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  • Heimkehr ist eine Frage des Charakters

    Christopher Nolans „The Odyssey“ überwältigt mit Bildern, Lärm und Monstern. Seine eigentliche Frage aber ist eine alte: Was bleibt von einem Menschen, wenn er alles verloren hat – außer der Möglichkeit, das Richtige zu tun?

    Dieser Artikel verrät wesentliche Teile der Handlung und das Ende des Films.

    Es gibt Filme, die man verlässt und deren Handlung man anschließend nacherzählt. Und es gibt Filme, die noch lange nach dem Abspann Fragen stellen. Christopher Nolans The Odyssey gehört zur zweiten Kategorie.

    Natürlich ist da zunächst das Spektakel: das tosende Meer, die gewaltigen Landschaften, der Kyklop Polyphem mit seiner erschreckenden Körperlichkeit. Circes Verwandlung der Krieger in Schweine ist optisch brillant und zugleich ausgesprochen unappetitlich. Die menschlichen Körper scheinen ihre vertraute Ordnung zu verlieren. Aus Männern werden Kreaturen, in denen Gier, Maßlosigkeit und Entwürdigung sichtbar geworden sind.

    Der Film ist stellenweise so laut, dass man ihn nicht nur hört, sondern im Körper spürt. Das Dröhnen, die Musik, das Krachen und Brüllen sind keine Begleitung mehr. Sie werden selbst zum Ereignis. Man kann das überwältigend finden; man darf es auch übertrieben finden. Nolan möchte offenbar nicht, dass wir Odysseus’ Welt aus sicherer Entfernung betrachten. Wir sollen in sie hineingeraten.

    Und doch sind es am Ende nicht diese großen Szenen, die am stärksten nachwirken.

    Was bleibt, ist eine leise Frage:

    Wie bewahrt ein Mensch seinen Charakter, wenn das Leben ihn immer wieder versucht, verbittert, feige, grausam oder gleichgültig zu werden?

    Yuliya und ich haben den Film deshalb als eine Erzählung über Tugend verstanden. Unsere gemeinsame Kernaussage nach dem Kinobesuch lautete:

    Es ist wichtig, Tugend zu bewahren.

    Das klingt zunächst beinahe altmodisch. In unserer Zeit spricht man eher von Selbstverwirklichung, Effizienz, Authentizität oder Resilienz. Das Wort Tugend erinnert an Schulbücher und moralische Ermahnungen. Dabei bezeichnete das griechische Wort aretḗ nicht bloß ein anständiges Verhalten. Gemeint war die menschliche Vortrefflichkeit: die Fähigkeit, in einer konkreten Situation klug, mutig, maßvoll, gerecht und treu zu handeln.

    Nicht, weil es einfach ist.

    Sondern gerade dann, wenn das Falsche leichter wäre.

    Die Monster im Menschen

    Odysseus begegnet auf seiner Reise Ungeheuern, Zauberinnen und Naturgewalten. Doch die eigentlichen Prüfungen tragen auch in Nolans Film menschliche Züge. Es sind Feigheit und Verrat, Gier und Machtstreben, Selbstüberschätzung und die Versuchung, Verantwortung auf andere abzuwälzen.

    Polyphem ist furchterregend. Aber er ist nicht das einzige Monster.

    Die Männer, die von Circe in Schweine verwandelt werden, verlieren ihre Menschlichkeit nicht erst im Augenblick des Zaubers. Die äußere Verwandlung macht sichtbar, was in ihrem Verhalten bereits angelegt ist. Der Film zeigt die Verwandlung nicht als märchenhaften Effekt, sondern als körperliche Erniedrigung. Gerade deshalb ist sie so schwer anzusehen.

    Das Gegenbild dazu ist Odysseus’ Ringen um Selbstbeherrschung. Auch er ist keineswegs ein makelloser Held. Er ist von Krieg und Verlust gezeichnet, zu Gewalt fähig und nicht frei von Hochmut. Tugend bedeutet hier nicht moralische Reinheit. Sie bedeutet, trotz eigener Schuld die Fähigkeit zur richtigen Entscheidung nicht völlig preiszugeben.

    Der gute Mensch ist nicht derjenige, der nie versagt.

    Es ist derjenige, der sich vom Versagen nicht endgültig bestimmen lässt.

    Das Los im Rachen

    Zu den stärksten neu eingeführten Bildern des Films gehört jenes Los, das Odysseus einem der Freier in den Rachen stopft. Ein kleiner Gegenstand wird zum Zeichen eines ganzen Lebens.

