Kategorie: Beobachter

  • Himmel, Herrgott, Sakrament

    Über eine Kirche, in der man noch lachen kann

    Gudrun hat mir die Serie empfohlen. Gestern und heute habe ich auf ORF ON die sechs Folgen der zweiten Staffel von „Himmel, Herrgott, Sakrament“ nachgesehen.

    Und ich habe mich dabei sehr gut unterhalten.

    Franz Xaver Bogner gelingt etwas, das im Fernsehen selten geworden ist: Er macht sich über seine Figuren lustig, ohne sie lächerlich zu machen. Über die gutbürgerliche Münchner Gesellschaft ebenso wie über die katholische Kirche, ihre Regeln, ihre Eitelkeiten, ihre Intrigen und ihre erstaunliche Fähigkeit, sich manchmal selbst im Weg zu stehen.

    Dabei lebt die Serie ganz wesentlich von ihrer meisterlichen, dabei vollkommen unangestrengt wirkenden Schauspielkunst.

    Stephan Zinner ist als Pfarrer Hans Reiser großartig. Man glaubt ihm diesen Priester. Nicht weil er besonders fromm schaut, sondern weil man ihm abnimmt, dass ihm die Menschen wirklich wichtig sind. Sein Reiser kann grantig, ungeduldig und unbequem sein. Gerade dadurch wirkt er nie wie eine kirchliche Werbefigur.

    Ganz aus der Luft gegriffen ist dieser Hans Reiser übrigens nicht. Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Buch des Münchner Pfarrers Rainer Maria Schießler, der für seine unkonventionelle, menschennahe Seelsorge bekannt ist. Eine Verfilmung seines Lebens ist sie dennoch nicht. Franz Xaver Bogner übernahm vielmehr den Typus dieses Pfarrers und erfand daraus seine eigenen Geschichten. Schießler stand der Produktion beratend zur Seite, und Stephan Zinner besuchte zur Vorbereitung sogar seine Gottesdienste. Vielleicht wirkt Reiser deshalb trotz aller Überzeichnung so erstaunlich echt: Hinter der Fernsehfigur steht die Erfahrung eines wirklichen Priesters, der offenbar zuerst den Menschen sieht – und erst danach fragt, ob für dessen Problem schon eine passende kirchliche Vorschrift existiert.

    Erwin Steinhauer als Kardinal Georg Brunnenmayr ist für mich mindestens ebenso stark. Ein Kirchenfürst mit Machtinstinkt, Eitelkeit und taktischem Geschick – und trotzdem immer wieder so menschlich, dass man ihm kaum wirklich böse sein kann. Manchmal genügt bei Steinhauer ein Blick. Ein kurzes Zögern. Ein kaum sichtbares Augenzwinkern. Und schon erzählt sein Gesicht mehr über die Organisation Kirche als eine lange Rede.

    Auch Anne Schäfer als Lisa Kirchberger und Susi Stach als Cornelia Vogelsang verleihen dieser Welt ihre Glaubwürdigkeit. Und selbst eine vermeintlich kleine Figur wie der Mesner Alois Stadler, wunderbar gespielt von Christian Lerch, ist nicht bloß Staffage. Lerch macht aus ihm einen jener Menschen, die jeder kennt, der in einer Kirche regelmäßig ein und aus geht: etwas eigen, manchmal knorrig, genau beobachtend – und längst ein Teil des Hauses.

    Vielleicht sehe ich die Serie auch deshalb mit besonderem Vergnügen, weil mir diese Welt vertraut ist.

    Ich selbst bin mit großer Freude als einer von vielen Ehrenamtlichen zweimal in der Woche im Wiener Stephansdom tätig. Wer Kirche nur von außen betrachtet, sieht leicht Soutanen, Ämter, Regeln und Hierarchien. Wer ein wenig darin lebt, erlebt vor allem Menschen. Wunderbare, schwierige, fromme, eitle, hilfsbereite, anstrengende, liebenswerte Menschen.

    Genau diese Mischung trifft „Himmel, Herrgott, Sakrament“ erstaunlich gut.

    Die Serie ist für mich deshalb keine Abrechnung mit der Kirche, sondern eher eine sehr sympathische Abrechnung innerhalb der Kirche. Man erkennt manches wieder, lacht – und manchmal fragt man sich kurz, ob man eigentlich lachen darf.

    Besonders schön sind für mich jene Szenen, in denen Hans Reiser vor einer Entscheidung steht und das menschlich Gute mit einer Vorschrift kollidiert. Bogner macht daraus kein theologisches Seminar. Reiser entscheidet einfach. Manchmal richtig, manchmal vielleicht auch fragwürdig – aber fast immer mit dem Menschen vor Augen.

    Screenshot ORF: Afrikanische Beerdigung in München

    Und dann gibt es diese wunderbaren Momente, in denen Kardinal Brunnenmayr wieder ins Spiel kommt. Man erwartet den großen kirchlichen Konflikt – und bekommt stattdessen oft ein kleines Spiel aus Macht, Sympathie, Taktik und gegenseitigem Verständnis.

    Ganz besonders bleibt mir die Szene in Rom: der Petersplatz, der Papst an der Loggia, die große Inszenierung der Weltkirche – und irgendwo zwei Fenster daneben Erwin Steinhauer als Brunnenmayr.

    Ein Blick genügt.

    Und plötzlich weiß man gar nicht mehr: Soll man böse auf diesen Apparat sein? Soll man über ihn lachen? Oder kann man diese manchmal seltsame Organisation vielleicht einfach so annehmen und sogar lieben, wie sie ist?

    Vielleicht gerade deshalb, weil man ihre Schwächen kennt.

    „Das, worüber wir nicht mehr lachen können, ist uns nicht mehr heilig“, meinte mein Freund Rainer Buchner schon in den 1990er-Jahren.

    Bei „Himmel, Herrgott, Sakrament“ konnte ich viel lachen.

    Und manche Szenen haben mich berührt – immer dann, wenn das Gute über das Vorgeschriebene siegt.

    8 von 10 Punkten.

    Staffel 1 und 2 sind bis 31.12.2026 auf ORF.ON abrufbar.

    Fotos: ORF.ON

  • Der Sesselkleber und die slowakische Tabaksteuer

    Der Sesselkleber und die slowakische Tabaksteuer

    Im Dezember 2019 habe ich in Kiew nach 41 Jahren mit roten Marlboro das Zigarettenrauchen beendet. Ganz auf Nikotin wollte ich nicht verzichten. Also wechselte ich zu IQOS.

    Drei Jahre lang verwendete ich HEETS. Das damalige System arbeitete mit einem keramischen Heizblatt, das sich von unten in den offenen Tabakstick bohrte und den Tabak auf bis zu 350 Grad erhitzte. Wer den verbrauchten Stick ein wenig schlampig herauszog, hielt mitunter nur noch die Papierhülle in der Hand. Der Tabak blieb im Gerät.

    Nach ungefähr zwei Schachteln wurde geputzt.

    Dann kam TEREA. In der Slowakei war das neue System ab November 2022 erhältlich. Kein Heizblatt mehr, sondern Induktion: Im geschlossenen Stick befindet sich ein metallisches Heizelement, das den Tabak von innen erwärmt. Keine Tabakreste im Gerät. Kein Bürstchen. Kein Kratzen. Kein Reinigen. Und nach meinem persönlichen Eindruck schmeckt TEREA runder, voller und vor allem gleichmäßiger.

    Nur Österreich blieb draußen.

    So lernte ich die Shopping Mall an der Einsteinova in Bratislava kennen. Am McDonald’s vorbei, die nordwestliche Einfahrt nehmen, beim idealen Parkplatz stehen bleiben, mit dem kleinen Lift hinauf zur Shopping-Ebene – und schon steht man vor dem IQOS-Geschäft.

    Österreichische Verwaltung macht erfinderisch. Vor allem bei der Parkplatzsuche.

    HEETS waren in Österreich zwar ab Mai 2020 erhältlich. Bei TEREA dauerte die Verspätung aber fast vier Jahre: Bratislava im November 2022, Wien am 4. August 2026. Während dieser Zeit konnte man das Produkt in den umliegenden Ländern kaufen – nur nicht regulär in Österreich.

    Der Konsum wurde dadurch nicht verhindert. Die Menschen setzten sich ins Auto, fuhren über die Grenze und bezahlten dort.

    Bei durchschnittlich zehn Euro pro Tag habe ich in fast sieben Jahren rechnerisch rund 25.550 Euro nach Bratislava getragen. Nicht die gesamte Summe ist der österreichischen Verzögerung anzulasten. Aber selbst vorsichtig gerechnet sind dadurch bei mir allein mehrere Tausend Euro an österreichischer Tabak- und Umsatzsteuer nicht angefallen.

