Schlagwort: Eva

  • Adam, Eva, die Schlange und der Apfel

    … und schon haben wir ein Bild im Kopf, das mit dem Text der Bibel erstaunlich wenig zu tun hat. Es fehlt in den Bildern das Wesentliche – die Liebe Gottes.

    Adam und Eva im Paradies, Kinderzeichnung, Wachsstifte auf Papier, 2025

    „Im Anfang war das Wort …“ – und dann kommt doch gleich die Geschichte von Adam und Eva, der Schlange und dem Apfel.

    Das stimmt von der Idee her. Die Suche beginnt nur an der falschen Stelle – je nach Ausgabe der Bibel einige hundert Seiten zu weit hinten. Denn „Im Anfang war das Wort“ steht nicht am Anfang der Bibel. Es steht am Anfang des Johannesevangeliums.

    Der wirkliche Anfang der Bibel lautet:

    „Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde.“
    (Gen 1,1)

    Dass diese beiden Anfänge so ähnlich klingen, ist kein Zufall. Aber darauf kommen wir später zurück.

    Zunächst bleiben wir ganz am Anfang.

    Die Erschaffung der Welt

    Gott hat die Welt wirkmächtig erschaffen. Das erzählt uns die Bibel gleich zu Beginn – und zwar nicht nur einmal, sondern in zwei unterschiedlichen Schöpfungserzählungen.

    Die erste eröffnet das Buch Genesis. Der Name kommt aus dem Griechischen und bedeutet Ursprung oder Entstehung. Diese Erzählung ist groß, geordnet und geradezu feierlich. Gott formt nicht mit seinen Händen. Er spricht.

    „Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und wirr und Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war.“
    (Gen 1,1–4)

    So geht es weiter. Gott spricht – und es geschieht. Er scheidet Licht und Finsternis, Wasser und Himmel, Meer und trockenes Land. Pflanzen wachsen. Sonne, Mond und Sterne erscheinen. Das Wasser füllt sich mit Lebewesen, der Himmel mit Vögeln, die Erde mit Tieren.

    Und immer wieder heißt es:

    „Gott sah, dass es gut war.“

    Am sechsten Tag erschafft Gott den Menschen. Und hier beginnt bereits die erste Überraschung. Die Bibel spricht nicht von Adam und Eva:

    „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.“
    (Gen 1,27)

    Der Mensch ist das Bild Gottes. Nicht nur der Mann. Nicht nur die Frau. Der Mensch – männlich und weiblich.

    Dann beginnt Kapitel 2. Aber die erste Schöpfungserzählung ist noch nicht zu Ende. Bevor Gott ruht, geschieht noch etwas Wesentliches:

    „Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn.“
    (Gen 2,3)

    Das gefällt mir.

    Das erste große Werk Gottes in der Bibel endet nicht mit einer Vorschrift, nicht mit einer Drohung und nicht mit einer Strafe. Es endet mit einem Segen.

    Erst danach beginnt die Bibel noch einmal von vorn.

    Und plötzlich ist alles anders.

    Und die Bibel beginnt noch einmal von vorn

    Die zweite Schöpfungserzählung klingt völlig anders. Kein großer kosmischer Rhythmus, keine sieben Tage, kein Licht, das von der Finsternis geschieden wird, und keine feierliche Reihenfolge von Pflanzen, Gestirnen, Fischen, Vögeln und Landtieren.

    Stattdessen: Erde, Staub und Atem.

    „Da formte Gott, der HERR, den Menschen, Staub vom Erdboden, und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“
    (Gen 2,7)

    Hier spricht Gott nicht nur. Er formt.

    Und der Mensch heißt noch nicht Adam, jedenfalls nicht so, wie wir heute einen Vornamen verstehen. Im Hebräischen steht ha-adam: der Mensch, der Erdling. Er wird aus adamah, dem Erdboden, geformt.