    Ein Los steht zunächst für das, was einem zufällt. Es kann Auftrag, Schicksal oder Verantwortung bedeuten. Wer sein Los annimmt, übernimmt den Teil des Lebens, der ihm zugemutet wird. Wer es anderen zuschiebt, versucht sich dem eigenen Anteil zu entziehen.

    Am Ende kann der Freier diesem Los nicht mehr entkommen. Odysseus zwingt ihn, es buchstäblich zu schlucken.

    Das ist brutal. Es ist aber nicht bloß ein grausamer Einfall für eine Kampfszene. Darin liegt eine Form poetischer Gerechtigkeit:

    Was du nicht tragen wolltest, daran gehst du nun zugrunde.

    Der Film macht aus einem abstrakten moralischen Zusammenhang ein körperliches Bild. Der Mann erstickt gewissermaßen an seiner verleugneten Verantwortung.

    Das ist nicht subtil. Aber es ist wirkungsvoll.

    Der Sohn rettet den Vater

    Noch eindrucksvoller ist ein anderer Augenblick im Kampf gegen die letzten Freier. Odysseus scheint seine entscheidende Waffe zu fehlen. Im letzten Moment erkennt Telemachos vom Obergeschoss aus, was zu tun ist, und wirft sie seinem Vater hinunter.

    Dramaturgisch ist das ein beinahe klassischer Rettungsmoment. Symbolisch aber geschieht viel mehr.

    Telemachos ist nicht länger bloß der Sohn eines berühmten Mannes. Er wartet nicht mehr darauf, dass der Vater die Ordnung wiederherstellt und ihm erklärt, welchen Platz er darin einnehmen darf. Er sieht, entscheidet und handelt.

    Der Sohn wird zum Mitstreiter.

    Mehr noch: Für einen Augenblick rettet nicht der große Odysseus seinen Sohn. Der Sohn rettet den Vater.

    Diese Umkehr bereitet das überraschende Ende des Films vor. Telemachos wird König von Ithaka. Odysseus nimmt den Thron nicht wieder dauerhaft für sich in Anspruch. Gemeinsam mit Penelope wird er verbannt und segelt gegen Westen.

    Damit entfernt sich Nolan weit von Homer. In der antiken Odyssee bleibt Odysseus König. Nach dem Blutbad an den Freiern droht ein neuer Kreislauf der Rache; erst das Eingreifen Athenes ermöglicht einen Frieden und die Wiederherstellung der politischen Ordnung.

    Nolans Film erzählt eine andere Pointe.

    Vielleicht besteht Größe nicht darin, die Macht zurückzugewinnen.

    Vielleicht besteht sie darin, zu erkennen, wann man sie weitergeben muss.

    Telemachos wird nicht allein deshalb König, weil er der Sohn des Königs ist. Der Waffenwurf ist sein stiller Befähigungsnachweis. Er hat im entscheidenden Moment gezeigt, dass er Verantwortung übernehmen kann. Die Krone erscheint deshalb nicht bloß als Erbe, sondern als Aufgabe.

    Das verlorene Bett

    Eine der schönsten Szenen Homers fehlt allerdings.

    Im antiken Epos erkennt Penelope den heimgekehrten Odysseus nicht sofort vorbehaltlos an. Sie prüft ihn. Sie befiehlt, ihr gemeinsames Ehebett aus dem Schlafgemach zu tragen. Odysseus reagiert empört: Das sei unmöglich. Er selbst habe das Bett um den Stamm eines lebenden Olivenbaums gebaut.

    Nur die beiden kennen dieses Geheimnis.

    Das Bett ist deshalb weit mehr als ein Erkennungszeichen. Es ist eines der stärksten Symbole der Weltliteratur: eine Ehe, die in lebendigem Holz verwurzelt ist. Das gemeinsame Leben kann nicht einfach verschoben werden. Es besitzt einen verborgenen Mittelpunkt, den nur die beiden Eheleute kennen.

    Im Film übernimmt offenbar die goldene Nadel diese Funktion. Auch sie ist ein intimes Zeichen, an dem Penelope Odysseus erkennen kann. Filmisch funktioniert das rasch und unmittelbar: Ein Gegenstand, ein Blick, ein Erinnern.

    Und doch geht etwas verloren.