    Landesweit spricht Philip Morris inzwischen von 30 bis 40 Millionen Euro Steuerausfall pro Jahr. Man darf diese Unternehmensschätzung hinterfragen. Nicht bestreiten lässt sich jedoch das Grundprinzip: Jeder im Ausland gekaufte Stick wurde dort und nicht in Österreich besteuert.

    Warum dauerte es so lange?

    Österreich hatte für neuartige Tabakprodukte ein eigenes Zulassungsverfahren geschaffen, während in anderen EU-Staaten im Wesentlichen eine Meldung genügte. Die Behörde verlangte zusätzliche toxikologische Untersuchungen und Emissionsdaten. Der Streit ging durch die Verwaltungsgerichtsbarkeit bis zum Verwaltungsgerichtshof. Dieser bestätigte 2025 die Ablehnung eines Antrags, weil die verlangten Unterlagen nicht vollständig vorgelegt worden waren.

    Juristisch lässt sich das erklären. Wirtschaftspolitisch bleibt es grotesk.

    Denn die Republik schützte ihre Bürger nicht vor dem Produkt. Sie sorgte nur dafür, dass diese das Produkt im Ausland kauften. Ende 2025 erkannte schließlich auch der Gesetzgeber das Problem: Das aufwendige Zulassungsverfahren wurde durch eine Meldepflicht ersetzt. Als Begründung nannte das Parlament ausdrücklich den Abbau von Bürokratie – und die Sicherung von Steuereinnahmen im Inland.

    Und was wurde aus jenem „Sesselkleber im Ministerium“, über den man in der Branche spottete?

    Das lässt sich nicht seriös beantworten. In den öffentlichen Akten wird kein einzelner Beamter genannt. Vielleicht hat es diesen einen Sesselkleber nie gegeben. Vielleicht war der eigentliche Sesselkleber das System selbst: sorgfältig eingerichtet, juristisch gepolstert und jahrelang unbeweglich.

    Seit gestern gibt es TEREA auch in Wien.

    Österreich hat damit den Nikotinkonsum nicht freigegeben – den gab es längst. Es hat lediglich aufgehört, die slowakische Tabaksteuer und meine Ortskenntnis in der Einsteinova zu fördern.

    TEREA-Preise im Vergleich

    Stand: 5. August 2026. Verglichen sind reguläre Packungen mit 20 Sticks der klassischen Sorten wie Amber, Sienna, Silver, Bronze oder Russet.

    LandPreis je Packungca. in EuroDifferenz zu Wien
    Slowenien5,00 €5,00 €−1,30 €
    Slowakei / Bratislava5,20 €5,20 €−1,10 €
    Italien5,50 €5,50 €−0,80 €
    Tschechien145 Kčca. 5,99 €−0,31 €
    Ungarn2.200 Ftca. 6,07 €−0,23 €
    Österreich / Wien6,30 €6,30 €
    Deutschland7,80 €7,80 €+1,50 €
    Schweiz8,80 CHFca. 9,44 €+3,14 €

    In Österreich gilt seit 4. August 2026 für alle sieben eingeführten TEREA-Sorten der amtlich kundgemachte Kleinverkaufspreis von 6,30 Euro. Er gilt grundsätzlich in allen Trafiken gleich.

  • Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war (2026)

    Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war (2026)

    Es war ein außergewöhnlich heißer Tag in Wien – knapp 40 °C. Da waren die eineinhalb Stunden im klimatisierten Kino zunächst einmal eine wohltuende Abkühlung. Doch auch der Film selbst wirkt kühl. Nicht distanziert, sondern ruhig, respektvoll und zurückhaltend.

    Sandra Hüller spielt Ingeborg Bachmann nicht. Sie ist vielmehr ihr respektvolles Double. Sie leiht ihr Stimme, Haltung und Präsenz, ohne den Versuch zu unternehmen, sie nachzuahmen. Gerade das macht für mich den besonderen Reiz dieser Dokumentation aus.

    Bei der Szene mit Max Frisch muss ich wohl kurz eingenickt sein – ich habe sie schlicht nicht wahrgenommen. Vielleicht war es die Hitze des Tages, vielleicht die ruhige Erzählweise des Films.

    Der Film zeigt nicht nur die außergewöhnliche Intellektualität Ingeborg Bachmanns, sondern auch ihre besondere Schönheit. Beides wird nie ausgestellt, sondern behutsam sichtbar gemacht.

    Ich habe mehrmals versucht, Werke von Ingeborg Bachmann zu lesen. Es ist mir jedoch nie gelungen, über längere Zeit bei ihren Texten zu bleiben. Immer wieder fand ich mich in einer Stimmung zwischen Traurigkeit, Empörung, Frustration und einer leisen Todessehnsucht wieder. Vielleicht sagt das ebenso viel über mich wie über ihre Literatur.

    Bemerkenswert fand ich das Ende des Films. Er endet nicht mit dem Tod Ingeborg Bachmanns, sondern mit einem Bild ihrer Kindheit – einem stillen, sehr schönen Moment, der den Menschen vor der Ikone zeigt. Dieses Ende hat mir gefallen. Es lässt nicht den Tod das letzte Wort haben, sondern die Erinnerung an einen Augenblick des Lebens.


    Eine liebe seit Jahren hochgeschätzte Freundin hat mir noch eine aufmerksame Beobachtung geschenkt: „Im Abspann wird im Bereich der Danksagungen und Rechtenachweise primär einer bestimmten Frau gedankt: Monika Albrecht. Gemeinsam mit Dirk Göttsche ist sie die Herausgeberin des „Todesarten“-Projekt-Nachlasses und der kritischen Editionen von Ingeborg Bachmanns Werken, auf denen der Film (inklusive des im Film von Sandra Hüller rezitierten Romanfragments „Gier“) maßgeblich basiert.“ Danke, mcD.

  • Alles gereicht zum Guten

    Transkript der Predigt von P. Johannes Paul Abrahamowicz OSB in Stift Göttweig zum 17. Sonntag im Jahreskreis am 26.7.2026.

    Der Glaube ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Glauben.

    Der junge Königssohn Salomo soll nun selbst den Königsthron besteigen. Welche Ehre für den jungen Mann! Er aber bittet um Weisheit – nicht um Ruhm oder Reichtum. Salomo kennt seine Grenzen. Die Demütigen kennen ihre Grenzen.

    Wenn jetzt ein Demütiger auch noch an den grenzenlosen Gott glaubt, dann geht es ihm gut.

    Salomo bittet um Weisheit und sie wird ihm geschenkt. Und Salomo geht es gut, und zwar schon in diesem irdischen Lebensabschnitt. Nicht weil du brav gebetet hast, wirst du später einmal belohnt werden, sondern weil du demütig bist, geht es dir jetzt schon gut.

    Salomo hat wohl Schwierigkeiten gehabt in seiner Regierungstätigkeit, aber in seinem Herzen ging es ihm gut.

    Auch der Mann, der einen Schatz im Acker gefunden hat, ist demütig. Er ist das Bild eines Menschen, der zugibt, bisher trotz allem nicht wirklich glücklich gewesen zu sein, und der demütig für die echte Liebe – für diesen Schatz, den er gefunden hat – auf alles Bisherige zu verzichten. Dieser Mann kennt seine Grenzen. Die Demütigen kennen ihre Grenzen.

    Und wenn so ein Demütiger an den grenzenlosen Gott glaubt und ihm vertraut, dann geht es ihm gut. Der Mann verzichtet auf all das, was ihn angeblich glücklich gemacht hat, und traut sich zu lieben: sich selbst und die anderen zu lieben, weil er echte Liebe gefunden hat. Vielleicht ist er selbst der Acker, weil er echte Liebe in sich entdeckt hat, weil er Jesus entdeckt hat und seine Liebeskraft.

    Und diesem Mann – der ein Bild für jeden von uns ist, der Jesu Liebe entdeckt hat –, diesem Mann geht es gut. Nicht weil du auf alles verzichtet hast, wirst du später einmal belohnt werden, sondern weil du demütig zugibst, was dich wirklich glücklich macht und was nicht, geht es dir jetzt schon gut.

    Er wird wohl, wie jeder andere Mensch auch, weiterhin Schwierigkeiten haben in seinem Leben. Aber in seinem Herzen, wo er Lieben gelernt hat, geht es ihm gut oder immer besser.

    In diesem Bild geht es ihm schon jetzt gut, in diesem irdischen Lebensabschnitt. Genauso ist der Perlenhändler ein Bild für einen demütigen Menschen, der seine Grenzen kennt und sich dem grenzenlosen Gott anvertraut, sich deswegen ganz auf ihn verlässt und es ihm dann gut geht.