    Der Erdling kommt von der Erde, und er lebt, weil Gott ihm seinen Lebensatem einhaucht.

    Dann pflanzt Gott einen Garten in Eden und setzt den Menschen hinein. Er darf von allen Bäumen des Gartens essen – mit einer einzigen Ausnahme:

    „Vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn am Tag, da du davon isst, wirst du sterben.“
    (Gen 2,17)

    Noch gibt es keine Frau. Noch gibt es keinen Mann. Es gibt den Menschen.

    Dann sagt Gott etwas, das in der ganzen bisherigen Schöpfungserzählung noch nie gesagt wurde:

    „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist.“
    (Gen 2,18)

    Zum ersten Mal ist etwas nicht gut.

    Gott formt die Tiere und führt sie zum Menschen. Der Mensch gibt ihnen Namen. Aber keines von ihnen ist ihm eine Hilfe, die ihm ebenbürtig ist. Also lässt Gott einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen.

    Nun kommt jene Szene, die wir alle zu kennen glauben: Gott nimmt Adam eine Rippe und macht daraus Eva.

    Aber so einfach ist es nicht.

    Das hebräische Wort zela kann Rippe bedeuten, aber auch Seite oder Flanke. Der Text erzählt jedenfalls etwas viel Tieferes als die Herstellung einer Frau aus einem Ersatzteil des Mannes: Gott nimmt vom Menschen und baut daraus ein Gegenüber.

    Erst jetzt fallen im hebräischen Text die Worte für Mann und Frau, isch und ischa.

    „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau soll sie genannt werden; denn vom Mann ist sie genommen.“
    (Gen 2,23)

    Aus dem einen Menschen werden zwei, die einander gegenüberstehen und doch zusammengehören. Nicht Herr und Dienerin, nicht Original und Kopie, sondern Gegenüber.

    Dann endet diese zweite Schöpfungserzählung mit einem Satz von großer Zärtlichkeit:

    „Beide, der Mensch und seine Frau, waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander.“
    (Gen 2,25)

    Sie haben nichts zu verbergen. Nicht voreinander und, wie sich gleich zeigen wird, auch nicht vor Gott.

    Noch nicht.

    Die Schlange kommt

    „Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der HERR, gemacht hatte.“

    So beginnt Genesis 3. Nicht mit dem Teufel. Nicht mit Satan. Mit einer Schlange.

    Der biblische Text sagt nicht, dass die Schlange der Teufel ist. Diese Deutung entsteht später. Hier gehört sie zunächst zu den Tieren, die Gott geschaffen hat. Und die Schlange beginnt auch nicht mit einer Lüge, sondern mit einer Frage:

    „Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?“
    (Gen 3,1)

    Natürlich hat Gott das nicht gesagt. Im Gegenteil: Gott hatte dem Menschen erlaubt, von allen Bäumen des Gartens zu essen. Nur einen einzigen hatte er ausgenommen. Aber die Frage der Schlange verschiebt etwas. Plötzlich geht es nicht mehr um die Fülle dessen, was der Mensch hat, sondern um das eine, was er nicht haben darf.

    Das ist ein Gedanke, den ich bei P. Johannes Paul Abrahamowicz gefunden habe und der mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht: Die Ursünde beginnt mit einer Verdrehung des Blicks.

    Der ganze Garten ist voller Bäume. Alle sind schön anzusehen und tragen Früchte. In der Mitte des Gartens steht der Baum des Lebens. Doch plötzlich sieht der Mensch nur noch den einen verbotenen Baum. Mehr noch: In der Antwort der Frau wandert dieser Baum sogar in die Mitte des Gartens.

    „Nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben.“
    (Gen 3,3)

    Aber das hatte Gott so nicht gesagt. Nach Genesis 2 steht der Baum des Lebens in der Mitte des Gartens; für den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse wird kein eigener Ort genannt. Und Gott hatte auch nicht gesagt, der Mensch dürfe ihn nicht berühren.

