Zwei Gesichter, zwei Zeiten, eine Frage
Die Ausstellung „PICASSO – BACON. What It Feels Like to Be Human“ in der ALBERTINA bringt zwei der bedeutendsten figurativen Maler des 20. Jahrhunderts in einen spannenden Dialog. Pablo Picasso war für Francis Bacon ein Schlüsselerlebnis: Als der junge Bacon 1927 in Paris Werke Picassos sah, fasste er den Entschluss, selbst Maler zu werden. Jahrzehnte später war er längst kein Nachahmer mehr, sondern ein eigenständiger Gegenpol.
Die Schau umfasst 71 Werke. Im Zentrum steht der menschliche Körper – nicht als stabile, harmonische Einheit, sondern als etwas Gefährdetes und Veränderliches.
Besonders eindringlich zeigt sich dieser Dialog an zwei kleinen Bildern: Picassos „Dora Maar“ von 1940 und Francis Bacons „Selbstporträt“ von 1972. Zwischen ihnen liegen 32 Jahre. Dennoch stellen beide dieselbe Frage:
Wie weit kann ein Gesicht verändert werden, ohne dass die Person darin verschwindet?

Pablo Picasso
Dora Maar, 1940
Öl auf Papier, 64 × 46 cm
© Succession Picasso / Bildrecht, Wien 2026
© Foto: bpk/Nationalgalerie, SMB, Museum Berggruen/Jens Ziehe
Picasso: Ein Gesicht aus mehreren Blickwinkeln
Dora Maar sitzt uns scheinbar ruhig gegenüber. Dunkles Haar rahmt das lange Gesicht, die Hand liegt an der Wange, das türkisblaue Oberteil hebt sich vom Hintergrund ab. Die Haltung könnte einem klassischen Porträt entstammen. Und doch stimmt die Ordnung des Gesichtes nicht mehr.
Picasso verbindet verschiedene Ansichten miteinander. Die Nase folgt beinahe einem Profil, während die Augen stärker frontal erscheinen. Stirn, Nase, Mund und Wangen lassen sich nicht mehr aus einem einzigen Blickwinkel erklären. Das Gesicht ist nicht naturalistisch „falsch“ gemalt – es folgt einer anderen Logik. Mehrere Perspektiven werden gleichzeitig sichtbar.
Darin lebt der Kubismus fort. Ein Gesicht ist nicht nur das, was wir in einem einzigen Moment von einem einzigen Standort aus sehen. Picasso zerlegt die sichtbare Wirklichkeit und setzt sie neu zusammen.
Doch das Porträt von 1940 ist kein bloßes formales Experiment mehr. Seit dem Spanischen Bürgerkrieg und Guernica hat die Deformation bei Picasso eine neue Schwere erhalten.
Dora Maar war dabei weit mehr als eine anonyme Porträtierte. Sie war selbst Fotografin und gehörte zu Picassos engstem persönlichen und künstlerischen Umfeld. Gerade die Bilder Dora Maars werden in dieser Zeit zu einem wichtigen Schauplatz seiner Auseinandersetzung mit dem menschlichen Antlitz.
Und das Jahr 1940 ist nicht nebensächlich. Frankreich wird von deutschen Truppen besetzt, Europa befindet sich im Krieg, Picasso bleibt in Paris. Die ALBERTINA beschreibt die Deformation seiner Porträts dieser Jahre als „ästhetischen Widerstand“. Das sollte man nicht zu einfach politisch übersetzen. Dora Maars verschobenes Gesicht ist kein verschlüsseltes Kriegsbild. Aber der Glaube an eine ungebrochene, harmonische Welt ist aus diesen Porträts verschwunden.
Picasso zeigt keinen zerstörten Menschen. Er zeigt einen Menschen, der nicht mehr aus einer einzigen Perspektive begriffen werden kann.
Dora Maar bleibt unverkennbar. Gerade indem Picasso die äußere Ähnlichkeit verletzt, gewinnt das Bild eine andere Form von Wahrheit:
Persönlichkeit ist mehr als Physiognomie.