    Wir alle kennen unsere Grenzen. Auch wir sind durch diese Schriftstellen heute eingeladen worden, unsere Grenzen uns selbst einzugestehen. Paulus hat es uns geschrieben und hat es schon damals den Christen in Rom geschrieben, was denen passiert, die demütig ihre Grenzen wahrnehmen und den grenzenlosen Gott bitten, dass er ihnen genau dort aushelfe. Folgendes passiert ihnen, er schreibt: Sie wissen, dass Gott zu ihnen steht. Nicht sie werden es später einmal erfahren, vielleicht nach dem Tod, sondern Paulus schreibt: Wir wissen – also jetzt! Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht. Gereicht – also jetzt schon, schon in diesem irdischen Lebensabschnitt.

    Unser Glaube ist nämlich nicht dazu da, um uns aufs Jenseits zu vertrösten. Wir glauben nicht nur, dass Gott später einmal zu uns steht. Das auch, ja! Er wird auch später einmal zu uns stehen und uns beim Endgericht endgültig vom Bösen befreien – auch vom Bösen in uns –, wie der Fischer, der die guten Fische endgültig von den schlechten befreit. Aber wir glauben, dass Gott auch jetzt schon zu uns steht. Wir werden wohl, wie jeder andere Mensch auch, weiterhin Schwierigkeiten in unserem Leben haben, aber in unserem Herzen wissen wir, dass uns alles zum Guten gereicht, weil wir Gott lieben.

    Warum ich das so betone? Weil wir in einer Zeit leben, die weltweit Sorgen macht. Und weil an jedem Sonntag, so auch heute, diese Schriftstellen über Salomo und über die Schatzfinder weltweit heute in allen katholischen Messen verkündet werden.

    Mögen weltweit alle demütigen Gottesdienstbesucher getröstet nach Hause gehen. Getröstet von der Aussage, dass wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht.

    Amen.

  • Viel Show, wenig Heimspiel

    Was von dieser Fußball-Weltmeisterschaft über die Vereinigten Staaten bleibt

    Am Ende gewann Spanien.

    Im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft besiegte die spanische Mannschaft am Sonntag, dem 19. Juli 2026, Argentinien mit 1:0. Die Vereinigten Staaten, das größte und mächtigste der drei Gastgeberländer, waren zu diesem Zeitpunkt längst nur noch Zuschauer. Sie waren bereits im Achtelfinale mit 1:4 an Belgien gescheitert.

    Das ist sportlich kein Weltuntergang. Auch Gastgeber dürfen verlieren.

    Bemerkenswert war jedoch, was sich rund um dieses Finale abspielte. Erstmals in der Geschichte einer Fußball-Weltmeisterschaft wurde die Pause des Endspiels zur großen Showbühne. Madonna, Shakira, BTS, Justin Bieber, Burna Boy, Coldplay und die Muppets sollten aus fünfzehn Minuten Unterbrechung ein Spektakel nach amerikanischem Vorbild machen.

    Aus dem Weltmeisterschaftsfinale wurde für einen Augenblick ein Super Bowl.

    Die FIFA begründete die Show mit der Idee, Musik, Sport und weltweites gesellschaftliches Engagement miteinander zu verbinden. Geld sollte für Bildungsprojekte gesammelt werden. Das ist ein ehrenwertes Anliegen. Zugleich kritisierten viele Fußballfreunde die Verlängerung und Kommerzialisierung jener Pause, die bisher vor allem den Spielern zur Erholung gedient hatte. Selbst große britische Fernsehsender zeigten zunächst wenig Interesse an der Übertragung.

    Man kann diese Show mögen. Man kann sich von ihr gut unterhalten fühlen.

    Man darf aber auch fragen, wovon sie ablenkte.

    Denn hinter dem Glanz dieser Weltmeisterschaft stand ein Gastgeberland, dessen Selbstbild und Wirklichkeit immer weiter auseinanderdriften.

    Willkommen in Amerika?

    Eine Fußball-Weltmeisterschaft lebt davon, dass Menschen aus aller Welt willkommen sind. Doch gerade daran bestanden in den Monaten vor und während des Turniers Zweifel.

    Einreisebeschränkungen, verschärfte Abschiebepolitik und die Angst vor Kontrollen belasteten die Atmosphäre. Vertreter amerikanischer Gastgeberstädte mussten gleichzeitig Weltoffenheit versprechen und erklären, wie ausländische Besucher vor den Folgen einer zunehmend harten Migrationspolitik geschützt werden sollten. Menschenrechtsorganisationen und politische Beobachter warnten, dass nicht alle Fans ohne Sorge in das Land reisen könnten, das ihnen während der Weltmeisterschaft Gastfreundschaft versprach.

    Sogar das Finale begann verspätet. Aufwendige Zeremonien, zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen wegen der Anwesenheit Donald Trumps und technische Probleme beim Einlass führten zu langen Warteschlangen und Verzögerungen. Die große Inszenierung funktionierte besser auf den Bildschirmen als vor den Stadiontoren.

    Das ist vielleicht ein unbeabsichtigtes Bild für das heutige Amerika.

    Vorne stehen die Stars. Hinten warten die Menschen.

    Ein reiches Land mit armen Sicherheiten

    Die Vereinigten Staaten sind eine wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Weltmacht. Ihre Universitäten, ihre Unternehmen und ihre kreative Energie sind beeindruckend.

    Aber sie sind nicht die Insel der Seeligen, als die sie sich selbst gerne darstellen.

    Bei einer amtlichen Zählung im Jahr 2024 wurden in den USA an einem einzigen Stichtag mehr als 770.000 Menschen ohne gesicherten Wohnraum erfasst – so viele wie nie zuvor seit Beginn dieser Erhebungen.

    Nur 63 Prozent der Erwachsenen gaben 2025 an, eine unerwartete Ausgabe von 400 Dollar unmittelbar aus eigenen Mitteln oder mit einer im nächsten Monat vollständig beglichenen Kreditkarte bezahlen zu können. Mehr als ein Drittel könnte eine solche überschaubare Notlage also nicht ohne Weiteres auffangen.

    Fast zwei Millionen Menschen befinden sich in Gefängnissen, Haftanstalten und anderen Einrichtungen des amerikanischen Strafvollzugs. Rund 465.000 von ihnen werden vor einem Gerichtsverfahren festgehalten und gelten daher rechtlich weiterhin als unschuldig. Viele bleiben in Haft, weil sie eine verlangte Geldkaution nicht aufbringen können.

    Das Land, das die Freiheit wie kein anderes zu seinem Markenzeichen gemacht hat, sperrt einen bemerkenswert großen Teil seiner eigenen Bevölkerung ein.

    Das Land mit einigen der besten Krankenhäuser der Welt garantiert bis heute nicht allen Menschen einen selbstverständlichen Zugang zu medizinischer Versorgung.

    Das Land mit einigen der reichsten Menschen der Menschheitsgeschichte kennt Lehrer mit mehreren Arbeitsstellen, Veteranen ohne Wohnung und Familien, bei denen eine Erkrankung zur finanziellen Katastrophe werden kann.

    All das begann nicht mit Donald Trump.

    Aber unter Donald Trump hat sich die Bereitschaft verstärkt, diese Widersprüche nicht zu lösen, sondern mit neuen Konflikten zu überdecken.

    Immer ein neuer Schauplatz

    Trump versteht es, die Aufmerksamkeit zu lenken.

    Heute ist es Grönland. Morgen die NATO. Dann ein Verbündeter, ein politischer Gegner, eine Universität, ein Gericht, eine Zeitung, ein Einwanderer oder ein ausländischer Staatschef.

    Der Schauplatz wechselt, ehe das alte Problem gelöst ist.

    Darin liegt eine politische Methode: Wer täglich einen neuen Konflikt eröffnet, zwingt die Öffentlichkeit, täglich auf ein neues Thema zu reagieren. Die große Erregung ersetzt die nachhaltige Arbeit. Bewegung sieht dann aus wie Führung, Lautstärke wie Entschlossenheit und die rasche Abfolge von Krisen wie politische Tatkraft.

    Doch die grundlegenden Aufgaben bleiben liegen.

    Wie sollen Gesundheitsversorgung und Bildung finanziert werden?

    Wie kann Wohnen wieder leistbar werden?

    Wie lässt sich die politische Spaltung überwinden?

    Wie können Migration und Grenzschutz zugleich wirksam und menschenwürdig gestaltet werden?

    Wie können Kriege beendet werden, ohne ständig neue Drohungen, Fronten und Abhängigkeiten zu schaffen?