    Das Verbot ist im Kopf des Menschen größer geworden. Der verbotene Baum ist in die Mitte gerückt, und der Baum des Lebens ist aus dem Blick verschwunden.

    Vielleicht ist das die erste große Tragik dieser Geschichte: Der Mensch lebt mitten in der Fülle und schaut auf das, was ihm fehlt. Er ist umgeben vom Leben und sieht nur das Verbot.

    Dann spricht die Schlange den entscheidenden Verdacht aus:

    „Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.“
    (Gen 3,5)

    Jetzt geht es nicht mehr um eine Frucht, sondern um das Bild, das der Mensch von Gott hat. Meint Gott es wirklich gut mit mir, oder enthält er mir etwas vor? Kann ich ihm vertrauen, oder muss ich selbst dafür sorgen, dass mir nichts fehlt?

    JP beschreibt hier ein Grundmuster, das er Ursünde nennt. Sie entsteht im Zusammenspiel von Zweifel, Angst und Begierde. Diese drei Bewegungen haben keine klar festgelegte Reihenfolge; sie greifen ineinander und verstärken einander. Der Zweifel fragt: Hat Gott es wirklich gut mit mir gemeint? Die Begierde sagt: Das will ich haben. Und die Angst steigert sich zu dem Gedanken: Das muss ich haben, sonst fehlt mir etwas.

    Erst dann kommt die Tat.

    „Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und begehrenswert war, um klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß.“
    (Gen 3,6)

    Kein Apfel. Die Bibel spricht nur von einer Frucht.

    Und Eva verführt auch nicht den ahnungslosen Adam, der irgendwo anders im Garten herumsteht. Er ist da. „Bei ihr“, sagt der Text. Sie essen beide.

    Dann geschieht tatsächlich, was die Schlange angekündigt hat:

    „Da gingen beiden die Augen auf.“

    Aber was sehen sie? Nicht die Geheimnisse Gottes, nicht die Ordnung der Welt und nicht Gut und Böse.

    „Sie erkannten, dass sie nackt waren.“

    Vor wenigen Versen waren sie ebenfalls nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander. Jetzt flechten sie Feigenblätter zusammen und machen sich Schurze.

    Was hat sich verändert?

    Nicht ihre Nacktheit. Ihr Blick hat sich verändert: auf sich selbst, aufeinander und auf Gott.

    Als sie Gott im Garten hören, verstecken sie sich. Und Gott ruft:

    „Wo bist du?“
    (Gen 3,9)

    Das ist die erste Frage Gottes an den Menschen nach der Ursünde. Nicht: Was hast du getan? Nicht: Wie konntest du nur? Nicht: Welche Strafe hast du verdient?

    Sondern:

    Wo bist du?

    Der Mensch hat das Vertrauen verloren.

    Und Gott sucht ihn.

    Was hast du getan?

    Auf Gottes Frage „Wo bist du?“ antwortet der Mensch:

    „Ich habe deine Schritte gehört im Garten; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich.“
    (Gen 3,10)

    Zum ersten Mal ist von Furcht die Rede. Der Mensch, der bisher nackt vor Gott und vor seinem Gegenüber leben konnte, hat Angst bekommen. Gott fragt nach:

    „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem ich dir geboten habe, davon nicht zu essen?“
    (Gen 3,11)

    Jetzt wäre der Augenblick, in dem der Mensch sagen könnte: Ja.

    Aber er tut es nicht.

    „Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben. So habe ich gegessen.“
    (Gen 3,12)

    Der Satz ist bemerkenswert. Der Mann beschuldigt nicht nur die Frau, sondern indirekt auch Gott: Die Frau, die du mir beigesellt hast. Noch vor wenigen Versen hatte er über dieses Gegenüber gejubelt: „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch.“ Jetzt ist aus dem Geschenk Gottes eine Schuldige geworden.