    Das homerische Bett erzählt nicht nur, dass Penelope ihren Mann erkennt. Es erzählt, was ihre Ehe ist. Es macht Penelope außerdem zur ebenbürtigen Partnerin des listenreichen Odysseus. Sie glaubt nicht einfach, was sie sehen möchte. Sie stellt ihren eigenen klugen Test.

    Die goldene Nadel ist ein Erkennungszeichen.

    Das Bett ist eine ganze Theologie der Ehe.

    Penelope ist die Heimat

    Nolans verändertes Ende gewinnt dennoch eine eigene Kraft. Odysseus kehrt nach Ithaka zurück, aber er bleibt nicht auf dem Thron. Er bricht mit Penelope erneut auf und segelt in den Westen.

    Dadurch verändert sich die Bedeutung der Heimkehr.

    Ithaka ist nicht mehr ausschließlich ein geografischer Ort. Der Palast ist nicht das letzte Ziel, ebenso wenig die wiedergewonnene Herrschaft. Vielleicht lautet die radikalere Einsicht:

    Nicht Ithaka ist seine Heimat. Penelope ist seine Heimat.

    Nach all den Irrfahrten besteht Odysseus’ Vollendung nicht darin, wieder dort anzukommen, wo er einst aufgebrochen ist. Er kann nicht einfach in sein früheres Leben zurückkehren. Der Krieg, der Verlust seiner Gefährten und die Begegnungen auf dem Meer haben ihn verändert.

    Er kehrt heim – und muss dennoch weiterziehen.

    Das ist vielleicht moderner als Homers Ende. Menschen können nach Krieg, Gewalt und jahrzehntelanger Abwesenheit an ihren Herkunftsort zurückkehren, ohne dort wieder die Menschen zu werden, die sie früher waren. Eine äußere Heimkehr hebt die innere Entfremdung nicht auf.

    Odysseus und Penelope gewinnen einander wieder. Aber sie gewinnen nicht einfach ihr altes Leben zurück.

    Sie müssen ein neues beginnen.

    Was würde Homer sagen?

    Würde Homer sich angesichts dieser Eingriffe im Grab umdrehen oder applaudieren?

    Vermutlich beides.

    Der Bewahrer des überlieferten Textes müsste den Kopf schütteln. Das fehlende Olivenbett, Telemachos als neuer König, die Verbannung und die Fahrt in den Westen greifen tief in die Architektur der antiken Erzählung ein.

    Der Dichter Homer könnte dagegen Gefallen daran finden.

    Die griechischen Mythen waren nie unveränderliche Museumsstücke. Sie wurden erzählt, variiert, verdichtet und aus neuen Blickwinkeln betrachtet. Schon die antiken Tragödiendichter übernahmen bekannte Stoffe und verwandelten sie. Die Treue zum Mythos bestand nicht immer in der buchstabengetreuen Wiederholung, sondern darin, seine tragenden Fragen für ein neues Publikum lebendig zu halten.

    Nolan erzählt nicht Homers Verse nach.

    Er führt mit Homer ein Gespräch.

    Manchmal widerspricht er ihm. Manchmal vereinfacht er. Manchmal findet er ein starkes neues Bild, manchmal ersetzt er ein unübertreffliches altes durch ein schwächeres.

    Aber er bewahrt die zentrale Frage:

    Welcher Mensch kehrt aus all diesen Prüfungen zurück?

    Nicht: Wer hat das Monster besiegt?

    Nicht: Wer hat den Thron gewonnen?

    Sondern: Was hat der Mensch auf seiner Reise aus sich gemacht?

    Ein Film für das große Format

    Dass The Odyssey wie ein Werk für die große Leinwand wirkt, ist kein Zufall. Nach Angaben der offiziellen Filmhomepage wurde jeder einzelne Bildkader mit IMAX-Filmkameras aufgenommen. Der Film ist damit der erste abendfüllende Spielfilm, der vollständig in diesem Verfahren gedreht wurde.

    Sein größtes Vorführformat heißt korrekt IMAX 70mm Film oder 15/70 IMAX. Die Zahl 15 bezeichnet die fünfzehn Perforationslöcher eines einzelnen Bildes. Anders als bei gewöhnlichem 70-mm-Film läuft das Material horizontal durch den Projektor. Dadurch entsteht eine außergewöhnlich große Bildfläche. In dafür eingerichteten Sälen kann das fast quadratische IMAX-Bildformat von 1,43:1 vollständig sichtbar werden.