    Eine Regierung beweist ihre Stärke nicht dadurch, dass sie täglich ein neues Ziel ihrer Empörung findet. Sie beweist sie dadurch, dass sie schwierige Probleme geduldig löst.

    Genau daran fehlt es.

    Nicht nur im eigenen Land, sondern zunehmend auch in der Weltpolitik. Trump verspricht schnelle Lösungen, wo es nur mühsame Wege gibt. Er erklärt Konflikte für beendet, während sie weiterwirken. Er droht, fordert, beleidigt und verkündet. Aber zwischen Ankündigung und tragfähigem Frieden liegt ein weiter Weg.

    Die NATO war da

    Besonders befremdlich ist Trumps wiederholter Vorwurf, die NATO sei nicht für Amerika da gewesen.

    Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 geschah etwas, das es zuvor und seither kein zweites Mal gab: Die NATO rief den Bündnisfall nach Artikel 5 aus – zugunsten der Vereinigten Staaten.

    Europäische, kanadische und andere verbündete Soldaten gingen gemeinsam mit den Amerikanern nach Afghanistan. Menschen aus vielen Ländern kämpften, wurden verwundet und starben in einem Krieg, der als Reaktion auf einen Angriff gegen die USA begonnen hatte.

    Auch Australien war dabei, obwohl es der NATO gar nicht angehört.

    Man kann den Afghanistan-Einsatz heute kritisch beurteilen. Man muss sogar fragen, was nach zwanzig Jahren Krieg erreicht und was zerstört wurde.

    Aber man kann nicht ernsthaft behaupten, die Verbündeten seien nicht gekommen, als Amerika sie brauchte.

    Sie kamen.

    Die Pausenshow als Bild

    Vielleicht war die Pausenshow des Finales gar nicht dazu gedacht, über etwas hinwegzutäuschen.

    Vielleicht war sie einfach Unterhaltung.

    Und doch bleibt sie als Sinnbild dieser Weltmeisterschaft: Während auf dem Rasen das Wort „Love“ erschien, während Weltstars sangen und die Kameras über ein funkelndes Stadion glitten, lagen die Widersprüche des Gastgeberlandes nur wenige Kilometer entfernt.

    Obdachlosigkeit und Reichtum.

    Freiheitsrhetorik und Masseninhaftierung.

    Weltoffenheit und Einreiseangst.

    Bündnistreue und Verachtung der Verbündeten.

    Friedensversprechen und immer neue Drohkulissen.

    Große Show und ungelöste Wirklichkeit.

    Die Vereinigten Staaten bleiben ein faszinierendes Land. Sie haben Europa nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend unterstützt, Demokratie verteidigt, wissenschaftlichen Fortschritt ermöglicht und Millionen Menschen Hoffnung auf ein freieres Leben gegeben.

    Gerade deshalb darf man mehr von ihnen erwarten.

    Und gerade deshalb ist Kritik kein Antiamerikanismus.

    Freundschaft bedeutet nicht, zu allem zu schweigen. Freundschaft darf auch sagen: Seht zuerst in den eigenen Garten, bevor ihr anderen Ländern erklärt, wie schlecht sie geführt werden.

    Spanien wurde am Sonntag Fußball-Weltmeister.

    Amerika blieb die große Bühne.

    Doch die Welt hat an diesem Abend nicht nur auf die Bühne gesehen. Sie hat auch wahrgenommen, was hinter den Kulissen liegt.

  • Kalypso – Von Homer über Cousteau bis Nolan

    Eine Figur reist durch 2.800 Jahre Kulturgeschichte.

    Es gibt Gestalten der Weltliteratur, die ihre Zeit weit überdauern. Kalypso gehört dazu.

    Ihr Name leitet sich wahrscheinlich vom griechischen Verb kalýptein ab und bedeutet „die Verhüllende“ oder „die Verbergende“.

    Doch was sie verbirgt, verändert sich im Laufe der Jahrhunderte.

    Homer: Die Verhüllende

    In Homers Odyssee lebt Kalypso auf der einsamen Insel Ogygia. Sie rettet den schiffbrüchigen Odysseus, nimmt ihn auf und liebt ihn. Sie bietet ihm das an, wovon Menschen seit jeher träumen: ewige Jugend und Unsterblichkeit.

    Und doch lehnt Odysseus ab.

    Nicht weil Kalypso böse wäre. Homer zeichnet sie vielmehr als gastfreundliche und liebende Frau. Aber sie hält ihn von seiner eigentlichen Bestimmung fern. Während sie ihm Geborgenheit schenkt, wartet auf Ithaka seine Frau Penelope, sein Sohn Telemachos und sein Volk.

    Kalypso verbirgt den Helden vor seiner Berufung.

    Homer (8. Jahrhundert v. Chr.): Kalypso hält Odysseus sieben Jahre auf Ogygia fest. Ihr Name bedeutet wahrscheinlich „die Verhüllende“.


    Jacques Cousteau: Das Verborgene sichtbar machen

    Fast drei Jahrtausende später erhält eines der berühmtesten Forschungsschiffe der Welt denselben Namen: Calypso.

    Mit diesem Schiff erforschte Jacques-Yves Cousteau die Ozeane und eröffnete Millionen Menschen einen Blick in eine bis dahin weitgehend unbekannte Welt.

    Welch schöne Umkehrung!

    Während Kalypso bei Homer den Menschen von seiner Bestimmung fernhält, hilft Cousteaus Calypso, das Verborgene sichtbar zu machen. Der Name bleibt derselbe – seine Bedeutung wandelt sich.

    Jacques Cousteau (20. Jahrhundert): Mit der „Calypso“ wurde die verborgene Welt der Meere sichtbar.


    Christopher Nolan: Die verhüllte Identität

    In Christopher Nolans The Odyssey erhält Kalypso eine weitere Deutung.

    Sie hält Odysseus nicht nur räumlich fest. Sie scheint auch seine Erinnerung zu verhüllen. Zeitweise verliert er den Kontakt zu seiner Vergangenheit und zu sich selbst.

    Die eigentliche Heimkehr beginnt deshalb nicht erst mit der Rückkehr nach Ithaka.

    Sie beginnt mit der Erinnerung.

    Mit der Erkenntnis:

    „Ich weiß wieder, wer ich bin.“

    Damit wird Kalypso zu einer erstaunlich modernen Figur. Sie steht nicht nur für Verführung, sondern für all das, was den Menschen von seiner eigenen Identität entfernt.

    Christopher Nolan (2026): Kalypso (Charlize Theron) wird zur Symbolfigur für Erinnerung, Identität und die Gefahr, sich selbst zu verlieren.


    Drei Epochen – eine Frage

    Homer erzählt von der Sehnsucht nach der Heimat.

    Cousteau vom Mut, das Verborgene zu entdecken.

    Nolan von der Suche nach der eigenen Identität.

    Vielleicht erklärt gerade das die ungebrochene Faszination dieser Figur.

    Kalypso erinnert uns daran, dass nicht jede Insel ein Zuhause ist und nicht jede Geborgenheit Freiheit bedeutet.

    Manchmal besteht die größte Versuchung des Lebens darin, stehen zu bleiben.

    Und manchmal beginnt die eigentliche Heimkehr erst in dem Augenblick, in dem wir uns wieder daran erinnern, wer wir wirklich sind.

  • Heimkehr ist eine Frage des Charakters

    Christopher Nolans „The Odyssey“ überwältigt mit Bildern, Lärm und Monstern. Seine eigentliche Frage aber ist eine alte: Was bleibt von einem Menschen, wenn er alles verloren hat – außer der Möglichkeit, das Richtige zu tun?

    Dieser Artikel verrät wesentliche Teile der Handlung und das Ende des Films.

    Es gibt Filme, die man verlässt und deren Handlung man anschließend nacherzählt. Und es gibt Filme, die noch lange nach dem Abspann Fragen stellen. Christopher Nolans The Odyssey gehört zur zweiten Kategorie.

    Natürlich ist da zunächst das Spektakel: das tosende Meer, die gewaltigen Landschaften, der Kyklop Polyphem mit seiner erschreckenden Körperlichkeit. Circes Verwandlung der Krieger in Schweine ist optisch brillant und zugleich ausgesprochen unappetitlich. Die menschlichen Körper scheinen ihre vertraute Ordnung zu verlieren. Aus Männern werden Kreaturen, in denen Gier, Maßlosigkeit und Entwürdigung sichtbar geworden sind.

