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  • Picasso – Bacon: Was es heißt, Mensch zu sein

    Zwei Gesichter, zwei Zeiten, eine Frage

    Die Ausstellung „PICASSO – BACON. What It Feels Like to Be Human“ in der ALBERTINA bringt zwei der bedeutendsten figurativen Maler des 20. Jahrhunderts in einen spannenden Dialog. Pablo Picasso war für Francis Bacon ein Schlüsselerlebnis: Als der junge Bacon 1927 in Paris Werke Picassos sah, fasste er den Entschluss, selbst Maler zu werden. Jahrzehnte später war er längst kein Nachahmer mehr, sondern ein eigenständiger Gegenpol.

    Die Schau umfasst 71 Werke. Im Zentrum steht der menschliche Körper – nicht als stabile, harmonische Einheit, sondern als etwas Gefährdetes und Veränderliches.

    Besonders eindringlich zeigt sich dieser Dialog an zwei kleinen Bildern: Picassos „Dora Maar“ von 1940 und Francis Bacons „Selbstporträt“ von 1972. Zwischen ihnen liegen 32 Jahre. Dennoch stellen beide dieselbe Frage:

    Wie weit kann ein Gesicht verändert werden, ohne dass die Person darin verschwindet?

    Pablo Picasso
    Dora Maar, 1940
    Öl auf Papier, 64 × 46 cm
    © Succession Picasso / Bildrecht, Wien 2026
    © Foto: bpk/Nationalgalerie, SMB, Museum Berggruen/Jens Ziehe

    Picasso: Ein Gesicht aus mehreren Blickwinkeln

    Dora Maar sitzt uns scheinbar ruhig gegenüber. Dunkles Haar rahmt das lange Gesicht, die Hand liegt an der Wange, das türkisblaue Oberteil hebt sich vom Hintergrund ab. Die Haltung könnte einem klassischen Porträt entstammen. Und doch stimmt die Ordnung des Gesichtes nicht mehr.

    Picasso verbindet verschiedene Ansichten miteinander. Die Nase folgt beinahe einem Profil, während die Augen stärker frontal erscheinen. Stirn, Nase, Mund und Wangen lassen sich nicht mehr aus einem einzigen Blickwinkel erklären. Das Gesicht ist nicht naturalistisch „falsch“ gemalt – es folgt einer anderen Logik. Mehrere Perspektiven werden gleichzeitig sichtbar.

    Darin lebt der Kubismus fort. Ein Gesicht ist nicht nur das, was wir in einem einzigen Moment von einem einzigen Standort aus sehen. Picasso zerlegt die sichtbare Wirklichkeit und setzt sie neu zusammen.

    Doch das Porträt von 1940 ist kein bloßes formales Experiment mehr. Seit dem Spanischen Bürgerkrieg und Guernica hat die Deformation bei Picasso eine neue Schwere erhalten.

    Dora Maar war dabei weit mehr als eine anonyme Porträtierte. Sie war selbst Fotografin und gehörte zu Picassos engstem persönlichen und künstlerischen Umfeld. Gerade die Bilder Dora Maars werden in dieser Zeit zu einem wichtigen Schauplatz seiner Auseinandersetzung mit dem menschlichen Antlitz.

    Und das Jahr 1940 ist nicht nebensächlich. Frankreich wird von deutschen Truppen besetzt, Europa befindet sich im Krieg, Picasso bleibt in Paris. Die ALBERTINA beschreibt die Deformation seiner Porträts dieser Jahre als „ästhetischen Widerstand“. Das sollte man nicht zu einfach politisch übersetzen. Dora Maars verschobenes Gesicht ist kein verschlüsseltes Kriegsbild. Aber der Glaube an eine ungebrochene, harmonische Welt ist aus diesen Porträts verschwunden.

    Picasso zeigt keinen zerstörten Menschen. Er zeigt einen Menschen, der nicht mehr aus einer einzigen Perspektive begriffen werden kann.

    Dora Maar bleibt unverkennbar. Gerade indem Picasso die äußere Ähnlichkeit verletzt, gewinnt das Bild eine andere Form von Wahrheit:

    Persönlichkeit ist mehr als Physiognomie.

    Francis Bacon
    Selbstporträt, 1972
    Öl auf Leinwand, 35,5 × 30,5 cm
    Private Collection
    © The Estate of Francis Bacon / All rights reserved / Bildrecht, Wien und DACS, London 2026

    Bacon: Das Gesicht als Ereignis

    32 Jahre später malt Francis Bacon sein eigenes Gesicht.

    Vor schwarzem Hintergrund erscheint der Kopf nahezu isoliert. Kein Raum, keine Handlung, kein Gegenüber. Nur dieses Gesicht.

