteht aus einem kaum entwirrbaren Zusammenspiel von Biologie, Beziehung, Kultur, Freiheit und Institutionen. Menschen zur gewünschten Gesinnung zu „mutieren“ wäre nicht die Vollendung der Humanität, sondern ein eugenisches Machtprojekt. Genomeditierung kann Krankheiten behandeln; gerade wegen ihrer Chancen verlangt sie strenge wissenschaftliche und ethische Kontrolle. Frieden bleibt eine Aufgabe der Bildung, der Politik, des Rechts und des persönlichen Handelns. (WHO)
Institutionen oder Herzen? Beides.
Die Vereinten Nationen haben Kriege nicht abgeschafft. Vetorechte blockieren Entscheidungen, Friedensmissionen sind überfordert, und das Völkerrecht wird verletzt, obwohl seine Regeln bekannt sind. Daraus folgt nicht, dass internationale Ordnung nutzlos geworden wäre. Ohne Diplomatie, Gerichte, Rüstungskontrolle, humanitäre Organisationen und überprüfbare Abkommen wären Schwache noch schutzloser. Institutionen können Gewalt begrenzen; sie können aber nicht erzwingen, dass Menschen einander als Menschen sehen.
Umgekehrt ersetzt Herzensbildung keine Politik. Mitgefühl stoppt keinen Panzer, wenn es nicht in Schutz, Hilfe, Recht und Verhandlung übersetzt wird. Auch Gebet ist keine Alternative zum Handeln. Für Glaubende kann es jedoch eine Schule der Aufmerksamkeit sein: Wer für einen Gegner betet, entzieht sich für einen Moment der Versuchung, ihn nur als Hindernis zu betrachten. Frieden braucht deshalb beides – Ordnungen, die das Schlimmste verhindern, und Menschen, die diese Ordnungen nicht bloß aus Angst vor Strafe achten.
Nicht machtlos. Nicht Zuschauer.
Der persönliche Auftrag beginnt selten heroisch. Er beginnt dort, wo ich ein abwertendes Wort nicht weitertrage, ein vorschnelles Urteil korrigiere und einer Lüge die bequeme Zustimmung verweigere. Er wird konkret, wenn ich verlässliche Medien statt Empörungsgerüchte teile, einem bedrohten Menschen beistehe, seriöse Hilfe unterstütze und von politischen Verantwortlichen die Achtung des Rechts verlange. Und er reicht bis zur täglichen Übung, den anderen nicht auf seine Herkunft, Meinung oder Schuld zu reduzieren.
Vielleicht wird die Welt nicht dadurch gut, dass jeder Einzelne sich für ihren Retter hält. Aber sie bleibt nur bewohnbar, wenn genügend Menschen sich weigern, ihre Verantwortung an „die da oben“, an Institutionen oder an Maschinen abzugeben. Ich kann keinen Krieg allein beenden. Ich kann jedoch an der Stelle, an der ich stehe, verhindern, dass Verachtung zur normalen Sprache wird. Ich kann Versöhnung ermöglichen, ohne Unrecht zu beschönigen. Ich kann helfen, wählen, widersprechen, vergeben, beten und handeln. Das ist weniger als Allmacht. Es ist mehr als Zuschauen.
Anhang: Die wichtigsten Krisenherde im Überblick
Die folgenden Größenordnungen beziehen sich – soweit nicht anders angegeben – auf direkte Todesfälle durch organisierte Gewalt, die UCDP dem jeweiligen Konfliktraum vom 1. Januar 2016 bis 31. Juli 2026 zuordnet. Sie sind gerundet, vorläufig und keine vollständige Bilanz aller Kriegsfolgen. Bei Konflikten, die mehrere Länder betreffen, wurden die genannten Territorien zusammengezählt. Die Werte erfassen weder alle indirekten Todesfälle noch zuverlässig die Zugehörigkeit der Getöteten zu einer Partei. Grundlage sind die UCDP-Datensätze; aktuelle Lagebilder wurden mit ACLED und CFR abgeglichen.
