Würde ein im Leben stehender Mensch sich elf Jahre lang jeweils für fünf Tage in eine Benediktinerabtei begeben, um dort die Bibel so detailliert zu studieren, dass nach diesen 55 Tagen erst 172 von 2722 Seiten gelesen sind? Oder anders formuliert: Wir haben erst sechs Prozent der Bibel gelesen – von Genesis 1,1 bis Exodus 40,38. Das sind die ersten 50 plus 40, also 90 Kapitel der Bibel.
Unser lieber Kollege Roland hat ausgerechnet, dass wir ungefähr 165 Jahre brauchen, wenn wir in dem Tempo weitermachen.
Rund vier Stunden am Tag lesen wir gemeinsam und sprechen über das Gelesene. Wir lesen im Kreis. Im Uhrzeigersinn. Jedes Mitglied unserer Gruppe liest einen Vers. Und da gibt es Verse, die über viele Zeilen gehen und andere, die nur wenige Wörter haben. Das Wort kommt also einmal lange nicht mehr und dann schnell wieder zu mir zurück. Wenn es der Text gerade anbietet, halten wir an. Und dann reden wir über das Gelesene – kreuz und quer – aber nicht durcheinander. Wir fragen scheinbar vom Hundertsten ins Tausendste oder manchmal einfach nur: „Wie könnte das gemeint sein?“
Für mich macht einen guten Teil der Schönheit dieser Tage unsere Gruppe aus. Wir sind nie mehr als 12 Personen und ich kann mich nicht erinnern, dass wir einmal weniger als acht waren. Berufe, Titel und Auszeichnungen geben wir an der Pforte ab. Wir nennen einander bei unseren Vornamen und wir sprechen über ein Buch, das im Alltag selten Thema ist. Wir lesen und hören „Gottes Wort im Menschenwort“.

Um 06:45 feiern wir mit den Mönchen die Heilige Messe in der Krypta der Stiftskirche. Hörbar ist unser leiser Gesang – a cappella ohne Orgel oder Begleitung. Hörbar sind die Gebete, die Texte der Lesung und des Evangeliums. Sichtbar sind die Mönche, der Zelebrant – in dieser Woche P. Johannes Paul – und seine mitfeiernden Mitbrüder, einige wenige Gäste und wir. Spürbar sind die Architektur der Krypta in ihrer jahrhundertealten Schönheit, das knarrende Chorgestühl, die hohe Energie im Raum. Wunderbar ist die Anwesenheit Gottes unter uns – in der gewandelten Hostie aber auch in den Herzen der Mitfeiernden. Da ist ein Strahlen.
Um 07:30 wartet das Frühstück auf uns. Wir gehen von der Kirche die 100 Meter hinunter zum Exerzitienhaus. Im Untergeschoss hat Asmira bereits liebevoll für uns das Frühstück hergerichtet. Jeder von uns hat seine Serviette, seinen Sitzplatz, seine Tischgemeinschaft. Das Refektorium ist ein großer Raum für rund 24 Personen mit einer großen Säule in der Mitte, einer gewölbten Decke und Fenstern hinaus in den Wald und hinunter in die Wachau. Das Exerzitienhaus wurde in den Hang gebaut. Der Eingang liegt ebenerdig neben dem Gästeparkplatz. In der Mitte des Erdgeschosses ist der Vortragsraum mit der gleichen Architektur wie das Refektorium genau einen Stock darunter. Beide Räume sind lichtdurchflutet und geben den Blick in die Weite frei. Im Westen sieht man die Spitze der Kirche von Dürnstein, gegenüber Stein und im Osten Krems.

Die Nordfassade des Exerzitienhauses bildet mit der Südwand der Foresterie (des Gästehauses) und einer dicken Festungsmauer im Westen einen offenen Innenhof mit Rasen und Sträuchern an den Wänden. Im „Dürnsteiner Eck“ stehen zwei große Holztische mit schweren Gusseisengestellen, zwei Bänken und ein paar Sesseln. Meistens sitzen wir dort im Freien und ganz selten hat uns der Wind, noch seltener der Regen in das geräumige Kursleiterzimmer im Osten des Innenhofs vertrieben.

An sehr heißen Tagen mit viel Sonne stellen wir am Morgen die Sitzgruppe in den Schatten der Foresterie und am Nachmittag in den Schutz des Exerzitienhauses. Nur die Sportlichen unter uns tragen die schweren Sessel alleine. Bänke und Tische brauchen jedenfalls immer mindestens zwei von uns für die Verschiebung um ein paar Meter – ein willkommenes, zum Ritual gewordenes Gemeinschaftserlebnis.