    Und dieses Gesicht scheint sich vor unseren Augen zu bewegen.

    Stirn, Haaransatz, Ohr, Mund und Hals geben noch genügend Halt, um Bacon eindeutig zu erkennen. Gleichzeitig ziehen sich helle und dunkle Bahnen durch die Gesichtszüge. Auge, Nase und Wange scheinen verschoben, gedreht, verwischt. Formen überlagern einander wie verschiedene Momente einer Bewegung.

    Hier liegt der entscheidende Unterschied zu Picasso.

    Picasso verbindet unterschiedliche Ansichten. Bacon verbindet unterschiedliche Zustände.

    Bei Picasso sehen wir Dora Maar gleichzeitig von vorne und von der Seite.

    Bei Bacon scheint der Kopf gleichzeitig vor, während und nach einer Bewegung sichtbar zu werden.

    Bacon arbeitete seit den 1960er-Jahren bevorzugt nach Fotografien. Doch er kopierte sie nicht. Er benutzte sie, um gerade das Gegenteil fotografischer Schärfe zu erreichen: die Erfahrung eines lebendigen, instabilen Körpers. Die fotografische Vorlage gibt ihm die Person – die Malerei setzt sie in Bewegung.

    Bacon malt keine optische Störung.

    Er malt Veränderung selbst.

    1972: ein Selbstporträt nach dem Verlust

    Auch hier ist die Jahreszahl entscheidend.

    1971 erlebt Bacon mit seiner Retrospektive im Pariser Grand Palais einen der größten Triumphe seiner Karriere. Kurz vor der Eröffnung stirbt sein langjähriger Lebensgefährte George Dyer an einer Überdosis Alkohol und Medikamenten.

    Dieser Tod prägt Bacons Malerei der folgenden Jahre tief. Seine Bilder kreisen nun verstärkt um Erinnerung, Schuld und Tod. Zugleich malt Bacon auffallend häufig sich selbst.

    Das Selbstporträt von 1972 steht deshalb im Schatten des Todes.

    Bacon zeigt sich nicht heroisch, nicht repräsentativ, nicht als berühmter Künstler. Sein Gesicht ist verletzlich und instabil, von Zeit und Erfahrung angegriffen. Der Tod muss nicht als Totenschädel hinzugefügt werden. Er steckt bereits in der Veränderlichkeit des Körpers.

    In diesem Sinn ist das Bild ein modernes Memento mori.

    Nicht:

    Du wirst sterben.

    Sondern:

    Du veränderst dich bereits.

    Picasso und Bacon: Konstruktion und Auflösung

    Gerade in der Gegenüberstellung werden die Unterschiede sichtbar.

    Picasso kommt aus dem Kubismus. Seine Deformation ist konstruktiv. Er zerlegt und setzt neu zusammen. Das Gesicht wird zu einer Architektur verschiedener Perspektiven.

    Bacon gehört einer späteren, von Fotografie, Film und den existenziellen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts geprägten Welt an. Seine Deformation ist körperlicher. Das Gesicht wirkt nicht konstruiert, sondern bearbeitet, gedrückt, verschoben und verwischt. Es wird zum Ereignis.

    Picasso fragt:

    Aus wie vielen Perspektiven besteht ein Mensch?

    Bacon fragt:

    Wie kann ein Mensch derselbe bleiben, wenn er sich unaufhörlich verändert?

    Auch ihre historischen Situationen unterscheiden sich.

    Picassos Dora Maar entsteht 1940 im Schatten einer europäischen Katastrophe. Faschismus, Krieg und Besatzung erschüttern die Vorstellung einer vernünftigen, humanistischen Zivilisation.

    Bacons Selbstporträt entsteht 1972 in einer anderen Welt. Der Künstler ist international berühmt, die Nachkriegsgesellschaft hat sich verändert. Und doch gibt es keinen gesellschaftlichen Fortschritt, der den Menschen vor Verlust, Alter und Tod bewahren könnte.

    Bei Picasso bedrängt die Geschichte den Menschen.

    Bei Bacon bedrängt die Vergänglichkeit den Menschen.

    Natürlich ist diese Unterscheidung nicht absolut. Picassos Werk ist voller persönlicher Konflikte, Bacons Malerei voller Nachwirkungen des Jahrhunderts. Aber sie macht sichtbar, wie unterschiedlich beide Künstler den modernen Menschen denken.