| Konfliktraum | Erfasste direkte Tote 2016–Juli 2026, gerundet |
|---|---|
| Ukraine und Russland | etwa 429.000 |
| Israel und Palästina | etwa 65.000 im UCDP-Ereignisdatensatz; andere aktuelle Zählungen liegen höher |
| Iran | etwa 26.000 |
| Sudan | etwa 107.000 |
| Myanmar | etwa 17.000 im eng abgegrenzten UCDP-Ereignisdatensatz; breitere Schätzungen liegen deutlich höher |
| Demokratische Republik Kongo | etwa 49.000 |
| Somalia | etwa 30.000 |
| Sahel: Mali, Burkina Faso und Niger | etwa 48.000 |
| Nigeria | etwa 40.000 |
| Syrien | etwa 144.000 |
| Jemen | etwa 54.000 direkte Tote; Gesamtschätzungen einschließlich indirekter Folgen sind wesentlich höher |
| Haiti | etwa 5.300 |
| Pakistan | etwa 13.700 |
Ukraine und Russland. Russlands Krieg gegen die Ukraine begann nicht erst mit dem Großangriff vom Februar 2022; er reicht bis zur Annexion der Krim und den Kämpfen im Donbas 2014 zurück. Im Kern geht es um die staatliche Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine, um Russlands Anspruch auf eine eigene Einflusssphäre und um die Sicherheitsordnung Europas. Die Zehnjahressumme ist ortsbezogen: Sie trennt ukrainische und russische Soldaten sowie Zivilisten nicht verlässlich. UCDP registrierte allein 2025 rund 94.700 Tote und bezeichnete den Krieg damit als den tödlichsten des Jahres. Der CFR-Lagebericht wurde zuletzt im August 2026 aktualisiert.
Israel und Palästina. Der Konflikt verbindet zwei nationale Selbstbestimmungsansprüche mit einer langen Geschichte von Vertreibung, Besatzung, Terror, Krieg und gescheiterten Friedensprozessen. Der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023, bei dem in Israel rund 1.200 Menschen getötet und 251 Geiseln genommen wurden, löste den verheerenden Krieg im Gazastreifen aus. Der CFR nennt inzwischen mehr als 70.000 getötete palästinensische Zivilisten und Kämpfer; diese aktuelle Angabe liegt über der engeren, ereignisbasierten UCDP-Zehnjahressumme. Die Differenz zeigt, wie stark Quellen, Stichtage und Prüfverfahren die Bilanz beeinflussen. (CFR)
Iran. Iran ist zugleich Schauplatz innerer Repression, Akteur in regionalen Stellvertreterkonflikten und Partei einer direkten militärischen Konfrontation mit Israel und den Vereinigten Staaten. Das Atomprogramm, Irans Unterstützung bewaffneter Gruppen und Israels Sicherheitsdoktrin bilden den strategischen Kern; Angriffe und Gegenschläge im Jahr 2025 verschoben den Konflikt von der Schattenkriegslogik in offene zwischenstaatliche Gewalt. Die ortsbezogene Zahl erfasst vor allem Tote auf iranischem Gebiet und bildet die Opfer iranisch unterstützter Gruppen in anderen Ländern nicht als „iranische“ Tote ab.
Sudan. Seit April 2023 kämpfen die sudanesischen Streitkräfte unter Abdel Fattah al-Burhan und die paramilitärischen Rapid Support Forces unter Mohamed Hamdan Dagalo um Macht, Territorium und Ressourcen. Aus dem Machtkampf zweier bewaffneter Apparate wurde eine Zerstörung des Landes; ethnisch gezielte Gewalt in Darfur, Hunger und Vertreibung verschärfen die Katastrophe. Direkte Todesfälle sind nur ein Teil der Bilanz, weil Versorgungssysteme zusammengebrochen sind. Der CFR bezeichnet den Krieg als eine der schwersten humanitären Katastrophen der Gegenwart. (CFR)
Myanmar. Der Militärputsch vom Februar 2021 beendete die unvollständige demokratische Öffnung. Seitdem kämpfen die Junta, ethnische bewaffnete Organisationen und neu entstandene Volksverteidigungskräfte um die politische Zukunft und territoriale Kontrolle. Der Konflikt baut auf jahrzehntealten Kriegen in den Grenzregionen und der Verfolgung der Rohingya auf. Die niedrige UCDP-Summe bildet nur streng verifizierte Ereignisse ab; breitere Schätzungen, die schwer dokumentierbare Tötungen und Kriegsfolgen einbeziehen, liegen weit darüber.
Demokratische Republik Kongo. Im Osten des Kongo überlagern sich lokale Land- und Machtkonflikte, die Nachwirkungen des Genozids in Ruanda, die Interessen der Nachbarstaaten und der Kampf um mineralische Rohstoffe. Besonders die von Ruanda unterstützte M23-Rebellion hat den Krieg regionalisiert; 2025 nahm M23 Goma und Bukavu ein. Abkommen und Vermittlungen haben die Gewalt bislang nicht dauerhaft beendet, Millionen Menschen bleiben vertrieben.
