Kategorie: Sein und Haben

Erfüllende Visionen · Sinnstiftende Veränderungen · Yuliya und Teddy

  • Der Mythos vom perfekten Liebhaber

    Es gibt eine eigentümliche Figur unserer Gegenwart: den Mann, der überzeugt ist, ein guter Liebhaber zu sein.

    Er betritt keine Beziehung, er tritt auf. Seine Gewissheit speist sich aus Erfahrung, aus Geschichten, aus Filmen, aus den Bildern einer Kultur, die Sexualität gerne als Leistung versteht. Er weiß angeblich, was Frauen wollen. Er fragt nicht nach. Fragen würden Unsicherheit verraten. Stattdessen vertraut er auf Routinen, Techniken und die Vorstellung, dass Intimität vor allem eine Frage des Könnens sei.

    Doch gerade darin liegt oft das Missverständnis.

    Sexualität ist keine Sportart. Sie kennt keine objektive Wertung, keine Ranglisten und keine Medaillen. Wer sie dennoch als Prüfung begreift, verschiebt den Schwerpunkt von der Begegnung zur Selbstdarstellung. Aus dem Gegenüber wird ein Publikum. Aus Nähe wird Performance.

    Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von sexuellem Narzissmus. Gemeint ist nicht die Freude am eigenen Körper oder ein gesundes Selbstvertrauen. Gemeint ist eine Haltung, in der die eigene Leistung wichtiger wird als die gemeinsame Erfahrung. Der andere Mensch erscheint dann weniger als Partner denn als Bestätigung der eigenen Fähigkeiten.

    Das Paradoxe daran: Je stärker jemand davon überzeugt ist, bereits alles zu wissen, desto weniger offen bleibt er für das, was ihn tatsächlich interessieren müsste. Denn jeder Mensch ist anders. Was gestern richtig war, kann heute falsch sein. Was bei einer Partnerin Freude auslöst, kann bei einer anderen wirkungslos bleiben.

    Aufmerksamkeit als perfekte „Technik“

    Gute Liebhaber zeichnen sich daher nicht durch besondere Techniken aus. Ihre wichtigste Fähigkeit ist Aufmerksamkeit.

    Sie hören zu. Sie beobachten. Sie fragen. Und sie akzeptieren, dass Intimität kein Zustand vollendeter Meisterschaft ist, sondern ein fortlaufender Dialog.

    Auch Frauen tragen gelegentlich dazu bei, den Mythos des „Sexgotts“ aufrechtzuerhalten. Aus Höflichkeit, Rücksicht oder dem Wunsch, Konflikte zu vermeiden, wird Zustimmung signalisiert, wo eigentlich Korrektur hilfreich wäre. So entstehen gegenseitige Missverständnisse, die mit den Jahren den Charakter von Gewissheiten annehmen.

    Die Forschung zeigt seit Langem, dass die sexuelle Erfahrung von Männern und Frauen oft unterschiedlich verläuft. Männer erreichen beim heterosexuellen Geschlechtsverkehr im Durchschnitt deutlich häufiger einen Orgasmus als Frauen. Hinter dieser sogenannten „Orgasmuslücke“ stehen viele Faktoren. Einer davon ist die kulturelle Vorstellung, männliche Lust sei der eigentliche Motor sexueller Begegnungen, während weibliche Lust eher als Bestätigung des männlichen Erfolgs betrachtet wird.

    Lust ist kein Pokal, den man gewinnt.

    Vielleicht besteht die Reife einer sexuellen Beziehung gerade darin, den Gedanken der Leistung hinter sich zu lassen. Nicht zu fragen: „War ich gut?“ Sondern: „Sind wir uns begegnet?“

    Wer dazu bereit ist, wird möglicherweise weniger beeindruckend wirken als die Legenden der Männermagazine. Aber er wird der Wirklichkeit näher kommen.

    Und vielleicht liegt genau dort die eigentliche Kunst der Liebe: nicht im Wissen, sondern im Interesse am anderen Menschen.

    Die Illustrationen sind auf Basis des Textes mit KI erstellt.

  • Abgehaut – verloren gegangen

    Jetzt haben wir uns schon lange nicht mehr gelesen. Und – ja Danke – es geht mir wieder sehr gut. Heute bin ich verloren gegangen.

    Also das war so:

    Frauchen hat ja dieses schöne kleine Haus gefunden mitten im Wald und nur weit weg höre ich einen anderen Kollegen, der bellt, wenn die Radfahrer bei ihm vorbei kommen. Und dann weiß ich schon, wenn er immer lauter bellt, dann kommen sie bald bei mir vorbei und dann muss ich auch bellen. Wenn er immer leiser bellt, dann kommen sie nicht. Und in unserem Garten, da ist der große Olivenbaum. Dort liege ich gerne im Halbschatten und manchmal fällt eine kleine Olive auf meine Schnauze. Das kitzelt aber die Oliven schmecken mir nicht.