    Der Film ist stellenweise so laut, dass man ihn nicht nur hört, sondern im Körper spürt. Das Dröhnen, die Musik, das Krachen und Brüllen sind keine Begleitung mehr. Sie werden selbst zum Ereignis. Man kann das überwältigend finden; man darf es auch übertrieben finden. Nolan möchte offenbar nicht, dass wir Odysseus’ Welt aus sicherer Entfernung betrachten. Wir sollen in sie hineingeraten.

    Und doch sind es am Ende nicht diese großen Szenen, die am stärksten nachwirken.

    Was bleibt, ist eine leise Frage:

    Wie bewahrt ein Mensch seinen Charakter, wenn das Leben ihn immer wieder versucht, verbittert, feige, grausam oder gleichgültig zu werden?

    Yuliya und ich haben den Film deshalb als eine Erzählung über Tugend verstanden. Unsere gemeinsame Kernaussage nach dem Kinobesuch lautete:

    Es ist wichtig, Tugend zu bewahren.

    Das klingt zunächst beinahe altmodisch. In unserer Zeit spricht man eher von Selbstverwirklichung, Effizienz, Authentizität oder Resilienz. Das Wort Tugend erinnert an Schulbücher und moralische Ermahnungen. Dabei bezeichnete das griechische Wort aretḗ nicht bloß ein anständiges Verhalten. Gemeint war die menschliche Vortrefflichkeit: die Fähigkeit, in einer konkreten Situation klug, mutig, maßvoll, gerecht und treu zu handeln.

    Nicht, weil es einfach ist.

    Sondern gerade dann, wenn das Falsche leichter wäre.

    Die Monster im Menschen

    Odysseus begegnet auf seiner Reise Ungeheuern, Zauberinnen und Naturgewalten. Doch die eigentlichen Prüfungen tragen auch in Nolans Film menschliche Züge. Es sind Feigheit und Verrat, Gier und Machtstreben, Selbstüberschätzung und die Versuchung, Verantwortung auf andere abzuwälzen.

    Polyphem ist furchterregend. Aber er ist nicht das einzige Monster.

    Die Männer, die von Circe in Schweine verwandelt werden, verlieren ihre Menschlichkeit nicht erst im Augenblick des Zaubers. Die äußere Verwandlung macht sichtbar, was in ihrem Verhalten bereits angelegt ist. Der Film zeigt die Verwandlung nicht als märchenhaften Effekt, sondern als körperliche Erniedrigung. Gerade deshalb ist sie so schwer anzusehen.

    Das Gegenbild dazu ist Odysseus’ Ringen um Selbstbeherrschung. Auch er ist keineswegs ein makelloser Held. Er ist von Krieg und Verlust gezeichnet, zu Gewalt fähig und nicht frei von Hochmut. Tugend bedeutet hier nicht moralische Reinheit. Sie bedeutet, trotz eigener Schuld die Fähigkeit zur richtigen Entscheidung nicht völlig preiszugeben.

    Der gute Mensch ist nicht derjenige, der nie versagt.

    Es ist derjenige, der sich vom Versagen nicht endgültig bestimmen lässt.

    Das Los im Rachen

    Zu den stärksten neu eingeführten Bildern des Films gehört jenes Los, das Odysseus einem der Freier in den Rachen stopft. Ein kleiner Gegenstand wird zum Zeichen eines ganzen Lebens.

    Ein Los steht zunächst für das, was einem zufällt. Es kann Auftrag, Schicksal oder Verantwortung bedeuten. Wer sein Los annimmt, übernimmt den Teil des Lebens, der ihm zugemutet wird. Wer es anderen zuschiebt, versucht sich dem eigenen Anteil zu entziehen.

    Am Ende kann der Freier diesem Los nicht mehr entkommen. Odysseus zwingt ihn, es buchstäblich zu schlucken.

    Das ist brutal. Es ist aber nicht bloß ein grausamer Einfall für eine Kampfszene. Darin liegt eine Form poetischer Gerechtigkeit:

    Was du nicht tragen wolltest, daran gehst du nun zugrunde.

    Der Film macht aus einem abstrakten moralischen Zusammenhang ein körperliches Bild. Der Mann erstickt gewissermaßen an seiner verleugneten Verantwortung.

    Das ist nicht subtil. Aber es ist wirkungsvoll.

    Der Sohn rettet den Vater

    Noch eindrucksvoller ist ein anderer Augenblick im Kampf gegen die letzten Freier. Odysseus scheint seine entscheidende Waffe zu fehlen. Im letzten Moment erkennt Telemachos vom Obergeschoss aus, was zu tun ist, und wirft sie seinem Vater hinunter.

    Dramaturgisch ist das ein beinahe klassischer Rettungsmoment. Symbolisch aber geschieht viel mehr.

    Telemachos ist nicht länger bloß der Sohn eines berühmten Mannes. Er wartet nicht mehr darauf, dass der Vater die Ordnung wiederherstellt und ihm erklärt, welchen Platz er darin einnehmen darf. Er sieht, entscheidet und handelt.

    Der Sohn wird zum Mitstreiter.

    Mehr noch: Für einen Augenblick rettet nicht der große Odysseus seinen Sohn. Der Sohn rettet den Vater.

    Diese Umkehr bereitet das überraschende Ende des Films vor. Telemachos wird König von Ithaka. Odysseus nimmt den Thron nicht wieder dauerhaft für sich in Anspruch. Gemeinsam mit Penelope wird er verbannt und segelt gegen Westen.

    Damit entfernt sich Nolan weit von Homer. In der antiken Odyssee bleibt Odysseus König. Nach dem Blutbad an den Freiern droht ein neuer Kreislauf der Rache; erst das Eingreifen Athenes ermöglicht einen Frieden und die Wiederherstellung der politischen Ordnung.

    Nolans Film erzählt eine andere Pointe.

    Vielleicht besteht Größe nicht darin, die Macht zurückzugewinnen.

    Vielleicht besteht sie darin, zu erkennen, wann man sie weitergeben muss.

    Telemachos wird nicht allein deshalb König, weil er der Sohn des Königs ist. Der Waffenwurf ist sein stiller Befähigungsnachweis. Er hat im entscheidenden Moment gezeigt, dass er Verantwortung übernehmen kann. Die Krone erscheint deshalb nicht bloß als Erbe, sondern als Aufgabe.

    Das verlorene Bett

    Eine der schönsten Szenen Homers fehlt allerdings.

    Im antiken Epos erkennt Penelope den heimgekehrten Odysseus nicht sofort vorbehaltlos an. Sie prüft ihn. Sie befiehlt, ihr gemeinsames Ehebett aus dem Schlafgemach zu tragen. Odysseus reagiert empört: Das sei unmöglich. Er selbst habe das Bett um den Stamm eines lebenden Olivenbaums gebaut.

    Nur die beiden kennen dieses Geheimnis.

    Das Bett ist deshalb weit mehr als ein Erkennungszeichen. Es ist eines der stärksten Symbole der Weltliteratur: eine Ehe, die in lebendigem Holz verwurzelt ist. Das gemeinsame Leben kann nicht einfach verschoben werden. Es besitzt einen verborgenen Mittelpunkt, den nur die beiden Eheleute kennen.

    Im Film übernimmt offenbar die goldene Nadel diese Funktion. Auch sie ist ein intimes Zeichen, an dem Penelope Odysseus erkennen kann. Filmisch funktioniert das rasch und unmittelbar: Ein Gegenstand, ein Blick, ein Erinnern.

    Und doch geht etwas verloren.

    Das homerische Bett erzählt nicht nur, dass Penelope ihren Mann erkennt. Es erzählt, was ihre Ehe ist. Es macht Penelope außerdem zur ebenbürtigen Partnerin des listenreichen Odysseus. Sie glaubt nicht einfach, was sie sehen möchte. Sie stellt ihren eigenen klugen Test.

    Die goldene Nadel ist ein Erkennungszeichen.

    Das Bett ist eine ganze Theologie der Ehe.

    Penelope ist die Heimat

    Nolans verändertes Ende gewinnt dennoch eine eigene Kraft. Odysseus kehrt nach Ithaka zurück, aber er bleibt nicht auf dem Thron. Er bricht mit Penelope erneut auf und segelt in den Westen.

    Dadurch verändert sich die Bedeutung der Heimkehr.

    Ithaka ist nicht mehr ausschließlich ein geografischer Ort. Der Palast ist nicht das letzte Ziel, ebenso wenig die wiedergewonnene Herrschaft. Vielleicht lautet die radikalere Einsicht:

    Nicht Ithaka ist seine Heimat. Penelope ist seine Heimat.

    Nach all den Irrfahrten besteht Odysseus’ Vollendung nicht darin, wieder dort anzukommen, wo er einst aufgebrochen ist. Er kann nicht einfach in sein früheres Leben zurückkehren. Der Krieg, der Verlust seiner Gefährten und die Begegnungen auf dem Meer haben ihn verändert.