In Göttweig könnte ich meine Uhr und mein Handy an der Pforte abgeben. Die Gebetszeiten hören wir am rechtzeitigen Glockenläuten und Mobiltelefone sind hier gleich überflüssig wie Fernseher. Beim Läuten der Glocken unterbrechen die Mönche ihre Arbeit und kommen zum Chorgebet. Auch vom entlegensten Punkt der Abtei sind sie damit pünktlich und haben noch Zeit, in Stille einen Angelus zu beten. Ich bin da weniger geübt. Deshalb stelle ich mir den Wecker 15 Minuten vorher und genieße es, zu früh in der Kirche zu sein und die Gedanken schweifen zu lassen. Das Chorgebet ordnet sie dann wieder und führt zurück zur Mitte.
Nach zwei Stunden gemeinsamen Vertiefens in die Bibel bleibt noch eine dreiviertel Stunde für Telefonate, Zeitung, Mails oder einfach zum Reflektieren und Schreiben. Dann wird es Zeit, zur Mittagshore in der Pfarrkirche hinaufzugehen. Dort könnte man mitlesen. Neue vereinfachte Bücher liegen für uns Gäste bereit und der QR-Code im Tagesplan führt zu einer Homepage, die genau weiß, welche Seiten aufzuschlagen sind. Ich genieße es eher, dem Choralgesang zu lauschen, die Stimmung zu spüren und mich in Gedanken zu verlieren und wieder zu sammeln. „Herunter kommen“ nennen das hier die meisten Gäste.
Nach einer halben Stunde so gegen 12:30 sind wir alle wieder im Refektorium. Wir warten, bis jeder an seinem Platz steht. Dann liest Pater Christian ein kurzes Mittagsgebet aus dem braunen Heftchen vor, das ich seit meinem ersten Besuch 2010 kenne.

Gegessen wird schweigend und achtsam. „Kannst Du mir bitte den Wasserkrug reichen?“ – das geht mit einer dezenten Handbewegung und einem dankbaren Lächeln schneller und aufmerksamer als mit gesprochenen Worten. Wir sind heuer zehn Personen – fünf Frauen und fünf Männer. Die andere Gruppe „Schweige- und Einzelexerzitien“ hat 14 Teilnehmer. Das Refektorium bietet bequem Platz für 26 Menschen an fünf Tischen. In aller Ruhe warten wir bei leiser Barockmusik, bis die Kollegin vor mir ihren Salat genommen hat. Auch vor der Suppenschüssel stehen gerade drei Freunde und einige holen sich bereits das Hauptgericht – heute geschmorte Hühnerkeulen mit Reis und Gemüse. Achtsamkeit greift Raum. Aufmerksamkeit formt Gemeinschaft. Stille tut gut.

Einige von uns lassen sich Zeit beim Essen. Andere sind schneller und stehen früher auf. Das Gehen bleibt fast lautlos. Jeder will dem anderen spürbar guttun.
Jetzt ist eine gute Zeit für eine Siesta. Ab 14:00 gibt es dann Kaffee und Kuchen oder Obst für alle, die das wollen.

