Wer soll uns morgen pflegen?

Ohne Zuwanderung wird Österreich kleiner, älter und einsamer. Doch Zuwanderung allein löst unsere Probleme nicht.

Die Wahrheit ist einfach: In Österreich sterben mehr Menschen, als Kinder geboren werden.

2025 kamen rund 76.000 Kinder zur Welt. Gleichzeitig starben knapp 88.000 Menschen. Es gab also um fast 12.000 mehr Todesfälle als Geburten.

Trotzdem ist Österreichs Bevölkerung nicht geschrumpft. Warum? Weil mehr Menschen zu uns gezogen sind, als das Land verlassen haben.

Damit stehen wir vor einer Entscheidung, die uns niemand abnehmen kann: Wollen wir mehr Kinder? Wollen wir Zuwanderung? Oder wollen wir unseren Wohlstand mit immer weniger arbeitenden Menschen finanzieren?

Alles gleichzeitig geht nicht.

Ohne Zuzug fehlen uns drei Millionen Menschen

Statistik Austria hat ausgerechnet, was ohne weitere Zu- und Abwanderung passieren würde.

Bis 2080 würde die Bevölkerung von heute rund 9,2 Millionen auf 6,17 Millionen Menschen sinken. Österreich hätte dann ein Drittel weniger Einwohner.

Noch dramatischer wäre die Alterung: Heute ist ungefähr jeder fünfte Einwohner älter als 65 Jahre. Ohne Wanderung wären es 2080 fast vier von zehn.

Das bedeutet nicht, dass Österreich plötzlich menschenleer wäre. Aber Schulen würden schließen, Gemeinden Einwohner verlieren und Betriebe keine Mitarbeiter finden. Gleichzeitig bräuchten immer mehr alte Menschen Pensionen, medizinische Versorgung und Pflege.

Eine Politik der vollkommen geschlossenen Grenzen hätte deshalb einen hohen Preis.

Wer bezahlt unsere Pensionen?

Unsere Pensionen liegen nicht auf einem persönlichen Sparbuch. Die Beiträge der heute Erwerbstätigen finanzieren im Wesentlichen die laufenden Pensionen.

Reichen diese Beiträge nicht aus, muss der Staat Geld zuschießen. Allein 2024 flossen rund 17,4 Milliarden Euro aus dem Bundesbudget in die Pensionsversicherung.

Der sogenannte Generationenvertrag braucht daher vor allem eines: genügend Menschen, die arbeiten, Einkommen verdienen und Beiträge und Steuern bezahlen.

Dabei ist es für die Rechnung zunächst gleichgültig, ob diese Menschen in Wien, Innsbruck, Damaskus, Belgrad oder Bukarest geboren wurden. Entscheidend ist, ob sie arbeiten und ihren Beitrag leisten können.

Kinder oder Zuwanderung?

Mehr Kinder wären langfristig die natürlichste Antwort. Doch Kinder, die heute geboren werden, zahlen frühestens in etwa zwanzig Jahren ins Pensionssystem ein.

Außerdem kann der Staat keine Kinder verordnen. Er kann nur bessere Bedingungen schaffen: leistbares Wohnen, verlässliche Kinderbetreuung, sichere Arbeitsplätze und eine Gesellschaft, in der Eltern nicht zwischen Familie und Beruf zerrieben werden.

Zuwanderung wirkt schneller. Viele Zuwanderer sind jung und können bald arbeiten.

Aber auch hier gilt: Nur wer Arbeit findet, zahlt in den Generationenvertrag ein.

2024 waren 76 Prozent der Menschen ohne Migrationshintergrund im erwerbsfähigen Alter beschäftigt. Bei Menschen mit Migrationshintergrund waren es 69 Prozent.

Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien kamen auf rund 72 Prozent. Bei Menschen türkischer Herkunft waren es 64 Prozent. Bei Zugewanderten aus Afghanistan, Syrien und dem Irak waren lediglich 44 Prozent erwerbstätig. Unter den Frauen dieser Gruppe war es nur knapp jede Vierte.

Zuwanderung allein rettet also weder Pensionen noch Sozialstaat. Wir brauchen Zuwanderung in Arbeit.

Welche Arbeit machen Zuwanderer?

Menschen mit Migrationshintergrund arbeiten besonders häufig in der Produktion, im Handel, am Bau, in der Gastronomie, im Verkehr, in der Reinigung sowie im Gesundheits- und Sozialbereich.