    Vom Vorbild zum Gegenüber

    Picasso war für Bacon der Ausgangspunkt. Besonders die biomorph verformten Figuren der späten 1920er-Jahre zeigten dem jungen Bacon, dass ein Körper radikal verändert werden konnte, ohne seine Wirklichkeit zu verlieren. Die Ausstellung beginnt folgerichtig mit dieser künstlerischen Begegnung.

    Bacon übernimmt diese Freiheit – und verschärft sie.

    Picasso besitzt selbst in seinen verstörenden Bildern etwas Erfinderisches. Man spürt einen Künstler, der Form beherrscht und verwandelt.

    Bei Bacon wird diese Freiheit bedrohlicher. Der Mund wird zum Schrei, das Gesicht zur Wunde, der Körper zu Fleisch. Die Person bleibt erkennbar, aber ihre Form ist nicht mehr sicher.

    So zeigt die Ausstellung eine Entwicklung: von Picassos Befreiung der Figur aus der traditionellen Perspektive hin zu Bacons Befreiung des Körpers von der Vorstellung einer stabilen Identität.

    Und doch verbindet beide etwas erstaunlich Humanes.

    Sie idealisieren den Menschen nicht.

    Sie deformieren ihn.

    Aber sie lassen ihn nicht verschwinden.

    Was es heißt, Mensch zu sein

    Damit führt die Ausstellung zurück zu ihrem Titel:

    What It Feels Like to Be Human.

    Nicht: Wie sieht der Mensch aus?

    Sondern:

    Wie fühlt es sich an, Mensch zu sein?

    Menschsein bedeutet bei beiden Künstlern, keinen vollkommen stabilen Körper zu besitzen. Es bedeutet, zu begehren und zu leiden, älter zu werden, sich zu erinnern und jemanden zu verlieren.

    Picasso zeigt Dora Maar aus mehreren Perspektiven zugleich. Ihre Identität lässt sich nicht auf eine Ansicht reduzieren.

    Bacon zeigt sich selbst als einen Menschen in Veränderung. Seine Identität überlebt die Auflösung der äußeren Form.

    Gerade darin liegt eine überraschend humane Aussage dieser oft als brutal empfundenen Malerei:

    Die Form kann zerbrechen.

    Die Person bleibt.

    Aus theologischer Sicht berührt dies einen Gedanken, der weit älter ist als die Moderne. Die Würde des Menschen hängt nicht an Schönheit, Unversehrtheit oder körperlicher Vollkommenheit. Die christliche Kunst hat im Ecce Homo und im Gekreuzigten seit Jahrhunderten den verwundeten Körper ins Zentrum gestellt.

    Picasso und Bacon verfolgen keine christliche Bildabsicht. Ihre geistige Welt ist eine andere. Und dennoch stellen ihre Porträts eine verwandte Frage:

    Was bleibt vom Menschen, wenn Schönheit, Kontrolle und Unversehrtheit verschwinden?

    Bei Dora Maar bleibt eine Person, die sich keiner einzigen Perspektive fügt.

    Bei Francis Bacon bleibt eine Person, deren Gesicht sich beinahe auflöst.

    Vielleicht ist das die stärkste Erfahrung dieser Ausstellung:

    Der Mensch besitzt keine unveränderliche Form.

    Aber er bleibt jemand.


    PICASSO – BACON
    What It Feels Like to Be Human

    ALBERTINA, Wien
    18. September 2026 bis 31. Jänner 2027
    Kurator:innen: Gunhild Bauer, Michael Peppiatt
    71 Werke

  • Ein Rundgang durch die Albertina Klosterneuburg

    Zwischen Erwin Wurm und Elena Koneff, zwischen Styx und Cremeschnitten: ein persönlicher Streifzug durch die Sammlung Essl – mit Respekt, Skepsis und Staunen.

    Klosterneuburg, 11.10.2025, Harald R. Preyer

    Ich stehe am Eingang der Albertina Klosterneuburg. Es ist einer dieser Orte, an denen die Gegenwart so still und selbstverständlich in Erscheinung tritt, dass man fast vergisst, wie jung sie ist. Der Raum – großzügig, kühl, klar – empfängt meine Frau Yuliya und mich mit einer Offenheit, die keine Schwellenangst kennt. Yuliya geht ein paar Schritte voraus, bleibt stehen und lächelt. Draußen stehen Pferde in ihren Koppeln und scheinen amüsiert und zufrieden zu warten. Worauf? 