    Die Frau macht es nicht viel anders:

    „Die Schlange hat mich getäuscht. So habe ich gegessen.“
    (Gen 3,13)

    Niemand übernimmt Verantwortung. Der Mann zeigt auf die Frau und auf Gott, die Frau zeigt auf die Schlange. Die Gemeinschaft, die eben noch von Vertrauen und unbeschämter Nacktheit geprägt war, beginnt zu zerbrechen.

    Vielleicht liegt auch darin ein wesentlicher Teil der Ursünde. Der Mensch will sein wie Gott, aber er will nicht verantwortlich sein. Er greift nach der Freiheit und schiebt die Verantwortung für die Folgen weiter.

    Strafe – oder Folge?

    Nun spricht Gott zur Schlange, zur Frau und zum Mann. Diese Verse gehören zu den schwierigsten der ganzen Erzählung, weil sie über Jahrhunderte als göttliches Strafurteil gelesen wurden: Die Frau müsse unter Schmerzen gebären und sich dem Mann unterordnen, der Mann müsse unter Mühsal arbeiten, und beide müssten schließlich sterben.

    Aber lohnt es sich, noch einmal genauer hinzusehen?

    Die Schlange wird verflucht. Auch der Ackerboden wird verflucht. Von der Frau und vom Mann aber sagt der Text nicht, dass Gott sie verflucht.

    Das ist ein Unterschied.

    Was Gott beschreibt, sieht vielmehr erschreckend nach jener Welt aus, die wir kennen. Das Verhältnis zwischen Mann und Frau ist von Begehren und Herrschaft bedroht. Die Arbeit, die den Menschen ernähren soll, wird mühsam. Der Boden trägt Dornen und Disteln. Das Leben ist endlich.

    JP nennt das die Unordnung, die als Folge der Ursünde entsteht. Das Gleichgewicht geht verloren: zwischen Mensch und Mensch, zwischen Mann und Frau, zwischen Mensch und Schöpfung und schließlich auch im Menschen selbst. Der Text schreibt die Herrschaft des Mannes über die Frau nicht als göttliche Ordnung vor. Er beschreibt sie als Folge der zerbrochenen Ordnung.

    Die heile Welt des Gartens ist zerbrochen.

    Aber hat Gott sie zerbrochen?

    Oder beschreibt die Erzählung, was geschieht, wenn das Vertrauen verloren geht?

    Ursünde, nicht Erbsünde

    An diesem Punkt wird verständlich, warum JP lieber von Ursünde als von Erbsünde spricht.

    Die Ursünde ist für ihn kein einmaliges Ereignis, das sich irgendwann in grauer Vorzeit ereignet hat und dessen Schuld seither von Generation zu Generation weitergegeben wird. Sie ist der Ursprung jeder Sünde, ein Muster, das sich immer wieder ereignet: Zweifel, Angst und Begierde greifen ineinander, der Mensch verliert das Vertrauen, greift nach dem Leben, als müsse er es selbst an sich reißen, versteckt sich und sucht schließlich einen Schuldigen.

    Natürlich können die Folgen von Sünde weitergegeben und sogar vererbt werden. Kinder können unter dem leiden, was ihre Eltern getan haben. Familien können Verletzungen über Generationen weitertragen. Ganze Gesellschaften können an den Folgen früherer Schuld leiden.

    Aber die Kinder erben nicht die Schuld.

    JP bringt es in seinem Schummelzettel sehr klar auf den Punkt: Vererbt werden können die Folgen der Sünde, nicht die Schuld selbst.

    Adam und Eva sind dann nicht einfach zwei Menschen von damals, deren Fehltritt wir bis heute büßen müssen.

    Sie sind wir.

    Die Geschichte spielt sich jedes Mal neu ab, wenn wir der Liebe Gottes misstrauen. Wenn wir mitten in der Fülle nur noch auf das schauen, was uns fehlt. Wenn aus „Das will ich haben“ ein „Das muss ich haben“ wird. Wenn die Angst uns dazu bringt, nach etwas zu greifen, von dem wir glauben, ohne es nicht leben zu können. Und wenn wir danach einen Menschen suchen, dem wir die Schuld geben können.