Bei Deutschen finden sich viele Angestellte, Fachkräfte und Selbstständige. Menschen aus Rumänien, Kroatien, Serbien oder Bosnien arbeiten häufiger in Arbeiter- und Facharbeiterberufen. Dazu gehören Bau, Produktion, Transport, Gastronomie und Betreuung.

Viele dieser Arbeiten sind für unser tägliches Leben unverzichtbar. Es sind zugleich oft Berufe mit anstrengenden Arbeitszeiten und vergleichsweise niedrigen Löhnen.

Wir sollten deshalb ehrlich sein: Österreich hat Arbeitskräfte nicht aus reiner Nächstenliebe geholt. Unsere Wirtschaft hat sie gebraucht.

Österreich war nie so einheitlich, wie wir glauben

Österreich war über lange Zeit ein Vielvölkerstaat.

Die Habsburger herrschten von 1278 bis 1918 über die österreichischen Länder – also rund 640 Jahre. Ihr Reich wuchs durch Hochzeiten, Erbschaften, Verträge und viele Kriege.

In der Monarchie lebten Deutsche, Ungarn, Tschechen, Slowaken, Polen, Ukrainer, Slowenen, Kroaten, Serben, Rumänen, Italiener, Juden, Roma und viele andere.

Auch Muslime gehörten dazu. Nach der Eingliederung Bosnien-Herzegowinas lebte eine große muslimische Bevölkerung in der Monarchie. Bereits 1912 wurde der Islam in Österreich gesetzlich anerkannt.

Vielfalt ist daher kein völlig neues Kapitel unserer Geschichte.

Hitler war kein „Einwanderer“

Adolf Hitler wurde in Braunau geboren und kam als deutscher Diktator nach Österreich zurück. Daraus könnte man spöttisch den „Reimport eines Oberösterreichers“ machen.

Historisch wäre das aber zu einfach.

Der „Anschluss“ 1938 erfolgte unter massivem Druck Hitler-Deutschlands und mit dem Einmarsch deutscher Truppen. Gleichzeitig hatte der Nationalsozialismus zahlreiche österreichische Anhänger. Österreichische Nationalsozialisten beteiligten sich an Verfolgung, Vertreibung und Mord.

Diese Verantwortung dürfen wir nicht nach Deutschland abschieben. Die NS-Zeit war kein Beispiel normaler Migration, sondern eine Diktatur-, Kriegs- und Verbrechensgeschichte.

Wer nach 1945 zu uns kam

Nach dem Krieg hielten sich zeitweise Hunderttausende Flüchtlinge, Vertriebene und ehemalige Zwangsarbeiter in Österreich auf. Viele zogen später weiter.

1956 flohen mehr als 180.000 Ungarn über die österreichische Grenze. Auch damals blieb nur ein Teil dauerhaft hier.

In den 1960er-Jahren brauchte Österreich dringend Arbeitskräfte. Deshalb schloss die Republik 1964 ein Anwerbeabkommen mit der Türkei und 1966 mit Jugoslawien.

Die Politik sprach von „Gastarbeitern“. Man glaubte, die Menschen würden einige Jahre arbeiten und anschließend wieder heimkehren. Viele blieben jedoch, gründeten Familien und wurden Teil Österreichs.

In den 1990er-Jahren kamen Flüchtlinge aus Bosnien und anderen Teilen des zerfallenden Jugoslawiens. Nach der EU-Erweiterung folgten viele Menschen aus Polen, Ungarn, der Slowakei, Rumänien und Kroatien.

Seit 2015 kamen verstärkt Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan. Seit 2022 nahm Österreich Zehntausende Menschen aus der Ukraine auf – vor allem Frauen und Kinder.

Die größten Gruppen ausländischer Staatsbürger kamen Anfang 2025 aus Deutschland und Rumänien. Danach folgten die Türkei, Serbien, Ungarn, Kroatien, Syrien, Bosnien-Herzegowina, die Ukraine und Polen. Quelle: Statistik Austria, Migration und Integration 2025.

Kommen heute vor allem Muslime?

So einfach ist es nicht.

Richtig ist: Seit 2015 kamen mehr Menschen aus muslimisch geprägten Staaten wie Syrien und Afghanistan. Das stellt Schulen, Arbeitsmarkt und Gesellschaft vor neue Aufgaben.

Aber gleichzeitig kamen sehr viele Deutsche, Rumänen, Ungarn, Kroaten und Ukrainer. Die Zuwanderung der vergangenen fünfzehn Jahre war daher nicht einfach eine muslimische Zuwanderung.