    Dahinter gibt der wolkenverhangene Himmel für wenige Minuten den Blick auf die Kuppel von Stift Klosterneuburg frei. Das Licht ist diffus – ideal für Portraits.

    Es ist unser erster Besuch hier. Und wir spüren sofort etwas Besonderes. Als ob Architektur und Haltung ineinandergreifen. Weil dieser Ort aus einer Entscheidung heraus entstanden ist, die Mut und Verantwortung zugleich bedeutet – aus dem Willen einer Unternehmerfamilie, Kunst nicht zu besitzen, sondern weiterzugeben.


    Ich kenne Martin Essl, den Sohn der Sammler Karl-Heinz und Agnes Essl. Ihm verdankte Wien im heurigen Frühjahr (2025) das Fest „75 Jahre EU“ im Stephansdom. Heute stehe ich in jenem Raum, der sein Elternhaus der Kunst ist. Nicht im privaten Sinn, sondern im übertragenen: als Ort des Vertrauens in das Menschliche.
    Ich empfinde große Dankbarkeit, dass Menschen wie die Essls oder der Bauunternehmer Hans Peter Haselsteiner Kunst nicht nur als Kapital betrachten, sondern als Vermächtnis. Und auch Dank gegenüber den vielen, die dieses Projekt tragen.  Den Museumsmanagerinnen, den Politikern, den Steuerzahlern, die es am Ende mitfinanzieren. Es ist leicht, sich über öffentliche Kulturförderung zu empören; aber wer hier durch die Räume geht, spürt, dass es sich lohnt.

    Was ist überhaupt Kunst?
    Wo beginnt sie? Und wo endet sie?

    Diese Fragen begleiten mich seit Jahren. Als Betrachter, nicht als Kritiker. Vielleicht ist Kunst dort, wo jemand das Sichtbare so ernst nimmt, dass es über sich hinausweist. Manchmal ist sie groß, manchmal klein, manchmal so unauffällig, dass man sie fast übersieht.

    Ich bin kein unkritischer Bewunderer der Gegenwartskunst. Zu oft sehe ich darin bloß Geste und Ironie, Konzept statt Berührung. Aber wenn man sich auf die Werke einlässt, wenn man stehen bleibt und sieht, beginnt etwas zu wirken. Dann wird die sperrigste Form zu einer Einladung. Und plötzlich merkt man, dass diese Kunst vielleicht gar nicht gefallen will. Sondern etwas anderes tut: Sie weckt Bewusstsein.

    Die Begegnungen mit den ersten Werken

    Wir gehen in den Ausstellungsbereich und betreten den ersten Saal. Es ist still, nur das gedämpfte Knirschen der Schritte auf dem Betonboden. Wenig Besucher sind heute hier. Zeitweise sind wir mit den Künstlern allein. An der Wand hängen die glänzenden Karosserien von Andy Warhol – Rennwagen, abstrahiert zu Symbolen des Tempos, der Reproduktion, der Sehnsucht nach Geschwindigkeit. Ich bleibe davor stehen und denke: Das ist doch kein Bild eines Autos, sondern eines Zeitalters.

    Warhols „Mercedes-Benz Formel Rennwagen W125“ ist ein Memento mori aus Chrom und Farbe. Geschwindigkeit vergeht, Ruhm vergeht, aber das Bild bleibt. Vielleicht ist das sein Trost: Dass auch das Flüchtige einen Ort in der Ewigkeit finden kann.


    Andy Warhol, „Mercedes-Benz Formel Rennwagen W125“, 1987 rechts im Hintergrund und andere seiner bekannten Werke. Acryl und Siebdruck auf Leinwand.

    Im nächsten Raum wie eine Antwort auf Warhols Kühle, hängt Robert Indianas „Classic Love“. Die vier Buchstaben sind so vertraut, dass ich sie fast übersehe. In dieser farbigen Wolle steckt eine Zärtlichkeit, die nichts Ironisches mehr hat. Sie ist handgemacht – eine textile Meditation über das, was bleibt, wenn alle Trends verflogen sind.
    Ich bleibe lange davor stehen. Liebe als Muster, nicht als Pose. Vielleicht ist das schon der Unterschied zwischen Kitsch und Kunst: Dass das eine gefallen will, während das andere still bleibt und wartet, bis man bereit ist.


    Robert Indiana, „Classic Love“, 1995. Wolle.