Francis Bacon
Selbstporträt, 1972
Öl auf Leinwand, 35,5 × 30,5 cm
Private Collection
© The Estate of Francis Bacon / All rights reserved / Bildrecht, Wien und DACS, London 2026
Bacon: Das Gesicht als Ereignis
32 Jahre später malt Francis Bacon sein eigenes Gesicht.
Vor schwarzem Hintergrund erscheint der Kopf nahezu isoliert. Kein Raum, keine Handlung, kein Gegenüber. Nur dieses Gesicht.
Und dieses Gesicht scheint sich vor unseren Augen zu bewegen.
Stirn, Haaransatz, Ohr, Mund und Hals geben noch genügend Halt, um Bacon eindeutig zu erkennen. Gleichzeitig ziehen sich helle und dunkle Bahnen durch die Gesichtszüge. Auge, Nase und Wange scheinen verschoben, gedreht, verwischt. Formen überlagern einander wie verschiedene Momente einer Bewegung.
Hier liegt der entscheidende Unterschied zu Picasso.
Picasso verbindet unterschiedliche Ansichten. Bacon verbindet unterschiedliche Zustände.
Bei Picasso sehen wir Dora Maar gleichzeitig von vorne und von der Seite.
Bei Bacon scheint der Kopf gleichzeitig vor, während und nach einer Bewegung sichtbar zu werden.
Bacon arbeitete seit den 1960er-Jahren bevorzugt nach Fotografien. Doch er kopierte sie nicht. Er benutzte sie, um gerade das Gegenteil fotografischer Schärfe zu erreichen: die Erfahrung eines lebendigen, instabilen Körpers. Die fotografische Vorlage gibt ihm die Person – die Malerei setzt sie in Bewegung.
Bacon malt keine optische Störung.
Er malt Veränderung selbst.
1972: ein Selbstporträt nach dem Verlust
Auch hier ist die Jahreszahl entscheidend.
1971 erlebt Bacon mit seiner Retrospektive im Pariser Grand Palais einen der größten Triumphe seiner Karriere. Kurz vor der Eröffnung stirbt sein langjähriger Lebensgefährte George Dyer an einer Überdosis Alkohol und Medikamenten.
Dieser Tod prägt Bacons Malerei der folgenden Jahre tief. Seine Bilder kreisen nun verstärkt um Erinnerung, Schuld und Tod. Zugleich malt Bacon auffallend häufig sich selbst.
Das Selbstporträt von 1972 steht deshalb im Schatten des Todes.
Bacon zeigt sich nicht heroisch, nicht repräsentativ, nicht als berühmter Künstler. Sein Gesicht ist verletzlich und instabil, von Zeit und Erfahrung angegriffen. Der Tod muss nicht als Totenschädel hinzugefügt werden. Er steckt bereits in der Veränderlichkeit des Körpers.
In diesem Sinn ist das Bild ein modernes Memento mori.
Nicht:
Du wirst sterben.
Sondern:
Du veränderst dich bereits.
Picasso und Bacon: Konstruktion und Auflösung
Gerade in der Gegenüberstellung werden die Unterschiede sichtbar.
Picasso kommt aus dem Kubismus. Seine Deformation ist konstruktiv. Er zerlegt und setzt neu zusammen. Das Gesicht wird zu einer Architektur verschiedener Perspektiven.
Bacon gehört einer späteren, von Fotografie, Film und den existenziellen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts geprägten Welt an. Seine Deformation ist körperlicher. Das Gesicht wirkt nicht konstruiert, sondern bearbeitet, gedrückt, verschoben und verwischt. Es wird zum Ereignis.
Picasso fragt:
Aus wie vielen Perspektiven besteht ein Mensch?
Bacon fragt:
Wie kann ein Mensch derselbe bleiben, wenn er sich unaufhörlich verändert?
Auch ihre historischen Situationen unterscheiden sich.
Picassos Dora Maar entsteht 1940 im Schatten einer europäischen Katastrophe. Faschismus, Krieg und Besatzung erschüttern die Vorstellung einer vernünftigen, humanistischen Zivilisation.
