Bibel im Museum · Erntedanksonntag, 4. Oktober 2026

Giuseppe Arcimboldo, Sommer, 1563. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie, Inv. 1589. © KHM-Museumsverband.
Die Ernte bekommt ein Gesicht
Ein Gesicht aus Früchten: Giuseppe Arcimboldos „Sommer“ fordert unsere Augen zum Wechselspiel heraus. Wir sehen einen Menschen im Profil und entdecken zugleich die einzelnen Pflanzen, aus denen er besteht. Kirschen bilden die Lippen, Erbsen die Zähne. Getreide und Ähren gehören ebenso zu dieser Gestalt wie das schimmernde Strohgewand und die Artischocke auf der Brust. In Kragen und Ärmel hat der Maler seine Signatur und die Jahreszahl versteckt. Alles scheint so selbstverständlich zusammenzugehören, dass wir für einen Augenblick vergessen, wie ungewöhnlich dieses Gesicht ist. KHM: Bildbetrachtung
Arcimboldo, 1526 in Mailand geboren und dort 1593 gestorben, wurde 1562 kaiserlicher Hofmaler. Seine Tätigkeit führte ihn nach Wien und Prag; er arbeitete für drei Generationen der Habsburger: Ferdinand I., Maximilian II. und Rudolf II. Neben Porträts entwarf und inszenierte er höfische Feste, Turniere und Hochzeitsfeierlichkeiten. Seine Kunst lebte von genauer Beobachtung ebenso wie von der Freude an überraschenden Verwandlungen. Der „Sommer“ entstand 1563 als Teil einer Jahreszeitenfolge. KHM: Werk und Künstler
Am habsburgischen Hof begegneten einander Naturkunde, Sammelleidenschaft und das Bedürfnis, Herrschaft sichtbar zu machen. Arcimboldos zusammengesetzte Köpfe boten Gesprächsstoff: Man konnte Pflanzen erkennen, über ihre Herkunft nachdenken und die kunstvolle Verbindung von Natur und menschlicher Gestalt bewundern. Zugleich verherrlichten die Zyklen die habsburgische Ordnung. Der verlässliche Wechsel der Jahreszeiten wurde zum Sinnbild für Gleichgewicht und Beständigkeit unter guter Regierung. KHM: Arcimboldos höfisches Umfeld
Zum Erntedank betrachten wir dieses Bild aus einer anderen Perspektive. Die Fülle erscheint als etwas, von dem wir selbst leben. Arcimboldos Gesicht lädt uns ein, den Menschen in seiner Abhängigkeit von der Erde zu sehen: Was wächst, wird Nahrung, Kraft und Leben. Die Ernte erhält ein Gesicht – und erinnert uns an die Menschen, die säen, pflegen, ernten und teilen.
Welche Früchte tragen wir?
Das heutige Evangelium, Matthäus 21,33–43, erzählt ebenfalls von Ernte und Verantwortung. Ein Gutsherr vertraut seinen Weinberg Pächtern an. Als er seine Früchte einfordert, misshandeln und töten sie seine Boten. Schließlich bringen sie auch seinen Sohn um, weil sie das Erbe an sich reißen wollen. Sie verwandeln das anvertraute Gut in einen Besitzanspruch. Jesus hält ihnen den verworfenen Stein entgegen, der zum Eckstein wird: Die Zurückweisung des Sohnes hat nicht das letzte Wort.
Die Frage nach den Früchten richtet sich damit auch an uns. Was wächst aus den Möglichkeiten, die wir erhalten haben? Dienen sie ausschließlich unserem Vorteil, oder ermöglichen sie anderen ein gutes Leben?
Domkurat Prof. Dr. Thomas Möllenbeck führte in seiner heutigen Predigt im Stephansdom von den sichtbaren Erntedankgaben zu diesen Früchten unseres Lebens. Er verband das Weinbergmotiv mit der Erwartung von Recht und Gerechtigkeit. Eine Gemeinschaft wird dort fruchtbar, wo Menschen füreinander Verantwortung übernehmen, Hilferufe hören und das Gute miteinander teilen.
Dabei erschöpft sich seine Botschaft nicht im Appell, mehr zu leisten. Möllenbeck stellte menschliche Verantwortung und göttliche Gnade zusammen. Mit dem Bild der Rebe, die aus ihrer Verbindung mit dem Weinstock Frucht trägt, führte er zur Verbundenheit mit Christus. Wir dürfen uns bemühen und zugleich darauf vertrauen, dass Gott in uns das Wollen und Vollbringen des Guten wirkt. Aus dieser Verbindung kann Frieden wachsen, der unser Denken und Handeln prägt.
So kommen Bild und Predigt miteinander ins Gespräch. Arcimboldo zeigt eine Fülle, aus der ein menschliches Gesicht entsteht. Das Evangelium fragt, wie wir mit solcher Fülle umgehen. Möllenbeck eröffnet die Hoffnung, dass unser Leben selbst Frucht tragen darf: in einer gerechten Entscheidung, einer hilfreichen Tat, einer Versöhnung.
Erntedank ist deshalb auch ein Dank für das Gute, das durch uns wachsen durfte – und eine Einladung, es weiterzugeben.
Was habe ich empfangen? Und wem kann es durch mich zugutekommen?
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