    Vielleicht erzählt Genesis 3 deshalb keine ferne Vergangenheit.

    Vielleicht erzählt die Geschichte von heute.

    Und Gott macht Kleider

    Bevor der Mensch den Garten verlässt, geschieht etwas, das in den großen Bildern vom Sündenfall leicht übersehen wird:

    „Gott, der HERR, machte dem Menschen und seiner Frau Gewänder von Fell und bekleidete sie damit.“
    (Gen 3,21)

    Die Menschen hatten sich selbst Schurze aus Feigenblättern gemacht. Sie wollten ihre Nacktheit verbergen, ihre Verletzlichkeit schützen und ihre Scham bedecken.

    Nun bekleidet Gott sie.

    Das ist eine erstaunliche Geste. Gott nimmt ihnen die Folgen ihres Handelns nicht ab. Er setzt sie auch nicht einfach wieder an den Anfang zurück. Der Garten ist verloren. Das Leben außerhalb Edens wird mühsam und endlich sein.

    Aber Gott schickt den Menschen nicht nackt hinaus.

    Er sieht seine Scham und bedeckt sie. Er sieht seine Verletzlichkeit und schützt sie. Der Mensch muss den Garten verlassen, aber Gott hört nicht auf, sich um ihn zu kümmern.

    Vielleicht ist das der Satz, mit dem wir die Geschichte vom sogenannten Sündenfall neu lesen können:

    Der Mensch verliert das Paradies, aber nicht Gott.

    Und vielleicht sollten wir uns jetzt ansehen, warum wir trotzdem ein ganz anderes Bild im Kopf haben.

    Und woher kommt nun unser Bild vom Sündenfall?

    Wir haben Genesis 3 gelesen. Wir haben eine Schlange gesehen, aber keinen Teufel. Eine Frucht, aber keinen Apfel. Einen Mann, der bei der Frau steht, aber keine Frau, die einen ahnungslosen Mann verführt. Wir haben einen Menschen gesehen, der das Vertrauen verliert, sich schämt und versteckt, und einen Gott, der ihn sucht und ihm am Ende Kleider macht.

    Warum haben wir trotzdem ein so anderes Bild im Kopf?

    Vielleicht deshalb, weil die meisten Menschen Genesis 3 viel seltener gelesen haben, als sie den Sündenfall gesehen haben.

    Seit Jahrhunderten erzählen Künstler diese Geschichte. Ihre Bilder hängen in Kirchen und Museen, stehen in Bibeln und Schulbüchern und wurden millionenfach reproduziert. Sie haben unser kollektives Gedächtnis geprägt. Dabei illustrieren sie den biblischen Text nicht einfach. Sie wählen aus, verdichten, dramatisieren und deuten. Manchmal fügen sie etwas hinzu, das gar nicht in der Bibel steht.

    Drei der berühmtesten Darstellungen zeigen das besonders deutlich.

    Albrecht Dürer: Der Augenblick vor der Tat

    Albrecht Dürers Kupferstich Adam und Eva aus dem Jahr 1504 gehört zu den berühmtesten Darstellungen des Sündenfalls überhaupt.

    Albrecht Dürer, Adam und Eva, 1504, Kupferstich. The Metropolitan Museum of Art, New York, Fletcher Fund, 1919.

    Wir sehen einen vollkommenen Mann und eine vollkommen schöne Frau. Beide stehen nackt im Paradies. Zwischen ihnen wächst der Baum, um den sich die Schlange windet. Eva hält bereits die Frucht in der Hand, Adam streckt seine Hand nach einer weiteren Frucht aus.

    Dürer zeigt den Augenblick unmittelbar vor dem Essen.