Bildung und Werte: Probleme nicht verschweigen

Ein Teil der jüngeren Flüchtlinge hat erhebliche Bildungsdefizite. Unter den 2024 neu anerkannten Asyl- und subsidiär Schutzberechtigten hatten zwei Drittel Alphabetisierungsbedarf. Manche konnten auch in ihrer Muttersprache kaum lesen und schreiben.

Das erschwert das Deutschlernen, den Einstieg in eine Ausbildung und die Arbeitsaufnahme.

Umgekehrt haben viele Zuwanderer eine sehr gute Ausbildung. Unter ausländischen Staatsangehörigen im erwerbsfähigen Alter hatten 2024 rund 29 Prozent einen Hochschulabschluss.

Es gibt also nicht „die Migranten“.

Auch bei Wertvorstellungen gibt es Unterschiede. Manche Menschen kommen aus Gesellschaften, in denen Religion, Familie und traditionelle Geschlechterrollen einen höheren Stellenwert haben. Das kann zu Konflikten führen.

Aber nicht jeder Muslim denkt gleich. Nicht jeder schlecht ausgebildete Mensch lehnt unsere Werte ab. Und auch ein Hochschulabschluss schützt nicht automatisch vor religiösem Fanatismus oder politischem Extremismus.

Eine Untersuchung unter Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak zeigte beispielsweise: Rund 85 Prozent befürworteten eine völlige oder weitgehende Gleichberechtigung von Frauen und Männern.

Entscheidend sind Bildung, Religion, Familie, persönliche Erfahrungen, soziale Lage und die Dauer des Aufenthalts. Integration braucht deshalb Sprachkurse, Schule, Arbeit und Begegnung. Sie braucht aber auch klare Regeln.

Gleichberechtigung, Demokratie, Gewaltverbot und der Vorrang staatlicher Gesetze gelten für alle. Darüber kann es keine Verhandlung geben.

Wer wird uns einmal pflegen?

Für Menschen des Jahrgangs 1963 ist das keine theoretische Frage. Im Jahr 2050 werden sie 87 Jahre alt sein.

Bis dahin müssen laut Gesundheit Österreich rund 196.400 Stellen in Pflege und Betreuung neu geschaffen oder nachbesetzt werden. Und diese Zahl ist nur eine Untergrenze.

Woher sollen diese Menschen kommen?

Ein Teil wird in Österreich ausgebildet werden. Dafür braucht es bessere Arbeitsbedingungen und eine faire Bezahlung.

Ein Teil wird aus anderen Ländern kommen. Schon heute werden viele alte Menschen von Frauen aus Osteuropa betreut. In Zukunft könnten Pflegekräfte aus noch weiter entfernten Regionen kommen.

Und ein Teil der Arbeit wird von Maschinen übernommen werden.

Roboter werden Medikamente bringen, Menschen beim Aufstehen helfen, Stürze erkennen und an Termine erinnern. Künstliche Intelligenz wird Gesundheitsdaten überwachen und Dokumentationsarbeit erledigen.

Vielleicht werden diese Maschinen sogar täuschend echt mit uns sprechen.

Aber ein Roboter kann menschliche Nähe nur nachahmen. Er kann keine Tochter, keinen Sohn und keine gute Pflegekraft vollständig ersetzen.

Wir haben die Wahl

Die Forderung nach vollkommen geschlossenen Grenzen klingt einfach. Die Folgen wären es nicht.

Österreich würde kleiner und sehr viel älter. Es gäbe weniger Erwerbstätige, weniger Beitragszahler und gleichzeitig mehr Menschen, die Pension, Medizin und Pflege brauchen.

Das bedeutet nicht, dass jede Form von Zuwanderung gut ist. Österreich darf und muss steuern, wer kommt. Verfahren müssen schneller werden. Wer bleiben darf, muss Deutsch lernen, die Gesetze achten und möglichst rasch arbeiten können.

Gleichzeitig müssen wir Familien unterstützen, Pflegeberufe attraktiver machen und vernünftig mit Technik umgehen.

Die Wahrheit lautet: Wir werden mehr eigene Kinder, gut gesteuerte Zuwanderung und technische Hilfe brauchen.

Wenn wir all das ablehnen, entscheiden nicht wir über unsere Zukunft. Dann entscheidet die Bevölkerungspyramide.

Wir haben die Wahl. Nur die Folgen unserer Wahl können wir uns nicht aussuchen.

Quellen und weiterführende Informationen

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