    Ein paar Schritte weiter das Werk von Ida Szigethy. Ein Blick aus einem Rolls-Royce auf eine Wand, dahinter nichts als Dunkel. „Ohne Ausweg“, steht auf dem Schild. Ich spüre, wie sich der Raum verändert: Diese Malerei ist kein Luxusobjekt, sondern eine Beichte. Das glänzende Holzlenkrad wird zum Symbol jener Freiheit, die sich selbst überfordert.

    Was vor dem Autoradio auf den ersten Blick so aussieht wie ein Stöckel von Yuliya’s braunen Schuhen, ist bei näherer Betrachtung der Daumen der rechten Hand der Pilotin, die gerade einen neuen Sender eingestellt hat.


    Ida Szigethy, „Ohne Ausweg“, 1978/79. Öl auf Leinwand.

    Ich denke an all die Fahrerinnen und Fahrer, die glauben, sie könnten das Leben steuern – bis sie begreifen, dass der Tunnel kein Irrtum, sondern Teil der Strecke ist. Szigethy malt diesen Moment ohne Pathos, aber mit der Klarheit einer Frau, die sich selbst nichts vormacht.

    Taaffe, Diop, Wurm – Über das Ornament, das Absurde und das Menschliche.

    Vor einem der größten Werke des Raumes bleibe ich wie gebannt stehen: ein farbig pulsierender Strudel, eine Spirale, die mich in sich hineinzieht. Es könnte auch der Blick in den gezogenen Lauf eines teuren Luftdruckgewehres sein. Philip Taaffes Unit of Direction aus dem Jahr 2003.

    Rot, Blau, Gelb – Primärfarben wie Signale – kreisen in präziser Geometrie um ein winziges Zentrum, das zugleich wie ein Auge und wie ein Versprechen wirkt.
    Ich lese die Tafel daneben. Taaffe, so erfahre ich, hat sich jahrelang mit Ornamentformen aus verschiedenen Kulturen beschäftigt – von römischen Mosaiken über islamische Arabesken bis zu fernöstlichen Mandalas.

    Je länger ich schaue, desto mehr erkenne ich: Diese Spirale ist kein Ornament, sondern eine Bewegung des Geistes. Sie zieht mich in etwas hinein, das weder rational noch dekorativ ist – ein Sog, der mich an das Denken selbst erinnert: Immer kreisend, suchend, niemals still.

    Es ist faszinierend, wie Taaffe das Meditative der Form mit der Strenge der Mathematik verbindet. Sein Werk hat etwas zutiefst Spirituelles, auch wenn es das nie behauptet.

    Vielleicht liegt die Kraft moderner Kunst gerade darin, dass sie sich nicht festlegt. Sie lässt Raum für Zweifel – und genau dort, im Zweifel, beginnt Erkenntnis.

    Philip Taaffe, Unit of Direction, 2003. Mischtechnik auf Leinwand, Albertina Klosterneuburg – Sammlung Essl.

    Nach der ornamentalen Strenge von Taaffe trete ich in einen Raum, der fast körperlich vibriert. Alexandre Diop, 1995 in Paris geboren, arbeitet mit allem, was die Welt ihm gibt: Metall, Latex, Leder, Holz, Zeitungen, Nägel, Stoffe. Seine Assemblagen sind keine Collagen im klassischen Sinn – sie sind Verdichtungen von Leben.

    Ich lese seine Worte: „Ich muss von der Realität ausgehen, um eine neue zu erschaffen.“ Das ist kein Konzept, sondern eine Lebenshaltung. Vor seinem großen Werk – eine wuchernde Komposition aus Figuren, Stoffen, Farben, Gewalt und Zärtlichkeit – spüre ich die ganze Unruhe dieser Zeit. Diop lässt nichts unberührt: Rassismus, Kolonialgeschichte, männliche Macht, Spiritualität. Alles ist ineinander verflochten. Es ist, als würde die Leinwand atmen, kämpfen, schwitzen.
    Diese Kunst ist nicht schön im klassischen Sinn. Aber sie ist wahrhaftig.

    Alexandre Diop, „Ohne Titel“, um 2022. Assemblage aus Stoffen, Metall, Papier und Farbe. Albertina Klosterneuburg – Sammlung Essl.

    Ein paar Räume weiter: Erwin Wurm.
    Fünf Figuren stehen da, elegant und grotesk zugleich. Köpfe gibt es keine, die Körper enden abrupt in eckigen Blöcken. Anzüge, Stiefel, Kleider – makellos.
    Ich muss lächeln. Wurm nimmt die modische Oberfläche ernst genug, um sie zu sprengen. Seine Box People sind Karikaturen unserer Gesellschaft: Zu perfekt, zu eckig, zu sehr auf Form und Status fixiert.