Somalia. Die islamistische Al-Shabaab bekämpft seit Jahren die international anerkannte Regierung und versucht, durch Anschläge, Einschüchterung, Besteuerung und territoriale Kontrolle eine eigene Ordnung zu erzwingen. Schwache staatliche Institutionen, Clanrivalitäten, Armut und wiederkehrende Dürren verlängern den Konflikt. Offensiven der Regierung und ihrer Partner drängten die Gruppe zeitweise zurück, ohne ihr Finanzierungsnetz und ihre Fähigkeit zu Anschlägen zu brechen.
Sahel. In Mali, Burkina Faso und Niger treffen jihadistische Aufstände, lokale Konflikte, staatliche Gewalt und eine Serie von Militärputschen aufeinander. Gruppen mit Verbindungen zu al-Qaida und zum sogenannten Islamischen Staat nutzen abgelegene Räume und das Misstrauen gegenüber dem Staat. Der Rückzug westlicher Truppen und die Hinwendung der Militärregierungen zu russischen Kräften haben die Sicherheitsordnung verändert, nicht aber die Bevölkerung geschützt; die Gewalt breitet sich Richtung Küstenstaaten aus.
Nigeria. Im Nordosten dauert der Aufstand von Boko Haram und der Abspaltung ISWAP an. Hinzu kommen Banditentum und Entführungsökonomien im Nordwesten, Konflikte zwischen Bauern und Viehhirten im Middle Belt sowie separatistische Gewalt im Südosten. „Der Konflikt in Nigeria“ ist deshalb kein einzelner Krieg, sondern ein Bündel regional verschiedener Gewaltordnungen, die von schwacher Verwaltung, Straflosigkeit und sozialer Not profitieren.
Syrien. Der Aufstand gegen Baschar al-Assad wurde ab 2011 zum Bürgerkrieg und anschließend zum internationalisierten Krieg mit russischer, iranischer, türkischer, amerikanischer und jihadistischer Beteiligung. Der Sturz Assads beendete die alte Kriegsphase, aber nicht die Gewalt: territoriale Interessen, kurdische Selbstverwaltung, türkische Sicherheitsziele, verbliebene Extremistengruppen und konfessionelle Spannungen prägen die fragile Neuordnung. Die rund 144.000 erfassten direkten Toten seit 2016 sind nur ein Ausschnitt aus der Gesamtbilanz seit 2011.
Jemen. Die Huthi-Bewegung kontrolliert große Teile des Nordens, während die international anerkannte Regierung und südjemenitische Kräfte um Macht und Territorium ringen. Aus dem innerjemenitischen Konflikt wurde durch die saudisch geführte Intervention und iranische Unterstützung für die Huthis ein regionaler Krieg. Angriffe im Roten Meer und Gegenschläge haben ihn zusätzlich mit dem Gaza-Krieg verknüpft. Neben den direkten Gewalttoten forderten Hunger, Krankheiten und der Zusammenbruch der Versorgung eine sehr viel größere Zahl von Opfern.
Haiti. Haiti erlebt keinen klassischen Bürgerkrieg zwischen klaren Fronten, sondern den Zerfall staatlicher Sicherheit unter dem Druck schwer bewaffneter Banden. Sie kontrollieren Verkehrswege und große Teile von Port-au-Prince, erpressen, entführen und vertreiben die Bevölkerung. Politische Instabilität, korrupte Institutionen, Armut und Waffenströme verstärken einander; internationale Stabilisierungsversuche konnten den staatlichen Kontrollverlust bislang nicht umkehren.
Pakistan. In Pakistan überlagern sich Angriffe der pakistanischen Taliban, separatistische Gewalt in Belutschistan, sektiererischer Terror und die gefährliche Rivalität mit Indien um Kaschmir. Seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan 2021 verschärften sich die Spannungen an der Grenze, weil Islamabad Kabul vorwirft, der TTP Rückzugsräume zu lassen. Zugleich bleibt jede Eskalation zwischen den Atommächten Indien und Pakistan ein Risiko weit über die Region hinaus.
Quellen und Methodik
- Uppsala Conflict Data Program: Dataset Download Center und UCDP Exploratory
- Davies, Pettersson und Öberg: Organized violence 1989–2025, and violent political protests, Journal of Peace Research, 2026
- ACLED: Conflict Index und Conflict Watchlist 2026
- Council on Foreign Relations: Global Conflict Tracker
- Our World in Data / IHME: Todesursachen 2023 und Todesfälle durch Konflikt und Terrorismus
- Our World in Data / Vereinte Nationen: Todesfälle nach Altersgruppe 2023
Redaktionsstand: 29. August 2026, Recherchiert mit Unterstützung von KI und deshalb möglicherweise nicht ganz richtig – aber auch nicht sicher falsch.