Der Nachmittag ist frei. Die Gedanken sind es auch. Eine kurze Wanderung hinüber in das ursprüngliche erste Göttweig nach St. Georg auf den Hügel im Osten der Abtei mit einem wunderbaren Blick zurück. Oder Baden in der Donau, ein Spaziergang durch die Weinberge, ein Bummel durch die Altstadt von Krems, der Besuch einer Ausstellung in Stift Dürnstein oder einfach nur die Ruhe in Göttweig genießen, lesen, schreiben, denken, danken, bitten und beten. Alle machen, was ihnen guttut.
Ich habe in den letzten Tagen die Stille im Zimmer bei offenen Fenstern genossen und an dieser Homepage gearbeitet – einfach, weil mir das Spaß macht. Morgen treffe ich Freunde in Dürnstein. Um 17:45 werde ich wieder hier sein. Denn um 18:00 möchte ich bei der Vesper mitbeten. Der Rhythmus, die Texte, die Stimmung, das Erleben von Gemeinschaft im Wechsel mit dem Alleinsein – das hat Kraft und tut mir gut.
Nach dem einfachen Abendessen treffen wir uns um 19:30 zur zweiten Bibelrunde des Tages. Dieser Programmpunkt heißt „offene Fragen“. Es gibt keine erkennbare Gesprächsstruktur und doch herrscht Ordnung. Jeder ist interessiert an den Fragen der anderen und an den Antworten von P. Johannes Paul, den Gedanken von Brigitte, Marianne und Thomas. Wenn es passt, trinken wir dann gemeinsam ein Gläschen Wein. Auch das hat seine unvereinbarte Ordnung und ergibt sich. Wasser ist genauso fein wie Wein, Tee oder Café. Im Zentrum steht der Austausch in der Gemeinschaft – niveauvoll, pointiert, mit gutem Witz und Charme. Und wer in sein Zimmer vorausgehen will, tut das einfach – mit dem guten Gefühl, dass nicht über die Abwesenden gesprochen wird, sondern eher über Gott und die Welt…
Elf Jahre, zwei Bücher
Am Sonntagabend begann JP mit einem Rückblick. Seit 2015 lesen wir gemeinsam die großen Erzählungen der Tora: von der Schöpfung über Kain und Abel, Noach und Babel zu Abraham, Isaak, Rebekka, Jakob, Esau und Josef. Seit drei Jahren begleiten wir Mose und das Volk Israel – vom Auszug aus Ägypten bis zum Sinai. Im vergangenen Jahr waren wir schließlich dort angekommen, wo Mose in einer Vision erfährt, wie die Wohnung Gottes aussehen soll. Elf Jahre stille Bibeltage, wenige Bücher der Bibel. Auch das ist eine Form von Langsamkeit.
Das Beste, das sie damals hatten
In diesem Jahr lesen wir weiter. Die letzten Kapitel des Buches Exodus. Und wieder sind es Texte, über die man beim gewöhnlichen Bibellesen leicht hinwegliest.
Da wird gesammelt, gebaut und gearbeitet. Akazienholz wird zugeschnitten und mit Gold überzogen. Gold wird zu dünnen Blechen geschlagen und in feinste Fäden geschnitten. Edelsteine werden geschliffen und mit Namen graviert. Flachs wird zu feinstem Byssus verarbeitet, Garne werden gefärbt, gesponnen, gezwirnt, gewebt und zu kostbaren Gewändern vernäht.
Was hier beschrieben wird, ist keine primitive Welt.
Als die Bundeslade gebaut wird, beherrschen Menschen das Feuer seit Hunderttausenden Jahren. Sie malen seit Zehntausenden Jahren Bilder, betreiben seit Jahrtausenden Landwirtschaft und haben längst gelernt, Metalle zu gewinnen und zu bearbeiten. Sie schreiben, bauen große Städte und schaffen Kunstwerke von erstaunlicher Präzision.
Die Bundeslade steht nicht am Anfang der menschlichen Kulturgeschichte. Sie entsteht in einer Welt, die bereits auf einem ungeheuren Schatz weitergegebenen Wissens aufbaut.
Für die Wohnung Gottes kommt zusammen, was Menschen bis dahin gelernt hatten, aus den Dingen dieser Welt zu machen.

Vom Feuer zur KI. Als die letzten Kapitel des Exodus entstehen, sind viele grundlegende Kulturtechniken der Menschheit bereits seit Jahrtausenden bekannt. Die Bundeslade verbindet einige der anspruchsvollsten von ihnen: Holzverarbeitung, Metallkunst, Textilherstellung und die Bearbeitung von Edelsteinen.
Nach der Abrechnung am Ende des Buches Exodus wurden für das Heiligtum ungefähr eine Tonne Gold und 3,4 Tonnen Silber verwendet. Zum heutigen Materialwert im Juli 2026 wären das rund 115 bis 120 Millionen Euro in Gold und weitere 5,5 bis 6 Millionen Euro in Silber.