    Er kehrt heim – und muss dennoch weiterziehen.

    Das ist vielleicht moderner als Homers Ende. Menschen können nach Krieg, Gewalt und jahrzehntelanger Abwesenheit an ihren Herkunftsort zurückkehren, ohne dort wieder die Menschen zu werden, die sie früher waren. Eine äußere Heimkehr hebt die innere Entfremdung nicht auf.

    Odysseus und Penelope gewinnen einander wieder. Aber sie gewinnen nicht einfach ihr altes Leben zurück.

    Sie müssen ein neues beginnen.

    Was würde Homer sagen?

    Würde Homer sich angesichts dieser Eingriffe im Grab umdrehen oder applaudieren?

    Vermutlich beides.

    Der Bewahrer des überlieferten Textes müsste den Kopf schütteln. Das fehlende Olivenbett, Telemachos als neuer König, die Verbannung und die Fahrt in den Westen greifen tief in die Architektur der antiken Erzählung ein.

    Der Dichter Homer könnte dagegen Gefallen daran finden.

    Die griechischen Mythen waren nie unveränderliche Museumsstücke. Sie wurden erzählt, variiert, verdichtet und aus neuen Blickwinkeln betrachtet. Schon die antiken Tragödiendichter übernahmen bekannte Stoffe und verwandelten sie. Die Treue zum Mythos bestand nicht immer in der buchstabengetreuen Wiederholung, sondern darin, seine tragenden Fragen für ein neues Publikum lebendig zu halten.

    Nolan erzählt nicht Homers Verse nach.

    Er führt mit Homer ein Gespräch.

    Manchmal widerspricht er ihm. Manchmal vereinfacht er. Manchmal findet er ein starkes neues Bild, manchmal ersetzt er ein unübertreffliches altes durch ein schwächeres.

    Aber er bewahrt die zentrale Frage:

    Welcher Mensch kehrt aus all diesen Prüfungen zurück?

    Nicht: Wer hat das Monster besiegt?

    Nicht: Wer hat den Thron gewonnen?

    Sondern: Was hat der Mensch auf seiner Reise aus sich gemacht?

    Ein Film für das große Format

    Dass The Odyssey wie ein Werk für die große Leinwand wirkt, ist kein Zufall. Nach Angaben der offiziellen Filmhomepage wurde jeder einzelne Bildkader mit IMAX-Filmkameras aufgenommen. Der Film ist damit der erste abendfüllende Spielfilm, der vollständig in diesem Verfahren gedreht wurde.

    Sein größtes Vorführformat heißt korrekt IMAX 70mm Film oder 15/70 IMAX. Die Zahl 15 bezeichnet die fünfzehn Perforationslöcher eines einzelnen Bildes. Anders als bei gewöhnlichem 70-mm-Film läuft das Material horizontal durch den Projektor. Dadurch entsteht eine außergewöhnlich große Bildfläche. In dafür eingerichteten Sälen kann das fast quadratische IMAX-Bildformat von 1,43:1 vollständig sichtbar werden.

    „Super-IMAX“ wäre dafür zwar eine anschauliche, aber keine offizielle Bezeichnung.

    Ein Kino, das The Odyssey in diesem analogen IMAX-70-mm-Format zeigen kann, gibt es in Österreich leider nicht. Die nächstgelegene bestätigte Spielstätte ist das Cinema City IMAX im Palác Flora in Prag. Es gehört zu den sehr wenigen europäischen Kinos, die Nolans Film als 15/70-IMAX-Filmkopie projizieren können.

    Prag wäre also die Reise zum technisch größtmöglichen Bild.

    Doch auch Wien bietet eine besondere Gelegenheit.

    Noch einmal aufbrechen

    Das Gartenbaukino zeigt The Odyssey ab 28. August 2026 als analoge 70-mm-Filmkopie. Vorgesehen sind Vorstellungen in englischer Originalfassung, in englischer Originalfassung mit deutschen Untertiteln und in deutscher Synchronfassung. Für den 28., 29. und 31. August sowie für den 2. und 3. September sind Vorstellungen in der englischen Originalfassung ohne deutsche Untertitel angekündigt.

    Das ist kein IMAX 70mm. Der Film läuft im Gartenbaukino im klassischen 70-mm-Format mit fünf Perforationslöchern pro Bild, nicht im horizontal geführten 15/70-IMAX-Format. Trotzdem ist die Initiative bemerkenswert. In einer weitgehend digitalisierten Kinolandschaft eine analoge 70-mm-Kopie zu beschaffen, einzurichten und vorzuführen, ist mehr als nostalgische Liebhaberei.

    Es erinnert daran, dass Kino nicht nur aus einer Datei und einem Inhalt besteht.

    Zum Kino gehören Material, Licht, Projektor, Leinwand, Raum und ein Publikum, das sich zur selben Zeit derselben Geschichte aussetzt.

    Ich werde den Film deshalb im Gartenbaukino noch einmal ansehen – diesmal in der englischen Originalfassung und ohne deutsche Untertitel.

    Nicht, weil ich glaube, ihn beim ersten Mal nicht verstanden zu haben.

    Sondern weil gute Kunst selten beim ersten Sehen alles preisgibt.

    Beim zweiten Mal werde ich weniger darauf achten müssen, was geschieht. Ich kann genauer wahrnehmen, wie der Film seine Motive vorbereitet: das Los, die goldene Nadel, die Entwicklung des Telemachos, die Blicke Penelopes und jenen Augenblick, in dem aus der Rückkehr eines Königs der Abschied eines Mannes wird.

    Vielleicht ist das die eigentliche Wirkung dieses Films.

    Er erschöpft sich nicht im ersten Sehen. Er lädt dazu ein, noch einmal aufzubrechen – wie Odysseus selbst.

    Nicht jede Reise erreicht beim ersten Aufbruch ihr Ziel.

    Das wusste schon Homer.


    Weiterführende Links

    🎬 Offizielle Filmhomepage – The Odyssey
    Trailer, Hintergrundinformationen und Erläuterungen zu den verschiedenen Filmformaten.
    The Odyssey – Official Website

    🎥 IMAX – The Odyssey
    Informationen über die vollständig mit IMAX-Filmkameras gedrehte Produktion sowie die weltweiten IMAX-70-mm-Spielstätten.
    IMAX – The Odyssey

    🎞️ Gartenbaukino Wien – The Odyssey in 70 mm
    Vorstellungen ab 28. August 2026 in der analogen 70-mm-Filmkopie.
    Gartenbaukino – The Odyssey (70 mm)

    🏛️ Gartenbaukino – Reihe „The Bigger Picture“
    Informationen zur traditionsreichen 70-mm-Reihe des Gartenbaukinos und weiteren analogen Filmvorführungen.
    The Bigger Picture – Gartenbaukino

    📍 Cinema City IMAX Prag
    Die nächstgelegene Spielstätte, in der The Odyssey im originalen IMAX 70mm (15/70) gezeigt wird.
    IMAX – Liste der 70-mm-Kinos


    Persönliche Anmerkung:
    Diesen Artikel habe ich nach meinem ersten Kinobesuch geschrieben. Ich freue mich bereits auf eine zweite Vorführung Ende August im Wiener Gartenbaukino – diesmal in der englischen Originalfassung auf analogem 70-mm-Film. Manche Filme erschließen sich nicht vollständig beim ersten Sehen. The Odyssey gehört für mich zu ihnen.

  • Ein paar Grad verändern die Welt

    300.000 Jahre Homo sapiens – und die erstaunliche Geschichte unseres Klimas

    Ein paar Grad. Mehr ist es gar nicht.

    Als ich begann, mich mit der Temperaturgeschichte der Menschheit zu beschäftigen, hat mich genau das am meisten überrascht: Zwischen einer Eiszeit und der Welt, in der wir heute leben, liegen im globalen Durchschnitt nur wenige Grad.

    Wir erleben an einem einzigen Tag größere Temperaturschwankungen. In Wien können zwischen einer kalten Winternacht und einem heißen Sommertag 40 Grad liegen. Was sollen da vier, fünf oder sechs Grad schon bedeuten?

    Für den ganzen Planeten: sehr viel.

    Ein paar Grad entscheiden darüber, ob gewaltige Teile Europas unter kilometerdickem Eis liegen. Wo Wälder wachsen. Wo Wüsten entstehen. Wie hoch die Meere stehen. Und wo Menschen leben können.

    Ich wollte deshalb wissen: Wie hat sich das Klima verändert, seit es uns Menschen gibt?