    Auf den ersten Blick scheint das ganz nahe am biblischen Text zu sein. Aber dann beginnt das Bild, unsere Vorstellung zu verändern.

    Die Schlange ist viel stärker ins Zentrum gerückt als in Genesis. Sie wird zur sichtbaren Macht der Versuchung. Eva steht ihr näher als Adam und empfängt die Frucht unmittelbar von ihr. Dadurch entsteht der Eindruck, die eigentliche Verführung geschehe zwischen Schlange und Frau, während Adam erst im nächsten Schritt hineingezogen werde.

    Genesis erzählt es nüchterner. Die Frau nimmt von der Frucht und isst; dann gibt sie ihrem Mann, der bei ihr ist, und auch er isst.

    Dürer macht aus diesem knappen Satz eine Szene. Und eine Szene braucht Rollen.

    Die Schlange wird zur Verführerin. Eva wird zur Verführten. Adam wird zum Nächsten in der Kette.

    Genau darin liegt die Macht der Kunst. Sie zeigt nicht etwas Falsches im einfachen Sinn. Aber sie entscheidet, was wir sehen – und damit auch, was wir später erinnern.

    Noch etwas ist bemerkenswert: Dürer füllt das Paradies mit Symbolen. Tiere, Pflanzen und Bäume erzählen eine ganze Welt theologischer und philosophischer Deutungen. Der biblische Text wird zu einem hochkomplexen Bildprogramm.

    Aus wenigen Versen ist eine ganze Welt geworden.

    Michelangelo: Ursache und Strafe in einem Bild

    Noch mächtiger hat Michelangelos Darstellung an der Decke der Sixtinischen Kapelle unser Bild vom Sündenfall geprägt.

    Michelangelo Buonarroti, Sündenfall und Vertreibung aus dem Paradies, um 1510, Fresko, Decke der Sixtinischen Kapelle. Vatikanische Museen, Vatikanstadt.

    Michelangelo tut etwas, das die Bibel nicht tut: Er zeigt zwei verschiedene Zeitpunkte gleichzeitig.

    Links sehen wir den Sündenfall. Die Schlange windet sich um den Baum und reicht Eva die Frucht. Adam greift selbst nach dem Baum. Rechts werden beide aus dem Paradies vertrieben. Ein Engel bedroht sie mit erhobenem Schwert.

    Der Baum steht in der Mitte und trennt die beiden Szenen.

    Links die Tat. Rechts die Strafe.

    Die Vatikanischen Museen beschreiben selbst, dass Michelangelo zwei im biblischen Text deutlich getrennte Momente zusammenführt und damit Ursache und Wirkung gleichzeitig zeigt.

    Das ist künstlerisch genial. Aber es verändert unsere Wahrnehmung der Geschichte.

    Zwischen dem Essen und der Vertreibung geschieht in Genesis nämlich sehr viel. Die Menschen erkennen ihre Nacktheit. Sie machen sich Schurze. Sie hören Gott. Sie verstecken sich. Gott sucht sie und fragt: „Wo bist du?“ Es kommt zum Gespräch, zu den Beschuldigungen und zur Beschreibung der Folgen. Schließlich macht Gott den Menschen Kleider und bekleidet sie.

    Bei Michelangelo verschwindet all das.

    Übrig bleibt eine gewaltige Bewegung:

    Sünde – Strafe.

    Und wieder wird die Schlange verändert. Michelangelo gibt ihr einen menschlichen Oberkörper und einen weiblichen Kopf. Davon steht nichts in Genesis. Die Schlange wird zu einem Mischwesen und rückt damit näher an spätere Vorstellungen des Dämonischen.

    Das Bild ist nicht „falsch“. Es ist eine theologische Interpretation.

    Aber wenn wir diese Interpretation oft genug sehen, beginnen wir zu glauben, wir hätten sie in der Bibel gelesen.