Das Silber hatte vor allem Gewicht im wörtlichen Sinn: Aus hundert Talenten wurden hundert massive Sockel für das Heiligtum und den Vorhang gegossen – ein Talent Silber für jeden einzelnen Sockel.
Das Silber erzählt noch eine andere Geschichte. 603.550 Männer ab zwanzig Jahren wurden gezählt. Auf jeden von ihnen entfiel ein halber Schekel – der Reiche nicht mehr, der Arme nicht weniger.
So kamen mehr als drei Tonnen Silber zusammen. Nicht durch die Großzügigkeit einiger weniger, sondern durch den gleichen Beitrag von Hunderttausenden.
Die Wohnung Gottes wurde von allen getragen.
Aus einer Pflanze wird ein kostbarer Stoff
Ganz anders als Gold und Silber beginnt der nächste kostbare Werkstoff mit etwas höchst Unscheinbarem: einer Pflanze.
Immer wieder verlangt der Text „gezwirnten Byssus“. Daraus werden die kostbaren inneren Zeltbahnen gefertigt, der Vorhang vor dem Allerheiligsten und die Vorhänge an den Eingängen. Auch in den Gewändern des Hohenpriesters begegnet er uns wieder: im Efod und in der Brusttasche, verbunden mit blauem und rotem Purpur, Karmesin – und sogar mit feinen Goldfäden. Andere priesterliche Kleidungsstücke bestehen ganz aus diesem feinen Gewebe.
Byssus war feinstes Leinen aus Flachs. Und bis aus der unscheinbaren Pflanze ein solcher Stoff wurde, war es ein weiter Weg.
Der Flachs wurde geerntet – genauer: möglichst mit der Wurzel aus dem Boden gerauft, damit die Fasern ihre volle Länge behielten. Samenkapseln und Blätter wurden entfernt. Dann ließ man die Stängel kontrolliert durch Feuchtigkeit und Mikroorganismen anrotten. Bei diesem sogenannten Rösten lösen sich jene Pflanzenstoffe, die die langen Fasern mit dem holzigen Inneren des Stängels verbinden.
Danach wurde der Flachs getrocknet und gebrochen. Die zertrümmerten Holzteilchen mussten herausgeschlagen und abgeschabt werden. Schließlich zog man die Faserbündel durch kammartige Werkzeuge, bis nur noch lange, feine und möglichst parallel liegende Fasern übrig blieben.
Erst jetzt begann die eigentliche Textilarbeit.
Aus den lockeren Fasern wurde ein möglichst dünner und gleichmäßiger Faden gesponnen. Für den im Exodus ausdrücklich verlangten gezwirnten Byssus genügte aber selbst das noch nicht: Mehrere bereits gesponnene feine Fäden wurden noch einmal kontrolliert miteinander verdreht. Erst danach konnten sie auf dem Webstuhl zu einem dichten, feinen Gewebe verarbeitet werden.
Vom Feld bis zum fertigen Stoff waren also zahlreiche Arbeitsschritte notwendig:
Raufen – Riffeln – Rösten – Trocknen – Brechen – Schwingen – Hecheln – Spinnen – Zwirnen – Weben.

Zwirnen und Weben von Leinen, Ägypten, um 1900 v. Chr. Frauen verarbeiten Leinenfäden und weben Stoff auf einem Bodenwebstuhl. Darstellung aus dem Grab des Khnumhotep II in Beni Hasan; Faksimile von Norman de Garis Davies, 1931. Metropolitan Museum of Art, New York.
Je feiner und gleichmäßiger der fertige Stoff sein sollte, desto größer waren das Können, die Sorgfalt und vor allem die Zeit, die in ihm steckten.
Gold war schon kostbar, bevor der Mensch es berührte.
Flachs wurde erst durch menschliche Arbeit kostbar.
Und was ist mit der Muschelseide?
Bis heute hält sich ein hartnäckiges Missverständnis: Byssus sei ein kostbarer Stoff aus den feinen Fäden bestimmter Muscheln gewesen – sogenannte Muschelseide.
Mit dem Byssus des Exodus hat das nichts zu tun.
Der biblische Byssus war feinstes Leinen aus pflanzlichen Fasern. Die Verwirrung entstand erst viel später durch die Geschichte des Wortes. Felicitas Maeder hat diese Entwicklung genau untersucht: In den antiken Quellen bezeichneten byssos und byssus feine pflanzliche Textilien. Erst im 16. Jahrhundert wurde das alte Wort auch auf den Faserbart von Muscheln übertragen.
Der französische Naturforscher Guillaume Rondelet unterschied 1555 ausdrücklich zwischen einem Byssus vom Land und einem Byssus aus dem Meer. Von da an begann sich die neue zoologische Bedeutung auszubreiten.
Die Richtung der Namensgebung war also genau umgekehrt, als man heute leicht vermutet:
Nicht der biblische Byssus wurde nach der Muschel benannt.
Die Muschelfaser wurde rund 2.000 Jahre später nach dem alten kostbaren Textil benannt.
Quelle: Felicitas Maeder, „Byssus und Muschelseide. Ein sprachliches Problem und seine Folgen“, 2016.
Und vieles wäre noch zu entdecken
Vieles wäre noch interessant.
Wie wurden die Edelsteine geschliffen und graviert – ohne moderne Werkzeuge? Warum finden wir unter all den kostbaren Steinen keine funkelnden Brillanten? Wie gewann man das tiefe Blau, den Purpur und das Karmesin? Wie schnitt man Gold in so feine Streifen, dass man es gemeinsam mit Garn verweben konnte? Wie viele Menschen arbeiteten an all dem? Und wie lange?
Aber für heuer reicht es.
Denn vielleicht haben wir etwas Wesentliches verstanden.
Die Menschen gaben Gold, Silber, Bronze, Edelsteine und kostbare Stoffe. Doch das Wertvollste, das sie wirklich selbst schenken konnten, war ihre Zeit.
Sie nahmen, was wertvoll war, und machten daraus mit ihrem Können, ihrer Sorgfalt und ihrer Geduld etwas noch Wertvolleres – für das Wertvollste, das sie hatten:
für Gott.
Und deshalb nehmen auch wir uns gerne Zeit.
55 Tage, um zwei von 73 Büchern der Bibel zu lesen.