    Der Mensch ist ein Kind der Eiszeit

    Der Homo sapiens existiert seit ungefähr 300.000 Jahren. Fast seine gesamte bisherige Geschichte spielte sich in einer Welt ab, die kälter und unruhiger war als unsere heutige.

    Warmzeiten und Kaltzeiten wechselten einander ab. Riesige Eisschilde wuchsen und schrumpften. Niederschläge veränderten sich. Landschaften, Tierwelt und Vegetation wanderten.

    Der Mensch musste mitwandern.

    Er lernte das Feuer zu nutzen, stellte Werkzeuge her, kleidete sich in Felle und besiedelte immer neue Lebensräume. Über viele Jahrtausende lebte er als Jäger und Sammler.

    Dann kam die letzte große Kaltzeit.

    Vor rund 20.000 Jahren erreichte sie ihren Höhepunkt. Große Teile Nordeuropas waren von mächtigen Eisschilden bedeckt. Der Meeresspiegel lag viel tiefer als heute. Die globale Durchschnittstemperatur war nur einige Grad niedriger.

    Nur einige Grad – und die Erde sah völlig anders aus.


    Dann wurde das Klima erstaunlich ruhig

    Vor etwa 11.700 Jahren begann das Holozän – unsere heutige Warmzeit.

    Und nun geschah etwas für die Menschheitsgeschichte Entscheidendes: Das Klima wurde vergleichsweise stabil.

    Natürlich gab es weiterhin Schwankungen. Wärmere und kühlere Jahrhunderte, regionale Veränderungen, Dürren und Kälteperioden. Doch im globalen Durchschnitt bewegten sich die Temperaturen über viele Jahrtausende in einem erstaunlich engen Bereich.

    Genau in dieser Zeit geschah fast alles, was wir heute Zivilisation nennen.

    Menschen wurden sesshaft. Sie betrieben Landwirtschaft. Dörfer entstanden, später Städte. Schrift wurde erfunden. Reiche entstanden und verschwanden. Religionen prägten Kulturen. Philosophie und Wissenschaft entwickelten sich.

    Kupfer wurde bearbeitet. Bronze hergestellt. Eisen verhüttet. Dampfmaschinen gebaut. Elektrizität genutzt. Computer erfunden.

    Die gesamte uns bekannte Zivilisationsgeschichte entstand in einem ungewöhnlich stabilen klimatischen Fenster.

    Das ist vielleicht die überraschendste Erkenntnis dieser langen Reise:

    Der Homo sapiens ist 300.000 Jahre alt. Unsere Zivilisation aber ist ein Kind der letzten rund 10.000 Jahre.


    Warmzeiten und Kaltzeiten

    Auch innerhalb dieser stabilen Epoche blieb das Klima nicht völlig gleich.

    Es gab wärmere Phasen, etwa in Teilen der römischen Zeit und des Mittelalters. Es gab kühlere Jahrhunderte, die wir vereinfacht als „Kleine Eiszeit“ bezeichnen.

    Diese Veränderungen waren für Menschen spürbar. Ernten fielen aus. Gletscher wuchsen. Flüsse froren zu. In anderen Zeiten verbesserten sich die Bedingungen für Landwirtschaft und Besiedlung.

    Doch man muss vorsichtig sein: Diese historischen Warm- und Kaltphasen verliefen regional sehr unterschiedlich. Eine warme Epoche in Europa bedeutete nicht automatisch, dass die gesamte Erde gleichzeitig im selben Ausmaß wärmer war.

    Das globale Klima ist komplizierter als die Erinnerung an einen heißen Sommer oder einen kalten Winter.


    Seit 1850 wird die Kurve steiler

    Mit der Industrialisierung beginnt ein neuer Abschnitt.

    Der Mensch verbrennt in immer größerem Maß Kohle, später Erdöl und Erdgas. Dabei gelangen große Mengen Kohlendioxid in die Atmosphäre.

    Der Treibhauseffekt selbst ist keine Theorie aus unserer Zeit. Ohne natürliche Treibhausgase wäre die Erde viel zu kalt für das Leben, das wir kennen.

    Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob es einen Treibhauseffekt gibt.

    Die Frage ist, was geschieht, wenn wir seine Wirkung verstärken.

    Seit dem 19. Jahrhundert steigt die globale Durchschnittstemperatur deutlich. Besonders auffällig ist die Beschleunigung in den letzten Jahrzehnten.

    In unserer Grafik wird deshalb der Zeitmaßstab immer feiner. Zuerst betrachten wir Hunderttausende Jahre. Dann Jahrtausende. Ab 1500 kleinere Abschnitte. Für die jüngste Vergangenheit schließlich Jahrzehnte.

    Erst dadurch wird sichtbar, was sonst in einer 300.000 Jahre langen Kurve verschwinden würde:

    Am Ende steigt die Linie ungewöhnlich steil an.


    Was bedeutet ein Grad?

    Auch hier täuscht unsere Alltagserfahrung.

    Ein Grad mehr am Nachmittag ist bedeutungslos. Ein Grad mehr im globalen Jahresdurchschnitt ist etwas völlig anderes.

    Denn dieser Wert ist ein Mittel über:

    • alle Jahreszeiten,
    • Tag und Nacht,
    • Land und Ozeane,
    • Tropen und Polarregionen,
    • die gesamte Erde.

    Eine Veränderung dieses globalen Durchschnitts bedeutet gewaltige zusätzliche Energiemengen im Klimasystem.

    Deshalb können wenige Grad Gletscher schmelzen lassen, Meeresspiegel verändern, Niederschlagszonen verschieben und die Wahrscheinlichkeit extremer Hitze erhöhen.

    Die Geschichte der Eiszeiten zeigt uns bereits, wie mächtig wenige Grad sein können.


    Ich maße mir kein Urteil an

    Ich bin kein Klimaforscher.

    Ich kann keine Klimamodelle berechnen. Ich kann nicht beurteilen, welche politische Maßnahme richtig ist. Und ich habe wenig Sympathie für eine Diskussion, in der die einen jede Frage für moralisch verwerflich und die anderen jede Warnung für eine Verschwörung halten.

    Ich wollte zunächst etwas viel Einfacheres:

    verstehen.

    Wie sah die Welt aus, als der Homo sapiens entstand? Wie stark schwankte das Klima? Warum konnten Ackerbau, Städte und Hochkulturen gerade in den letzten Jahrtausenden entstehen? Und wie ungewöhnlich ist das, was wir heute beobachten?

    Je länger ich mich damit beschäftigte, desto vorsichtiger wurde ich mit großen Urteilen.

    Aber auch aufmerksamer.


    Unser gemeinsames Haus

    Papst Franziskus hat für die Erde ein schönes Bild verwendet: unser gemeinsames Haus.

    Ich weiß nicht, wie die Welt in 50 oder 100 Jahren aussehen wird. Ich weiß nicht, welche technischen Erfindungen uns helfen werden. Und ich weiß nicht, welche Prognosen sich als zu optimistisch oder zu pessimistisch erweisen werden.

    Aber ich sehe keinen vernünftigen Grund, sorglos mit diesem Haus umzugehen.

    Nicht aus Angst.

    Nicht, weil ich mich zum Richter über andere machen möchte.

    Und schon gar nicht, weil ich selbst immer vorbildlich leben würde.

    Ich maße mir kein Urteil an. Ich bemühe mich nur, selbst sorgsam mit unserem gemeinsamen Haus umzugehen.

    Vielleicht beginnt Verantwortung genau dort.

    Nicht beim Urteil über die anderen.

    Sondern bei der Frage, was ich selbst verstanden habe – und was ich daraus für mein eigenes Leben mache.

  • Gott, Freiheit und die Macht

    Ich möchte verstehen, was hinter der Macht von Religion steht. Und ich möchte verstehen, wie ich mein eigenes Leben und das meiner Lieben möglichst gut gestalten kann.

    Deshalb besuche ich die Theologischen Kurse der Erzdiözese Wien. Ihr Leitspruch lautet:

    „Wissen, was dahinter steckt.“

    Genau darum geht es mir.

    Ich studiere nicht Theologie, um einen akademischen Grad zu erwerben. Ich möchte verstehen, was Menschen seit Jahrtausenden bewegt: Gott, Leid, Hoffnung, Tod, Freiheit, Liebe und Verantwortung.

    Deshalb lese ich nicht nur Bücher, sondern auch regelmäßig internationale Zeitungen. Denn die großen Fragen des Menschseins begegnen uns nicht nur in der Bibel oder in theologischen Lehrbüchern. Sie begegnen uns täglich in den Nachrichten.