    Lucas Cranach: Die ganze Geschichte auf einmal

    Lucas Cranach der Ältere geht in seinem Gemälde Paradies aus dem Jahr 1530 noch einen Schritt weiter. Das Bild hängt heute im Kunsthistorischen Museum in Wien.

    Lucas Cranach d. Ä., Paradies, 1530. Kunsthistorisches Museum Wien · © KHM-Museumsverband

    (Im Februar 2024 durfte ich dieses Bild in einer ganz kleinen Runde im KHM ausführlicher studieren. Ich habe anschließend alle Details vergrößert und die Texte der Genesis bei den Szenen hinterlegt.)

    Cranach zeigt nicht einen einzigen Augenblick. Er zeigt die ganze Geschichte gleichzeitig.

    Im selben Garten begegnen uns Adam und Eva mehrfach. Wir sehen die Erschaffung Adams, die Erschaffung Evas, Gottes Verbot, den Sündenfall, die Entdeckung des Geschehenen und schließlich die Vertreibung aus dem Paradies.

    Die Zeit wird aufgehoben. Aus der Erzählung wird eine Landschaft, durch die unser Blick wandert.

    Das ist wunderschön und didaktisch äußerst wirkungsvoll. Ein Mensch, der die Geschichte nicht lesen kann, kann sie im Bild sehen.

    Aber auch Cranach muss Entscheidungen treffen. Er muss zeigen, wie die Frucht aussieht, wie die Schlange aussieht, wo der Baum steht und wie die einzelnen Personen zueinander angeordnet sind. Jeder Pinselstrich beantwortet Fragen, die der biblische Text offenlässt.

    Und genau deshalb sind diese Bilder für unseren Blick auf Genesis so wichtig.

    Dürer symbolisiert.

    Michelangelo dramatisiert.

    Cranach erzählt nach.

    Alle drei schaffen große Kunst. Keiner von ihnen will uns täuschen. Aber alle drei tun etwas, das wir beim Lesen der Bibel leicht vergessen: Sie zeigen uns nicht einfach den Text.

    Sie zeigen uns ihre Deutung des Textes.

    Was die Kunst der Bibel hinzugefügt hat

    Wenn wir nach diesen Bildern zu Genesis 3 zurückkehren, merken wir, wie viel sich in unserem Kopf angesammelt hat.

    Der Apfel steht nicht in der Bibel.

    Die Schlange wird nicht Satan oder Teufel genannt.

    Sie hat keinen weiblichen Oberkörper.

    Eva ist nicht allein mit der Schlange.

    Adam steht nicht ahnungslos abseits.

    Sexualität ist nicht die Sünde.

    Nacktheit ist nicht die Sünde.

    Die Herrschaft des Mannes über die Frau wird nicht als ursprüngliche Schöpfungsordnung erzählt, sondern erscheint erst in der zerbrochenen Welt nach dem Verlust des Vertrauens.

    Und vor allem: Die Geschichte besteht nicht nur aus Versuchung, Sünde und Strafe.

    Dazwischen steht eine Frage:

    „Wo bist du?“

    Und am Ende steht ein Gott, der dem Menschen Kleider macht.

    Vielleicht ist das die größte Überraschung dieser ganzen Reise. Die Kunst hat uns den Augenblick der Tat immer wieder gezeigt. Sie hat die Frucht, die Schlange, die Scham und die Vertreibung sichtbar gemacht.

    Aber die leise Bewegung Gottes ist viel schwerer zu malen.

    Der Mensch versteckt sich.

    Gott sucht ihn.

    Der Mensch bedeckt sich notdürftig.

    Gott bekleidet ihn.

    Der Mensch verliert den Garten.

    Aber Gott verliert den Menschen nicht.

    Und nun können wir zu jenem anderen Anfang zurückkehren, mit dem wir diesen Artikel begonnen haben.

    „Im Anfang war das Wort …“

    Im Anfang war das Wort

    Mit diesem Satz haben wir begonnen.

