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  • Himmel, Herrgott, Sakrament

    Über eine Kirche, in der man noch lachen kann

    Gudrun hat mir die Serie empfohlen. Gestern und heute habe ich auf ORF ON die sechs Folgen der zweiten Staffel von „Himmel, Herrgott, Sakrament“ nachgesehen.

    Und ich habe mich dabei sehr gut unterhalten.

    Franz Xaver Bogner gelingt etwas, das im Fernsehen selten geworden ist: Er macht sich über seine Figuren lustig, ohne sie lächerlich zu machen. Über die gutbürgerliche Münchner Gesellschaft ebenso wie über die katholische Kirche, ihre Regeln, ihre Eitelkeiten, ihre Intrigen und ihre erstaunliche Fähigkeit, sich manchmal selbst im Weg zu stehen.

    Dabei lebt die Serie ganz wesentlich von ihrer meisterlichen, dabei vollkommen unangestrengt wirkenden Schauspielkunst.

    Stephan Zinner ist als Pfarrer Hans Reiser großartig. Man glaubt ihm diesen Priester. Nicht weil er besonders fromm schaut, sondern weil man ihm abnimmt, dass ihm die Menschen wirklich wichtig sind. Sein Reiser kann grantig, ungeduldig und unbequem sein. Gerade dadurch wirkt er nie wie eine kirchliche Werbefigur.

    Ganz aus der Luft gegriffen ist dieser Hans Reiser übrigens nicht. Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Buch des Münchner Pfarrers Rainer Maria Schießler, der für seine unkonventionelle, menschennahe Seelsorge bekannt ist. Eine Verfilmung seines Lebens ist sie dennoch nicht. Franz Xaver Bogner übernahm vielmehr den Typus dieses Pfarrers und erfand daraus seine eigenen Geschichten. Schießler stand der Produktion beratend zur Seite, und Stephan Zinner besuchte zur Vorbereitung sogar seine Gottesdienste. Vielleicht wirkt Reiser deshalb trotz aller Überzeichnung so erstaunlich echt: Hinter der Fernsehfigur steht die Erfahrung eines wirklichen Priesters, der offenbar zuerst den Menschen sieht – und erst danach fragt, ob für dessen Problem schon eine passende kirchliche Vorschrift existiert.

    Erwin Steinhauer als Kardinal Georg Brunnenmayr ist für mich mindestens ebenso stark. Ein Kirchenfürst mit Machtinstinkt, Eitelkeit und taktischem Geschick – und trotzdem immer wieder so menschlich, dass man ihm kaum wirklich böse sein kann. Manchmal genügt bei Steinhauer ein Blick. Ein kurzes Zögern. Ein kaum sichtbares Augenzwinkern. Und schon erzählt sein Gesicht mehr über die Organisation Kirche als eine lange Rede.

    Auch Anne Schäfer als Lisa Kirchberger und Susi Stach als Cornelia Vogelsang verleihen dieser Welt ihre Glaubwürdigkeit. Und selbst eine vermeintlich kleine Figur wie der Mesner Alois Stadler, wunderbar gespielt von Christian Lerch, ist nicht bloß Staffage. Lerch macht aus ihm einen jener Menschen, die jeder kennt, der in einer Kirche regelmäßig ein und aus geht: etwas eigen, manchmal knorrig, genau beobachtend – und längst ein Teil des Hauses.

    Vielleicht sehe ich die Serie auch deshalb mit besonderem Vergnügen, weil mir diese Welt vertraut ist.

    Ich selbst bin mit großer Freude als einer von vielen Ehrenamtlichen zweimal in der Woche im Wiener Stephansdom tätig. Wer Kirche nur von außen betrachtet, sieht leicht Soutanen, Ämter, Regeln und Hierarchien. Wer ein wenig darin lebt, erlebt vor allem Menschen. Wunderbare, schwierige, fromme, eitle, hilfsbereite, anstrengende, liebenswerte Menschen.

    Genau diese Mischung trifft „Himmel, Herrgott, Sakrament“ erstaunlich gut.

    Die Serie ist für mich deshalb keine Abrechnung mit der Kirche, sondern eher eine sehr sympathische Abrechnung innerhalb der Kirche. Man erkennt manches wieder, lacht – und manchmal fragt man sich kurz, ob man eigentlich lachen darf.

    Besonders schön sind für mich jene Szenen, in denen Hans Reiser vor einer Entscheidung steht und das menschlich Gute mit einer Vorschrift kollidiert. Bogner macht daraus kein theologisches Seminar. Reiser entscheidet einfach. Manchmal richtig, manchmal vielleicht auch fragwürdig – aber fast immer mit dem Menschen vor Augen.

    Screenshot ORF: Afrikanische Beerdigung in München

    Und dann gibt es diese wunderbaren Momente, in denen Kardinal Brunnenmayr wieder ins Spiel kommt. Man erwartet den großen kirchlichen Konflikt – und bekommt stattdessen oft ein kleines Spiel aus Macht, Sympathie, Taktik und gegenseitigem Verständnis.

    Ganz besonders bleibt mir die Szene in Rom: der Petersplatz, der Papst an der Loggia, die große Inszenierung der Weltkirche – und irgendwo zwei Fenster daneben Erwin Steinhauer als Brunnenmayr.

    Ein Blick genügt.

    Und plötzlich weiß man gar nicht mehr: Soll man böse auf diesen Apparat sein? Soll man über ihn lachen? Oder kann man diese manchmal seltsame Organisation vielleicht einfach so annehmen und sogar lieben, wie sie ist?

    Vielleicht gerade deshalb, weil man ihre Schwächen kennt.

    „Das, worüber wir nicht mehr lachen können, ist uns nicht mehr heilig“, meinte mein Freund Rainer Buchner schon in den 1990er-Jahren.

    Bei „Himmel, Herrgott, Sakrament“ konnte ich viel lachen.

    Und manche Szenen haben mich berührt – immer dann, wenn das Gute über das Vorgeschriebene siegt.

    8 von 10 Punkten.

    Staffel 1 und 2 sind bis 31.12.2026 auf ORF.ON abrufbar.

    Fotos: ORF.ON