    Ich frage mich, ob das Lachen über diese Figuren befreiend ist – oder beschämend. Wurm zeigt uns, wie sehr wir selbst in unseren Hüllen gefangen sind.
    Und doch: Es steckt Zärtlichkeit darin. Seine Figuren sind verletzlich, obwohl sie so starr wirken. Vielleicht liegt darin die Pointe seines Werkes – dass hinter dem Absurden das zutiefst Menschliche aufscheint.

    Erwin Wurm, „Box People“, um 2015. Textil, Holz, Schuhe, gemischte Materialien. Albertina Klosterneuburg – Sammlung Essl.

    Nach Wurm wird es stiller. Kälter. Ich trete in den Raum von Bruno Gironcoli – und plötzlich besteht die Luft aus Metall. Vor mir liegt eine Figur, silbern, glatt, monumental: Daphne, 2002. Kein klassischer Akt, keine anmutige Verwandlung, sondern ein hybrides Wesen zwischen Mensch und Maschine, Opfer und Schöpfer.
    Gironcoli sagte, er wolle den Menschen in all seinen „Abgründen und Zwanghaftigkeiten“ zeigen. Das tut er.

    Diese Gestalt, halb liegend, halb aufgerichtet, mit geschlossenen Augen und einer Antenne aus dem Kopf, wirkt wie eine Kreuzung aus Mythos und Labor.
    Ich kann nicht sagen, ob sie schläft oder träumt – oder ob sie längst aufgehört hat, beides zu tun.

    In der makellosen Aluminiumhaut steckt etwas Unheimliches. Der Körper scheint gefroren in seiner eigenen Idee. Und doch liegt in dieser Kälte eine seltsame Würde.
    Vielleicht ist das Gironcolis Beitrag zur großen Frage, was Kunst mit uns macht: Sie zwingt uns, auszuhalten, was wir sonst verdrängen würden.

    Bruno Gironcoli, Daphne, 2002. Aluminium, Albertina Klosterneuburg – Sammlung Dagmar und Manfred Chobot.

    Dann ein unförmiger, fleischfarbener Körper, irgendwo zwischen Figur und Masse. Die Oberfläche scheint lebendig und zugleich wie verbrannt, durchzogen von schwarzen Adern, an manchen Stellen mit leuchtend rotem Acryl aufgerissen.
    Der Titel: Eva Beresin, In Ekstase verweilen (2023).

    Es ist eine Skulptur aus 3D-Druck und Acrylfarbe – eine groteske, fast komische Form, die an das Ungeformte im Menschen erinnert. Ich lese: „Familiensammlung Haselsteiner“ – und muss lächeln. Selbst in der Ekstase, so scheint es, bleibt in Österreich die Kunst ordentlich dokumentiert. Doch hinter der Ironie steckt etwas sehr Ernstes. Beresins Figur ist verletzlich, erschöpft, sinnlich, vielleicht erlöst.
    Sie ruht in sich – oder in dem, was von ihr geblieben ist. Diese Arbeit, geschaffen von einer ungarisch-österreichischen Künstlerin, die seit Jahrzehnten mit Körperbildern ringt, scheint mir ein Kommentar zur Gegenwart zu sein:

    Wir haben uns digitalisiert, perfektioniert, multipliziert. Und doch bleibt das Fleisch, die Form, die Sehnsucht nach Berührung.

    Eva Beresin, In Ekstase verweilen, 2023. Acryl auf 3D-Druck, PLA. Albertina Klosterneuburg – Familien­sammlung Haselsteiner.

    Ein paar Schritte weiter begegne ich einem anderen Gegenpol zur Materialfülle: Elena Koneff, geboren 1939 in Moskau, emigrierte 1979 nach Wien. Ihre Arbeiten sind monochrom schwarz, gewebt aus Kordeln, Gummi, Sisal und Harz. Die Serie Black Relief (1978) wirkt wie ein Dialog zwischen Textil und Kosmos.

    Knoten, Schlingen, Fasern: Alles scheint sich in einer stillen Gravitation zu bewegen, als würde die Materie selbst über die Schwerkraft des Lebens nachdenken.
    Ich empfinde große Ruhe vor diesen Werken. Nach all der expressiven Lautstärke der Gegenwartskunst ist Koneffs Schwarz fast eine Gebetshaltung.
    Ihre Reliefs erinnern an Wunden, die zu Ornamenten geworden sind – an Verbindungen, die reißen und sich wieder schließen.