    Und um das ganze Haus und den riesigen Garten ist eine alte Mauer – aus Steinen und wenn ich die Steine spüre, dann weiß ich, da ist die Mauer und ich gehe einen Schritt zurück. So kann ich ganz alleine im Garten bleiben und alles ist fein.

    Heute waren wir dann bei diesem Fluss, der eigentlich kein Fluss ist, sondern ein Meer und eigentlich kein Meer, sondern eine Bucht und eigentlich auch keine Bucht, weil dazu ist er zu wenig rund – egal – wir waren also dort und da haben Harry und Frauchen Muscheln gegessen und ich habe keine bekommen, weil ich Muscheln nicht mögen darf.

    Und dann sind wir am Heimweg bei dieser kleinen Taverne vorbei gefahren, wo ich gestern so liebe Menschen und neue Freunde von mir getroffen habe. Und da wollte ich aussteigen und Harry hat angehalten und wir sind alle drei ausgestiegen. Und dann haben Yuliya und Harry ein kleines Eis gegessen – also eigentlich hat es nach Palatschinken gerochen aber ich habe keinen bekommen und ich habe in der Ferne meinen Freund gehört, der immer bellt, wenn die Radfahrer kommen. Aber es war anders als sonst. Entweder war er doch weiter weg oder es war nicht mein Freund. Das wollte ich mir jedenfalls genau anschauen und bin auf die Suche gegangen. Also die Stufen runter zum Weinberg, das kannte ich ja von gestern. Und dann auf den Weg und links nach Hause. Und dann bin ich aber das andere Links entlang gelaufen und mein Freund wurde immer leiser und dann habe ich ihn gar nicht mehr gehört und dann war es hell und laut und Autos haben gehupt und Leute haben durcheinander gerufen. Ich habe nur verstanden: „Der Hund. Schau der Hund. Alleine auf der Straße. Und da kommt ein Bus.“ Aber ich habe keinen Hund gesehen und keinen Bus. Also bin ich weiter gegangen. Und dann sind die Leute wieder gekommen und haben gesprochen wie Harry manchmal. Es hat so geklungen wie „Komm. Schöner Hund, komm. Wir tun Dir ja nichts. Komm komm komm. Dann haben sie gebellt, wie Menschen bellen, wenn sie eine Katze locken wollen. Aber ich bin ja nicht dumm. Ich habe sofort gemerkt, dass die mich nur streicheln wollen. Aber das mag ich nicht, wenn sie nicht vorher Yuliya oder Harry fragen, ob sie mich streicheln dürfen. Die sagen dann immer: „Wenn er will, gerne.“ Und dann entscheide ich, ob ich will oder nicht. Aber die beiden waren nicht da. Und schön langsam ist mir ein bisschen mulmig geworden. Kein Freund, der bellt, keine vertrauten Gerüche, keine bekannten Stimmen. Kein nichts. Kein Olivenbaum.

    Und dann hat mich plötzlich ein helles Licht geblendet und das Licht hat gehupt. Und dieses Hupen habe ich sofort erkannt. So hupt nur Harry, wenn er nicht darf und sagen will: „Ich bin gleich da.“ In Wien. Und dann laufe ich zur Türe. Aber wo ist die Türe? Dann habe ich schon Frauchen gehört und Harry und beide haben gerufen: „Teddy! Teeeedy.“ Es hat nicht vorwurfsvoll geklungen. Eher ängstlich. So wie meine Mama mich gerufen hat, als ich ganz klein war. Also nicht ganz so, sondern so, wie die Menschen rufen, wenn sie ihre Tochter suchen, die sie ganz lieb haben. Und da bin ich einfach auf die Stimmen zugelaufen.

    Das war eine Freude. Ein Wiedersehen. Als hätten wir uns eine ganze Woche nicht mehr gesehen. Frauchen hat mich umarmt und gestreichelt und geweint und gesagt: „Hopp. Hopp. Rein mit Dir, mein Schatz!“ Das habe ich mir nicht zweimal sagen lassen. So schnell war ich noch nie auf dem Rücksitz. Und dann sind wir zum Häuschen im Wald gefahren. Und mein Freund hat gebellt. Immer lauter. Bis er mich gehört hat. Ich habe ihm nur kurz mit einem „UiUWuff“ gesagt: „Alles gut. Ich bin wieder da.“

    Und dann habe ich unter meinem Olivenbaum gelegen und den Sternen genau zugehört. Ein ganz kleiner hat zu einem etwas größeren gesagt: „Teddy hat heute gelernt, dass es besser ist, bei denen zu bleiben, die ihn lieben als einen Weg zu laufen, den keiner kennt, wenn dort keiner ruft, der ihn liebt.“ Der größere hat dazu nur „Amen“ gesagt. Das sagen Harry und Frauchen auch oft, wenn wir gemeinsam dem lieben Gott „Danke“ sagen. Und dann bin ich eingeschlafen und habe gespürt, dass sie mich sehr lieben – Yuliya, Harry und die Sterne. Und der liebe Gott sowieso, deswegen heißt er ja „Lieber Gott!“

    Mehr über mich erzähle ich Dir gerne hier.