    Warum entstehen Kriege? Warum unterdrücken Menschen andere Menschen? Warum halten Regierungen an Macht fest? Warum geschieht Böses?

    Und immer wieder führt mich das zu einer noch grundsätzlicheren Frage:

    Wie kann es sein, dass Menschen Böses denken und tun, wenn es einen guten und allmächtigen Gott gibt?

    Die moderne Theologie beantwortet diese klassische Theodizeefrage meist mit dem Hinweis auf die Freiheit des Menschen. Gott habe den Menschen nicht als Marionette geschaffen. Liebe, Verantwortung und Freiheit seien nur möglich, wenn der Mensch auch die Möglichkeit habe, sich gegen das Gute zu entscheiden.

    Diese Antwort überzeugt mich grundsätzlich. Dennoch wollte ich genauer verstehen, was hinter diesen Fragen steckt.

    Deshalb habe ich für meine schriftliche Arbeit in den Theologischen Kursen das Thema gewählt:

    „Gott und das Leid – Das Theodizeeproblem als Herausforderung für den Glauben an einen guten und allmächtigen Gott.“

    Da ich gleichzeitig als christlicher Einsegner tätig bin, wollte ich die Frage nicht nur theoretisch untersuchen. Menschen stellen sie mir am Grab, im Trauergespräch und in den schwersten Stunden ihres Lebens. Sie fragen selten nach philosophischen Modellen. Sie fragen vielmehr:

    „Warum hat Gott das zugelassen?“

    Bei meinen Recherchen wurde mir bewusst, dass sich die Theodizeefrage nicht nur im persönlichen Leid stellt. Sie begegnet uns auch in der Politik.

    Warum entstehen Kriege? Warum werden Menschen unterdrückt? Warum halten Regierungen an Macht fest, obwohl ihre Bevölkerung Freiheit und Mitbestimmung wünscht? Und welche Rolle spielt Religion dabei?

    Besonders deutlich zeigt sich diese Frage derzeit am Beispiel des Iran. Dort beruft sich ein religiös legitimiertes Regime auf göttliche Autorität, während viele Menschen mehr Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und demokratische Mitbestimmung verlangen.

    Damit stellt sich eine weiterführende Frage:

    Kann eine Religion ihre Wahrheit bewahren, ohne daraus einen politischen Herrschaftsanspruch abzuleiten?

    Der eigentliche Konflikt zwischen dem Westen und dem Iran ist nicht nur ein geopolitischer. Er ist auch ein geistiger. Es geht um die Frage, ob eine Religion ihre Wahrheit bewahren kann, ohne daraus ein politisches Herrschaftssystem zu machen.

    Die Islamische Republik Iran beruft sich auf Gott, den Propheten und die religiöse Rechtsgelehrsamkeit. Ihr Modell der Herrschaft der Rechtsgelehrten macht deutlich: Politische Macht wird hier nicht zuerst vom Volk her gedacht, sondern religiös legitimiert und überwacht. Demokratie darf stattfinden, solange sie den religiösen Rahmen nicht infrage stellt.

    Genau hier liegt das Problem. Eine freie Demokratie lebt vom Widerspruch. Sie braucht Meinungsfreiheit, Gewaltenteilung, freie Wahlen, Machtwechsel und die Möglichkeit, dass auch Mehrheiten irren können. Ein religiöses Regime, das sich als Hüter göttlicher Wahrheit versteht, empfindet diese Freiheit oft nicht als Korrektiv, sondern als Bedrohung.

    Das bedeutet nicht, dass der Islam demokratieunfähig wäre. Auch im Islam gibt es Auslegung, Vernunftgebrauch, Reformbewegungen und spirituelle Tiefe. Doch dort, wo eine bestimmte religiöse Interpretation mit staatlicher Macht verschmilzt, wird aus Religion leicht Ideologie. Dann schützt der Staat nicht mehr den Glauben der Menschen, sondern die Macht jener, die behaupten, im Namen Gottes zu sprechen.

    Das Christentum hat diesen Lernprozess selbst über Jahrhunderte durchlaufen. Auch christliche Herrscher beriefen sich einst auf Gott, um ihre Macht zu legitimieren. Erst langsam entstand die Einsicht, dass die Wahrheit des Glaubens nicht stärker wird, wenn sie mit staatlicher Gewalt durchgesetzt wird. Sie wird glaubwürdiger, wenn Menschen ihr frei zustimmen können.

    Deshalb lautet die entscheidende Frage nicht, ob Religion in modernen Demokratien noch Platz hat. Natürlich hat sie das.

    Die eigentliche Frage lautet:

    Kann Religion darauf verzichten, den Staat zu beherrschen?

    Eine Religion, die Gott vertraut, muss Menschen nicht zwingen. Sie kann werben, inspirieren, deuten, trösten, widersprechen und mahnen. Aber sie sollte nicht foltern, einsperren oder töten, um ihre Wahrheit zu verteidigen. Denn eine Wahrheit, die nur mit Gewalt überlebt, hat ihre geistliche Kraft bereits verloren.

    Vor diesem Hintergrund wirken Friedensgespräche zwischen Washington und Teheran zwangsläufig fragil. Man kann Waffenruhen vereinbaren, Sanktionen lockern, Ölströme regeln und Milliardenfonds schaffen. Aber dauerhafter Frieden entsteht erst dort, wo politische Macht nicht mehr mit göttlicher Autorität verwechselt wird.

    Viele Iranerinnen und Iraner scheinen das längst verstanden zu haben. Sie wünschen sich nicht unbedingt weniger Religion. Sie wünschen sich mehr Freiheit. Sie wollen glauben können, ohne beherrscht zu werden. Sie wollen leben, ohne dass der Staat ihnen vorschreibt, wie Gott zu verstehen ist.

    Vielleicht beginnt die Zukunft des Iran nicht mit einem neuen Abkommen, sondern mit einer alten Einsicht:

    Gott braucht keine Geheimpolizei.

    Und vielleicht liegt genau darin auch eine Antwort auf die Theodizeefrage. Gott schafft Freiheit. Das Böse entsteht nicht durch Gott, sondern durch den Missbrauch dieser Freiheit. Die Aufgabe von Religion besteht daher nicht darin, Macht zu sichern, sondern Menschen zu befähigen, ihre Freiheit verantwortlich zu leben.

    Oder, in einem Satz:

    Nicht dort, wo Religion herrscht, sondern dort, wo sie zur Liebe befähigt, erfüllt sie ihren eigentlichen Auftrag.

  • Was rettet die Zukunft der Menschheit?

    Eine Gegenüberstellung scheinbar ähnlicher Positionen zweier Persönlichkeiten, recherchiert und editiert mit ChatGPT am 3.6.2026 von HRP.

    ThemaPeter ThielPapst Leo XIV
    Geboren1967, Frankfurt am Main1955, Chicago
    HerkunftDeutscher Emigrant in den USAUS-Amerikaner, Augustiner
    AusbildungPhilosophie, Stanford; JuristMathematik, Philosophie, Theologie
    Beruflicher WegUnternehmer, Investor, Mitgründer von PayPal, erster Investor bei FacebookOrdensmann, Missionar, Bischof, Kardinal, Papst
    GrundfrageWie verhindern wir den Niedergang der Zivilisation?Wie führen wir Menschen zu Gott und zueinander?
    MenschenbildMensch als schöpferisches Wesen, das Grenzen überwinden sollMensch als geliebtes Geschöpf Gottes
    Sicht auf TechnikZentrales Werkzeug der Erlösung von Leid und MangelWertvoll, aber dem Menschen dienend
    Sicht auf den TodFeind, der bekämpft werden sollFeind, der durch Christus überwunden wurde
    HoffnungFortschritt, Innovation, EntdeckungGnade, Auferstehung, Liebe
    Gefahr unserer ZeitStagnation und geistige ResignationVerlust von Beziehung, Sinn und Hoffnung
    FreiheitFreiheit zur Gestaltung der ZukunftFreiheit zur Liebe
    MachtNotwendiges Instrument zur GestaltungVerantwortung im Dienst anderer
    OrdnungVoraussetzung für FortschrittFrucht von Gerechtigkeit und Frieden
    KIGroße Chance, aber auch MachtfrageGroße Chance, aber ethisch gebunden
    ReligionChristentum als Quelle großer Wahrheiten; oft kulturkritischChristentum als lebendige Beziehung zu Christus
    LeitbildDer Unternehmer, Entdecker, InnovatorDer Hirte, Diener, Brückenbauer

    Peter Thiel:

    Der Mensch muss die Welt verändern, damit sie besser wird.

    Papst Leo XIV:

    Der Mensch muss sich von Gott verändern lassen, damit die Welt besser wird.