Schlagwort: Einsegner

  • Wie ich Einsegner wurde

    Es gibt Entscheidungen, die trifft man. Und es gibt Berufungen, die finden einen.

    Lange Zeit hätte ich nicht gedacht, dass ich einmal Menschen am Ende ihres Lebensweges begleiten würde. Mein beruflicher Weg führte mich durch die Wirtschaft, viele Jahre lang begleitete Manager bei Führung, Veränderung und den Fragen, wie Menschen gut zusammenarbeiten können. Erfolg, Verantwortung und internationale Projekte prägten meinen Alltag.

    Doch das Leben stellt manchmal Fragen, auf die man nicht mit dem Kopf antworten kann.

    Im Laufe der Jahre wurde ich immer häufiger mit Abschied, Krankheit und Tod konfrontiert. Freunde verloren geliebte Menschen. Familien baten mich, sie zu begleiten. Immer öfter saß ich an Küchentischen, hörte zu, schwieg, weinte mit und suchte gemeinsam nach Worten, wenn eigentlich keine Worte mehr möglich schienen.

    Dabei machte ich eine überraschende Erfahrung.

    Die meisten Menschen brauchen in den schwersten Stunden ihres Lebens keine perfekten Antworten. Sie brauchen einen Menschen, der da ist. Der zuhört. Der die Tränen aushält. Der nicht vorschnell erklärt, sondern Hoffnung offenhält.

    Langsam wurde mir bewusst, dass genau darin meine Aufgabe liegen könnte.

    Ich begann eine intensive theologische Ausbildung, vertiefte mich in die Heilige Schrift und übernahm mehr Dienste als Lektor und Kommunionspender im Wiener Stephansdom. Dort durfte ich erfahren, wie viel Trost von einem einfachen Segen, einer stillen Geste oder einem gemeinsam gesprochenen Gebet ausgehen kann.

    Je mehr ich Menschen auf ihrem letzten Weg begleitete, desto klarer wurde mir: Der Tod ist nicht nur das Ende eines Lebens. Er ist auch eine Stunde der Wahrheit.

    In diesen Stunden werden Titel unwichtig. Besitz verliert seine Bedeutung. Was bleibt, sind Liebe, Versöhnung, Dankbarkeit und die Spuren, die ein Mensch im Leben anderer hinterlassen hat.

    Genau diese Spuren sichtbar zu machen, ist für mich heute das Herz jeder Abschiedsfeier.

    Ich möchte keinen Lebenslauf vorlesen. Ich möchte erzählen, wer dieser Mensch wirklich war. Was ihn geprägt hat. Wofür er geliebt wurde. Woran man sich erinnern wird.

    Für mich ist jede Trauerfeier deshalb weit mehr als eine Zeremonie.

    Sie ist ein heiliger Moment.

    Nicht, weil alles religiös sein muss. Sondern weil hier etwas geschieht, das größer ist als wir selbst: Liebe begegnet der Endlichkeit.

    Als Christ glaube ich, dass Gott dem Tod nicht das letzte Wort überlassen hat. Die Auferstehung Jesu ist für mich keine schöne Idee, sondern der Grund meiner Hoffnung. Deshalb spreche ich den Segen nicht als magische Formel, sondern als Zusage: Kein Mensch fällt tiefer als in die Hände Gottes.

    Diese Hoffnung möchte ich weitergeben – behutsam, respektvoll und ohne sie jemandem aufzudrängen.

    Nicht jede Familie wünscht eine ausdrücklich christliche Feier. Das respektiere ich. Zuhören kommt immer vor Reden. Vertrauen kommt vor jeder Botschaft.

    Vielleicht ist genau das das Schönste an meiner Berufung: Immer wieder erlebe ich, dass Menschen nach einer Abschiedsfeier sagen: „Es war traurig – und gleichzeitig schön.“

    Wenn das gelingt, ist etwas Kostbares geschehen.

    Dann wurde nicht nur Abschied genommen. Dann durfte Liebe noch einmal spürbar werden.

    Heute nennen mich viele Menschen „Einsegner“. Ich empfinde diesen Namen nicht als Titel, sondern als Auftrag. Denn Segen bedeutet für mich, einem Menschen zuzusagen:

    Du bist geliebt. Dein Leben hatte Bedeutung. Und deine Geschichte endet nicht mit dem letzten Atemzug.