    „Super-IMAX“ wäre dafür zwar eine anschauliche, aber keine offizielle Bezeichnung.

    Ein Kino, das The Odyssey in diesem analogen IMAX-70-mm-Format zeigen kann, gibt es in Österreich leider nicht. Die nächstgelegene bestätigte Spielstätte ist das Cinema City IMAX im Palác Flora in Prag. Es gehört zu den sehr wenigen europäischen Kinos, die Nolans Film als 15/70-IMAX-Filmkopie projizieren können.

    Prag wäre also die Reise zum technisch größtmöglichen Bild.

    Doch auch Wien bietet eine besondere Gelegenheit.

    Noch einmal aufbrechen

    Das Gartenbaukino zeigt The Odyssey ab 28. August 2026 als analoge 70-mm-Filmkopie. Vorgesehen sind Vorstellungen in englischer Originalfassung, in englischer Originalfassung mit deutschen Untertiteln und in deutscher Synchronfassung. Für den 28., 29. und 31. August sowie für den 2. und 3. September sind Vorstellungen in der englischen Originalfassung ohne deutsche Untertitel angekündigt.

    Das ist kein IMAX 70mm. Der Film läuft im Gartenbaukino im klassischen 70-mm-Format mit fünf Perforationslöchern pro Bild, nicht im horizontal geführten 15/70-IMAX-Format. Trotzdem ist die Initiative bemerkenswert. In einer weitgehend digitalisierten Kinolandschaft eine analoge 70-mm-Kopie zu beschaffen, einzurichten und vorzuführen, ist mehr als nostalgische Liebhaberei.

    Es erinnert daran, dass Kino nicht nur aus einer Datei und einem Inhalt besteht.

    Zum Kino gehören Material, Licht, Projektor, Leinwand, Raum und ein Publikum, das sich zur selben Zeit derselben Geschichte aussetzt.

    Ich werde den Film deshalb im Gartenbaukino noch einmal ansehen – diesmal in der englischen Originalfassung und ohne deutsche Untertitel.

    Nicht, weil ich glaube, ihn beim ersten Mal nicht verstanden zu haben.

    Sondern weil gute Kunst selten beim ersten Sehen alles preisgibt.

    Beim zweiten Mal werde ich weniger darauf achten müssen, was geschieht. Ich kann genauer wahrnehmen, wie der Film seine Motive vorbereitet: das Los, die goldene Nadel, die Entwicklung des Telemachos, die Blicke Penelopes und jenen Augenblick, in dem aus der Rückkehr eines Königs der Abschied eines Mannes wird.

    Vielleicht ist das die eigentliche Wirkung dieses Films.

    Er erschöpft sich nicht im ersten Sehen. Er lädt dazu ein, noch einmal aufzubrechen – wie Odysseus selbst.

    Nicht jede Reise erreicht beim ersten Aufbruch ihr Ziel.

    Das wusste schon Homer.


    Weiterführende Links

    🎬 Offizielle Filmhomepage – The Odyssey
    Trailer, Hintergrundinformationen und Erläuterungen zu den verschiedenen Filmformaten.
    The Odyssey – Official Website

    🎥 IMAX – The Odyssey
    Informationen über die vollständig mit IMAX-Filmkameras gedrehte Produktion sowie die weltweiten IMAX-70-mm-Spielstätten.
    IMAX – The Odyssey

    🎞️ Gartenbaukino Wien – The Odyssey in 70 mm
    Vorstellungen ab 28. August 2026 in der analogen 70-mm-Filmkopie.
    Gartenbaukino – The Odyssey (70 mm)

    🏛️ Gartenbaukino – Reihe „The Bigger Picture“
    Informationen zur traditionsreichen 70-mm-Reihe des Gartenbaukinos und weiteren analogen Filmvorführungen.
    The Bigger Picture – Gartenbaukino

    📍 Cinema City IMAX Prag
    Die nächstgelegene Spielstätte, in der The Odyssey im originalen IMAX 70mm (15/70) gezeigt wird.
    IMAX – Liste der 70-mm-Kinos


    Persönliche Anmerkung:
    Diesen Artikel habe ich nach meinem ersten Kinobesuch geschrieben. Ich freue mich bereits auf eine zweite Vorführung Ende August im Wiener Gartenbaukino – diesmal in der englischen Originalfassung auf analogem 70-mm-Film. Manche Filme erschließen sich nicht vollständig beim ersten Sehen. The Odyssey gehört für mich zu ihnen.