    „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“
    (Joh 1,1)

    Nun wissen wir, dass dies nicht der erste Satz der Bibel ist. Der erste Satz lautet:

    „Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde.“
    (Gen 1,1)

    Dass Johannes sein Evangelium fast mit denselben Worten beginnt, ist kein Zufall. Er führt uns bewusst zurück an den Anfang. Aber er erzählt nicht einfach noch einmal von der ersten Schöpfung. Er erzählt von einem neuen Anfang.

    Genesis erzählt von Gott, der spricht – und die Welt entsteht.

    Johannes erzählt, dass dieses Wort selbst in die Welt kommt.

    „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“
    (Joh 1,14)

    Vielleicht liegt darin die Antwort auf die ganze Geschichte, die wir gelesen haben.

    In Genesis verliert der Mensch das Vertrauen. Er greift nach dem Leben, als müsste er es Gott entreißen. Seine Augen gehen auf, und plötzlich sieht er sich selbst, sein Gegenüber und Gott anders. Er schämt sich. Er bekommt Angst. Er versteckt sich.

    Gott fragt:

    „Wo bist du?“
    (Gen 3,9)

    Die ganze weitere Geschichte der Bibel könnte man als die Geschichte dieser Suche lesen. Gott gibt den Menschen nicht auf. Er spricht zu Abraham. Er hört das Schreien seines Volkes. Er führt es aus der Sklaverei. Er schickt Propheten. Immer wieder sucht er den Menschen.

    Und dann kommt er selbst.

    Nicht als Macht, der sich niemand entziehen kann. Nicht als Richter, vor dem der Mensch aus seinem Versteck gezwungen wird. Gott kommt als Mensch.

    „Und das Wort ist Fleisch geworden.“

    Vielleicht ist das die radikalste Antwort Gottes auf die Ursünde. Der Mensch misstraut Gott – und Gott vertraut sich dem Menschen an. Der Mensch greift nach dem Göttlichen – und Gott wird Mensch. Der Mensch versteckt sich – und Gott kommt dorthin, wo der Mensch ist.

    Fra Angelico hat diesen Augenblick um 1440 in seinem Kloster San Marco in Florenz gemalt.

    Fra Angelico, Verkündigung, um 1440–1445, Fresko. Museo di San Marco, Florenz

    (Das Fresko befindet sich im oberen Korridor des ehemaligen Dominikanerkonvents San Marco; Hochauflösende gemeinfreie Bilddatei ansehen)

    Seine Verkündigung ist kein lautes Bild. Der Engel stürzt nicht vom Himmel, Maria weicht nicht erschrocken zurück. Beide begegnen einander in einem stillen Raum. Sie neigen sich einander zu. Die Arme sind vor der Brust gekreuzt. Nichts scheint erzwungen.

    Der Anfang der neuen Schöpfung geschieht in einer Begegnung.

    Und in einer Zustimmung.

    Maria hört das Wort und vertraut.

    Wo der Mensch im Garten Eden an der Güte Gottes zweifelt, sagt sie:

    „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast.“
    (Lk 1,38)

    Hier müssen wir vorsichtig sein. Maria ist nicht einfach die „bessere Eva“, und die Geschichte Jesu ist keine simple Umkehrung von Genesis 3. Aber die alte christliche Tradition hat diese Verbindung nicht ohne Grund gesehen: Dort wächst aus dem Misstrauen die Angst. Hier öffnet Vertrauen einen neuen Anfang.

    Das Wort wird Fleisch.

    Gott kommt nicht, um den Menschen für immer aus dem Garten auszusperren.

    Er kommt, um bei ihm zu wohnen.

    Vielleicht haben wir deshalb mit dem falschen Anfang begonnen und sind am Ende doch beim richtigen angekommen.

    „Im Anfang war das Wort …“

    Der Mensch versteckt sich.

    Gott sucht ihn.

    Und am Ende bleibt er bei ihm – bei uns.