    Vielleicht ist das, was mich so berührt, die Demut dieser Kunst: Kein Lärm, kein Anspruch, nur ein leises Atmen im Raum.

    Elena Koneff, Schwarzes Relief, 1978. Kordel, Gummi, Sisal, Farbe, Harz. Albertina Klosterneuburg.

    Und dann, fast als stilles Echo auf Koneffs schwarze Reliefs, sehe ich Werke von Soli Kiani, geboren 1981 im Iran.

    Schwarz, Weiß, Seile – eine Sprache der Gegensätze. Kiani arbeitet mit denselben Materialien, die im Iran bei Hinrichtungen verwendet werden. Sie verwandelt sie in etwas anderes: In Sinnbilder von Befreiung, in poetische Widerstände gegen das Verstummen.

    Ihre Arbeiten sind kraftvoll, aber nicht laut. Sie erzählen von weiblicher Identität zwischen Tradition und Moderne, Religion und Säkularität, Schuld und Stolz.
    Was mich besonders bewegt: In dieser Schwere liegt etwas zutiefst Versöhnliches.
    Weil Kiani nichts zerstören will. Sie will verwandeln. In den Seilen, die sie zu Skulpturen knüpft, verdichtet sich die Spannung des Lebens. Jeder Knoten ist zugleich Fessel und Verbindung.

    Als ich mich umdrehe, sehe ich Yuliya vor diesen Figuren stehen – in sanftem Rosa, die Hand auf der Tasche, still, aufmerksam. Ein schöner Moment: Zwei Frauen, die sich nicht kennen, und doch etwas Gemeinsames teilen – das stille Wissen, dass Freiheit immer eine innere Bewegung bleibt.

    Soli Kiani, Installation aus der Serie „Black Line“, um 2020. Seile, Stoff, Harz. Albertina Klosterneuburg.

    Hinter den Seilfiguren von Soli Kiani erkenne ich an der Wand noch einmal ein rundes, fast mandalaartiges Werk von Elena Koneff. Ein schwarzes Relief aus Kordeln und Gummi, das wie ein stiller Planet im Hintergrund ruht.
    Dieses Werk scheint die Szene zu umarmen: Die Bewegung der Stricke bei Kiani antwortet auf die geordnete Ruhe Koneffs.

    Das Schwarz beider Arbeiten ist kein Nichts, sondern ein Speicher von Bedeutung.  Ein Stoff, der Licht verschluckt, um Tiefe zu erzeugen.

    Elena Koneff, „schwarzer Schild“ (mein Titel), Kordel, Gummi, Sisal, Farbe, Harz. Albertina Klosterneuburg

    Ausklang

    Draußen, zwischen den Ausstellungsräumen, stehen wir vor einer silbernen Abdeckung aus Metall. Darauf in schwarzen Lettern: STYX. Zuerst halte ich es für eine Wasserleitung, dann für ein Kunstwerk. Doch ein Mitarbeiter erklärt uns: „Das ist die Abdeckung eines Kunstwerks – ‚Welle‘. Die Firma, die sie gefertigt hat, heißt Styx.“ Ein schöner Zufall: Der Name erinnert an den Fluss, der Leben und Tod trennt – und verbindet.

    Hier oben, zwischen Glas, Beton und Rasen, fließt er als Kunstwerk weiter. Still, metallisch, aber voller Bedeutung. Oder vielleicht ist die Welle einfach eine zärtliche Geste an eine Frau, die sich hier Blumen wünschte.

    Abdeckung der „Welle“ – gebaut von Firma Styx im Atrium der Albertina Klosterneuburg.

    Danach folgen wir dem Duft von Kaffee. Oben, beim Café neben den Ausstellungsräumen, stehen sie in der Vitrine: Rosa und gelbe Cremeschnitten, so weich und leicht wie ein ironischer Nachsatz der Kunst.

    Wir teilen keine, weil ich Yuliya noch ein spätes, gutes Mittagessen zaubern werde. Aber wir lachen, weil diese süße Kreation für uns im Moment auch Kunst ist. Alles, was eben noch schwer war – Gewalt, Schmerz, Verwandlung – löst sich auf in Süße und Staubzucker.

    Cremeschnitten im Café der Albertina Klosterneuburg.

    Bevor wir gehen, halten wir noch inne. Eine Wand voller Bücher mit der Aufschrift Kunst der Gegenwart – in kräftigem Rot, als wollte sie sagen: Das Heute zählt. Wir sehen uns an, lächeln. Ja. Das tut es.

    Harald und Yuliya Preyer vor der Bücherwand „Kunst der Gegenwart“.