Bacons Selbstporträt entsteht 1972 in einer anderen Welt. Der Künstler ist international berühmt, die Nachkriegsgesellschaft hat sich verändert. Und doch gibt es keinen gesellschaftlichen Fortschritt, der den Menschen vor Verlust, Alter und Tod bewahren könnte.
Bei Picasso bedrängt die Geschichte den Menschen.
Bei Bacon bedrängt die Vergänglichkeit den Menschen.
Natürlich ist diese Unterscheidung nicht absolut. Picassos Werk ist voller persönlicher Konflikte, Bacons Malerei voller Nachwirkungen des Jahrhunderts. Aber sie macht sichtbar, wie unterschiedlich beide Künstler den modernen Menschen denken.
Vom Vorbild zum Gegenüber
Picasso war für Bacon der Ausgangspunkt. Besonders die biomorph verformten Figuren der späten 1920er-Jahre zeigten dem jungen Bacon, dass ein Körper radikal verändert werden konnte, ohne seine Wirklichkeit zu verlieren. Die Ausstellung beginnt folgerichtig mit dieser künstlerischen Begegnung.
Bacon übernimmt diese Freiheit – und verschärft sie.
Picasso besitzt selbst in seinen verstörenden Bildern etwas Erfinderisches. Man spürt einen Künstler, der Form beherrscht und verwandelt.
Bei Bacon wird diese Freiheit bedrohlicher. Der Mund wird zum Schrei, das Gesicht zur Wunde, der Körper zu Fleisch. Die Person bleibt erkennbar, aber ihre Form ist nicht mehr sicher.
So zeigt die Ausstellung eine Entwicklung: von Picassos Befreiung der Figur aus der traditionellen Perspektive hin zu Bacons Befreiung des Körpers von der Vorstellung einer stabilen Identität.
Und doch verbindet beide etwas erstaunlich Humanes.
Sie idealisieren den Menschen nicht.
Sie deformieren ihn.
Aber sie lassen ihn nicht verschwinden.
Was es heißt, Mensch zu sein
Damit führt die Ausstellung zurück zu ihrem Titel:
What It Feels Like to Be Human.
Nicht: Wie sieht der Mensch aus?
Sondern:
Wie fühlt es sich an, Mensch zu sein?
Menschsein bedeutet bei beiden Künstlern, keinen vollkommen stabilen Körper zu besitzen. Es bedeutet, zu begehren und zu leiden, älter zu werden, sich zu erinnern und jemanden zu verlieren.
Picasso zeigt Dora Maar aus mehreren Perspektiven zugleich. Ihre Identität lässt sich nicht auf eine Ansicht reduzieren.
Bacon zeigt sich selbst als einen Menschen in Veränderung. Seine Identität überlebt die Auflösung der äußeren Form.
Gerade darin liegt eine überraschend humane Aussage dieser oft als brutal empfundenen Malerei:
Die Form kann zerbrechen.
Die Person bleibt.
Aus theologischer Sicht berührt dies einen Gedanken, der weit älter ist als die Moderne. Die Würde des Menschen hängt nicht an Schönheit, Unversehrtheit oder körperlicher Vollkommenheit. Die christliche Kunst hat im Ecce Homo und im Gekreuzigten seit Jahrhunderten den verwundeten Körper ins Zentrum gestellt.
Picasso und Bacon verfolgen keine christliche Bildabsicht. Ihre geistige Welt ist eine andere. Und dennoch stellen ihre Porträts eine verwandte Frage:
Was bleibt vom Menschen, wenn Schönheit, Kontrolle und Unversehrtheit verschwinden?
Bei Dora Maar bleibt eine Person, die sich keiner einzigen Perspektive fügt.
Bei Francis Bacon bleibt eine Person, deren Gesicht sich beinahe auflöst.
Vielleicht ist das die stärkste Erfahrung dieser Ausstellung:
Der Mensch besitzt keine unveränderliche Form.
Aber er bleibt jemand.
PICASSO – BACON
What It Feels Like to Be Human
ALBERTINA, Wien
18. September 2026 bis 31. Jänner 2027
Kurator:innen: Gunhild Bauer, Michael Peppiatt
71 Werke
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