    Und dann, unten nach dem Ausgang, das letzte Foto. Das Licht ist weicher geworden, die Luft still.Yuliya lehnt sich an mich, die Wiesen leuchten hinter uns, als hätten sie alles gehört. Die Pferde sind noch in ihren Koppeln.

    Wir denken an Michaelina Wautier gestern im KHM, an Wurm, Diop, Gironcoli, Beresin, Koneff, Kiani heute hier – und an all das, was sie gemeinsam verbindet: Mut, Genialität und Menschlichkeit.

    Wir fühlen uns bestätigt: Die größte Gegenwartskunst bleibt die Liebe.

    Harald und Yuliya Preyer vor der Albertina Klosterneuburg im warmen späten Nachmittagslicht des Herbstes.


    Kurzbeschreibung

    Ein persönlicher Rundgang durch die Ausstellung DE SCULPTURA in der Albertina Klosterneuburg. Harald Preyer begegnet Werken von Wurm, Gironcoli, Koneff und anderen – mit Wertschätzung, kritischer Distanz und offenem Herzen. Eine Einladung, Kunst als Spiegel des Lebens zu sehen.

    Text und Fotos: Harald R. Preyer

  • Ostern 2024 – Kunst

    Grabesruhe, Kunst und Auferstehung

    Was hältst Du davon, am Ostersamstag in den letzten Stunden bevor Christen auf der ganzen Welt die Auferstehung Jesu Christi feiern in den Stephansdom oder in die Albertina oder in beide zu kommen?

    Im Stephansdom herrscht an diesem Tag Grabesruhe. Das Fastentuch von Gottfried Helnwein wird nur noch wenige Stunden dort hängen.

    Um 08:00 zelebriert unser lieber Erzbischof Dr. Christoph Kardinal Schönborn die Trauermette. Anschließend führt uns mein Freund Florian Bauchinger, geprüfter Domführer, zur Orgelempore. Er nimmt noch zehn Freunde mit. Wenn Du dabei sein willst, schreib‘ mir bitte! Von dort können wir vielleicht sogar zusehen, wie Experten der Dombauhütte das Fastentuch fachgerecht abmontieren. Jedenfalls werden wir ein letztes Mal aus einer einzigartigen Perspektive dieses Gesamtkunstwerk sehen.

    Vielen Dank, lieber Herr Dompfarrer Toni Faber für diesen wirklich künstlerisch großartigen Beitrag. Gibt es ein schöneres Kompliment für Kunst, als dass die ganze Stadt hoch emotionalisiert über sie spricht? Ist nicht genau das die Aufgabe von Kunst?

    Um 21:00 feiert die Gemeinde mit Kardinal Schönborn die Osternacht und die Auferstehung.

    https://www.dompfarre.info/client/downloads/Die_Woche/Karwoche%20und%20Ostern.pdf

    https://www.dersonntag.at/artikel/fastentuch-gottfried-helnwein/

    ALBERTINA, Wien © Katharina Grosse / Bildrecht, Wien 2023
    Foto © Sandro E. E. Zanzinger Photographie 2023

    In der Albertina wird frühlingshafter Museumsbetrieb sein. Die Ausstellung „Warum drei Töne kein Dreieck bilden“ von Katharina Grosse wird dort allerdings auch nur noch bis am Montag, dem 1. April zu sehen sein.

    Für 14:30 bis 15:30 haben wir in der Albertina mit Mag. Friederike Lassy-Beelitz von der Albertina Kunstvermittlung eine Spezialführung organisiert. Die Führung kostet für uns alle zusammen 125,–. Diesen Betrag teilen wir auf alle Teilnehmer auf. Wir sind maximal 12 Personen.

    Wenn Du keine Mitgliedskarte der Albertina hast: Das ermäßigte Gruppenticket zu 15.90 EUR pro Person bekommen wir, wenn wir mind. 10 Tickets auf einmal an der Kassa bezahlen. Dazu treffen wir uns um 14:15 bei der Kassa der Albertina.

    Anmeldungen für die Spezialführung in der Albertina bitte formfrei an harald@preyer.wien.

    https://www.albertina.at/site/assets/files/19785/pm_grosse_de_final.pdf

    Um 20:30 werden wir dann in unserer Pfarre St. Benedikt am Leberberg in Simmering die Auferstehung mitfeiern.

    Am Ostersonntag und am Ostermontag um 12:00 Uhr werde ich Ministrant im Stephansdom und Yuliya vermutlich mit Teddy im Park sein.